Deutsches Reich.
Berlin, 13. März. Die Abendausgabe des gestrigen „Reichsanzeigers" bringt die vom 12. März datirte Proklamation des Kaisers Friedrich III., in der es heißt: „Sicher in eigener Kraft ruhend, steht Deutschland ge- achtet im Rath der Völker und begehrt nur der gewonnenen friedlichen Entwickelung froh zu werden. Daß dem so ist, verdanken wir S. M. dem Kaiser Wilhelm. Durchdrungen von der Größe der Aufgabe, wird mein ganzes Bestreben sein, sein Werk in dem Sinn fortzn- führen, in dem er es begründet hat und Deutschland zu einem Hort des Friedens zu machen. In Uebereinstimmung mit den verbündeten deutschen Regierungen, sowie mit den verfassungsmäßigen Organen des deutschen Reiches wird es mein eifriges Bestreben sein, Preußens und der deutschen Lande Wohlfahrt zu pflegen."
— Der Reichskanzler Fürst B i s m a r ck befindet sich in Folge der Aufregungen der letzten Tage in sehr angegriffenem Zustand. Der Verlust seines langjährigen kaiserlichen Herrn hat den Reichskanzler nicht nur seelisch tief ergriffen, sondern leider hat sich auch wieder das alte Venen!eiden eingestellt. Mit Rücksicht darauf hatte der Kanzler schon Professor Schweninger mit nach Leipzig genommen; Ruhe und thunlichste Beschränkung der Geschäfte sind nach Ansicht der Aerzte dringend geboten.
— Das Charlottenburger Schloß ist von den kaiserlichen Majestäten zur Wohnung gewählt worden, weil es von all den kaiserlichen Palastbauten in und um Berlin derjenige ist, welcher sich am leichtesten und schnellsten erheizen läßt. Das kronprinzliche Palais würde nicht so rasch in allen seinen Räumen gleichmäßig erwärmt werden können, wie es die Aerzte für Kaiser Friedrich als erforderlich erachten. Selbst- Nerständlich war auch die Abgeschlossenheit des Charlottenburger Schlosses bei der Wahl des kaiserlichen Quartiers mit ausschlaggebend, ebenso wurde der große Garten als besonders angenehm für den kranken Kaiser erachtet.
— Die verwittwete GroßherzoginAlexandrine von Mecklenburg, die letztlebende von den Geschwistern des Kaisers, 85 Jahre alt, ist tödtlich erkrankt.
— Hundert Millionen Mark soll das Baarvermögen betragen, welches Kaiser Wilhelm hinterlassen hat.
Tages-Ereignisse.
Schlüchtera, 16. März. Zu ehrendem Gedächtniß unsere» hochseligen Heldenkaisers Wilhelm I. begab sich der hiesige Kriegerverein heute Mittag 12 Uhr mit um- siorker Fahne nach dem Denkmal der im siegt eichen Feldzug 1870/71 Gefallenen, woselbst von den Bcreins- Mitgliedern das Lied 525 des evangl. Gesangbuches ge-, jungen wurde. Der Ehrenpräsident des Vereins, Herr! Hauptmann v. Sturmfeder, hielt eine der tragischen Be- dentung des Tages angemessene Rede, in welcher der Tugenden des hohen Entschlafenen, sowie der gemeinsam mit vielen der Versammelten überstandenen Kriegsgefahren in sehr treffender Weise gedacht wurde. Die erhebende Trauerseier schloß mit dem Absingen des Gesangbuchliedes 542 und dürste allen Theiluchmern unver- geßliq sein. Ausfallender Weise wurde eine kirchliche Gedenkfeier, wie solche in den meisten Städten unseres Vaterlandes stattfand, hier nicht abgehalten. Eine derartige, der Stimmung der Bevölkerung durchaus entsprechende Feier glaubte man als selbstverständlich voraussetzen zu dürfen, umsomehr als auch seitens der hiesigen tfraeütifdjen Gemeinde heute Mittag ein Trauergoltes- bienft abgehalten wurde.
Schlächtern. Im Namen des Offizier-Corps des Garde-Schützen-Bataillons wurde gestern ein Kranz auf das Grab des Majors v. A p e l l gelegt. Die Widmung geschah in Erinnerung, daß sich Letzterer in der ruhmreichsten Zeit des Bataillons durch große Tapferkeit hervorragend ausgezeichnet habe.
Schlüchtern, Durch Erlaß vom 11. März hat der Kaiser zu genehmigen geruht, daß für weiland Se. Majestät den in Gott ruhenden Kaiser und König Wilhelm eine Gedächwißfeier am 22. März d. J. in allen Lehranstalten und Schulen der Monarchie statt- finden soll.
Ottilie, das Heeertkind oder: Das Geheimskß der schönen Müllerin, Zeitgtmäld« aus tont Ende der 16. Jahrhunderts m Gustav Kienast» (Fortsetzung).
— „Die Lieb' — zu entzünden zur Müllerin," dirtirke Hörwarth. .Hat Er, Sekretäre?"--Und nachdem Posselt geschrieben, fuhr der Pfleger weiter, zum Pfarrer gewendet: „Wir wollen nun auch die Denn- Hauserin p'^lich befragen, hochwürdigster Herr! Sagt auch sie zu Gunsten Ottiliens aus, so ergiebt sich bereits dadurch namhafter aktenmÜßiger Anhalt, indicium sufticiens, daß der Kerblin Tochter von dem Verbrechen der Hexerei rein sein dürfte, dagegen die Müllerin von Schwadsoyen als Theilnehmerin an diesem schändlichen Laster zu verhaften sei. — Führ' die Kerblin ab und HMM dir Demchansm«, ^W
Der Henker zerrte das arme gepeinigte Weib aus der Kammer und erschien bald wieder — mit einem anderen Opfer der Justiz, der Dennhauserin, welche in namenloser Angst den schrecklichen Raum, darin sie sich befand,« die rings sie angrinseuden Marterwerkzeuge und ihren finstern Richter mit seinen Beisitzern anstarrte. Und auf die Knie fallend, rief das Weib: „Gnade, Gnade, gestrenge Herren! Martert mich nicht! Ich will ja Alles bekennen!"
„Hast Du Dich der Zauberei ergeben ?" frug nun Hörwarth.
„Ja! Ja!" sprach kleinlaut die Dennhauserin. „Aber ich bitt’ um Gnade, ich habe nur von der Kerblin gelernt —"
„Was hast Du gelernt?"
„Salben machen wider's Vieh, Trünklein zum Gesund und Krankmachen der Senf, sonst nichts!"
„Bist Du nicht mit zum Teufelsmahl gefahren? Hast Du nicht die heilige Hostie freventlich im Mund behalten und sie dann dem Teufel, Deinem Buhlen, überlassen? Hast Du nicht Wetter gemacht, nicht unschuldige Kindlein nächtens auf dem Friedhof ausgegraben?"
Heiliger Gott! Wie käm' ich zu alledem?" rief händeringend die Dennhauserin. „Nein, nein, das hab' ich nit!"
„Meister Görg! Thut Eure Schuldigkeit!" sprach nun Hörwarth. Und zur Dennhauserin äußerte sich der Pfleger: „Du sollst nun doch gestehen, was Du annoch leugnest. Wir haben bereits das Bekenntniß einer anderen Unholdin" — Hörwarth meinte die Kerblin — „daß auch Du zum Teufelsmahl gefahren bist, überhaupt die geheimen Sünden der Hexerei in allen ihren Scheußlichkeiten kennst und übst."
Die Dennhauserin, welche mehr oder minder, wie wir ja schon wissen, selbst an Zauberei glaubte, und sich nicht ganz schuldlos wußte, gerietst in die schrecklichste Angst. Sie ahnte ihr Schicksal. Wenn sie gestand, war sie verloren. Unbekannt war ja den „Unholdinnen von 'Schwabsohen" ganz und gar nicht, daß Enthauptung oder Feuertod auf dem Verbrechen stand, dessen man sie anschuldigte. Meister Görg aber faßte mit seinen riesigen Fäusten das arme Weib, setzte es auf den Armen- Sünderstuhl, daraus vorhin noch die Kerblin gesessen, und ergriff die Hand des Weibes, welches anfschreiend alsbald den furchtbaren Schmerz der — Daumschrauben empfand, die rasch der Henker „applizirt" hatte.--
WaS sollen wir das Entsetzliche weiter ausmalen? es genüge, wenn wir berichten, daß die Dennhauseri» ruckweise in kurze Zeit Alles gestand, was der Pfleger herausinquiriren wollte. Soweit nun einmal gebracht, daß sie nicht nur ihre wirkliche Antheilnahme an der Hexerei, sondern noch größere und selbst die höchsten Stufen dieses Lasters und Verbrechens einbekannte, als bat Hostienschändung und Weltermachen sind, antwortete die Dennhauserin, nur um weiterer Marterung zu entgehe«, bereitwillig auf alle Fragen des Pflegers. Diese Fragen bezogen sich auf die Mitschuld der Margaretha Millerin an dem Verbrechen der Hexerei. Und bald hatte — theils wieder durch Anwendung der Daum- schranben — theils durch seine listige Fragestellung, welcher jedesmal eine geschickte Formnliriing der, meist ganz verwirrt abgegebenen Antwort folgte — Pfleger Hörwarth die prächtigste Anklage wider seine ehemalige Geliebte zu Protokoll gebracht. Die Dennhauserin gestand nämlich nach und nach, daß die schöne Müllerin nicht nur einen Liebestrank bei der Kerblin gesaust habe, sondern überhaupt lebhaften Antheil an den geheimniß- vollen Künsten seit langer Zeit genommen, ferner ihr, der Dennhauserin, gegenüber, oft den Wunsch ausgesprochen habe, „mitzuthuri", und daß leichtlich seither die Müllerin, in ihrer Lieb' zum Burkhard, den sündhaften Entschluß mehr und mehr näherte, eine „Hexe" zu sein, um zaubern zu können.
Die Kerblin und die Dennhauserin hatten sich im Gefängnisse schon besprochen gehabt, Obgleich die Dennhauserin mehr Zuneigung zu ihrer früheren Herrin, der schönen Müllerin, als zu der alten Kerblin empfand, war sich die Verhaftete doch jetzt wohl bewußt, daß die schöne Müllerin durch Verrath und das Kunststück mit dem Fläschchen abscheulich an Ottilien handelte. Doch hatte es ihr innerlich Mühe gekostet, dem Wunsche der Kerblin nachzukommen und derselben zu versprechen, daß sie, die Dennhauserin, vor Gericht der Wahrheit Zeugniß geben wolle. Hörwarth's Berhörskunst that das llebrige, der Dennhauserin ein Zeugniß wider die schöne Müllerin zu entringen.
„Kannst Dich übrigens bei Deiner Freundin, der Kerblin, bedanken, Dennhauserin!" höhnte Pfleger Hörwarth. „Ich will Dir's nun schon sagen, daß die Kerblin Dich soeben angab, Du seiest mit ihr zum Teufelsmahle gefahren! Sieh', Hexe, so verrath jetzt Eine die Andere! Möchtest nun gern wieder anders sagen, he? Nichts da! Was geschrieben steht, ist und bleibt geschrieben! Fort mit Dir! Geh' in Dich und denk' an Deine arme Seele! Du würdest nicht lange mehr zu leben haben! Görg, ab mit der Unholdin!"
„Jesus, Jesus!" schrie nun die Unglückliche. „Was hab' ich geschwätzt? Alles habt Ihr mir nur abge- zwungen mit Eurer Folter, Herr Pfleger! Ich will ein neues Protokoll, ich hm unschuldig, ich will" — „Marsch, Hep!" rief w der Henker und tauh für
das Flehen und jammern des arme« Weidleins stieß Görg dasselbe vor sich her und führte es tn's Gefängniß zurück — nun aber nidjt mehr — und zwar auf Befehl Hörwarths — in das Lokal, worin Die Kerblin mit anderen Ungtücksgenossinnen lag, sondern in eine Kammer im ersten Stockwerke.
„Die Jnzichten wider die Müllerswittwe von Schwab- foyen sind so dringend, daß ich zur Verhaftung dieses Weibes Anstalten treffen werde," sprach nun nach kurzem Schweigen Hörwarth. „Bei der infernalischen Landpest, welche das Hexenwesen verbreitet hat, darf ich keine Person schonen und selbst geringe Anfänge müssen aus- gerottet werden. Mir lhut's leid Um meine ehemalige Schutzbefohlene, aber ich muß Gerechtigkeit üben." Und zu Posselt gewendet, fuhr Hörwarth fort: „Rath Donns- perger wird ohne Zweifel auf mein nachgeschicktes Schreiben hierher zurückkehren. Ich möchte, daß die Verhaftung der Müllerin bis dahin schon vollzogen ist, bamittbcr Herr Rath meine Energie anerfenne. Beauftrag' er, Posselt, die zwei zuverlässigsten Gerichtsschergen, daß sie längstens morgen Nachts die Müllerin hierher in den Feulethurm und zwar in eine Separatzelle einbringen. Alles soll ohne Aufsehen geschehen. — Wir erklären das Protokoll für heute geschlossen und ich werde noch mit Meister Görg Einiges, die weiteren Prozeduren betreffend, besprechen. Auch will ich ein Vorverhör mit der jungen Ottilie noch jetzt halten. Die Sache dieser Dirne steht dem Anscheine nach gut."
„O, nur nicht allzugnädig, Herr Pfleger!" mahnte der amtseifrige Henker. „Es ist kaum denkbar, daß von dem Baume, ich meine die Kerblin, ein guter Apfel gefallen ist! Die Dirne ist sicher angesteckt von dem schrecklichen allgemeinem Gifte! Und die schöne Müllerin könnte doch mit dem Fläschchen die Wahrheit gesagt haben." — „Wir wollen halt alle Zwei foltern: Die Wahrheit möge leuchtend hervorgehen!" rief mit heuchlerischem Pathos der Pfleger. Dann erhob er sich und, Posselt und dem Pfarrer gnädig Urlaub winkend, schritt er aus dem Gemache durch die ihm wohlbekannte Ausgangsthüre, welche zu den Verließen führte und durch welche Henker Görg mit der Dennhauserin adgegange» war.--
(Fortsetzung folgt.)
Ein neues vaterländisches Prachtwerk.
MT Kaiser Wilhelm und seine Zeit! "W
Von Professor Dr. Bernhard Äuglet mit etwa 300 Illustrationen von den ersten deutschen Künstlern. Vollständig in 30 in rascher Folge erscheinenden Heften ä 50 Pfg.
Der Halset t st todt! Trauernd steht das dentschc Volk an dem Grabe dessen, der ton Traum unserer Väter erfüßt und unserem Vaterland« die lang ersehnte Einheit wiederg«geben, Kaiser Wilhelm ist todt! Vom Thurm zu TtzuM kündet es die Todtvnglock«, weil über die Grenzen Deutschlands hinaus, wo immer deutsche Zungr klingt. Das Andenken an den erhabenen Fürsten aber sollen nicht allein Denkmäler von Erz und Marmor wach erhalten, in weil höherem Grade vermag dies eine in gesundem, vosksthümlichen Sinn« gehaltene Schilderung seines Lebens! Eine solch« bietet uns bi« V«rlagsanstalt für Kunst und Wissenschaft, vormals Friedrich Bruckmann in München in dem obigen sich durch seinen niedrigen Preis auszeichnenden Werk«. Es erscheint in Folioformat mit reichem Jllustrationsschmuck nach Originalen erster deutscher Künstler und wird ßch sicherlich würdig jenen schönen Prachtwerken an die Seit« stellen, welche wir tot bewährten kunstsinnigen Verlagshandlung bereit- »erdanktn.
Zwar ist, so sagt der Prospeft, Kaiser Wilhelms Bild im fernsten Winkel Deutschlands bekannt, und auf ton Höhen b« Alpen, wie am Strande unserer Meere weiß Jedermann »o» Wilhelm, dem Siegreichen, dem selben der Schlachten, derb Fürsten des Friedens, dem Hort und Schirmherr des Vaterlandes zu erzählen. Aber genaue Kenntniß vom Lebensgange des große» HohenzollernkaiserS besitzen trrtzvem nur Wenig«, selbst unter den Gebildetsten der Nation. Den» zuweitverzweigt sind der Deutsche» und ihrer Nachbarvölker Schicksale, in die seine mächtige Hand bestimmend eingegriffen hat, über zu lange Zeiträume erstreckt sich dieses ruhmvolle Leben, als daß rs ohne tiefer dringende» StUri««! inöglich wäre, einen erhabenen Einblick in das Werden und Wirke», in die ganze Bedeutung des erhabenen Monarchen zu gewititt««- DaS ist sicherlich durchaus zuneffend, und wir wollen unsere» Lesern hiermit die Subskription auf dies hervorragend schöne, jtiu gemäße und dabei außerordentlich wohlfeile vaterländische Pracht werk dringend empfehlen.
Eingesandt.
Die Theilnahnie an der heute vom Krieger-Verein Schlüchtern abgehalteuen Trauerfeier war sehr zahlreich. Nach Beendigung derselben besuchten Mitglieder des Vereins die Synagoge der israelitischen Gemeinde, da seitens der evangelischen Kirchcnverwaitung eine kirchliche Feier nicht angesetzt war. Der Rede des Herrn Bürget» nleisttrs v. Sturmfeder sei auch hier dankend rrwähn!.
Witternngsdericht.
Das Wetter wird in den nächsten 2—3 Tagen muth- maßlich folgenden Gang nehmen: Die Temperatur wird sich erhöhen; der Himmel wird meist bedeckt sein; es werden Süd- bis Westwinde mit mäßiger Luftbewegmig vorherrschen; es sind mäßige Niederschläge zu erwarten.
Kirchlicher Anzeiger für Schlüchtern.
Sonntag, den 18. März 1888:
Morgengottesdienst: Herr Pfarrer Hartmann. Nachmittagsgottesdienst: Herr Superintendent Heck.
Wochendienst in der Stadt: Herr Superintendent H k 4,