Tages-Ereignisse.
Kaudwirthschaftlicher Äreisverein Schlüchtern
In ber Versammlung am 21. Januar, welche sehr stark besucht war, kam Folgendes zur Verhandlung:
1. wurde beschlossen, die General-Versammlung des Landwirthschaftl. Central-Vereins am 6. Februar d. I. in Cassel mit drei Deligirten zu beschicken und hierzu gewählt: Herr Landrath Roth, eventl. als dessen Stellvertreter Herr C. A. Leipold dahier, sowie die Herren Domainenpachter Kaiser in Steinau und Gutmann zu Lindenberg.
2. Zum Vereins-Vorstand für das Jahr 1888 wurden gewählt die Herren: Landrath Roth, Oeconom H. Köhler, Oeconom C. A. Leipold zu Schlüchtern, Bürgermeister Blum zu Sterbfritz, Domainenpachter Kaiser zu Steinau, Oeconom A. Fink in Vollmerz und Bürgermeister Berta in Soden.
3. Der Herr Vorsitzende hielt sodann einen längeren Vertrag über die mit dem 1. October v. I. in Kraft getretene Landgüterordnung für den Reg.- Bez. Cassel, welcher mit großem Interesse ausgenommen wurde.
Der Herr Vortragende legte die Vortheile dieser neuen Einrichtung dar und empfahl der Versammlung, ihre Besitzthümer in die bei den Königlichen Amtsgerichten geführt werdende Landgüterrolle ein- tragen zu lassen, umsomehr als die Kosten dieser Eintragung für ein Besitzthum, ob groß oder klein, nur 3 Mark betrogen, die Vortheile und Erleichterungen aber, welche dem einzelnen Besitzer durch den Eintrag in der Landgüterrolle geboten werden, ganz bedeutende seien. — (Wir werden später noch ausführlicher auf diesen Gegenstand zurückkommen.)
4. Die von der Firma Gustav Pickhardt in Bonn zur Ansicht übersandten Stahldraht-Schlundröyre und Kettenverbindungsglieder fanden den Beifall der Versammlung. Es wurden sofort bestellt 15 große und 11 kleine Schluudrühre, ebenso beschloß die Versammlung, 100 Stück Kettenverbindungs- glieder auf Vereinskosten zu bestellen und in der nächsten Versammlung gegen ermäßigten Preis zu vertheilen. Einen neuen Seusen-Dengel-Apparat hatte Herr Oeconom Pluns aus Wahlert mit zur Stelle gebracht und fand derselbe eingehende Besichtigung. Der Fabrikant dieses Apparats wird in der nächsten Vereins - Versammlung weitere Proben vorführen. Ferner beschloß die Versammlung, einen neuen „Normalpslug" auf Probe von der Firma Siedersleben in Remburg kommen zu lassen und sich demnächst von dessen Zweckmäßigkeit zu überzeugen. — Von dem vorgelegten neuen Bauernkalender wurden mehrere Exemplare bestellt. Weitere Bestellungen auf Schlundröhre sowie Bnuernkalender nimmt der Rendaut P s a l z g r a f bis zum 10. Februar entgegen.
5. Zum Schluß wurde die Rechnung des Vereins für die Jahre 1886 und 1887 abgehört, dieselbe schloß ab auf eine Einnahme von 3155 Mk. 49 Pfg. und Ausgabe mit 2835 Mk. 97 Pfg., einen Kassen- bestand von 319 Mk. 52 Pfg. und auf 546 Mk. noch unerhobene Beiträge pro 1887. Die Rechnung wurde Herrn C. A. Leipold hier zur Revision überwirsen. /
Nach Erledigung der Tagesordnung fanden noch längere Discussionen statt über: Erfahrungen bei Ankauf von Schweizer Zuchtbullen, Erfahrungen bei Düngung mit Thomas-Phosphatmehl rc.
— In der Versammlung des landwirthschafllichen Kreis-Vereins am 21. Januar cr. wurde die Mittheilung des Herrn Vorsitzenden, daß tue Absicht bestehe, eine Kreis-Vieh-Versicherung ins Leben zu rufen, mit großem Interesse entgegengenommen und beschloß die Versammlung, diese geplante neue Einrichtung möglichst zu unterstützen. Zur Berathung des Statuien-Entwurss wurde eine Commission aus Vereinsmitgliedern gewählt und zwar die Herren:
Bürgermeister Blum-Sterbfritz „ Bensing-Breilenbäch
„ Seipcl-Ulmbnch Gastwirth Kohlhepp-Schwarzenfels Oeconom PlunsWahlert
„ Fink-Vollmerz.
Schlüchteril, 30. Jan. In den weitesten Hasenkreisen hatte man sich bereits seit mehreren Monaten über die große Unsicherheit beklagt. Und das mit vollem Recht; so ein armes Häschen konnte nicht den kleinsten Spazier- gang wagen, ohne befürchten zu müssen, von irgend einer Seite durch einen grausamen Schrotschuß zu einem unfreiwilligen Purzelbaum, einem wahren salto mentale, veranlaßt zu werden. Stark gelichtet sind die Reihen des Hascngcschlechts, und manch' feister Freund Lampe hat den Weg zur Bratpfanne zurücklegen müssen, wobei ihm allein der Kohl treu geblieben ist, der mit ihm servirt wurde. In letzter Zeit allerdings ist vom feisten Hafen kaum die Rede gewesen, da Kälte und Schnee ihnen den Brotkorb erheblich höher gehängt hatten. Große Freude aber haben sie jetzt, da kein berechtige!' Schuß mehr auf sie abgegeben werden darf. Freund Lampe wird sich denn ganz dem Familienleben widme«, Wsere Nimrode aber legen das Geräth des edlen Waid-
werkes zum Theil bei Seite, schwelgen in der (oft nicht recht sichern) Erinnerung an ihre hervorragenden Leistungen auf der Jagd und überbieten sich in lustigen Jagdgeschichten. Die schöne Grabschrift:
„Die Witze, die er sagte, Die Hasen, Die er jagte, Die leben alle noch", die den Denkstein eines berühmten Wiener Komikers und Sonntagsjägers schmückt, würde auch vortrefflich auf manchen von ihnen passen.
— Die Einlösung der am 1. März d. I. fällig werdenden Zins-Abschnitte der Landeskreditkafse wird bei derselben vom 24. Februar d. J. an, sowie außerdem in bisheriger Weise bei allen Königlichen Sieuer- kassen des Regierungsbezirks Cassel erfolgen.
— (Neubestimmnng über die IV. Wagenklasse.) Nach den bislang gültigen Vorschriften war den Reifenden der vierten Wagenklasse gestattet, Traglasten rc. im Gewichte bis zu fünfunddreißig Kilogramm mit in die Personenwagen zu nehmen. Am 1. Januar dieses Jahres ist nun ein neuer Tarif für die Beförderung von Peisonen und Reisegepäck auf den Preußischen Staatsbahnen eingeführt, welcher für die bezeichneten Traglasten keine Gewichtsgrenze vorfchreibt, diese Beschränkung also aufhebt. Zu den fraglichen zur Mitnahme zulässigen Gegenständen ist auch das von den zu Wochenmärkten fahrenden Handelsleuten in Kiepen und Körben mitgeführte lebende Geflügel, als Hühner, Enten rc. zu rechnen. Ausgeschlossen von der Mitnahme in den Personenwagen bleiben in allen Füllen solche Gegenstände bezw. Traglasteii, welche entweder durch ihre Ausdünstung die Mitreisenden belästigen und durch ihre Absonderung die Koupce's verunreinigen, ober durch ihre sperrige Beschaffenheit einen großen Theil des Wagenraumes ausfüllen würden, z. B. ineinander gesetzte Obst- und Marktkörbe, hochbepackte Körbe mit Holzwaaren rc., große leere Kisten, Lederballen rc.
Fulda, 28. Januar. Ein heiterer Fall passirte einem biederen Landmanne. Derselbe wollte die Bischofsfeier in Fulda mitmachen und steckte zu diesem Behufe 80 Mark in Silber zu sich, damit's ihm in der Stadt ja nicht fehle. Ehe er seine Wanderung durch die geschmückten Straßen antrat, stärkte er sich zuvor durch Gerstensaft und Spiritussen, von denen er wohl etwas zu viel genossen haben mag. Auf einmal wurde er gewahr, daß ihm sein gestickter Geldbeutel fehle. Er alar- mirte ohne Weiteres die Polizei, welche jedoch nichts ausrichten konnte. Am anderen Morgen stellte er sich freu big bei dem Polizeikommissar wieder ein und meldete, daß er nicht mehr seinetwegen zu suchen lassen brauche, sein verlorenes Geld sei wieder da; beim Ausziehen am Abend sei es ihm aus dem -— Stiefel gefallen! Das erinnert au den Bauer, welcher ein „gewisses Drücken" am Fuße empfand und sich den Stiefel aus- zog, wobei eine Lichtputzscheere herausfiel. Nur scheint der Fuldaer Landbewohner von einem „gewissen Drücken", das 80 Mk. in Silber doch ebenso hervsrrufen können, frei geblieben zu sein.
Hanan, 27. Januar. (Schwurgericht.) Für die am 20. Februar beginnende Sitzungsperiode wurden heute in öffentlicher Sitzung des Landgerichts folgende Geschworene aus dem Kreise Schlüchtern ausgetoost: 1. Iahn Gerhard, Landwirth, Urzell. 2. Klöber Georg, Müller, Mmjoß. 3. Jäger Johannes, Bauer, Bellings. 4. Berlhotd, Gutsbesitzer zu Obermühle bei Gundhelm.
Frankfurt. Unter dem Verdacht des Raubmordes verhaftet. Anfangs dieser Woche wurde in Sachsenhausen ein Fuhrknecyl verhaftet, welcher in Verdacht steht, der M ö r d e r des bei Prenzlau umge- drachten und beraubten Feldarbeikers zu sein. Wie bekannt, ist ein Preis von 1000 Mk. für die Entdeckung des Raubmörders ausgesetzt. Der Verhaftete stammt aus der Gegend von Prenzlau und trägt den Namen des in dortiger Gegend allgemein als Mörder Verdächtigen.
Heringen im Kreis Hersfeld, 26. Jan. Die hiesigen Schuten sind wegen der hier herrschenden Kindel krank- heilen immer noch geschlossen. In einem Zeitraum von kaum drei Monaten sind insgesammt etwa 90 Kinder der Diphteritis und den Masern erlegen. Ganz besonders hart betroffen wurde der Post-Agent G. dahier, dessen s e ch s Kinder sämmtlich dieser Krankheit zum Opfer fielen.
Hofgeismar, 25. Januar. In Helmarshausen sind in kurzer Zeit 70 Kinder an den Masern erkrankt. In Herstelle, Würgassen und Lauensörde sollen ein Drittel aller Meinen theils von dieser Krankheit, theils von der DiphtheritiS erfaßt sein. Die Schließung der Schulen an diesen Orten, welche noch nicht erfolgt sein soll, sollte doch schleunigst angeorbnet werden.
Marburg, 27. Jan. Durch soeben ergangenes Erkenntniß der Königlichen UniversitätSdeputation ist die hiesige Burschenschaft „Armmia" sowie die Studenten- verbludung „Wingolf" aufgelöst worden.
Ausland.
Pest, 21. Jan. Aus der Provinz kommen haarsträubende Berichte über das Wüthen von Wölfen, welche bei der strengen Saite bis tu die Dörfer vordringen. Der Richter von Eseh, Vasilü Esurdar, befand sich gestern in Großwardern. Aus dem Heimwege wurden die Pferde von einem Rudel Wölfe angesallen. Die
erschreckten Pferde gaben dem Schlitten einen solchen Ruck, daß der Richter herausgeschleudert wurde. Der Kutscher Hieb in die Pferde ein und fuhr davon, ohne sich nach seinem Herrn umzusehen. Erst nach einer Weile wagte er zurückzuschauen. Ein ganzes Rudel Wölfe war über den Richter hergefallen, welche denselben im Augenblicke in Stücke zerrissen hatten. Nach wenigen Minuten waren von ihm nur noch einige Knochen vorhanden. Ferner wird aus Facset gemeldet: Aus der benachbarten Gemeinde Dikes fuhr in der jüngsten Nacht ein rumänischer Bauer mit seinem 13jährigen Sohne im Schlitten nach Lugos. Unterwegs wurde der Schlitten von einem Rudel Wölfe angegriffen und der Bauer, um nur sein eigenes Leben zu retten, erfaßte seinen Sohn und warf ihn den Wölfen zur Beute hin. Das unglückliche Kind wurde von den Bestien augenblicklich in Stücke gerissen. In Lugos angelangt, fühlte der unnatürliche Vater Gewissensbisse und stellte sich dem Gerichtshof, worauf er in Haft genommen wurde.
Bcru, 28. Januar. Der Bundesrath verbot wegen anarchistischer und sozialistischer Umtriebe den deutsche« Reichsangehörigen Hauptmann Ehrenberg, Emil S ch o p e n, Ignatz M etzler, Christian Haupt den Aufenthalt auf Schweizer Gebiet und spricht ferner gegenüber der Regierung die bestimmte Erwartung aus, dieselbe werde dafür sorgen, daß die Veröffentlichungen des „Sozialdemokraten" sich innerhalb der Schranken der ruhigen, sachlichen Diskussion halten, Aufreizuugen, Beschimpfungen und beleidigende Aussülle aber vermeiden. Der Bundesrath behält sich jederzeit das Einschreiten gegen die Betheiliglen vor.__________________ ■ ■.
WttÜie, das Herenkind oder: Das Geheimniß der schönen Müllerin.
Zeitgemälde aus dem Ende des 16. Jahrhunderts von tä » st a v Kicnast.
(Fortsetzurg).
Während nun um Donnspergers Züge ein Lächeln der Befriedigung flog, waren Höcwarth's Mienen von innerer Unruhe beseelt. Beim Namen der reichen Müllerin, die den Burkhard heirathen sollte, hatte die Lippe des Pflcgrichters schmerzlich gezuckt. Nun aber, da Donnspergcr von dem Tage und der Stunde zu sprechen begann, wann man die Unholdinnen gefangen nehmen sollte, sammelte sich Hörwarth in seinem Geiste wieder und billigte des Hofraths Vorschläge.
„Was an mir liegt, Herr Rath, soll schleunig und pünktlich geschehen. An einem Tage mitsammen will ich Alle aufgreifen lassen," sprach Hörwarth.
„Recht so," rief Donnsperger. „Es ist höchste Zeit. Schon vor fünf Jahren, als noch Ihr Vorfahr, der wackere Philipp Lidl, lebte, der leider schon zu alt und darum auch zu gutmüthig war, kamen Anzeigen nach München über das Hexenunwesen in hiesiger Gegend. Man hatte schon damals einschreiten sollen, aber über der neuen Pslegbesetzung kam die Sache wieder in Vergessenheit. Sie, Hörwarth, bekamen verdientermaßen das Amt, aber ließen leider baun das Hexenunwesen in Ruhe."
„Nicht, als ob ich saumselig hätte fein mögen," entgcgiiete Hörwarth, „nein, sonderbarer Weise schlief das Unwesen gleich wieder ein, wie als hätten die Un- holdinnen Furcht vor mir. Aber ich gestehe, daß ich froh war, meine Amtirung nicht gleich mit einem so verantwortungsvollen Prozesse beginnen zu müssen. Aber nun will ich auch keine Schonung mehr üben!" Und Schweißtropfen abtrodueub, welche an Hörwarths Stirn erschienen waren, seit der Rath den früheren Pfleger erwähnt hatte, rief Hörwarth rasch dem Scharfrichter Görg zu: „Nun, Meister Görg, der Du einst des Scharfrichters zu Torgau Gehilfe wärest, sprich! wenn man die Weiber angegriffen hatte, wie verfuhr man mit ihnen zu Torgau?“
Meister Görg, dessen graue Augen unter buschigen, rothen Brauen ordentlich wie mit Mordlust blitzten, indessen ihm beim Sprechen das wolfSgedißartige Zähnereihen-Paar aus glattrasirtem Munde blinkte, hub an: „Die Unholdinnen haben wir vor Allem mit den Daum- schrauben peinlich befragt. Ha, wenn sie so recht kreischten, das hörte ich lieber wie das Kirmeßfideln! Aber man bringt meist zu Anfang nichts aus den hartnäckigen Teufelinnen heraus. Man läßt ihnen darauf eine Zeitlang Ruhe und macht sich mittlerweile dran, rn den Angeklagten die teufelischen Kennzeichen aufzu- sinden — —"
„Stigmata diaboli,“ warf Pfarrer Erasmus Wetter dazwischen. — „Ja," fuhr der Scharfrichter fort, „der höllische Fürst, Satanas, drucket all' den Weibern, so mit ihm sich einlassen, ein Wahrzeichen auf, das aber nicht Jeder erkennt; ich jedoch irre mich nie. —
„Also, mit Vergunft, lasset mich nun allein weiter reden, Herr Pfarrer," sprach Görg mit großem Amtseifer. „Auch gelehrte Herren haben sich schon oft geirrt und anscheinlich ganz unverfängliche Maale an den Leibern der Unholdinnen denn auch nicht als wahre Teufelszeichen erkennet! So zum Beispiel schwarze Fleckchen, Warzen, Härlein. Aber ich hab's meist haarscharf bewiesen, daß es doch Teufelsmaalc waren und werd's auch jetzt wiederum."