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Subventionen des Kelches.

Wünsche nach Reichshilfe.

Nach dem goldenen Inhalt des Reichssäckels greifen viele Hände. Neben den Ausgaben für die Bedürfnisse des Reiches werden auch zahlreiche Zuschüsse gezahlt, und zwar an gemeinnützige Unternehmungen aüer Art. Es handelt sich dabei um ganz erkleckliche Summen. So sind im neuen Reichsetat für Subventionen nicht weni­ger als 16 Millionen ausgeworfen.

Für die Fortführung und Vollendung -es Grimm- schen Deutschen Wörterbuches werden 40 000 Mark ge­fordert, nachdem für diese Arbeit bisher schon 211000 ausgegeben sind. Auch für die internationale Biblio­graphie der Naturwissenschaften gibt das Reich 40 000 Mark; hierfür sind im ganzen schon 466 000 A gewährt worden. Für das deutsche Buchgewerbemuseum in Leip­zig werden 6000 ^ gewährt; 42 000 A sind bereits frü­her bewilligt worden. Zur Bekämpfung des Typhus werden 150 000 ^. aufgewendet; bisher wurden für die­sen Zweck 1925 000 A gezahlt. An der internationalen Erforschung der nordischen Meere beteiligt sich das Reich mit 100 000 A, an der wissenschaftlichen Erforschung oer Brustseuche der Pferde mit 30 000 A. Für die Bearbei­tung der Ergebnisse der Tiefseexpeöitcon sind bereits 155 000 A bewilligt worden, jetzt werden als 15. Rate noch 2000 A gefordert. Zur Veröffentlichung der Er­gebnisse der Südpolarexpedition werden als 11. Rate 9500 A gefordert. Die Drachenstation am Bodensee für die Erforschung der oberen Luftschichten erhält 10 0.00 A Zuschuß, 50 000 A. werden zur Erforschung der Pocken zur Verfügung gestellt, 20 000 A zur Erhaltung des Kunsthistorischen Instituts in Florenz, 50 000 A für das Deutsche Museum in München. Zur Bekämpfung der Tuberkulose sind 150 000 A ausgesetzt, zur Bekämpfung von Pflanzenschädlingen 30 000 A Die deutsche Ver­suchsanstalt für Luftschiffahrt erhält 100 000 A; bisher wurden für diese Versuchsanstalt, die 1912 mit 200 000 Mark Kosten begründet wurde, 325 000 A. ausgegeben, der Zuschuß hierfür, der 1913 noch 75 000 A betrug, ist jetzt auf 25 000 A. erhöht worden, da die Versuchsanstalt sich sehr erfreulich entwickelt hat. Für das Kolonial- denkmal in Berlin, das 320 000 A kosten soll, werden diesmal 50 000 A gefordert, für die Herstellung einer be­sonderen Zeitsignalleitung zwischen Wilhelmshaven und Norddeich 9000 A, für die aerologische Station auf Spitz­bergen 10 000 A. Die internationalen Olympischen Spiele in Berlin 1916 sollen vom Reich mit 300 000 A unterstützt werden, von denen Preußen 100 000 A über­nehmen will; 14 000 A sind bereits bewilligt, 46 000 A werden jetzt angefordert. Ferner sollen 1915 und 1916 noch je 70 000 A gewährt werden.

Die Wünsche nach Reichshilfe sind also ebenso zahl­reich wie kostspielig. Und viele müssen unerfüllt bleiben.

Ein vorkag Seimlings.

Der General über Erlebnisse in Südwest.

Im großen Saale des Sängerhauses zu Straßburg hielt Montag abend der Kommandierende General von Deimling den seit einiger Zeit angekündigten und mit Spannung erwarteten Vortrag über seine Erlebnisse in Deutsch-Südwestafrika. Von dem Vortrage hatte es bei der Entstehung und Erörterung der Zaberner Vor­kommnisse geheißen, daß er nicht gehalten werden solle, weil man Ruhestörungen befürchtete, da der General im Vordergrund der Erörterungen stand. Der Abend hat aber einen in jeder Weise glanzvollen Verlauf ge­nommen. Besonders vermerkt wurde es, daß der Kaiser­liche Statthalter Graf v. Wedel in Uniform zu dem Vor­trag erschienen war; auch die Spitzen der Behörden waren anwesend, und viele Offiziere füllten den Saal.

General v. Deimling gab einen Ueberblick über die Entstehung der Wirren in Deutsch-Südwestafrika und sagte, er habe sich seinerzeit freiwillig gemeldet, weil er nicht immer nur Platzpatronen verschießen wollte. Er­wähnt sei, daß General v. Deimling sich als Alkohol- gegyer bekannte und sagte, es sei ihm nur möglich ge­wesen, das zu leisten, was er geleistet habe, weil er dem Alkohol fast völlig entsagte; auch heute noch stehe er auf dem Standpunkte, daß der Mensch viel leistungsfähiger sei, der den Alkohol nach Möglichkeit vermeide. Jnter- estant waren die warmen Worte der Anerkennung, die General v. Deimling für die Wünschelrutenversuche des Landrats v. Uslar hatte.

v. Deimling ließ auch den Humor zur Geltung kommen und hatte mehrmals lauten Beifall, so, als er erzählte, daß die Ochsen von den Ochsentreibern mit Borliebe Vismarck, Leutwein und Deimling benannt worden seien. Der südwestafrikanische Feldzug habe zwar für unsere Kriegführung nichts Neues gebracht; er habe aber gezeigt, daß unsere Truppen trotz der langen Friedenszeit tüchtig und leistungsfähig sind, und daß sich das Vaterland in jeder Weise auf sie verlassen könne.

Das neue Fräulein.

Original-Roman von F r. Lehne.

87) (Nachdruck verboten.)

„Ja, Kind, ja! Tante wird Dich nie fragen, dafür laste mich sorgen. — Ich kann Dich aber nicht begreifen — so ein lieber, guter Mensch, doch Du mußt es ja wissen, wenn Du zu anderer Ansicht gekommen bist. Freilich, Du warst ja damals noch ein halbes Kind," — sie machte eine heftige Bewegung — „ja, ja, Trudchen," und väterlich liebevoll streichelte er sie — „beruhige Dich nur, Herzchen, weine nicht mehr —" sie lehnte an sei­ner Brust; ihr Körper bebte vor Schluchzen--aber es waren erlösende Tränen, die ihr jetzt aus den Au­gen flosten — und es wurde ihr leichter ums Herz.

Sechstes Kapitel.

Herr Teichmann mußte seiner Frau ganz energisch verboten haben, Gertrud mit der geringsten Frage zu belästigen, denn gegen ihre Gewohnheit war sie auffal­lend liebenswürdig und diskret, während sie früher das junge Mädchen durch ihre Neugierde manchmal zur Ver­zweiflung gebracht hatte. Der Hauptgrund war aber wohl der, daß sie fürchtete, Gertrud durch eine unbedachte Frage zu vertreiben.

Sie kannte die Nichte genau und wußte, daß diese ihre Drohung, sofort zu gehen, auch ausführen würde — und um solche Kleinigkeit diese unschätzbare Arbeits­kraft zu verlieren — nein! Im Stillen zerbrach sie Ach wohl den Kops Wer die Gründe, die zur Entladung geführt hatten und sprach gegen ihren Mann die Ver­mutung aus, daß Doktor Wehner Gertrud wegen ihres koketten Wesens kurzerhand den Laufpaß gegeben hätte. Da kam sie aber fchön bei ihm an; bestimmten Tones entgegnete er ihr:

Das denke nur ja nicht, Anna; der Doktor war ganz untröstlich, als er ging — und so vergnügt war

Politische Rundschau«

Generaloberst von Lindeanist, der Vorsitzende des Deutschen Kriegerbundes und preußischen Landes-Krie- gerbunöes, vollendet am 10. Dezember sein 75. Lebens­jahr. Er entstammt einer Offiziersfamilie und trat tm Frühling 1857 beim Alexander-Garde-Grenadter-Regi- ment in Berlin ein. In den drei großen Kriegen holte er sich Schwerterorden und das Eiserne Kreuz. Dem alten Kaiser hat er 10 Jahre lang als Flügeladjutant ge­dient. 1907 ließ er sich nach fünfzigjähriger Dienstzeit zur Disposition stellen.

Forderung der inneren Kolonisation. Die national­liberale Fraktion des Reichstags hat den Antrag im Reichstage eingebracht, den Reichskanzler um Vorle­gung eines Entwurfs zu ersuchen, durch den bet Gruno- stücksveräutzerungen ein landesrechtliches Vorkaufsrecht zum Zwecke der inneren Kolonisation unter gewissen Bedingungen zugelassen wird; u. a. soll dem Staate ein Vorkaufsrecht zustehen.

Weitere Einfuhr russischen Fleisches in Berlin. Auf Antrag des Berliner Magistrats verlängerte der Mini­ster für Landwirtschaft, Domänen und Forsten die Ber­lin erteilte Einfuhrgenehmigung für russisches Rind- und Schweinefleisch in dem bisherigen Umfang unter den bisherigen Bedingungen bis zum 31. März 1914. Der Minister setzt voraus, daß die Einfuhr vom Ma­gistrat eingestellt werde, sobald sich ergebe, daß nach dem Preisstanüe des einheimischen Fleisches der Verkauf rus­sischen Fleisches zu einem nennenswert billigeren Preise unmöglich sei.

Eine scharfe Absage an die Dnbliner Streikenden. Auf dem englischen Gewerkschaftskongreß kam es am Dienstag zu stürmischen Szenen. Dem Dubliner Ar­beiterführer Larkin wurde ein sehr feindseliger Empfang bereitet. Eine Zeitlang herrschte große Unordnung. Schließlich entschied sich der Kongreß mit 2 228 000 Stim­men gegen 203 000 Stimmen gegen einen Generalstreik zur Unterstützung der Dubliner Ausständigen. Trotz hef­tiger Proteste Larkins wurde eine Resolution angenom­men, in der für die Wiederaufnahme der Verhandlun­gen mit den Dubliner Arbeitgebern eingetreten wird.

Kleine Iladiriditen«

Keine neuen Postwertzeichen. Die Einführung neuer Postwertzeichen wird neuerdings aus Kreisen des Han­dels und Gewerbes angeregt. Es handelt sich hierbei um die Ausgabe von Zwischenwerten in den Sätzen von 10—20 und 50 X Die Reichspostverwaltung ist aber, wie die „Deutsche Parlaments-Korrespondenz" mitteilt, nicht geneigt, diesen Anregungen zu entsprechen.

Wieder ein Spionagefall. In Königsberg wurde der Provinzialbureauassistent Max Rosenfeld unter dringen­dem Verdacht ausländischer Spionage verhaftet. Die Haussuchung förderte viel belastendes Material zutage. Die Untersuchung wird streng geheim geführt.

Eine glückliche Stadt scheint nach dem neuesten Ver­waltungsbericht Charlottenburg zu sein. Dort gibt es nämlich 352 Bürger, die ein Einkommen von über 100 000 Mark versteuern, gegen 280 im Jahre 1910. Man sieht daraus, daß die Zahl der reichen Charlottenburger im­mer mehr wächst. Die fünf reichsten Steuerzahler ver­fügen über ein Einkommen von 790 000, 895 000, 1055 000, 1 350 000 und 2 965 000 Mark.

Wieder ein überfälliger Hamburger Dampfer. In lebhafter Sorge ist man in Hamburg über das Schicksal des Dampfers „Prinz Wilhelm". Das Schiff hat am 3. Dezember London verlassen und ist bisher im Hambur­ger Hafen nicht eingetroffen. Man befürchtet, daß der Dampfer bei den schweren Stürmen, die in den letzten Tagen auf der Nordsee herrschten, mit seiner aus 19 Mann bestehenden Besatzung untergegangen ist.

Racheakt gegen einen Pfarrer. Der vielfach vorbe­strafte Armenhäusler Lauterbach kam zum Pfarrer Km- gelin nach Thierstein (Oberfranken), um angeblich mit ihm in Armenangelegenheiten zu sprechen. Als ihm der Pfarrer entgegenkam, versetzte Lauterbach dem Geistli­chen plötzlich einen Faustschlag ins Gesicht und suchte mit einer rohen Verwünschung nach dem Messer zu grei­fen. In hartem Kampfe gelang es dem Pfarrer, den Angreifer zu Boden zu werfen und ihn solange festzu­halten, bis Hilfe kam. Lauterbach hatte wegen Beleidi­gung des Pfarrers einen Monat Gefängnis verbüßen müssen.

Gegen die Hntfedern. In Neuyork ist ebenso wie in Chicago und Philadelphia eine Bewegung im Gange, die ein Gesetz erstrebt, das Tragen seitwärts stehender Federn an Damenhüten zu verbieten. Das Publikum beklagt sich, daß der Aufenhalt in den Zügen und Unter­grundbahnen durch die hervorstehenden Federn stark ge­fährdet sei.

er gekommen! Wer weiß, was Gertrud dazu bewogen hat! Auf jeden Fall ist sie es gewesen, von der Sie Sache ausging."

„Vielleicht denkt sie, es kommt mindestens ein Prinz — diese hochmütige Person! Du kennst sie nicht so, wie ich sie kenne, Teichmann!"

„Da irrst Du Dich aber gewaltig! Hochmütig ist sie nicht, wohl aber stolz — maßlos stolz und empfind­lich! Ich rate Dir aber nochmal, frage sie nicht, und wenn Du vor Neugierde platztest — Gertrud würde so­fort gehen. Und wer hat dann den größten Schaden? Du! Denn Du kannst nicht leugnen, daß sie Dir den größten Teil der Arbeit abnimmt!"

„Du scheinst mir nicht zu gönnen, daß ich mir nach so vielen Jahren schwerer Arbeit etwas Erleichterung schaffe! Du tust gerade, als ob ich Gertrud zu viel zu­mute! Aber freilich, die Prinzessin hat immer einen Stein im Brett bei Dir," ereiferte sich Frau Anna — „sie ist so raffiniert, und versteht Euch Männer so zu nehmen —"

„Jetzt schweige aber," suhr er auf, „und laß das arme Mädel in Ruhe. Sie arbeitet unermüdlich, ist morgens die Erste, abends die Letzte, und Du schmähst sie hinter ihrem Rücken. Wenn nur jede so anständig und vornehm denkend wäre wie Gertrud! So, nun kein Wort mehr davon, wenn Du mich nicht ernstlich böse machen willst!" Sprachs und begab sich erregt in die Gaststube. —

Ein Tag floß Gertrud wie alle Tage — immer dieselbe Arbeit. Sie hatte allmählich die Leftung des Haushalts in ihrer Hand, ohne daß Frau Anna etwas merkte — oder werken wollte. Es gefiel dieser so recht gut; sie würde Gertrud sicher sehr vermißt haben, wie sie sich — aber nur sich — eingestaW. Des Morgens sowie nach Tisch schlief sie lange, ging viel spazieren, besuchte häufig das Theater; sie hatte sogar abonniert, was sie sich früher nicht so ruhig hatte leisten können

Wissenschaft, Kunst und Literatur,

Eine überraschende chirurgische Leistung. In der chirurgischen Klinik des Prof. Copula in Prag führte dessen Assistent, Dr. Joseph Horak, eine Operation aus, deren gelungener Erfolg Gegenstand lebhafter Erörte­rungen in Aerztekreisen bildete. Im September dieses Jahres kam, wie die „Vossische Zeitung" meldet, in die genannte Klinik die 16jährige Näherin Marie Obazek aus Zizkow, die an einem gefährlichen Auswüchse am rechten Oberarm (Sarkom) laborierte. Nach dem bis­herigen chirurgischen Brauch hätte nur rasche Operation des erkrankten Armes am Schultergelenk die Möglich­keit geboten, eine weitere Verbreitung des Sarkoms zu verhindern. Dr. Horak entschloß sich jedoch für eine erst kürzlich auf dem Berliner Chirurgen-Kongreß vom Prof. Kittler entwickelte Theorie, die im Prinzip besteht in der Uebertragung von Knochenteilen oder ganzen Knochen von einem toten Jndividium,, dessen Körper gesund und von infektiösen Stoffen frei war, kurz nach Eintritt des Todes auf Individuen, deren kongruente Knochenteile amputiert werden müssen. Marie Obazek blieb in klinischer Behandlung, um in günstigem Falle die Knochenübertragung sofort vornehmen zu können. Nach fünf Wochen wurde eines Tages in die Klinik Copules ein I6jähriges Mädchen mit durchschossener Schläfe in sterbendem Zustande gebracht. Das Mädchen verschied kurz nach der Einlieferung. Dr. Horak ampu­tierte ihr sofort den rechten Oberarm und fügte ihn sorgsam der in Behandlung befindlichen Obazek ein. Mittels eines in die Knochenhöhlung eingelegten El­fenbeinstäbchens wurde der Oberarm befestigt; nach Vernähen der Wunde erhielt die Patientin einen festen Verband. Nach der Operation trat keinerlei Fieber- erscheinung auf. Nach drei Wochen wurde der Verbenö abgenommen. Vorerst war der Arm noch fest und un­beweglich; aber durch beständige Uebung, Elektrisieren und Massage gewann er allmählich Beweglichkeit, und derzeit kann die Obazek den Arm normal gebrauchen, konnte die Klinik verlassen und geht ihrem Berufe nach.

Gericht und Recht»

Verurteilte Renntelegrammfälscher. Das Dortmun­der Schwurgericht verurteilte nach mehrtägiger Ver­handlung die Oberpostassistenten Sptekermann und Meier aus Unna wegen Urkundenfälschung im Amte und Betrugs zu einem Jahre acht Monaten Zuchthaus und fünf Jahren Ehrenrechtsverlust und erkannte auf Aberkennung der Fähigkeit zur Bekleidung eines öffent­lichen Amtes auf die Dauer von drei Jahren. Der Schneidermeister Vaupel aus Unna erhielt wegen An­stiftung und Beihilfe zwei Jahre Zuchthaus und fünf Jahre Ehrenrechtsverlust. Sptekermann und Meier hat­ten in verschiedenen Fällen Rennwettelegramme ge­fälscht, indem sie diese rechtzeitig aufgaben, aber zurück- hielten und verbesserten, bis die Sieger der ersten Pa­riser Rennen bekannt weren. Alle drei Verurteilten wurden sofort verhaftet.

Der Mordprozetz gegen den Pfarrer Schmidt. Vor dem Neuyorker Schwurgericht begannen am Dienstag die Verhandlungen gegen den Geistlichen Schmidt, der des Mordes an seiner Geliebten, dem Dienstmädchen Aumüller, angeklagt ist. Nach dem Gutachten der medi­zinischen Sachverständigen ist der Angeklagte völlig zu­rechnungsfähig. Seine Anwälte jedoch behaupten das Gegenteil und erklären, daß die Verhandlungen gegen ihn nicht geführt werden könnten. Damit ist Schmidt aber nicht einverstanden. Er sprang von der Anklage­bank auf und unterbrach den Verteidiger mit den Wor­ten: „Ich bin vollständig zurechnungsfähig. Ich habe den Mord eingestanden, wozu also diese Verzögerung. Kommen Sie zur Sache und lassen Sie mich in Frie­den." Im weiteren Verlauf der Verhandlung machte Schmidt fortwährend erregte Zwischenbemerkungen. Ob­gleich der Angeklagte als arm bezeichnet wird, stehen ihm vier Verteidiger zur Verfügung.

Torheiten der Mode.

Ohne Strümpfe — das Losungswort.

Aus Paris wird geschrieben: Der hauchdünne Set- denstrumpf, das Entzücken der Damen und auch der Herren, hat das Vorrecht seiner Herrschaft verloren. Die Dame der eleganten Mode zeigt sich in diesem Winter — der Jahreszeit durchaus angemessen! — ohne Strümpfe; der Schuh gibt die Kombination von Strumpf und Schuh insofern, als man den Schuh allein über den nackten Fuß zieht, die Kreuzbänder aber über das Bein hinaufschnürt und über dem Knie zu einer Schleife zusammenbindet. Der Anblick des so geschmück­ten Beines muß den Damen der Mode wohl sehr zusa­gen, denn kaum brächte ein Modehaus den Vorschlag, als er auch schon von allen Damen, die tonangebend sind, mit Begeisterung ausgenommen wurde.

Man kann nicht in Abrede stellen, daß die Mode

— sie wußte aber: zu Haus wird alles von Gertrud besorgt. Und auch die Brötchen verstand diese so appe­titlich zurecht zu machen wie Frau Anna selbst. Die Herren kamen ihr mit der größten Achtung und Zuvor­kommenheit entgegen, wenn die Gelegenheit es gab — kurz, sie betrachteten Gertrud vollständig als Dame. Auch Hauptmann von der Heyden war durch sein Ver­halten bemüht, sein Verschulden wieder gut zu machen. Er fühlte wohl, daß Gertrud ihn verachtete, und das kränkte ihn tief, weil er sie noch immer so rasend liebte; er war aber schon froh, wenn er sie in ihrer Tätigkeit beobachten konnte. Oftmals machte er Einkäufe, nur um mit ihr reden zu können. Ganz im Stillen hatte er die Hoffnung auf ihren Besitz doch noch nicht aufgegebe«; er wollte warten und werben — hier hieß es Vorsicht und Geduld!--

Gertrud war ganz zufrieden mit ihrem Los. Sie war einige Tage — während welchen sie von allen Sei­ten vermißt worden war — zu Hause gewesen, well sie Weihnachten bei Teichmanns nicht gut abkommen konnte. Die Mutter war leidlich wohl, und Erna, die Schwester, hatte sich auch recht herausgemacht, daß Ger­trud beruhigt wieder abreisen konnte.

Sehr oft aber dachte sie an ihre Zukunft; immer konnte sie doch nicht bei Teichmanns bleiben — wo dann aber hin? Sie hatte stets viel Neigung und Lust sowie auch Talent zur Bühne gehabt; das aber durst« sie ihrem Mütterchen nicht antun, sich den Brettern 3« widmen; es wäre deren Tod gewesen. Ferdinand war damals ebenfalls sehr dagegen gewesen, als sie ihm diese Absicht mitgeteilt hatte — so war es infolgedessen un­terblieben. Vorläufig war sie hier gut aufgehoben, und sie dachte ja noch nicht daran, dieses Haus zu verlassen.

Der Onkel verplauderte manche Viertelstunde mit ihr, wenn sie im Geschäft war. Er hatte sie lieb wie ein eigen Kind.

(Fortsetzung folgt.).