Hersfelder Tageblatt
Amtlicher Anzeiger
Bezugspreis vierteljährlich für Hersfeld 1.50 Mark, durch die Post bezogen 1.60 Mark. Druck und Verlag von Ludwig Funks Buchdruckerei Hersfeld. Für die Redaktion verantwortlich Franz Funk in Hersfeld.
Herrselder W
für den Kreis Hersfeld
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Zernsprech-Nnschlutz Nr. 8
Nr. 185. (Erstes Blatt). Donnerstag, den 18. Dezember 1913.
Bus der Heimat«
* (WichtigfürHirschstangensucher und Hirsch st angenkäufer.) Eine prinzipiell wichtige Entscheidung sei im Nachstehenden hier mitgeteilt: In einer Strafkammersitzung zu Cassel waren zwei Bewohner des Kreises Hofgeismar des Diebstahls an abgeworfenen Hirschstangen im eingegatterten Teil des Reinhardswaldes angeklagt. Das Gericht stellte sich im Anschluß an eine Entscheidung des Reichsgerichts auf den Rechtsstandpunkt, daß der eingegatterte Teil des Reinhardswaldes als ein Wildpark zu betrachten sei, daß Hirsche und Hirschstangen im Eigentum und Besitz des Forstfiskus ständen und daß die Aneignung von Hirschstangen an sich als Diebstahl zu bestrafen sei. Die Strafkammer sprach jedoch die Angeklagten frei, weil sie ihre Angabe, daß sie im guten Glauben gehandelt hätten, nicht für widerlegt erachtete. In Zukunft werden hiernach Hirschstangen- sucher und Personen, die Hirschstangen ankaufen, sich nicht mehr auf guten Glauben oder Rechtsirrtum be- berufen können.
* (Stempel steuerbei öffentlich erBall- m u s i k.) Bei der Genehmigung öffentlicher Ballmusik über die Polizeistunde hinaus erheben zahlreiche Polizeibehörden eine doppelte Stempelsteuer, das einemal für die Tanzerlaubnis, das anderemal für die Verlängerung der Polizeistunde. Eine derartige Doppelbesteuerung soll nicht mehr stattfinöen. Die Minister des Innern und der Finanzen haben bestimmt: Ist mit der Genehmigung eine Lustbarkeit bis zu einer die Polizeistunde überschreitenden Zeit zugleich eine Verlängerung der Polizeistunde verbunden, so ist nur der Stempel der Tarifstelle 39, aber im Mindestbetrage vor 1.50 Mark zu erheben; der Stempel der Tarifstelle 51 (Polizeistunde) kommt daneben nicht zur Erhebung.
8Hersfeld, 17.Dezember. (Quittungskarten- r e v i s i o n.) Gegenwärtig findet hier eine Revision der Quittungskarten durch den Landesversicherungsinspektor in Rotenburg statt. Im Interesse der Arbeitgeber wird besonders darauf hingewiesen, daß bei Dienstboten, die Jahreslohn erhalten, die Beitragsmarken nicht mehr wie bisher am Schlüsse des Jahres, sondern am Schlüsse jeden Kalender-Vierteljahres, also Ende März, Ende Juni, Ende September und Ende Dezember zu kleben sind. Sofern die Lohnzahlung jedoch wöchentlich, 14tägig oder monatlich stattsindet, hat auch die Markenverwendung — wie bisher — zu diesen Terminen zu erfolgen. Um die Arbeitgeber vor Strafen und Weiterungen zu bewahren, empfiehlt es sich, die etwa noch rückständigen Marken sofort zu verwenden. Hierbei machen wir darauf aufmerksam, daß jede Marke ordnungsmäßig zu entwerten ist. Als Tag der Entwertung ist der letzte Tag des Zeitraumes anzugeben, für den die Beitragsmarke gilt. Da die Beitragsmarke nach § 1387 Abs. 3 R. V. O. mit dem Montag beginnt, so gilt jede einzelne Beitragsmarke, sei es nun eine Ein- wochen-, eine Zweiwochen- oder eine Dreizehnwochen- marke, immer bis zu einem Sonntag, auch wenn bei dem die Marke einklebenden Arbeitgeber eine Beschäftigung am Sonntag nicht stattsindet oder die Be- schäftigung sogar während der Woche aufhört. Somit ist durchweg der S o n n t a g als Tag der Entwertung einzutragen, auch wenn die Markenverwendung oder die Eintragung schon an einem früheren oder erst an einem späteren Tage stattsindet.
§ Hersfeld, 17. Dezember. Am Sonntag, den 21. Dezember, sind die Pvstschalter wie an sonstigen Sonntagen geöffnet,- ferner findet in der Zeit von 9 Uhr vormittags bis 12 Uhr mittags und von 5 bis 6 Uhr nachmittags außerhalb der gewöhnlichen Schalter- dienststunden Paketannahme und Paketausgabe statt. — Das hiesige Zollamt ist zur Verzollung von Postpaketen am 21., 25. und 26. von 11 Uhr vormittags bis 12 Uhr mittags geöffnet.
-w- Hersfeld, 17. Dezbr. Am 15. d. Mts. fand im „Verein" die jährliche G e n e r a l v e r s a m m l u n g des Hersfelder Reitervereins statt. Aus Fulda war Herr Major v. d. Hardt vom Feld-Art.- Regt. 47 erschienen. Durch den Vertreter der Finanz- Kommission wurde die Finanzlage des Vereins bekannt gegeben. Es wurde festgestellt, daß die Einnahmen trotz der großen Schwierigkeiten, mit denen der Verein zu kämpfen hat, die Ausgaben übersteigen. Der Hersfelder Reiterverein ist nach langen Verhandlungen in den Verband deutscher Reiter- und Pferdezucht- Vereine ausgenommen worden. Der große Vorteil, welchen die Aufnahme mit sich bringt, beruht unter anderm in der Zuwendung von namhaften Geldzuschüssen an die einzelnen Vereine, so daß es dem Hersfelder Reiterverein in Zukunft möglich sein wird, mehr Rennen mit größeren Geldpreisen auszuschreiben. Auch sind erneut Schritte getan worden, für die hiesigen
Rennen die Genehmigung zur Aufstellung eines Totalisators zu erhalten. Es wurde beschlossen, für die landwirtschaftlichen Rennen auch die Landwirtschaftskammer zu interessieren. Als Renntermin für 1914 ist Sonntag, 26. Juli, festgelegt worden, ein Tag welcher auch dem Wunsche der Stadt, die Rennen innerhalb der Baöesaison abzuhalten, Rechnung trägt. Zum stellvertretenden Vorsitzenden und Schriftführer wurde vom 1. Januar 1914 ab an Stelle des bisherigen voraussichtlich von hier scheidenden Hauptmanns Weidermann Oberleutnant von Maubeuge einstimmig gewählt. Nachdem noch einige technische Fragen erledigt waren wurde die Sitzung geschlossen.
):( Hersfeld, 17. Dezember. Zwei schwere Einbruchsdieb stähle wurden in der vergangenen Nacht hier verübt. In dem einen Fall brachen die Diebe in dem Laden des Herrn Uhrmachers August Schade ein und machten hier große Beute. Die Einbrecher waren von hinten her durch den Winkel in das Haus eingedrungen und raubten Uhren, Ketten, Ringe, Armbänder und sonstige Wertgegenstände. Jedenfalls von denselben Spitzbuben wurde noch ein Einbruch bei Herrn Restaurateur Neuhaus am Markt verübt, woselbst die Kasse mit dem Wechselgeld, verschiedene Schmuckgegenstände sowie Zigarren und Zigaretten gestohlen wurden. Auch hier war von dem Hintergebäude aus eingebrochen worden. Als Täter kommen drei Mann in Betracht, welche der Polizei bekannt sind und sich einige Tage hier aufgehalten haben, jedoch seit heute früh verschwunden sind. Man ist ihnen aber auf der Spur, so daß sie ihrem Schicksal wohl kaum entgehen werden.
Caffel, 17. Dezember. Das Debüt des Schlossers Bachmann, der gestern im < Kgl. Theater znm ersten Mal als „Sarasto" in Mozarts „Zauberflöte" die Bühne betrat, gestaltete sich zu einem lauten Erfolg für den Sänger. Die kraftvolle und umfangreiche Stimme des Sängers erweckt anscheinend schöne Hoffnungen für die Zukunft.
Schlüchtern, 15. Dezember. Der als rätselhaft gemeldete Vorfall hat seine Aufklärung gefunden. Der Kutscher einer Brauerei, der letzten Sonntag Bier nach verschiedenen Orten des Kreises brächte, hatte einige Burschen zur Gesellschaft mitgenommen und mit ihnen tüchtig gezecht. In der Löffert'schen Wirtschaft zu Gundhelm trank einer Vi Liter Rum auf einen Zug aus, wurde dadurch unfähig zu gehen und mußte in bewußtlosem Zustand, vollständig betrunken, auf den Bierwaren gelegt werden. Auf der Rückfahrt nach Schlüchtern hielt der Wagen in Elm vor der Wirtschaft „zu den 7 Brüdern". Ein Schlüch- terner Herr wollte mitfahren, da sagten ihm die Burschen, er könne das, sie hätten schon einen anf dem Wagen. Als der Schlüchterner sehen wollte, wer das sei, merkte er, daß der Betreffende bereits tot war. — Rätselhaft ist also gar nichts an der Sache, sondern es liegt der sehr betrübende Fall einer Alkoholvergiftung mit tödlichem Ausgang vor.
Frankenberg, 16. Dezember. Heute früh explodierte in der Wohnung des Fabrikarbeiters Emil Zoll hier eine auf dem warmen Herd stehende Petroleumlampe. Hierbei erlitten die Frau und zwei Kinder des Zoll so schwere Brandwunden, daß sie sämtlich in die Klinik nach Marburg geschafft werden mußten.
Verna bei Frielendorf, 16. Dezember. Heute nachmittag verunglückte der Arbeiter Luckhard von hier in dem Tonwerke der Gewerkschaft Frielendorf dadurch, daß der schwerbeladene Fahrstuhl auf unaufgeklärte Weise sich löste und ihm auf den Kopf her- niedersauste, wodurch die Schädeldecke schwer verletzt wurde. Nach der noch möglichen Hilfeleistung seitens des Arztes wurde er im Automobil nach dem Kranken- Hause Hephata gebracht. Doch fürchtet mau sehr für sein Leben. Der Unfall ist umso trauriger, als vor etwa 20 Jahren der Bruder auf ganz ähnliche Weise tödlich verunglückte.
Schmalkalden, 16. Dez. Der Reservist Rowold vom ersten Reserve-Jnfanterie-Regiment, der (wie seinerzeit berichtet wurde) im September dieses Jahres mit seinem Dienstgewehr in Näherstille auf der Kirmes auf das Publikum geschossen hatte, wurde vom Kriegsgericht in Eisenach zu neun Monaten vierzehn Tage Gefängnis verurteilt. Vom Vertreter der Anklage waren zwei Jahre vierzehn Tage Gefängnis beantragt worden.
Vom Eichsfeld, 16. Dezember. Der 24 Jahre alte ledige Bergmann Stange aus Ntedergebra warf sich in der Nähe des dortigen Bahnhofes vor die Maschine des um 9 Uhr von Cassel kommenden D-Zuges, der ihu zermalmte. Die Ursache des Selbstmordes ist un= bekannt.
Bad Wildlingen, 16. Dezember. Die Sprengungen im Sperrgebiet haben heute begonnen. Das Dorf
Berich ist bereits verschwunden, Bringhausen wird morgen, Asel übermorgen gesprengt. Die Donner der Schüsse sind weithin hörbar, selbst in Wildungen wurden Lufterschütterungen verspürt und Fenster- klirren. Im Staubecken sind jetzt 14 Millionen Kubikmeter Wasser gestaut.
Frankfurt a. M., 16. Dezember. Gestern abend riß in den Naxoswerken beim Hinaufziehen eines etwa fünfzig Kilo schweren Eisenstückes die Kette des Krans. Der Block stürzte ab und fiel auf einen fünf- undzwanzigjährigen Maurer, der sofort getötet wurde. Der junge Mann war erst seit vier Tagen verheiratet.
Frankfurt a. M., 17. Dez. Der „G. A." schreibt: Allgemein hört man viele Klagen darüber, daß sich nur die oberen Zehntausend das Vergnügen einer Zeppelinfahrt leisten können, weil die Kosten einer solchen sehr hoch sind. Man vergißt nun dabei zu berücksichtigen, daß auch die Unkosten, die mit der Fahrt verbunden sind, sehr große sind. Allein der Verbrauch an Benzin ergibt für eine zweistündige Fahrt bei einem Preise von 60 Pfg. pro Kilogramm Benzin 144 Mark. Da die drei Delag-Luftkreuzer bis Ende November in diesem Jahre 650 Fahrten gemacht haben von durchschnittlich zwei Stunden Dauer, so sind sie 1300 Stunden unterwegs gewesen und da sie pro Fahrstunde 120 Kilogramm Benzin gebrauchen, so haben sie, den obigen Preis anberechnet, die stattliche Summe von 93 000 Mark an diesem Betriebsstoff verbraucht. Es ist auch nicht uninteressant, festzustellen, daß zur Heranschaffung dieser errechneten Benzinmasse 12 Eisenbahnwaggonladungen notwendig sind.
Mainz, 16. Dez. Der Lokomotivführer Weiß aus Mainz wurde heute nacht auf dem Wege zum Dienst von einem Zuge vib^i, beiseite geschleudert und sofort getötet. Er hinterläßt Frau und Kinder. Die Leiche wurde nach dem Friedhofe gebracht.
Neustadt Kr. Kirchhain, 15. Dezember. Von einem bedauernswerten Mißgeschick wurde gestern der 10- jährige Sohn eines Einwohners im nahen Momberg betroffen. Derselbe machte sich an einer Futterschneidmaschine zu tun, geriet mit den Fingern der linken Hand in das Rädergetriebe und schnitt sich den Mittelfinger ab.
Roda, 15. Dezember. In der vergangenen Nacht ist der Hofhund des Rittergutes Drackendorf, ein deutscher Schäferhund, in den Schafstall eingedrungen und hat unter den Schafen wie eine wilde Bestie gewütet. 39 Schafe sind zerfleischt oder zerdrückt worden. Der Schaden beläuft sich auf etwa 1000 Mark.
Durch die Lupe.
(Erlauschtes vorn Weihnachtsgeschäft in Versen.)
Fräulein, bitte zwei Kravatten — wie dies Muster, für Papa. — Was? Die wären nicht mehr Mode? — sind wohl wieder bloß nicht da? — Wenn Sie nur mal nachseh'n wollten, — was, Sie haben keine Zeit? — Rufen Sie mal den Besitzer! — Ist sowas ne Möglichkeit? — — Fräulein, hier für meine Tochter — möchte ich ein Samtbarett.--Fräulein, gibt's Paradekissen — hier auch für ein Kinderbett? --Fräulein, seh'n Sie bloß den Kragen, — den mein Mädchen hier gekauft, — einmal ist er erst getragen, wie der schon zusammenlauft! ---Fräulein, eine bunte Weste, — Ecken etwas abgeschrügt, — und die Farbe möglichst ähnlich — wie sie Lehrer Meier trügt. — — Fräulein, kommen Sie nun endlich? — Eine Stunde wart' ich schon. — Weiß der Teufel, die Bedienung, — die ist heut' der reine Hohn.-- Fräulein, läßt der Stoff sich waschen? — Ist der nicht zu gut fürs Haus?--Fräulein, wie geh'n Rotweinflecke — aus ’ner Kelimdecke raus?-- Fräulein, könne» Sie mir raten, — was ich meinem Jungen kauf' ? — Es muß haltbar sein und billig, — sonst verzicht ich lieber d'rauf!--Fräulein, kommen Sie denn endlich — heute auch noch mal zu mir ? — — Fräulein, bitte welche Mode — hat man jetzt in Briefpapier? — — Fräulein, mir zwei Kragenknöpfe — hier für meinen kleinen Sohn, — aber einen Hundertmarkschein — müssen Sie mir wechseln schon. — — Fräulein, bitte, Garn zum Stricken, — und dann hab' ich mir gedacht, — daß Sie mir wohl rasch mal zeigen — wie man solches Muster macht----So hab eine halbe Stunde — ich dem Fräulein zugeschaut, — dann verließ mich die Courage, — und mit einer Gänsehaut — bin ich in die nächste Kneipe — drüben über'm Damm gewankt — und vom Kellner hab' ich stotternd — „Fräulein, ein Glas Grog!" verlangt. Walter-Walter.
Wetteranssichten für Donnerstag den 18. Dezember.
Wolkig, strichweise Regen- und Schneefülle, kälter, nördliche Winde.