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gerade das Bewußtsein unserer Stärke." Wir werden nie Händel suchen, aber wir werden auch nicht mehr um Liebe werben, weder in Frankreich, noch in Rußland. Und den Gefühlen unseres Volkes, hörbar für die ganze Welt, gab der Fürst schließlich mit dem vom heiligen Feuer der Begeisterung zeugenden Worte Ausdruck:

Wir Deutschen fürchten Gott, aber sonst nichts in der Welt, und die Gottesfurcht ist es schon, die uns den Frieden lieben und pflegen läßt. Wer ihn aber trotzdem bricht, der wird sich überzeugen, daß die kampfes- freudige Vaterlandsliebe, welche 1813 die gestimmte Bevölkerung des damals schwachen, kleinen und ausge­sogenen Preußen unter die Fahnen rief, heutzutage ein Gemeingut der ganzen deutschen Nation ist, und daß derjenige, welcher die deutsche Nation irgendwie «»greift, sie einheitlich gewasinet finden wird und jeden Wehr- mann mit dem festen Glauben im Herzen: Gott wird mit uns sein!"

Wie im Reichstage, so wird in der ganzen Nation diese Rede mächtigen Widerhall finden, und sie wird es dem Reichstage Dank wissen, daß er unter dem Eindruck dieser Rede, mit der der Kanzler dem ganzen Volke aus dem Herzen gesprochen, seiner Friedenspolitik ein glänzendes Vertrauenszeugniß durch sofortige einstim­mige Annahme des Wehrgesetzes ertheilte. Die Ein- müthigkeit von Regierung und Volksvertretung in der Friedensliebe wie in der Entschlossenheit, jeden Angriff mit furchtbarer Gewalt niederzuschlagen, das ist für­wahr eine der schönsten Früchte unseres nationalen Zu­sammenlebens, welche an diesem denkwürdigen Tage zum Vorschein kam und welche uns mit Ruhe und Gott- vertrauen der Zukunft entgegenblicken läßt: diese Frucht gezeitigt zu haben, ist das Verdienst unseres leitenden Staatsmannes!

Der nächstfolgenden Nummer dieser Zeitung liegt Die Rede des Fürsten Bismarck" bei.

' Deutsches Reich.

Berlin, 10. Februar. DerReichsanzeiger" meldet, daß der Kronprinz nach der Operation eine ganz gute Nacht ohne Fieber und Schmerzen gehabt habe und das Athmen und Schlucken ganz frei sei. Sprechen ist ihm nicht gestattet. Mackenzie drückte seine höchste Bewunderung über die ungemein rasche und äußerst vor­sichtige Art der Operation durch Dr. Bramann aus. Die Operation war, wie nachträglich gestanden wird, wegen des Tiefschnitts keineswegs ungefährlich und konnte, weniger geschickt ausgeführt, eine Herzlähmung herbeisühren.

Die deutsche 280 Millionen-Anleihe zur Durch­führung des neuen Wehrgesetzes soll im deutschen Reich ausgebracht werden. Wer russische Papiere hat, schlägt sie jetzt los und kauft sich deutsche Konsols dafür. Das verlangt der Patriotismus und die Klugheit und wer's jetzt noch thut, bekommt ein blaues zu seinen schwarzen, braunen oder grauen drein. Die Franzosen, Holländer und Belgier, die den Russen 3700 Millionen Rubel borgen wollen, mögen auch die Russen in Deutschland in den Kauf nehmen.

Die Kommission des Reichstags beschloß mit 21 gegen 4 Stimmen die Verlängerung des Sozi­al ist e n-Gesetz es auf zwei Jahre.

DerReichsauzeiger" publizirt die Verlängerung des kleinen Belagerungszustandes über Offenbach bis zum 30. September 1888.

Wie die K. Z. meldet, wird bereits in den nächsten Tagen dem preußis chen Landtage eine Vorlage zugehen, die für den Ausbau des namentlich in st r a- tegi scher Hinsicht bishersehr vernachlässigten Eisenbahnnetzes an d e r ö st l i ch e n G r e n z e eine Summe von etwas über hundert Millionen M a r k fordert.

(Friedens-Caviar?) Dieser Tage find hier 20 Pfund Caviar für den Reichskanzler Fürsten Bismarck eingetroffen als Geschenk des russischen Botschafters Grafen Schuwaloff. Die Delikatesse ist, wie dieKreuz- zcitung" hervorhebt, mit Zustimmung des Kaisers Alexander von dem für die kaiserliche Tafel bestimmten Caviar entnommen.

Brückenau, 10. Febr. Nach hier eingetroffenen Tele­grammen wurde in der Eisenbahn-Ausschuß-SitzUng am Donnerstag, den 9. Februar die Bahn Brückcuan-Jossa enistimmig angenommen.__________________________

Ottilie, das Hexenkind oder:

Das Geheimniß der schönen MAlerin.

Zeltgkmälde aus dem Ende des 16. Jahrhunderts von Gustav K iena st.

(Fortsetzung).

Und die Alte reckte ihre dürren Hände dem schönen Weide entgegen, welches in der Tasche ihres Kleides laugte unb großmüthig eine Hand voll Thaler als Sold für die Knust der Kerblin spendete. Und während die Kerblin sich in Dankeserhebungen ergoß, wehrte die junge Frau lächelnd ab und sprach: Du kriegst noch mehr, wenn das Mittel gut wirkt. Aber hör einmal, Kerblin, mir brauchst Du's nicht zn verheimlichen, daß Du eine Solche bist, ich oerrathe Dich gewiß nicht. Aber schau, ich mein', Du brauchst ja gar kein Geld, denn Du solltest Dir's ja leicht selber verschaffen können durch ia nun durch Deinen Herzallerliebsten."

f Ein denkwürdiger Tag.

Mit gehobenem patriotischen Gefühl darf das deutsche

Volk für immer auf die Reichstagssitzung vom 6. Febr. 1888 zurückblicken, in welcher Fürst Bismarck angesichts der gespannten europäischen Lage dein Charakter, den Gesinnungen und Empfindungen der Deutschen einen treffenden und würdigen Ausdruck verlieh, wie ihn nur die Macht seines Geistes und seiner historischen Persön­lichkeit zu finden vermag. Wir dürfen sagen, die öffent­liche Meinung war seit langem über die Vorgänge auf dem Gebiete der auswärtigen Politik erregt und beun­ruhigt : eine Reihe ernster Zeichen, die russischen Truppen- anfstellnngen, das Wehrgesetz, welches unsere Kriegsmacht um 700 000 Streiter vermehren soll, die Anleihe von 280 Millionen Mark zur Bestreitung der hierdurch ent­stehenden Kosten, die Veröffentlichung des deutsch-öster­reichischen Vertrags hatten allenthalben zu Besorgnissen und Befürchtungen Anlaß gegeben, und unstät schwankte das Urtheil über die nächste Zukunft hin und her. Da richtet der leitende Staatsmann in seiner großen Rede ein Wahrzeichen auf, welches alle Unruhe und Unsicher­heit bannt, Aller Herzen und Sinne um sich sammelt und fortan von aller Welt als Deutschlands Wille und Meinung angesehen werden wird.

ES stand die Berathung der Wehranleihe und des Wehrgesetzes zur Berathnng.. Fürst Bismarck ergriff aus diesem Anlaß das Wort, um Anflärung über die Gesammtlage Europas zu geben. Er wies auf die Haltung der russischen Presse, sowie auf die Truppenaufstellungen hin, um zu erklären, daß hierin an sich kein Grund zu jenen Forderungen oder überhaupt zu der Meinung liege, unsere Beziehungen zu Rußland seien schlechter geworden. Der russische Kaiser und das falle stärker ins Gewicht habe ihm ausdrücklich erklärt, daß er einen Angriffskrieg nicht plane. Ohne eine authentische Erklärung über die russische Truppenaufstellung geben zu können, führte er sie auf das Bedürfniß Rußlands zurück, bei der nächsten europäischen Krisis das Gewicht seiner Stimme in diplomatischen Areopag schwerer in's Gewicht fallen zulassen. Nach Frankreich hin sei auch keine Verschärfung der Lage eingetreten. Der Grund unserer Machtverstärkung liege nicht in momentanen vorübergehenden, sondern in dauernden Verhältnissen, die mit unserer geographischen Lage verknüpft seien und uns in den letzten vierzig Jahren fast ununterbrochen in die Gefahr großer Coalitionskriege gebracht haben. Und nun entrollte er in großen Zügen ein Bild der europäischen Geschichte während dieses Zeitraums, deren einzelne Blätter alle dieselbe beredte Sprache einer Mahnung an Deutschland reden, so stark wie nur irgend möglich zu werden, um mit dem Selbstgefühl einer großen Nation unsere Geschicke in die eigene Hand zu nehmen gegen jede Coalition und allen Eventualitäten gewachsen zu sein.Gott hat uns in eine Situation gesetzt, in welcher wir durch unsere Nachbarn daran ver­hindert werden, irgendwie in Trägheit oder Versumpfung zu gerathen,"die Hechte im europäischen Karpfenteich hindern uns, Karpfen zu werden . . ." unsere Nachbarn zwingen uns Deutsche zum Zusammenhalten und zur Steigerung unserer Cohäsionsfähigkeit", daß wirin dieselbe Lage der U nzerre i ß b a rk ei t kommen, die fast allen anderen Nationen eigenthümlich ist."

Der Fürst ging dann die Entwickelung unserer geschichtlichen Beziehungen zu Rußland durch, wie Deutschland stets Rußland gegenüber Freundschaft be­wiesen und selbst fürOlmütz",keine Rancüne während des Krimkriegcs genommen habe, wie er auf dem Ber­liner Congreß die Interesse» Rußlands, als ob es unsere eigenen wären, vertreten habe, wie aber alsdann An­feindungen, ja selbst Drohungen von Rußland gegen uns gerichtet worden seien, und wie dies nothwendig zu dem Vertheidigungsbündniß mit Oesterreich, das auf gegenseitigen, dauernden Interessen beruhe, wie zu ähn­lichen Verabredungen mit anderen Regierungen, nament­lich Italien, geführt habe. Die Veröffentlichung des BündnißvertragS sei kein Ultimatum, keine Warnung gewesen, was um so weniger der Fall sein konnte, als der Text des Vertrags dem russischen Cabinet schon seit Langem bekannt war. Der Kanzler legte alsdann die Nothwendigkeit dieses Bundes wie desjenigen mit Italien dar, zu welchen uns die zwingendsten Inter­essen des europäischen Gleichgewichts und unserer eigenen Zukunft gerührt haben.

Das neue Wehrgesetz stärkt den Friedensbund: es ermöglicht uns, an jeder Grenze eine Million guter, ausgedienter Soldaten aufzustellen und eine halbe oder ganze Million in Reserve zu haben, und auf diese un­geheure Macht können wir mit um so größerem Ver­trauen blicken, als keine andere Nation vermöge der allgemeinen Volksbildung unser Material an Offikiren und Unterofficiren übertreffen kann. Diese innere Verstärkung stimmt uns aber nothwendig friedlich. Der Kanzler erklärte einen Angriffskrieg unsererseits für un­zulässig, weil er nicht von den Volkswillen getragen fein könne, wir werden warten, bis wir angegriffen werden:Dann wird das ganze Deutschland von der Memel bis zum Bodensee wie eine ^»(vermine anf-

j - brauten und von Gewehren starren, und es wird kein Feind wagen, mit diesem suror teutonicus, der sich bei dem Angriff entwickelt, es aufznuehmen; nicht die Furcht vor dem Ausgang stimmt miAiebiertig, sondern

Und die schöne Müllerin lachte, daß die perlen- gleichen Zähne zwischen den granatfarbigen . Lippen blitzten.

Brauchst nit so zu spötteln," entgegnete die Alle. Bin noch nit so weit in der Kunst. Kann erst gute Tränklein brauen für verliebte Weiber, guter und böser Art. Hab die Praktik noch nit los. Wenn ich aber wirklich einmal den Herzenskönig*) zwingen lern', daß er mir Geld giebt, so viel' ich brauch', dann lach' ich 1 Euch alle aus! Hi M M» und ich aim' elend' und ver­folgt' Weib muß es auch noch so weil bringen und dann ade Bayerland! Durch die Luft will ich fliegen, wie's die Ding kann, die doch, ich nenn's Dir nicht, brauchst nit Alles zu wissen."

Sie meint die Weinmillerin von Engeried," flüsterte die Dennhauserin der schönen Frau zu,die kann leib­haftig fliegen; hat mir's selbst gesagt."

Aber nun laß mich allein, schloß die Kerblin. Ich bin müd' und möcht' jetzt schlafen gehen. In meinen Jahren, so von Noth und Elend gekreuzigt, hat man keine Gedanken mehr an eine süße, verliebte Nacht, schöne Müllerin! Geh' heim, geh' heim und denk' Dir eine Gelegenheit aus, wie Du Deinem Burk- Hard ankommen kannst. Macht, daß Ihr ungesehen heim kommt. Haltet Euch fein schön am Waldsaume; in so einer Nacht, wo die reiche Müllerin die »errufene Kerblin aufsucht, muß Kommen und Gehen geheim bleiben." Und da die beiden Gäste nichts mehr sprachen, schlich die Alte aus der Stube, den Weibern winkend, hcrauszutreten. Schon stehen die Müllerin und die Dennhanserin wieder im Freien vor der Hütte. Noch immer heulte der Sturmwind, Blitze zuckten über die weite Gegend hin. Die Kleider der Frauen erfaßte alsbald der zausende Sturm. Die Kerblin hatte die Thür der Hütte hinter sich abgesperrt und nun halten die Heimwandernden mit dem Winde und Regen zu kämpfen. Als sie die Waldcsecke, den Eichschlag, erreicht hatten, dahinter sich die Hütte barg, und als sie der Heerstraßesich näherten, sahen sie gegen Schongau hin den Himmel geröthet.Schau, Müllerin," rief die Denn­hauserin,das Wetter hat wieder gezündet. Es muß in Schongau selber brennen. Das haben die Kerblin, die Weinmillerin und die Anderen angestellt! Mach', daß wir heimkommen. Mir ist ganz angst und bang'!"

In der That, es brannte in Schongau. Der Blitz hatte in den Thurm der Hauptkirche eingeschlagen. Und während die Weiber bei der Kerblin verweilt hatten, während sie jetzt heimschlichen, die Brust erfüllt mit einer aus Grauen und Lust gemischten Empfindung und endlich unbemerkt auf Feldwegen, zwischen Gartenhecken, Zäunen und Büschen hindurch auf dem Hofe der schönen Müllerin anlangten währenddem war die ehrsaweStaStSchongan in stundenlanger, schrecklicher Aufregung. Man hatte Mühe, die Kirche zu retten, der Thurm brannte zur Hälfte nieder und als die Glocken haibzerschmolzen durch das glühende Gestühle niederschmetterten auf den Boden des.Thurmestkichs da, unter dem Geschreie einer wehklagenden Bürgerschaft, gelobten sich Rath Donus- perger und Pfleger Hörwarth an den schändlichenWetter- Hexen" diesen Frevel gegen die Kirche blutig zu rächen. Der schreckliche Brand hatte ja auch den Ungläubigsten überzeugen müssen, daß böse Geister die Macht über eine ganze Gegend an sich gerissen; just vor dem Be­ginne des Strafgerichtes, so äußerte sich ja der Pfarrer, tretediabolus* noch mit der ingrimmigsten Aeußerung seines Hasses auf! Nichts vermochte des helldeiikeuden Oberhofer ausgesprochene Ansicht, daß Gewitter uub zündender Blitz und Brand der Kirche recht wohl ohne Hexerei" zu denken seien, gegen des Pfarrers festen Glauben, hier sei die Macht der Hölle im Spiele.

4. Engel und Teufel.

Ein duftiger, würziger Morgen voll Glanz folgte dieser Nacht, lieber die Fluren von Schwabsoyen ergoß sich eine blendende Klarheit, eine Fülle sanftranscheuder Luftströme, so daß Alles, ivas Oden, hat, sich wunder­bar erheitert und gestärkt fühlte, es sei denn, daß Kum­mer und Unnnith allzutief hausten tu der umsonst nach Erquickung ringenden Brust, wie's der Fall war bei der armen Ottilie und dem guten Burkhard.

Allenthalben in der Gemarkung des Dorfes Schwab- seyen bewegten sich auf den blitzende», vom Gewilttt- i regen noch feuchten Wiesen die emsig schaffenden Dorf- ; bewohner. Beladene Heuwagen schwankten schon aus den Feldwegen und auf der Heerstraße. Auch Ottilie war mit einigen Knechten und Dirnen des Lenzenbauein hinausgegangen, Heu zu mähen.

Still und traurig schritt dasHexenkind", Kit der Lenzbauer erst vor ein paar Tagen vor seinem ganzen Gesinde das Mädchen gescholten das geschah noch am Abende jenes Tages, wo der alte Bauer Ottilien ö n Dienst gekündigt beim Abendessen, und Burkhard hatte auf diese öffentliche, seiner Geliebten angcthaiu Schmach wieder kühn vor dem Gesinde die ikrmfte dem Vater gegenüber in Schutz genommen traurig schritt das Hexenkind mit der Sense von Mahd zu Mahd, wohl rüstig das fette Gras tief an der Wurzel schneidend, s doch in Gedanken nicht bei der ländlichen Arbeit, nein,

*) Herzenskönlg, Schtlicbue, Brizebud," Bezeichnungen, »b man sie im Schongauer Hexenprezeffe au« den Weidern heraN^ iaguirirt hat und welche sie i» »er That zu gebrauchen gstegn»«