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Ermattet vom streuge» Dienst in Frau Justitia's Pflichten entließ am späten Abend Rath Donnsperger seine Beisitzer Hörwarth und Posselt und den im Laufe des Tags mehrmals ziirAssistenz" beigczogenen be­trübten Pfarrer, welcher auch der schönen Wittwe zu­geredet hatte, ohne anders als durch hartnäckiges Schweigen Erwiderung erfahren zu haben. Auch den Meister Görg entließ der Rath. Mit dem Henker aber hatte Donns- pergkr längere Zeit heimlich gesprochen, wobei der Pei­niger in seinen Antworten die tiefste Unterwürfigkeit bezeugte.

Rath Donnsperger begab sich mit Hörwarth endlich in die Pflegers-Wohnung zurück. Da fand der Ge- heimrath nach einem gemeinsam mit dem Pfleger ein­genommenen Abendmahle bald in den Armen des Schlafes den süßen Lohn der Ruhe für treue Pflichterfüllung."

Hörwarth aber verließ im Dunkel der . Nacht heimlich sein Haus und begab sich zum Feulethurme. Er wollte seine Buhlin, die schöne Müllerin, sprechen, mit List ihr Vertrauen wieder gewinnen und, das war der drängendste Beweggrund seines nächtlichen Besuches, aus dem Muude des erbitterten Weibes hervorlocken, worin denn ihre Rache bestehen könnte, wenn er, der vertätherische Mann, sie zu verderben nicht abstünde? Dem Befehle, aufzusperren, gehorchte der Thurmprofoß.

Schon steht Hörwarth, welchem der Schließer auf Befehl eine Laterne mitgegeben, im Gefängnißraume, der die Müllerin beherbergt. Beim Ansichtwerden des Pflegers wandte Margaretha den Blick anfänglich weg. Doch da Hörwarth mit einschmeichelndem Tone zu reden begann und der Gefangenen betheuerte, daß er nur auf Andringen Donnspergcrs, das log der Pfleger, in­deß konnte die Wittwe nicht wissen, daß der herzogliche Rath eben auf der Rückreise nach München begriffen war, als Hörwarth ihre Verhaftung befahl ihre Ge­fangennahme angeordnet habe, und da er betheuerte, wie er bemüht sei, ihre Befreiung von der Anklage dnrchzusetzen, da neigte sich die Unglückliche mit einem Keime des Vertrauens, welchen der Pfleger nur großzn- ziehen bemüht zu sein brauchte, wieder seinen Versicherungen zu und schöpfte Muth daraus.So gehst Du nicht damit um, mich zu verderben?" frug sie und strich die vom Angstschweiße feuchten Locken aus der bleichen Stirne. Höre, Hörwarth, ich will Dir glauben! Aber mache schleunig Dein Versprechen wahr; befreie mich, laß mich fort, gleich jetzt, Du vermagst Alles....."

Nicht doch, mein Engel, das hieße Dich erst recht verderben. Man würde aus Deiner Flucht, durch mich allgebahut, nur unser beiderseitiges Unglück spinnen! Bleib' standhaft, bleib' ruhig. Ich wende den Prozeß. Ich werde die Dennhauserin schon unschädlich machen. Die haben Alle Schuld an Dir."

Hörwarth, wenn Du mich verlässest, wenn Du mich dem Tode oder auch nur der Folter unterwerfen lässest, so ist es Dein eigenes Unglück! Ich werde dem gestrengen Rathe eine Kunde sagen, die Dir das Genick brüht!" --

Nun," frug hochmüthig Hörwarth, indem er sich mit verschränkten Armen trotzig vor die Frau hinstellte Und sich bemühte, den eisigen, furchtbar feindseligen Blick ihres Auges zu ertragen, was ihm aber schlecht gelang. Ich bin begierig, sprich!"

Gedenkst Du noch des Abends im Spätherbste, da Du mit dem vormaligen Pfleger, dem alten Lidl, es sind nun fünf Jahre, zu Gaste auf meiner Mühle wärest? Der alte Pfleger, schon seinem Ende zusiechend, war auf Commission mit Dir, seinem Pflege-Adjunkten, in Altenstadt und Schwabsoyen gewesen. Ihr hattet ein paar Testamente ausgenommen, wäret angegriffen von der Arbeit, wie Du sagtest, und ich sollte Euch auf einige Stündlein Gastfreundschaft gewähren. Ich chat's, sühne Euch in meine schönste Stube im oberen Stock und ging, Euch beisammen lassend, hinab, um einen Adendschmans für Euch Herrichten zu lassen. Ich blieb ziemlich lange untern Als ich wieder zu Euch herauf- stieg, den Tisch in Eurer Stube zu decken, hörte ich laut und heftig den Alten rufen: Beweise, Beweise Deiner Und Posselt's Schurkerei? Du willst sie? Ich habe sie gesammelt. Ich lauschte mit angezogenem Athem. Ich hörte Dich mit Deiner hohlen Stimme entgegnen, was, das konnt' ich nicht verstehen. Aber Deine Stimme zitterte. Ich sah durch's Schlüsselloch, ich sah, wie Du den Alten bei der Kehle würgtest da riß ich die Thüre auf. Blitzschnell ließest Du den Pfleger los. Ich !hat als hätt' ich nichts gesehen. Lidl, todtenbleich, saß in seinem Stuhle und starrte mich an. Aber er sagte nichts, Seine schwache, zitternde Hand krampfte sich um die Sessellehne. Sein Mantel, den er, seit Jahren frierend, immer um sich geschlungen hatte, war ihm hinabgefallen und lag am Boden. Aber der Pflegerichter sprach nichts wider Dich. Er wollte, mir war das so- Alcich klar, Amt und Ansehen Deiner vor mir, der Bäuerin, schonen. So deckte ich, schweigend wie Ihr Beide, den Tisch; es kamen meine Dienstboten; Essen Und Licht wurde gebracht. Ich hob den Mantel des Pflegers auf, das Kleidungsstück an den Thürpfosten zu hangen. Als ich, den Mantel hebend, mit demselben our Thüre ging, erhäschte ich ein zusammengefaltetes Papier, welches soeben aus dem Sacke an der Seite M Boden sinken wollte. Mit einer Art Ahnung steckte

68 M mir. Lidl und Du, Ihr bemerktet nichts.!

Der Alle wenig, schien mir sehr traurig, und ich, die ich mit Euch am Tische speisen durfte, bemühte mich vergeblich, den armen Mann zu erheitern. Lidl fiel dann, Du weißt es, mehrmals in eine große Schwäche und wir Alte, Du, ich und meine Leute, trugen gegen die zehnte Nachtstunde den Greis, den wir in seinem! Mantel wickelten, indeß er fast besinnungslos war, nach Eurem Wagen! Ihr führet fort. Ich aber Hör­warth, ich zog, als ich allein war, jenes Papier hervor und las es----"

Und was war sein Inhalt?" stammelte, mühsam seine Aufregung zähmend, der Pfleger.

Es war Lidl's Anklageschrift wider Dich, seinen langjährigen, lange im Verdacht gehaltenen Amts­adjunkten unb wider Deinen Kumpan, den schändlichen, schriftenfälschenden Posselt! An die hunderttausend Gulden habt Ihr durch falsche Akten und falsche Unter­schriften den Gerichtsholden der herzoglichen Kassa ab« gestohlen! Lidl sagt in seiner, mit seinem Siegel und seiner Unterschrift versehenen Anklage, die er vielleicht schon anderen Tages hätte nach München abgeschickt, daß er, obwohl schon alt, als er nur einmal anfing Verdacht zu schöpfen, doch ein Jahr lang noch hinter Euren Schlichen hergegangen sei und endlich, obwohl Du und Posselt ihn beinahe nicht aus den Augen ließen, die untrüglichsten Beweise wider Euch gesammelt habe."

Ha, ha, ha!" lachte Hörwarth auf.Wer wird das Geschreibe des kindisch gewordenen Alten achten? Hirngespinnste einer hinsiechenden Greiscnseele! Auf einmal fing er damals in Deinem Zimmer an, wüthende Anklagen gegen mich zu schleudern. Ich packte ihn an, zornig über solche Hirngespinnste--"

Hirngespinnste? Lidl führt mehr als zwanzig Namen von Männern auf, die vor Gericht zu jeder Stunde betheuern würden, daß ihre Unterschriften in den Grundbüchern und auf den Quittungen gefälscht sind---"

Mag's Posselt verantworten," warf Hörwarth ein.

Nein Du/ für welchen diese Fälschungen geschahen, Du wirst die Folgen tragen! O, vielleicht kommt Dir bald jenes Papier vor die Augen, damit Du Dich ver­antwortest! Wisse, ich hab' es wohl verborgen! Wenn Du mich befreiest, wenn Du mich bis über die Grenze bringst, wenn Du die Gerichte verhinderst, mich zu ver­folgen, dann werd' ich Dir aus der Ferne zu wissen machen, wo Du das Papier finden kannst. Wenn Du mich aber hier lässest, wenn sie mich holen zu Pein und Schande, dann entdecke ich dem Rath Donnsperger, wo er des Lidls Schrift finden kann. Du hast Deine Ehre, Dein Pflegeramt setzt selbst in Deinen Händen. Du weißt, Lidl starb schon anderen Tages, nachdem er Deine Mißhandlung erlitten. In Betäubung schwand, wie männiglich sich noch entsinnt, sein letzter Lebenstag da­hin. Vor dem lebenden Lidl bist Du sicher. Aber der Todte steht an meiner Seite und winkt mir, sein be­schriebenes Blatt wider Dich zu nützen, wenn Du mich verderben willst!"

So sprach die schöne Müllerin. Sie hatte sich von dem elenden Lager emporgcrichtet und während sie redete, klirrten die Ketten, mit welchen sie gefesselt war. Wie standen sich jetzt die Beiden gegenüber, welche früher gemeinsam und in vollen Zügen den Becher der sündigen Lust getrunken! Beiden war das Verhüngniß aus ihrer eigenen Verschuldungen nächtigem Hintergründe hervor nahegeschlichen. Hörwarth war sich der Ver­brechen ja bewußt, deren jene Schrift und deren nun seine Buhlin ihn anklagte. Die Angst seines Gewissens schnürte ihm die Kehle zu.

Ein dämonischer Gedanke stieg in ihm auf. Wie, wenn er nun dieses gefesselte Weib, ehe sie ihn ver­nichtete, mit ihren Ketten erwürgte ? Wie leicht konnte er sagen, sie selbst, die schöne Müllerin, habe sich in Verzweiflung getödtet? Ader Mörder! nein, soweit war Hörwarth doch nicht gesunken. Er faßte sich, überblickte mit gewaltsamer Anspannung seiner ver­wirrten Denkkraft, so gut ihm's gelang, seine Lage und sprach :Margaretha, ich will Dich befreien, aber sage mir, wo ist Lidl's Schrift?"

Nicht eher erführst Du's, bis in Sicherheit bin," entgegnete die Gefangene.

So harre aus, nur bis morgen Nachts. Ich werde Dich über die schwäbische Grenze und von dort in die Schweiz bringen. Ich werde dafür sorgen, vaß cs heißt, Du seiest mit Satanas List und Mitteln ent­flohen. Von Deinem Hause, Deinem Vermögen kann ich nichts retten."

O, Alles will ich vermissen, will mich als fleißige Dirne sortbriiigen, unbekannt im fremden Lande, nur, Hörwarth, ich bitte Dich auf den Knieen, erspare mir Folter und Schaffot und Dir die Schande des Be­trügers, hörst Du? Denn fall' ich mußt Du mit zu Grunde gehen!"

Es sei, ich befrei' Dich. Doch jetzt laß mich. Morgen Nachts laß' ich Dich frei. Ich weiß den Thurm- prosoßen schon mit einem Auftrage an eine oder die die andere Gefangene zu beschäftigen. Mittlerweile führe ich Dich in's Verhörszimmer und von da iu's Freie. Mein Wagen und Posselt erwarten Dich. Der listige Schreiber soll Dich in Sicherheit bringen. Geld geb' ich Euch, was ich besitze. Jetzt aber laß' mich gehen," so sprach fieberhaft erregt der Pfleger. War-

garetha sank auf ihre Lagerstätte zurück. Leise regte sich eine Rührung in der Brust des Elenden. Jenes Weib mit den Ketten am Leibe, mit den verwirrten Locken, dem angstvollen Blicke war seine einst geliebte Göttin! Aber nun, feine Nemesis, seine Erimiye! --Schaudernd verließ Hörwarth die Zelle, welche der Profeß, der schon länger draußen geharret, wieder vorsichtig sperrte.

(Fortsetzung folgt.)

Vermischtes.

Als Kaiser Wilhelm einst gefragt wurde, wie es komme, daß grade die Kornblume sein Liebling sei vor allen Blumen, erzählte er folgendes Ereignis; aus feinet Kindheit:Als meine Mutter mit mir und meinem Heim- gegangencn Bruder von Königsberg nach Memel floh in jener schweren Zeit zu Anfang unseres Jahrhunderts, traf uns das Mißgeschick, daß ein Rad des Wagens im freien Felde zerbrach. Ein Ort war nicht zu er­reichen, wir setzten uns an einen Grabenrand, während der Schaden, so gut es eben gehen wollte, ausgebessert ward. Mein Bruder und ich wurden durch diese Ver­zögerung müde und hungrig, und besonders ich, der ich ein kleiner, schwächlicher, zarter Bursche war, machte meiner theuren Mutter viel Noth mit meinen Klagen. Um unseren Gedanken eine andere Richtung zu geben, stand die Mutter auf, zeigte uns die vielen schönen blauen Blumen in den Feldern, forderte uns auf, davon zu sammeln und ihr dieselben zu bringen. Dann wand sie Kränze davon, und wir schauten mit Freuden ihren geschickten Händen zu. Dabei mochte der Mutter wohl die ganze traurige Lage des Landes, ihre eigene Be- drüngniß und die Sorge um der Söhne Zukunft wieder einmal schwer auf's Herz fallen, den langsam rann aus ihren schönen Augen Thräne um Thräne und fiel auf den Kornblumenkranz. Mir ging diese Bewegung meiner treuen Mutter tief zu Herzen; meinen eigenen kindlichen Kummer vergessend, versuchte ich sie durch Liebkosungen zu trösten, wobei sie den von ihren Thränen glänzenden blauen Kranz mir auf's Haupt setzte. Ich war damals zehn Jahre alt, doch ist mir diese rührende Szene un­vergeßlich geblieben, und erblicke ich jetzt im hohen Alter die liebliche blaue Blume, so glaube ich die Thränen der treuesten aller Mütter darin erglänzen zu sehen, und liebe sie deshalb wie keine andere."

Nach der Schlacht bei Mars-la-Tour war rings­um alles mit Todten und Verwundeten überfüllt. Mit Mühe hatte man für den König eine kleine Stube ge­funden, in der ein Bett, ein Tisch und ein Stuhl standen. Der König trat ein und fragte:Wo bleiben Moltke und Bismarck?"Bis jetzt noch nirgends," antwortete der Adjutant, wohl wissend, wie nöthig diese Herren der Ruhe auch zu weiteren Arbeiten bedurften.So laben Sie sie ein mit hier zu kampiren," sagte der König, das Bett nehmen Sie weg, das können die Verwundeten besser gebrauchen. Dafür lassen Sie Stroh bringen und Decken, das wird wohl für uns drei ausreichen." So geschah es, und die drei Herren brachten die regnerische Nacht auf der Streu zu. Und das war nicht die einzige Nacht während des harten Krieges.

Es werden wieder Unglücksfälle mitgetheilt, welche auf die bekannte Waghalsigkeit der Thierbändiger zurück- zuführen sind. In Dublin hätte die Löwenbändigerin Fräulein Senile ihren Kopf beinahe im Rachen ihres Lieblingslöwen gelassen. Nach der Vorstellung ließ sie sich in ihrer Bravourleistung, den Kopf im Rachen des Löwen, photographiren; der Photograph war saumselig, zog die Vorbereitungen zu lange hin, das Thier ward ungeduldig und als das Blendlicht in seine Augen fiel, stutzte es und schloß seinen Rachen. Zum Glück war ber Director Beckmann, ein Deutscher, bei der Hand; er befreite das Fräulein aus seiner unbequemen Stellung; indessen waren des Löwen Zähne in ihren Nacken und seine Krallen in ihre Brust gedrungen, und zwar tief, aber glückticherweise ungefährlich. Aus C h e m n i tz wird berichtet: In der feit einiger Zeit hier anwesenden Falk'schen Menagerie ereignete sich heute Mittag ein# Schreckensscene. Kurz nachdem die Thierbändigerin, eine Tochter des Besitzers, zur Dressur der Thiere einen großen Käfig betreten hatte, in dem sich ein Bär, drei Wölfe und eine Hyäne befanden, stürzte sich ber Bär auf das junge Mädchen und brächte ihm mit Tatzen unb Zähnen schwere Verletzungen bei. Ein Wärter, der zu Hülfe eilte, wurde von der wüthenden Bestie gleichfalls mit Tatzenschlägen niedergestreckt und verletzt, ebenso der Menageriebesitzer, der sich' in den Käfig begeben hatte. Endlich gelang es dem übrigen Wärterpersonal/ die Bestien mit eisernen Stangen in eine Ecke des Käfigs zu treiben find die Verwundeten aus demselben zu entfernen. Die Verletzungen sollen nach ärztlichem Ausspruch bedenklich sein.

Briefkasten.

Nach S t e i n a u. Sie besitzen die edle Dreistig­keit, ohne uns Ihren Namen zu nennen, einen ander», der uns seinen Äiamen verantwortlich genannt hat, zu schmähen. Dabei schieben Sie dieselbe Rüge, die Sie in diesem Falle als nicht begründet zurückweisen wollen, auf andere achtbare Personen. Leute wie Sie kennen wir nur zu gut, auch wenn sie ihren Namen nicht nennen. Der Herausgeber,