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Erscheint Mittwochs und Samstags. Preis vierteljährlich 1 Mark. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfennig.

^21.

Mittwoch, den 14. März.

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Baden Aufenthalt nehmen.

g e s ch l o s s e n.

Das Befinden hältnißmäßig gut.

Schlüchterner Zeitung.

Amtliches Blatt für die Veröffentlichungen des KreifesSchlüchtern.

1888;

Bekanntmachung.

Es hat Gott gefallen, Se. Majestät den Kaifer und König, unseren ' Allergnädigsten Herrn, nach kurzem Krankenlager heute 8V2 Uhr im acht- undzwanzigsten Jahre Seiner reich ge­segneten Regierung aus dieser Zeitlich- keit abzurufen.

Mit dem Königlichen Hause betrauert unser gesummtes Volk den Hintritt des allgeliebten ehrwürdigen Herrschers, dessen Weisheit so lange über seinen Geschicken in Krieg und Frieden ruhin- reich gewaltet hat.

. : Berlin, den 9. März 1888.

Das Staats-Ministerium.

Der letzte Tag des Kaisers.

Ueber die letzten Augenblicke unseres geliebten Kaisers wird berichtet, daß, nachdem bis 10 Uhr Abends am Donnerstag eine entschiedene Be­lebung,, die sich in bewegtem vielfachem Reden zeigte, stattgefunden hatte, nach 2 Uhr Nachts eine bedeutende Verschlechterung eintrat, der aber , eine nochmalige Besserung folgte, worauf sich Morgens 7 Uhr der Zustand verschlimmerte. . In Folge des sichtlich zunehmenden Schwäche- zustandes war von früh 4 Uhr die gesummte ' königliche Familie im Palais versammelt. Prinz Wilhelm erschien sofort, bald darauf auch seine Gemahlin, hierauf die Prinzessin Friedrich Karl, Prinz Friedrich Leopold, die Prinzen Georg und .Alexander, die Prinzessin Albrecht (der Prinz ist am Nachmittag in Berlin eingetroffen), der Erb­prinz von Hohenzollern, der Prinz und die Prin­zessin Friedrich von Hohenzollern, der Herzog . Johann Albrecht von Mecklenburg-Schwerin re. Ober-Hofprediger Dr. Kügel wurde gegen 4 Uhr früh nach dem Palais geholt, wo der Reichs­kanzler Fürst Bismarck, der Generalfeldmarschall Graf Moltke, Graf Otto zu Stolberg-Wernigerode, der General-Qnortiermeister Graf Waldersee, die Chefs des Militär- und Civilkabinetts und sämmt­liche General- und Flügeladjutanten anwesend waren. Um 7 Uhr früh wurde noch folgendes Bulletin ausgegeben:

Nachdem gestern Abend ein leichtes Auf­flackern der Lebensäußerungen stattgefunden hatte, hat während der Nacht der gestern vorhandene Schwächeznstand noch zugenommen und zur Zeit einen sehr hohen Grad erreicht. Morgens 7 Uhr. v. Lauer. Leuthold.

. Um S'/g Uhr schied inmitten sämmtlicher zur Zeit hier weilenden Angehörigen des kaiserlichen und königlichen Hauses der Kaiser aus dem Leben, bis zum letzten Augenblick gestärkt und getröstet durch den geistlichen Zuspruch des Oberhof­predigers, welcher noch die sterbliche Hülle ein- gesegnet hat. Eine Stunde vor dem Ableben, also um 7'/- Uhr, ließen die Alhmungsbeschwerden . nach. Der Kaiser wurde ruhiger und schlief dann auch um 8'/s Uhr ruhig ein. J. M. die Kaiserin- Königin-Wittwe, Prinz und Prinzessin Wilhelm verweilten dann mit den Mitgliedern der könig­lichen Familie noch längere Zeit im Sterbezimmer. Nachdem die Herrschaften sich entfernt hatten, wurde es auch der Umgebung und der Diener­schaft gestattet, das Sterbezimmer zu betreten, vor welchem sich seit 9 Uhr stündlich Unteroffiziere . der Kavallerie- und Infanterieregimente! der Berliner Garnison als Ehrenposten ablösen. Sämmtlichen befreundeten und verwandeten Höfen wurde sofort nach erfolgtem Ableben telegraphisch Mittheilung gemacht. Jetzt ruht Kaiser Wilhelm in seinem Sterbebett mit weißer Decke belegt, umgeben von Lichtern. Der Gesichtsausdruck ist nbcruuS milde und freundlich. Anton v. Werners Meisterhand ist damit beschäftigt, die theueren

Züge des dahingeschiedenen Monarchen wieder zugeben. Abends 7 Uhr fand im Sterbezimmer ein Gottesdienst unter Mitwirkung des Dom chors statt. Der Gottesdienst wurde vom Ober­hof- und Domprediger Dr. Kögel abgehalten und hat demselben die gesammte königliche Familie beigewohnt. Nähere Bestimmungen über die Trauerfeierlichkeiten sind bis zur Stunde noch nicht getroffen worden und werden auch erst nach der Testamentseröffnung erfolgen.

Die Vorgänge nach dem Tode Kaiser Wilhelms.

Ein Berichterstatter der N. Z., welcher andert­halb Stunden nach dem Tode des Kaisers im Sterbezimmer war, berichtet über seine Eindrücke: Ich komme soeben vom Todtenbette des Hoch- seeligen Königs. An der Thür des Gemaches hält ein Garde du Corps Wacht. Die General- Adjutanten befinden sich in dem Vorraum. Offiziere aller Waffengattungen füllten die Räume. Gärtner bringen Blumen heran, die auf den Fuß­boden gestreut werden. Die kurzen Zwischen- räume, welche während der Besuche übrig bleiben, welche die Familienmitgliedern dem theuren Todten in stiller Zurückgezogenheit abstatten, werden be­nutzt, um den ins Palais Eintritt findenden Per­sönlichkeiten einen Blick auf den Heimgegangenen zu gestatten. Mehr als eine halbe Minute darf dieses Vorbeidefiliren in langsamem Schritt nicht dauern. Der Kaiser ruht in seinem Bett in halb sitzender Stellung, leicht zurückgelehnt gegen die Kissen, auf denen er ausathmete. Die weiße Decke des Bettes ist faltenlos gezogen und um die Schultern des Verewigten ist ein weißes Tuch leicht geknüpft, das, über die Arme gezogen, die leicht auf der Decke ruhenden Arme bis zu den Händen frei läßt. Auf dem Antlitz ruht ein Zug seligen Friedens und unbeschreiblicher Ruhe. Etwas von der auch im Tode unveränderten un­säglichen Liede und Milde, die die unzertrenn­lichen Begleiter des Monarchen waren. Wenn, wie versichert wird, die Stunden zwischen 4 und 6 Nachts nicht ganz frei von Schmerzen gewesen, jetzt in der Stunde des ewigen Schlafes ist jede Spur davon wieder verwischt.

Das Defiliern ist so eingerichtet, daß von einer Seite der Blick auf das Todtentager frei bleibt, denn an dem Schranke seitwärts vom Bett, auf welchem die Marmorbüsteu Friedrichs des Großen und Friedrich Wilhelm de« Dritten stehen, hat der Director der Kunstakademie Anton v. Werner Platz genommen, um eine Bleistiftsskizze anzu- fertigen, die für künftige historische Darstellungen von unschätzbarem Werth sein wird. Ein Photo­graph ist ebenfalls bereits im Zimmer, nm den Künstler abzulösen und seine mechanische Wieder­gabe zu unterstütz n.

Im Nebenzimmer, welches das Adjutanten- zimmer heißt, wird um diese Zeit der Tages­befehl betreffend die Vereidigung der Truppen abgefaßt. Soweit eS sich um die Berliner Gar­nison handelt, werden Veranstaltungen getroffen werden, die Abholung der Fahnen möglichst ge­räuschlos zu gestalten.

Gegen 11 Uhr wurden die Thüren des Todten- zimmers geschlossen und der Zutritt Niemanden mehr gestattet, als den Angehörigen der Familie. Selbst die Empfehlung hervorragendster Persön­lichkeiten vermochte nur selten eine Ausnahme zu erwirken. Um 12 Uhr verließ ein alter Herr, vor Schluchzen kaum seiner selbst mächtig, den Raum: der Barbier des Kaisers, dem er, wie er sagte, den letzten Liebesdienst erwiesen und sich nun nun von dem Hause verabschiedete, in dem er nun nichts mehr zu thun hatte. Bis zur Stunde, da wir dies schreiben, 3 Uhr Nachmittags, ist die Todesstätte vollständig unverändert ge­blieben. Wohl sind zahllose Sträußchen, zumeist Maiglöckchen, niedergetegt, aber bezüglich einer Aufbahrung werden Bestimmungen erst morgen getroffen werden. Um 12^« Uhr findet im Haus- ; Ministerium Unter Vorsitz des Hausministers

Grafen Stolberg Wernigerode und Theilnahme . des Oberhofmarschalls Grafen Perponcher und aller anderen Hofchargen eine Konferenz statt. In derselben wird über alle nunmehr zu treffenden Anordnungen Beschluß gefaßt werden, namentlich auch darüber, ob eine öffentliche Aufbewahrung . im königlichen Schloß oder im Dcme stattfinden . wird.

Die Tra >ier für den Königlichen Hof wird drei Monate danern. Die öffentlichen Vergnügungstokale Berlins bleiben sechszehn Tage

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Die letzte Unterschrift, die Kaiser Wilhelm vollzogen hat, galt dem Schlüsse des Reichstags. Nachdem vom Fürsten Bismarck die Originalurkunde dem Reichstage übergeben worden ist, sollen die letzten theuren Schristzüge, welche Kaiser Wilhelm noch am Donnerstag, also am Tage vor seinem Verscheiden, auf das Aktenstück setzte, im photolithographischen Wege als Ge- düchlnißblatt vervielfältigt werden.

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Die Beisetzung der Leiche Kaiser Wilhelms wird,, seinem Wunsche gemäß, im Mausoleum zu Charlottenburg erfolgen, wo auch König Friedrich Wilhelm 111, und die Königin Luise ruhen

Der Sohn des Kaisers, unser bisheriger Kron­prinz, hat nun als Friedrich 111. die Regie von Preußen und Deutscher

rung als König Kaiser angetreten.

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der Kaiserin-Wittwe ist ver-

Es heißt, sie werde in Baden

Wein Kaiser!

Es ist geschehn! -^- wir glaubten kaum, Es dürfe je des Todes Hand

Berühren dieses Purpurs Saum Zersprengen dieser Krone Band!

Es ist geschehn es ist vorbei

Und doch, aus allen Herzen bricht Mit Liebesallgewalt der Schrei: Wir glanben's nicht, wir glauben's Nicht!

Dies Haupt, gerettet wunderbar

Vom Bier des Mörders, der es traf, Noch jünglingsfrisch im weißen Haar, Es sollte ruhn im ew'gen Schlaf?

Das blaue Auge nie vergißt's, Wer je geschaut sein mildes Licht! Verdunkelt und geschlossen ist's Wir fassen'S nicht, wir fafsen's nicht!

Und Deutschland seufzt im bittrem Harm:

Mir ward ein Kaiser, groß und gut, Ein treuer Sinn, ein tapfrer Arm, Und meiner Ehren starke Hut;

Ein Herz, das für den Aermsten schlug, In frommer Demuth, still und schllcht Die Herrlichkeit der Erde trug Ich klag's zu Ende flog1 ich's nicht!

Und dumpf erdrönt der Glocken Ton, Und Lieder schallen ernst dazu: Die Stunde kam sie bringen schon Den Vater heim zur letzten Ruh'! Es füllt die Straßen allzumal Die Menge, schluchzend, fchwarz -unb dicht, Und wir, von Berg, von Strand und Thal, Wir fehlen nicht, wir fehlen nicht!

Wir küssen Dir in frommer Scheu Die bleiche Hand, die segnend sank, Wir bringen Dir für Deine Treu Den lebten Gruß, den letzten Dank! . Mein Kaiser, ruh' iu Gottes Schooß! Voll Frieden glänzt Dein Angesicht, Dein liebes Bild, so hehr und groß, Wir lassen's nicht, wir lassen,s nicht!

Gustav Weck