erschwert natürlich derartige Sendungen und führt schon bei der Aufgabe derselben wegen der im Publikum häufig bestehenden Unkenntnis; von jener Einschränkung bedauerliche Verzögerungen herbei. Im Hinblick hierauf hat die italienische Postverwaltung die Grenzpostämter telegraphisch angewiesen, ausländische Postpacketsendungen an den deutschen Kronprinzen und an die kronprinzliche Familie bis zum Gewichte von 5 Kilogr. zur Beförderug zuzulassen.
— In der Kammer in Bayern ist den Gendarmen großes Lob gesungen worden. Die Abgeordneten erkannten an, was für einen schweren und mühseligen Beruf sie haben und wie durch ihre Thätigkeit und Wachsamkeit namentlich auf dem Land das Leben so viel sicherer geworden sei. Der Minister stimmte freudig zu und benutzte die gute Stunde, um für nächstes Jahr eine Erhöhung der Gehalte und Tagegelder in Aussicht zu stellen.
— Dem „Tageblatt" wird aus San Remo gemeldet: Der Kronprinz fuhr soeben in Begleitung der Kronprinzessin, des Erbprinzen von Meiningen und des Dr. Krause spazieren. Das Aussehen des hohen Patienten ist vortrefflich. Eine unerklärliche Nichtswürdigkeit wurde gegen den Kronprinzen verübt, indem sämmtliche Lieblingshunde desselben von unbekannter Hand vergiftet wurden.
Mainz, 10. Januar. In der verflossenen Nacht fand auf der Gaugasse ein arger M i l i t a i r-Exceß zwischen Soldaten des Nass. Infanterie-Regiments Nr. 87 und des Hess. Infanterie-Regiments Nr. 117 statt. Der Streit begann aus einem Tanzboden und pflanzte sich bis auf die Straße fort, woselbst die Gauthorwache ein- schreiten und verschiedene Verhaftungen vornehmen mußte. Ein Soldat vom 87. Infanterie-Regiment erhielt einen Säbelhieb in den Hals und verschiedene Stiche in den Rücken; der Mann mußte noch au demselben Abend in das Militairlazareth verbracht werden. — Es ist dies seit langer Zeit wieder der erste derartige Fall.
Gera. Die Ehefrau des Mülles der Thalmühle bei Gera hat ihrem vierjährigen Töchterchen und dann sich selbst die Pulsadern durchschnitten. Der heimkehrende Müller fand seine Fran, welche erst jüngst von einem Kind entbunden worden war, todt, das Mädchen halb verblutet. Das Ehepaar hatte in kurzer Zeit sechs Kinder durch das Nervenfieber verloren, und dieser Verlust scheint die Mutter geisteskrank gemacht zu haben.
Tages-Ereignisse.
Schlächtern, 13. Januar. Herr Stations - Vorsteher Krüger zu Elm ist seit etwa 14 Tagen zur Dienstleistung zu dem neu eröffneten Central-Güter- und Rangierbahnhos Frankfurt a. M. commandirt.
—- Milchtransport auf der Eisenbahn. Der Minister der öffentlichen Arbeiten hat unterm 29. v. M. die bestehenden Anordnungen über den Transport von Milch auf den Eisenbahnen im Abonnement in einigen Punkten ergänzt. Das Abonnement kann an jedem Tage des MonatS begonnen werden. Es genügt in Zukunft für den Anfangs-Monat dir Aufgabe einer täglichen Durch- schtiittsmenge von 16 Litern oder die Zahlung der Fracht hierfür. Ferner können mit besonderer Bewilligung der Eisenbahnverwaltung fortan die teeren Milchgesäße auch schon früher als eine Stunde vor Abgang des zur Rück- bechrderung bestimmten Zuges auf den Bahnhof gebracht werden.
Frankfurt. Ueber die geheimen Soldatenwerbungen Hollands in Deutschland wird der „Frkf. Ztg. von der holländischen Grenze geschrieben: Im vergangenen Jahre sind von dem colomalen Werbedepot in Hardervyk (an der Zuidersee) im Ganzen 1840 Mann nach Ostindien abgesandt worden, darunter 245 Deutsche, 58 Belgier, 33 Schweizer, 9 Oesterreicher, 4 Franzosen, 2 Russen k. Für dieses Jahr (1888) ist der Nachschub für die Niederländisch-Ostindische Armee, die bekanntlich gaiiz aus Freiwilligen besteht, auf 2000 Mann festgesetzt, ob er aber erreicht wird, ist noch sehr die Frage, denn die Zahl der Dienstsuchenden, resp, der Angeworbenen vermindert sich mit jedem Jahre. Aus diesem Grunde sind im vorigen Jahre bereits die Vorschriften über Körperbeschaffenhelt der Rekruten nicht unwesentlich ge- mildert worden. Ferner wurde jetzt in Maastricht eine Filiale des genannten Centrailverbedepots errichtet, von welcher man sich guten Erfolg verspricht. Die holländischen Zeitungen rühren fleißig die Werbetrommel. In Deutschland geht das natürlich nicht an, dafür treten die Werber hier im Geheimen auf, und zwar sind es in der Regel Deutsche selbst, die sich zu diesem unlauteren, aber lohnenden Geschäft hergeben. Das holländische Werbedepot hat in Deutschland mehr Agenten, als man denkt, und trotz aller Warnungen fallen denselben jährlich Hunderte junger Leute in die Hände, welche aus irgend einem Grunde das Vaterland verlassen wollen, um in der Fremde „Blutdienst" zu suchen. Auch kann man mit ziemlicher Sicherheit annehmen, daß mindestens 50 bis 60 Procent der deutschen Deserteure sich zunächst nach Holland wenden. Von den übrigen deutschen Dienst- suchenden erweist sich in der Regel nur eine kleine Minderheit als tauglich für die mancherlei Strapazen auf Java und Sumatra. Die Abgewiesenen werden auf dem nächsten Wege per Schub wieder über die Grenze zurückgebracht.
— Familienelend. Seit dem 3. Januar wird ein in der Predigerstraße wohnender Weißbinder, Namens G., Familienvater mit neun Kindern, vermißt. Er hatte sich im Augenblicke entfernt, als er mit den Seinen auf die Straße gesetzt werden sollte. Das Schicksal der Familie wurde dadurch heraufbesckuvoren, daß der hart bedrängte Mann einen Monat Miethe schuldig geblieben war, worauf der Hausherr sofort Ausweisung erwirkte. Die Frau des Vermißten, welche in Kürze einem Familien- Ereigniß entgegensieht, welches unter solchen Umständen gewiß kein „freudiges" genannt werden kann, ist dem größten Elend preiSgegeben. Alle Recherchen nach dein Verschwundenen finb bis jetzt erfolglos geblieben.
Cassel, 11. Januar. Ueber den gegenwärtigen Saatbestand in der preußischen Monarchie giebt der „Reichsanzeiger" eine nach Provinzen und Regierungsbezirken geordnete Uebersicht, der wir entnehmen, daß die Wintersaaten durchgängig voll und gleichmäßig entwickelt in den Winter eingetreten sind und unter dem Schutze des bis Mitte November herrschenden milden Wetters sich kräftig bestockt haben. Bei Eintritt des Frostes hat dann die schützende Schneedecke das Ihrige gethan und können somit die Aussichten für die nächste Ernte vorläufig als völlig normale bezeichnet werden. Eine Ausnahme macht nur der Regierungsbezirk Cassel, woselbst die Saaten sehr zurückgeblieben sind, sowie der Regierungsbezirk Minden, wo über starken Mäusefraß geklagt wird. Ueber den Regierungsbezirk Cassel besagen die Mittheilungen: Der Stand der Saaten ist nicht zufriedenstellend. Die Schossen sind sehr zurückgeblieben, klein und spitz. Mit Grün überzogene Saatfelder, wie man sie sonst um diese Jahreszeit zu sehen gewohnt ist, sind höchst selten. Der Stand des jungen Klees ist befriedigend, auch der Raps berechtigt zu Hoffnungen.
Hofgeismar, 9. Januar. Auf der am vergangenen Sonnabend von den hiesigen Offizieren in einem Theile der Hofgeismarer Feldmark abgehaltenen Treibjagd auf Hasen wurden insgesammt 154 Stück geschossen, was gewiß als ein recht günstiges Jagdi esultat bezeichnet werden kann. Einer der Herren hat an diesem Tage allein 20 Stück erlegt. Daß trotzdem noch versucht wird, Hasen auf heimliche und unberechtigte Weise vermittelst Schlingen abzufangen, wird dadurch bewiesen, daß man an zwei Exemplaren der auf der Jagd getödteten Hasen Drahtschlingen vorsaud. (H. Z.)
Verlorenes Spiel.
Roman von 41. gemart.
(Fortsetzung.)
Sir Geoffrey selbst fuhr mit Ethel, die ihren kleidsamsten Hut aufgesetzt und ihr hübschestes Promenaden- kostüm angelegt hatte, nach der Bahnstation, um die Herren von dort abzuholen. Ethel ging nicht mit ihrem Vater nach dem Perron, sondern blieb wartend im Wagen sitzen. Ihr Herz pulsirte etwas unruhiger, als sie von da aus die wenigen Reisenden einzeln oder zu mehreren durch das kleine Bahnhofsthor treten sah. Sie wunderte sich, was die erwarteten Gäste zurückhalten möchte.
Endlich kam ihr Papa heraus und in seiner Begleitung ein schöner, sonnverbrannter, breitschulteriger Riese mit großem Barte, den Ethel mit nicht geringem Erstaunen anblickte. Konnte diese ritterliche Erscheinung, die mit so vollkommener Sicherheit und Selbstbeherrschung auftrat, Jack sein — ihr Jack, den sie zuweilen wegen seiner kleinen Pudel ausgescholten und der ihr selbst ein- gestanden, daß er das bischen Schliff, das er besitze, blos seinem Umgang mit ihr und ihrem Vater zu verdanken habe? Sie war über die Veränderung in dem Menschen und seinen Manieren so verwundert, daß ihre Empfindungen sich auf ihrem Gesichte spiegelten.
Ein bedeutsamer Blick stahl sich in sein Auge, als er entblößten Hauptes harrend dastand, daß sie ihm zur Begrüßung die Hand bieten werde. Ethel fing den Blick und dessen Bedeutung auf und erröthete.
„Wie Sie sich verändert haben!" — fast hätte sie gesagt, „zu Ihrem Vortheil." „Sie sehen aus, als hätten Sie den Winter recht genossen."
„Das habe ich auch - hoffe aber meinen Frühling noch besser zu genießen."
Etwas in den Worten berührte Ethels feines Taktgefühl unangenehm. Sie warf ihm einen flüchtigen Blick zu, erröthete von Neuem und wechselte das Thema.
„Wo ist denn der Capitain Pelliug, Papa?"
Eben trat der genannte Herr hinter einem Pfeffer der Säulenhalle hervor, von wo aus er mit verlangendem Sehnen die stumme aber beredte kleine Pantomine, die sich dort abgespielt hatte, beobachtete.
Das junge Mädchen schaute ihn einen Moment mit noch größerem Erstaunen an, als sie selbst Jack angeblickt. Sie wurde ganz bleich, dann streckte sie ihm beide Hände entgegen.
„Ich freue mich herzlich, Sie wieder zu sehen," sprach sie, „obgleich ich mit Betrübniß bemerke, daß Sie so angegriffen aussehen. Ich glaube, das Reisen bekommt Ihnen nicht. Sie müssen in Mallingford-Park bleiben; da sollen Sie gepflegt werden, bis Sie wieder ganz frisch sind."
Ein dunkles Roth — durch die Wärme der Begrüßung hervorgerufen — überstimmte sein Gesicht, dann schwand es, und er schaute bleicher aus, als zuvor.
„Ich bin ganz wohl," versicherte er, über den besorgten Ausdruck ihrer Augen lächelnd. „Ich bin so hart wie Stahl; mir fehlt nie etwas."
„Wir wollen die Frage jetzt nicht weiter erörtern," lenkte sie mit ihrer gewöhnlichen Heiterkeit ein. „Ist Ihr sämmtliches Gepäck in Ordnung? Dann wollen wir so rasch als möglich nach Hause fahren, damit wir Frühstück bekommen; ich bin ganz heißhungrig. Komm, Papa!"
Die drei Herren nahmen in dem großen Landauer ihre Plätze ein, und das Gespräch wurde nun allgemein. Ethel, in ihre Ecke gelehnt, las mit innerem Schmerz den Gram und Kummer, der so unverkennbar in Pellings Zügen geschrieben war, bemerkte dabei jedoch nicht, daß sie ihrerseits ebenso scharf von jemand Anderem beobachtet wurde, welcher, als sie die fünfmeilige Wegstrecke zurückgelegt, zu dem Schlüsse gelangt war, daß er unter falschen Vorspiegelungen hergelockt worden, und sich vor- nahm, bei erster Gelegenheit sich über die Wahrheit von ihren eigenen Lippen Gewißheit zu holen. Die gewünschte Gelegenheit bot sich jedoch nicht so schnell, wie er gehofft, und drei volle Tage vergingen, ohne eine Möglichkeit zu einem tete-ä-tete. Am vierten Tage änderte sich die Sache. Es war der Tag des Privat-Entrees in der Akademie. Natürlich hatte Sir Geoffrey durch seine alten Verbindungen, Jack gleicherweise als Aussteller Zutritt.
Die Räume waren wie gewöhnlich zum Erdrücken voll. Sir Geoffrey und Jack gingen voran; Pelliug an Ethels Seite. Plötzlich drehte sich Jack mit er- glühtem Gesichte und freudestrahlenden Augen nach ihm um und äußerte in stolzem Flüstertöne:
„Beim Jupiter, Pelliug, es hängt in der Reihe!"
Helling drängte sich vor und drückte ihm verstohlen die Hand. Ethel sah die Bewegung und wünschte einen Moment auch ein Herr zu sein, um solch ein Freundschaftsgefühl einzuflößen, wie es zwischen diesen Beiden existirte; baun sprach auch sie warm und herzlich ihre Glückwünsche aus.
Die beiden Anderen gingen weiter und ließen Ethel mit Jack zurück, die hervortretenden Hauptpunkte des Gemäldes näher in Augenschein zu nehmen. Jack ließ sich die gute Gelegenheit nicht entgehen, er beugte sein Haupt und flüsterte:
„Erinnern Sie sich noch meiner Aquarellen vom vorigen Jahre?"
„Gewiß," entgegnete sie, ohne irgend ein anderes Anzeichen als ein leichtes Zunehmen der Nöthe, daß die Erinnerung daran sie besonders errege.
„Wieviel hat sich seitdem zugetragen, was ich ungeschehen wünschte?"
„Und ich ebenfalls."
„Ist das Ihre Meinung?"
„Weshalb sollte ich es sagen, wenn es nicht der Fall wäre?"
Jacks Aussehen bekundete innere Bewegung. Es war unstreitig ein ungeeigneter Platz, ein LiebeSgestünd- zu machen; aber den dafür gebotenen Augenblick wollte er nicht missen. Er beugte sich nach vorn und machte sie auf einige Mängel in einem Bilde, das vor ihnen hing, aufmerksam, ohne selbst zu wissen, was er eigentlich sagte, und flüsterte in ihr Ochr:
„Und lieben Sie mich wirklich noch? Und darf ich mich bemühen, meine frühere Thorheit durch innigere und treuere Liebe wieder gut zu machen?"
Fünfundzwanzigstes Kapitel.
„Lieben Sie mich noch? Wollen Sie mich meine frühere Thorheit wieder gut machen lassen?" flüsterte er nochmals.
Miß Ethels Erwiderung machte ihn vollständig verblüfft.
„Das sind zwei Fragen und erfordern auch zwei Antworten," versetzte sie mit leiser, aber fester Stimme. „Ich liebe Sie nicht mehr — nicht so wie früher. Und nach meinem Dafürhalten vermag nichts Ihre frühere Thorheit wieder gut zu machen. Charakterschwäche und Treulosigkeit sind gerade die beiden Fehler, die ich bet einem Manne nicht entschuldigen kann. Sie sind so ganz weiblich."
Jack richtete sich steif in die Höhe.
„Ich bin in die Irre geführt worden!" erwiderte er kurz.
„Von mir nicht, weder direkt noch indirekt."
„Geschah es nicht in Rücksicht auf Ihren Wunsch, daß Sir Geoffrey mich nach Mallingford eingelabeu ?"
„Gewiß. Aber darf denn eine junge Dame nicht einen jungen Mann zu sehen wünschen, an dem sie ein warmes, freundschaftliches Interesse nimmt, ohne daß der junge Mnun ihr dies durch einen Heirathsautrag zurückzahlt? Kommen Sie — lassen Sie uns Freunde sein — die besten Freunde! Sie sind ja nicht so ungeheuerlich verliebt in mich. Vielleicht war es zu gleichem Theile das Mitleid, das Sie mir diese Erktärung zu machen drängte, weil Sie mich liebeskrank wähnten. Nun sehen Sie, daß ich nicht dem Sterben nahe, weil mich der geliebte Gegenstand verlassen, und Sie haben Ihre Schuldigkeit gethan und mir das Glück in Aussicht gestellt, nach welchem ich, wie Sie glaubten, sehnsüchtig verlangte."
„Ich kann Sie doch nicht im Entferntesten verstehen."