Zettel darin:
Mein herzlieber Vater, ich bitt' Dich, daß Du den Boten, der Dir den Brief bringt, nicht melden oder offenbaren wollest, daß es still und verwahrt sei, bis er kommt an den Ort, von da er ausgegangen ist. Wo ihm was widerführe, so müßt' ich dasselbe auch erleiden. Mein herzlieber Spater, als ich Dir geschrieben habe, bitt' ich Dich um Gottes willen, Du wollest mir aufs erste helfen, daß ich aus dieser elenden schweren Gefängniß komme.
Aufschrift:
Dem ehrsamen und sürsichligen Mann, Stephan Seusinger, Bürger zu Nürnberg, in der Froschau, meinem lieben Vater, soll der Brief.
Darauf ist bemerkt:
4. Januarii 1521 geantwortet durch einen Bauersmann, der sich anzeigt als Mangolds von Ebersteins Hintersasse, sei bedrängt, diesen Bries herzutragen.
Brief des Boten Jörg Ayd.
Meinen freundlichen Gruß und alles Gutes!
Herzliebe Hausfrau und herzlieber Sohn und herz- liebe Tochter und Herzliebe Schwager Ulrich, Otto und Seinrich und Peck und liebe Schwester und herzliebe eschweien und herzliebe Schwieger und alle gut Freund!
Ich thue Euch kund, daß ich gefangen bin worden von der Agatha Oedheimerin, gen Brandenstein geführt und in die Eisen gelegt, gemartert, daß mir das Blut zu Händen und Füßen ist ausgegangen, von meiner Herren von Nürnberg wegen der Helena Oedheimerin. Darumb habe ich aus großer Marter mich schätzen müssen nmb anderthalb hundert Gulden und die Schätzung soll gebracht werden gen E l m in das Wirthshaus. So bitt' ich Dich, herzliebe Hausfrau und liebe Schwäger alle, und liebe Schwester und liebe Geschweien und liebe Schwieger, Ihr wollet alle Fleiß haben mit dem Pusch und Zöllner, daß sie Euch wollen helfen und das Geld leihen, und Du, liebe Hausfrau, all Dein Gut cinzu- setzen und die Schwäger, alle Bürge zu werden, in einem Jahr zu bezahlen. Ich bitt' um Gottes willen, daß sie mir helfen, ich muß sonst sterben. Und schicket es auf fürderlichste in acht Tagen gen Elm in das Wirthshaus, oberhalb Schlüchtern gelegen. Wo aber solches nicht geschieht, so muß ich sterben. Ich bitt’ Euch um Gottes willen mir zu helsen, daß ich wieder heim komme und meinen Kindlein helfe länger vorgehen. Und ich Armer muß entgelten etlicher Treuloser, die vor sind gefangen worden und treulos find geworden.
Gegeben zu Prautstein am andern Ostertag nach Etzristi Geburt als man zählt im XXL Jahr (d. i. 1521).
Die deutsche Schule m Kamerun.
Ueber die deutsche Schule in Kamerun, von der vor einigen Monaten mehrfach die Rede gewesen ist, liegt nun seitens des Lehrers Hr. T h. Christaller, »er sich bekanntlich der schweren Aufgabe unterzog, die jungen wilden Kamerunnegrr zu Menschen zu erziehen, in der „Nordd. Allg. Ztg. ein Bericht vor. Derselbe lautet:
Die Schule ist am 24. Februar 1887 mit 32 Schülern eröffnet worden. Von Bonamandone waren 10 Schüler erschienen (darunter 7 Söhne des Häuptlings Bell), von Bonaprisa 7, von Bonaduma 8 und von Bojongo 7. Als Dolmetscher fungiere Joseph Bell. Es wurde sofort mit Lesen (mittels Buchstaben auf Pappe) und mit Schreiben auf der Schiesenasel begonnen.
DaS monatliche Schulgeld von 3 Mark (Brüder 2 Mk.) ging nur bei einem Theil der Schüler regelmäßig ein. Nach und nach mußten mehrere Schüler wegen Nichtbezahlung ausgewiesen werden, wogegen vom 11. bis 20. April 7 neue Schüler ausgenommen wurden. Fünf davon holten die früheren Schüler ein, die zwei anderen kamen in die zweite Klasse, die aus den geringer
' Beanlagten und den unregelmäßigen Schiilbesuchern zusammengesetzt ist. Dieser unregelmäßige Schulbesuch hängt mit der Beitreibung deS Schulgeldes eng zusammen. Denn Alle, die am 10. Tage des neuen Monats das Schulgeld noch nicht gezahlt haben, müssen der Schule so lange fern bleiben, bis sie das Geld bringen, was oft erst nach einem Monat geschieht. Die Schulver- fäumnisse sind deshalb meist Schuld der Väter, nicht der Schüler. Die Letzteren vermeiden die Schulver- säumnisse, da sie dadurch die an den betreffenden Tagen fallenden Noten verlieren und im Rang zurückkommen. Besonder« Erwähnung verdienen zwei 13 bis 14jährige Knaben von Bonaduwa - Ndumbe und Mukort Tokoto, die das Schulgeld stets selbst aufbringen, da ihr Vater nicht bezahlen will. — Ein probeweise aufgenommener Sohn deS Häuptlings Akwa wurde wegen unregelmäßigen Besuchs und DiebstahlS auf einem Schiff wieder entlassen. Von der ersten Klasse traten zwei Schüler aus, nachdem sie notdürftig Lesen und Schreiben gelernt hiltleu, indem ihre Väter der Ansicht waren, sie wüßten jetzt genug; in Wirklichkeit war das Schulgeld die Ursache. Viele von den unregelmäßigen Besuchern blieben nach und nach ganz weg, so daß die Schülerzahl anfangs September nur noch 21 betrug. Auch von diesen bringen mehrere den Betrag nur theil weise auf.
Die Schulzeit betrug anfangs 20 Stunden wöchentlich, yLmlich Vormittags und Nachmittags je zwei Stunden;
Mittwoch und Sonnabend Nachmittag waren frei. Seit Eintritt und für die Dauer der Regenzeit, bezw. seit 1. Juni, wurde mit Genehmigung des Gouvernements nur noch Vormittags Schule gehalten, dafür aber 3 Stunden, also 18 Stunden wöchentlich. Der Nach- mittag wurde auf Uebersetzung und Zusammenstellung einer Fibel verwendet, welche anfangs September zum Druck nach Deutschland abgangen ist.
Im verflossenen Halbjahr wurden 35 Tage Ferien gegeben. Davon kommen aber 20 Tage auf Krankheit des Lehrers. Au zwei Tagen konnten wegen zu heftigen Regens nur einzelne Schüler erscheinen, so daß auf eigentliche Ferien nur 13 Tage entfallen.
Unterrichtet wurde bisher im Lesen, Schreiben, Rechnen, Singen und Deutsch. Im Lesen und Schreiben wurde das kleine und große lateinische Alphabet eingeübt, so daß die Schüler, bezw. die anfangs September nur noch 18 Mann starke erste Klasse auf Duala Alles lesen u. schreiben kaun. Das Lesen geht noch sehr langsam, da es in Ermangelung an Büchern an Uebungsstoff fehlt. Die aus Buchstaben auf Pappe zusammengesetzten Wörter können wohl zum Lernen, aber der Umständlichkeit wegen nicht zur Uebung dienen. Das kleine deutsche Alphaber ist ebenfalls eingeübt, und es wird nun in der württem- bergischen Fibel gelesen. Seit Anfang September wird mit Tinte und Feder geschrieben. Die an Regentagen herrschende Dunkelheit macht indessen oft das Schreiben unmöglich.
Im Rechnen wird die Addition und Subtraktion dictirter 7—8ftelliger Zahlen geübt, die Multiplikation zunächst nur im Kopfrechnen. Das Rechnen geht ver- hältnißmäßig leicht, da das Zahlensystem in Duala ganz genau mit dem arabischen übercinftimmt. Die technischen Ausdrücke fehlen natürlich noch vollständig und können auch nicht aus der Landessprache gebildet werden. Ordnungszahlen giebt es nicht, noch viel weniger Brüche, weshalb Bruchrechnen seinerzeit nur auf Deutsch wird gegeben werden können.
Im Singen müssen die Lieder erst gemacht werden, da die Duala-Neger weder rhythmische noch unrythmische Lieder haben, auch sich auss Singen herzlich schlecht verstehen. Die Uebersetzung von „Heil unserm König" war schon vorhanden; mit Hilft des Dolmetschers übersetzte der Unterzeichnete bis jetzt noch zwei Choräle und das Volkslied „Ich hatt' einen Kameraden", welches übrigens zunächst nur metrisch sind, also nicht reimen. Ein Lied mit deutschem Text: „Im Wald und auf der Haide" ist gegenwärtig in Uebung. Die Volksmelodien finden lebhaften Anklang unb werden schneller gelernt als Choräle. Der Gesang, wenn man ihn so nennen darf, ist einstimmig nnd wird mittelst der Geige unter, großem Aufwand von Saiten geübt. Störend wirkt noch der Umstand, daß die meisten Schüler eben im Alter des Stimmenwechsels sich besinden.
Der Unterricht im Deutschen beschränkt sich zunächst auf Einübung einzelner Wörter und Sätze. Die für eine Duala-Zunge beinahe unmöglichen Konsonanten- Häufungen gestatten nur einen sehr langsamen Fortschritt. Seit aber die Knaben schreiben können, geht es letzter. Das größte Hinderniß ist nicht der grundverschiedene Bau der beiden Sprachen, sondern Wortarmuth des Duala. Für ganz selbstverständliche Dinge, z.B. Pflanze, Blüthe, Rinde, Tisch, grün, blau ic. ist kein Wort vorhanden — von abstrakten Dingen gar nicht zn reden —; „gestern" und „morgen" ist dasselbe Wort, und oft steht in Duala bloß ein einziges Wort zur Verfügung, wo wir im Deutschen fünf, zehn, ja bis gegen dreißig verschiedene Wörter haben. Die Bedeutung eines deutscheu Wortes zu erklären, ist deshalb sehr umständlich, oft geradezu unmöglich.
Was endlich das Betragen und den Fleiß der (acht- bis achtzehnjährigen) Schüler betrifft, so besrie-ifft der größere Theil derselben durchweg; einige können ganz gut einen Vergleich mit besseren europäischen Schülern aushalten. Unarten sind ziemlich selten und haben dann meist in Dorfstreitigkeiten ihren Grund. Als Diszipli- narmittel genügt das Entziehen der guten Noten, nach welchen jeden Monat der Rang bestimmt wird. Die Schüler zeigen großen Eifer dafür, selbst „Königssöhne" wollten lieber geschlagen sein, als daß ihnen einige Noten abgezogen würden.
Schulbesuche seitens der Eingevoreuen, besonders der Väter, sind trotz wiederholter Einladung sehr selten. Europäer erscheinen dann und wann, was stets eine gute Nachwirkung auf den Eifer der Schüler har.
KameruN/ im September 1887.
gez. Theodor Christaller, Lehrer.
Deutsches Reich.
Berlin. Der Staatssecretär Graf Herbert Bismarck ist vom Kaiser zum Wirklichen Geheimen Rath mit dem Titel Exzellenz ernannt worden. Jetzt hat der Sohn den Vater, was Titel und Ehren anlangt, bald erreicht. Möge er ihm auch sonst gleichen!
— Papst Leo XIII. feierte am 31. Dezember v. I. sein 50jähriges Priesterjubiläum; denn an diesem Tage 1837 hat er seine erste Messe zelebriert. Man muß anerkennen, daß er zu den bedeutendsten Päpsten gehört, ohne jemals in die Schroffheit und Gewaltthätigkeit seiner größter Vorgänger Gregor VII., Bonifaz VIII.: »n»Jnocenz III. zu verfallen. Er hat mancherlei gut'
gemacht, was der.Uebereifcr Pius' IX. verdorben hatte . Ohne Vorliebe für das deutsche Reich Hai er diesem sein Wohlwollen bewiesen, was ihm nicht vergessen wird. Gerade vor einem Jahr, als es sich um die Stärkung unserer Wehrkraft handelte, bot er seinen vollen Einfluß auf, um das Zentrum des Reichstags zu der Annahme des betr. Gesetzes zu bewegen, er zeigte damit ein wärmeres Verständniß für eines unserer Lebensinteressen als viele, denen es näher gelegen hätte. Wie warm hat er den Kaiser zu seinem Geburtstag begückwünscht und seine Theilnahme an dem Leiden des Kronprinzen bezeugt. Er hat niemals den Donnerkeil des Bannes geschleudert, sondern das versöhnliche Nebeneinander- - leben der Konsessionen gefördert. Das ist sein Verdienst um Deutschland, das wir in dieser Zeit doppelt zu ' würdigen haben.
Sondernach. Ueber ein Unglück auf der Wilde- schweinsjagd wird aus Sondernach im Elsaß berichtet: Zwei Brüder aus dem Ort gingen vor einigen Tagen aus die Jagd nach wilden Schweinen und bald stieß auch der jüngere auf einen Keiler und gab einen Schuß aus denselben ab. Getroffen zog sich das Thier in das nahe Gebüsch zurück. Inzwischen kam auch der ältere Bruder herbei, fand den Keiler und wollte ihn an den Ohren aus dem Dickicht ziehen. Doch das Thier sprang plötzlich aus und schlitzle mit seinen 20 Ctmtr. langen Fangzähnen dem Mann den Bauch bis an die Brust auf. Auf fein Hilferufen kamen noch zwei andere Jäger, bis das Thier mit sechs Schüssen zu Boden streckten, herbei. Der Schwerverwundete, dessen Zustand hoffnungslos ist, wurde zu seinen Angehörigen in den Ort gebracht. Ausgenommen, wog der Keiler 298 Psuud. ,
Tages-Ereignisse.
Schlüchtern. Der Herr Minister der öffentlichen Arbeiten hat angeorbnet, daß das- auf den Eisenbahn- anlagen aufgefundene sogenannte „Fallwild , weiches bis jetzt Seitens der Staatskasse in Anspruch genommen wurde, denjenigen Grundbesitzern, Jagdpächtern rc., I welchen in den von der jeweiligen Bahnstrecke durch- schuittenen oder an dieselbe angrenzenden Jagdbezirke das Jagdrecht zusteht — jedoch ohne Anerkennung eines Rechtsanspruches derselben auf Herausgabe des „Fallwildes" — fortan unentgeltlich zu überlassen ist.
— Die Zeitungen und alle, die mit ihrer Herstellung beschäftigt sind, haben in den letzten Wochen mit Damps- haft gearbeitet. Niemand waren daher die Feiertage so nöthig nnd wohlthätig, wie den Schreibern, Setzern u. Druckern der Zeitungen Die alte freundliche Sage von einem dritten Feiertag gilt für sie schon lange nicht mehr; denn die Welthändel kennen teilte Feiertage und drängen zur Arbeit, wenn sie heute auch nur aus kurzen telegraphischen Depeschen bestehen.
Salmiinfter, 1. Januar 1888. Heute fanden hier im Saale des Rathshauses zur Jubiläumsfeier deS Papstes zwei kleine Festlichkeiten statt. Dieselben waren arratigirt von den zwei hiesigen Gesangvereinen und war nur zu bedauern, daß dieselben sich nicht zu einer gemeinschaftlichen Feier einen konnten. — Das schon früher in dieser Zeitung erwähnte Weihnachtsoraivnum fand in dreimaliger Aufführung dahier statt und kann in Allem als recht gelungen bezeichnet werden. Die Vorstände des älteren Gesangvereins, besonders sein Dirigent Herr Rektor Zahn selbst halten die Wahl zu den lebenden Bildern sehr glücklich getroffen. Besonders gut war die Rolle der Maria besetzt, wohingegen sehr störte, daß das Christuskind von einer viel zu kleinen Puppe dargestellt wurde. Der Gesang wurde im Allgemeinen recht gut durchgesührt, wenngleich einige Kleinigkeiten, wie die' schlechte Aussprache z. B. des ß den guten Eindruck etwas beeinträchtigten. Auch an den Verträgen auf Ciavicr unb denen des Orchesters konnte man die große Sorgfalt erkennen, mit welcher Herr Rektor Zahn die Einübung derselben geleitet hatte. Die Bewohner Salmünsters und der Umgegend fmo demselben für den bereiteten Genuß zu großem Dank« verpflichtet. — Am 23. v. M. fand im Rathhaussaal« , eine Weihnachtsbescheerung mit Christbaum für hiesige arme Kinder statt, welche von einigen hiesigen Damen wie im vergangenen Jahre veranstaltet worden war.
Kassel, 29. December. Die Königliche Prüfungscommission der Lehrer an Mittelschulen und der Rectoren ist für das Jahr 1888 aus folgenden Mitgliedern gesammengesetzt: Provinzial - Schulrath Kannegießer hier, Vorsitzender; Regierungs- und Schulraih Dr. Falckenheiner, hier; Regierungs- u. Schulrath Dr. von Fricken in Wiesbaden; Seminar-Director Wieacker in Schlüchtern; Direclor der höheren Mädchenschule Dr. Krummacher hier und Gymnasiallehrer Stock hier. Die Prüfungscommission tritt am hiesigen Orte zusammen und werden die Prüfungstermine seitens des kgl. Pro- vinzial-Schnlcollegiums veröffentlicht werden.
— 2. Januar. In Meiningen ist gestern früh die Herzogin Mutter Marie von Sachsen- Meiningen, die Schwester des hochseligen Kurfürsten Friedrich Wilhelm von Hessen, im 83. Lebensjahre nach kurzem Krankenlager gestorben. Die Herzogin, Mutter Marie, geboren 1804, war die Tochter des Kurfürß n ' Wilhelm II. von Hessen und dessen Gemahlin August«, einer Tochter des preußischen Königs Friede. Wilhelm ILr ihr Gemahl Herzog Bernhard ist 1882 gestorben; ihre