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letzten Versammlung der Charitö Aerzte vorgeführt und mit derselben experimentirt. Tiefes Mitleid erregten dir Unglücklichen auf der sogenannten Wachabtheilung. Hier sind die Tobsüchtigen untergebracht. Nur etwa 15 dieser Unglücklichen umstanden leeren Blickes den Baum; die Hälfte derselben wurde noch durch Wärte­rinnen gehalten. Die Uebrigen lagen theilnahmslos, ohne jegliches Verständniß im Bett. Da wurde von einer Wärterin eine bleiche, abgehärmte Frauengestalt gehalten, welche aber wilde feurige Blicke schleudern konnte; in unheimlicher Weise unterbrach sie mit unge- derdigem Lachen aus vollem Halse die herrschende Stille. Diese Wahnsinnige wird von gräßlichen Sinnestäuschungen gequält; sie hört Stimmen, die ihr bald drohen, bald die ausgelassensten Scherze erzählen. Je nachdem ruft sie in Todesangst um Hülfe oder schüttet sich aus vor Lachen. Daneben sitzt auf einem Stuhl, in sich zu sammengekrochen, die jammervollste Gestalt, das unglück­lichste Wesen, das man sich denken kann. Es ist jene ungetreue Gesellschafterin, die ihrer zur höchsten Aristo kratie gehörenden Herrin vor etwa zwei Jahren eine kostbare Brillanttaube aus dem verschlossenen Schmuck­kasten entwendet und sich dadurch des schweren Dieb stahls schuldig gemacht hatte. Als sie gesanglich ein- gezogen wurde, zerschnitt sie sich die Pulsader. Körperlich wieder hergestellt, umnachtete sich ihr Geist, wie es scheint, für immer. Seit */* Jahren sitzt das bejammernd- werthe Wesen auf dem Stuhl mit tiefgesenktem Kopf; seit/* Jahren hat das Mädchen, das jetzt 33 Jahre zählt, kein Wort gesprochen, den Kopf nicht mehr gehoben. Die Muskeln am Hals und Genick haben sich schon so gezogen, daß der Kopf selbst nicht mit Gewalt auf- zurichten ist. Gewiß eine fürchterliche Strafe für die begangene Missethat. Mit stierem Blick schaut die wahn­sinnige K., welche ihr Kind umgebracht hat, unter den Baum; sie ist heute theilnahmslos, apathisch. Wenn aber der Dämon des Wahnsinns sie erfaßt, dann haben zwei Wärterinnen zu thun, um sie zu bändigen. Auf der Abtheilung derunruhigen" Männer undwilden" Männer empfängt uns an der Thür unter tausend höflichen Verbeugungen ein hoch aufgeschossener Wahn­sinniger, der Jedem mit großer Ostentation die Hand reicht und ein kein Ende nehmendes unsinniges Gespräch anfängt. Hier walten die Bielefelder Diakonen ihres schweren Amtes. Nachdem dieUnruhigen" Platz ge­nommen haben, blasen die Diakonen im anstoßenden Todsaal einen Choral; dann hält ein Bruder die An­sprache, worauf die heute Abend ganz gemüthlichen wilden Männer in größter Behaglichkeit ihr Bier trinken und ihren Pfefferkuchen verzehren. Da drängt sich einer der Unglücklichen an den Oberarzt Siemerling heran. Ach, Herr Doclor, ich muß ein Paar Worte sprechen; nur ein Paar Worte." Und als ihm sein Lieblings-, Wunsch versagt wurde, da schmeichelt er:Ach, liebes,! gmes, einziges Doctorchen, ich gebe ja auch ein Paar Flaschen Bier zum Besten," und als das auch nicht zieht, da lammt es ihm auf eine Flasche Rothwein nicht an. Doch Alles vergebens; denn der Unglückliche ist ein gefährlicher Wahnsinniger, der, einmal aufgeregt, das größte Unheil anstiften könnte. Auf einem Sessel hat es sich Herr W. recht bequem gemacht. Er hat die mexikanischen Kriege mitgemacht und wurde mit einem französischen Orden dekorier. Als er Ende der l>0iger Jahre nach Deutschland zurückkehrte, mußte er noch dienen und machte den Feldzug 1870,71 mit. Er wurde verwundet und die Folge dieser Verwundung war die Gristesumnachtung, die ihn nach der Charilo führte. Die Aerzte aber haben die Hoffnung auf Wiederherstellung seines Geisteszustandes noch nicht auf- gegeben; morgen will Geheimrath Bardeleben eine Operation vornehmen, von der man sich auch Heilung des geistigen Leidens verspricht. Ein rührendes Bild bot der Schuhmachermeister P. Derselbe, sonst ein gefährlicher Tobsüchtiger, hatte gerade lichte Momente. Unter bitterlichen Thränen beklagte er sein hartes Geschick, daß ihn fern von seiner ihm theuren Familie hält, gefangen hält als Wahnsinnigen. Während sich ein alter, ergrauter, früherer Garde-Offizier, Herr v. D., behaglich im Lehnstuhl schaukelte und sich recht wohl fühlte, ging der frühere Schutzmann S. unruhig auf und ab. Bei diesem Unglücklichen hat sich die Geistes­krankheit nur allmählich ausgebildet und gar viel Halte der Bebaucrnswerlhe zu leiden, ehe man seinen krank­haften Geisteszustand erkannte. Erst als er in Juwelier- läden ging und, in voller Uniform, einen Theil der vorgetegten Ringe «rysieckte, da sperrte man ihn auf die Jrrenabtheilung der Charite. Mit bewunderns­würdigem Scharfsinn weiß er sich der kleinsten Details aus den früheren Jahren zu erinnern: nur die letzte Vergangenheit bildet für ihn ein undurchdringliches Dunkel. Sein einziger Gedanke heutzutage ist der, daß er das Wachtmeister-Examen machen muß, um eine höhere Pension zu erzielen; die Unausführbarkeit dieses Planes führt ihn oft bis zur Tobsucht. In seiner Zelle sitzt währenddem der frühere Reichsiagöabgevrduetc S.; sein Größenwahn leidet nicht, daß er sich unter die Anderen begiebt und so sitzt er am Heiligen Abend dumpf vor sich hindrütend in seiner Zelle. Ganz anders macht es dagegen der an Größenwahn leidende D-, welcher sich für Kömg Ludwig 11. hält; er läßt sich Mit herablassender Meue von seinem Volk huldigen.

Später Abend war es, als die Lichter der Christbäume in dem ansgedehnten Krankenhaus erloschen und die, welche daselbst Genesung erhoffen, die Augen schloffen zu kräftigendem Schlummer, jedoch gewiß nicht, ohne dankbar diejenigen in ihr Gebet einzuschließen, die mit so viel Hingebung und Liebe ihnen einen würdigen Christabend bereitet hatten.

Allgemeiner Deutscher Jagdschutz-Verein. Landesverein Provinz Hessen-Nassau.

Der Allgemeine Deutsche Jagdschutz-Verein, welcher mit den Rechten einet juristischen Person versehen ist und das ganze Deutsche Reich umfaßt, untersteht der einheitlichen Leitung Seiner Durchlaucht des Fürsten zu Hohenlohe-Langenberg in Langenburg (Württemberg). Der Verein zählt gegenwärtig an 8000 Mitglieder und zerfällt in Landesvereine. Der Landesverein Provinz Hessen-Nassau hat seinen Sitz in Cassel und ist wiederum in die Bezirke Niederhessen, Oberhessen, Fulda, Hanau, Westerwald und Taunus eingetheilt. Es liegt in der Absicht, sobald der Landesverein eine größere Ausdehnung erreicht hat, die Zahl der Bezirke zu vermehren und womöglich für jeden landräthlichen Kreis einen Bezirk zu bilden.

In der wild- und waldreichen Provinz Hessen- Nassau leben unzweifelhaft viele waidgerechte Jäger, welche gern die Bestrebungen des Allgemeinen Deutschen Jagdschutz-Vereins unterstützen würden, wenn ihnen nur die Ziele desselben und dessen Verfassung bekannt wären. Letzteres scheint jedoch nur in geringem Maaße der Fall zu sein, denn der Landesverein Provinz Hessen- Nassau steht noch immer mit seiner Mitgliederzahl hinter den meisten Landesvereinen unseres Vaterlandes zurück.

Es werden deswegen nochmals hiermit die von dem Allgemeinen Deutschen Jagdschutz-Verein angestrebten Ziele zur öffentlichen Kenntniß gebracht. Dieselben sind statutengemäß festgesetzt und verfolgen den Zweck:

1) gegenseitiger Unterstützung mit Beihülfe der Staats­behörden zur Durchführung der Gesetze über Jagd­polizei und Wildschonung im ganzen Deutschen Reiche;

2) insbesondere dem Unwesen der Wilddiebe und Contravenienten mit allen gesetzlichen Mitteln ent- gegenzutreten;

3) den Lwndel mit Wild und Wildpret innerhalb der gesetzlichen Schonzeit zu verhindern»»

4) die Pflichttreue einzelner Jagdschutzbeamten durch Prämien und Belobungen anzuerkennen;

5) auf dem Gebiete der Gesetzgebung eine den An­forderungen einer guten Jägerei entsprechende Re­vision der jagdpolizeilichcu Vorschriften und Bestim­mungen über Die Schonzeit des Wildes in den einzelnen Staaten des deutschen Reichs anzustreben;

6) alle Bestrebungen zu unterstützen, welche geeignet sind, eine waidmännische Pflege des Wildes (ein­schließlich der Einführung nicht heimischer Wild- arten) unter Wahrung der Interessen, der Forst- und Landwirthschaft, sowie eine rationelle Aus­übung der Jagd zu fördern und zu beleben.

Der Verein kann Demjenigen, welcher einen Wild­dieb oder einen Käufer resp. Verkäufer gestohlenen Wildes derart zur Annahme bringt, daß seine Bestrafung er­folgt, nach erlangter Rechtskraft des Erkenntnisses bezw. der Strafverfügung eine Belohnung bis zu 100 Mark zahlen. Statt der Geldzahlung kann auch eine Ver­leihung von Gewehren, Hirjchfängern und sonstigen Jagdgeräthen erfolgen. Ebenso können außerordentliche Unterstützungen den in Ausübung ihres Dienstes von Wilddieben verwundeten Forst- und Jagdschutzbeamten, sowie bei eintretendem Tode ihren Wittwen und Waisen bewilligt werden.

Der unterzeichnete Landesvorstand richtet an alle Waidmänner der Provinz Hessen-Nassau die Bitte, die Bestrebungen des Vereins, wie sie vorstehend dargelegt sind, zu unterstützen und ist jederzeit bereit, sowohl Bei­trittserklärungen entgegenzunehmen, als auch jede ge­wünschte weitere Auskunft zu ertheilen.

Cassel, im Dezember 1887.

Der Landesvorstand Allgemeinen Deutschen Jagdschutz- Vereins für Hessen-Nassau:

Graf von Altenkirchen.

lichem Wohlbehagen zu rauchen begann, er kam aber nicht weit Damit, denn der Kellner, dessen Mißtrauen mehr gewachsen als geschwunden war, überreichte mit der höflichen Entschuldigung, daß er anderweitig viel beschäftigt sei, die Rechnung. Aber mit geradezu ver­blüffender Gelassenheit erwiderte der Gast:Ach lassen Sie doch das, es hat ja keinen Zweck; ich habe doch kein Geld!" Natürlich wurde sofort der Wirth geholt; entrüstet fuhr dieser den Gast an:Wie können Sie sich unterstehen, so zu diniren, wenn Sie kein Geld haben? Dann hätten Sie sollen in die erste beste Budike gehen und für 25 Pfennige zu Mittag essen." Gast:Dazu hatte ich leider auch kein Geld!" Wirth: Aber Sie konnten sich doch denken, daß ich Sie hinaus- werfe!" Gast:Ja, das Hütten sie dort auch gethan!" Wirth: .Na, ich will Ihnen etwas sagen: Ich will aus der Sache nichts machen, weil heut heiliger Abend ist. Nun machen Sie aber, daß Sie hinauskommen!" Der Gast nimmt seinen schäbigen Hut, verbeugt sich mit Grazie, wünschtvergnügte Feiertage" und zieht seelenvergnügt von bannen. Er hatte sich ein opulente- Diner zu Weihnachten vorweg bescheert.

Tages-Ereignisse.

Ulmbach, 3. Januar. Bei der unter den Katholiken allgemeinen Jubiläumsfeier des Papstes Leo XIII. hat auch die Pfarrei Ulmbach nicht zurückbleiben wollen. Nach Anleitung ihres Herrn Pfarrers Huhn, der es versteht, seine Leute für eine Sache zu begeistern, feierte dieselbe am 1. Januar das genannte Jubiläum durch einen Lampionszug von über 300 Stück. Es war wirklich ein schöner Anblick, als diese große Masse leuch­tender Ballons durch die Straßen des Dorfes unter Musik und Gesang sich bewegte, in deren Mitte das Bild Leo XIII., gleichfalls beleuchtet, emporragte. Das nach einer, wohl wegen der Kälte so kurz gehaltenen Ansprache des Herrn Pfarrers ausgebrachte Hoch, zuerst auf den Papst Leo XIII., sodann auf Kaiser Wilhelm I. gestaltete sich zu einem wirklich donnernden. Auch die Jsraeliten der Gemeinde betheiligten sich an dem Zuge. Als Zuschauer wogten große Mengen. Seit Menschen­gedanken hat eine solche Volksmasse im Dorfe sich nicht bewegt, denn von allen Seiten waren die Leute herbei­geströmt. Daß es dabei manchen Purzelbaum in den Schnee gegeben, ist sehr erklärlich. Zum Schluß wurde ein Feuerwerk abgebrannt, wohl das erste seit der Welt­schöpfung in Ulmbach. Dazwischen leuchtete die Kirche wiederholt in dreifachen Farben bengalisch beleuchtet. Den Schluß vom Schlüsse bildete gemüthliche Unter­haltung.

Deutsches Reich.

Berlin. Ein unverfrorener Zechpreller hat in ganz eigenthümlicher Weise eine Vorfeier des Weihnachtsfestes ins Werk gesetzt. In eines der feinsten Restaurants Unter den Linden in Berlin trat am jüngsten Sonn­abend Nachmittag ein Herr ein, dessen Anzug zwar einen modernen Schnitt zeigte, jedoch schon ziemlich schäbig war. Mit vollendeter Nonchalance nahm er an i einem gedeckten Tisch Platz, ließ sich vom Kellner die Speisekarte reichen und bestellte sich ein Diner und eine Flasche Rothwein zum Preis von 9 Mark. Dem Kellner kam der Gast stark verdächtig vor, er holte sich daher vor allen Dingen Rath beim Wirth, ob er dem Gast servieren solle. Der Wirth stimmte unbedenklich zu, von der Meinung ausgehend, daß wer eine solche i feine Wcimnarke wähle, ein Kenner und daher wohl j sein Betrüger sei. Infolge dessen konnte sich der Gast i sein Diner recht wohl schmecken lassen. Zum Kaffee ' ließ er sich eine feine Havanna reichen, die er mit sicht­

Verlorenes Spiel. Roman von EI. Lemore.

(Fortsetzung.)

Als sie dies äußerte, begegnete sie einem Blicke aus seinen Augen, der eine Auffassung ihrer Worte kund that, wovon jegliche Absicht ihr total fern gelegen. Er schien zu glauben, sie spiele auf eine Gefahr für ihn an, wenn er beständig in ihrer Nähe verweile. Sie stammelte und ein verlegenes Roth bedeckte ihr Antlitz; die Lider senkten sich über die umflorten Augen und die Lippen vibrirten bedenklich. Er schob ihr einen Sessel hin und setzte sie hinein.

Sie sind eine der besten Frauen, die hier auf Erden gewandelt!" rief er aus,und ich bin stolz, mich Ihren Freund nennen zu dürfen! Ich hätte wissen müssen, daß mein Hiersein Ihnen Pein verursachen würde, und Sir Geoffreh's Einladung ausschlagen sollen. Sprechen Sie nicht, bis ich geendet," fuhr er rasch fort, die Hand erhebend, um der Unterbrechung zu wehren. Ich werde Ihren Rath auf den Buchstaben befolgen. Meine eigenen Neigungen will ich über Bord werfen, nach Paris eilen und mit eigenen Augen sehen, was meine Frau treibt, Weihnachten unter den Franzosen verleben, und im neuen Jahre werden Capitain Pelling und Frau vielleicht die Ehre haben, Sir Geosfrey und Miß Malling in Wigwam zu empfangen."

Ethel blickte ihn mit thränenschimmernden Augen an, doch zu sprechen durfte sie nicht wagen. Er griff ihre Hand und hielt sie fest in der seinigen, bis er geendet.

Sie müssen sich auf eine plausible Entschuldigung bei Sir Geoffrey wegen meiner abrupten Abreise am frühen Morgen besinnen, oder noch besser, ich werde von London aus telegraphiren. Von Paris gedenke ich Ihnen zu schreiben, wenn Sie es mir erlauben. Und nun, ehe ich gute Nacht wünsche, möchte ich Ihnen diesen Brief einhändigen. Ich habe denselben vor zwei Tagen von Jack Dornton erhalten. Ich weiß, Sie werden sich darüber freuen. Wir führen eine regel­mäßige Correspondenz; also kann ich Sie über seine Bewegungen unterrichtet halten. Leben Sie wohl, meine wahre, meine aufrichtige Freundin!"

Sie blieb, wie er sie verlassen, mit Jacks Brief in der Hand, regungslos stehen, hörte verhallend in der Ferne seine Stimme, als er mit der Ausrede der Er­müdung sich bei ihrem Vater entschuldigte, und war verwundert und fragte sich, wie es gekommen, daß diese Unterredung, welche siezn dem alleinigen Zwecke begonnen, etwas von Jack zu hören, mit dem Entschlüsse von