Hersfelder Tageblatt
für den Kreis Hersfeld
Amtlicher Anzeiger
Bezugspreis vierteljährlich für Hersfeld 1.50 Mark, durch die Post be- zogen 1.60 Mark. Druck und Verlag von Ludwig Funks Buchdruckerei 5”I5|tlUvl Hersfeld. Für die Redaktion verantwortlich Franz Funk in Hersfeld.
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Zernsprech-Knschlutz Nr. 8
N^IVV. Dienstag, den 9. Dezember 1913.
Hus der Heimat«
* Sagenkranz aus Hessen-Nassau. (Sagen und Erzählungen aus beiden Hessen und Nassau) 3. Auflage von Carl Hetzler. Verlag von Carl Vietor Cassel, Preis 4 Mk. in Leinen gebunden. Von dem „Sagenkranz" aus Hessen-Nassau, der sich von seiner ersten Auflage an allgemeiner Beliebtheit erfreut hat, ist jetzt eine dritte Ausgabe erschienen, die sich von den beiden früheren Ausgaben so vorteilhaft unterscheidet, daß sich das Buch zu den alten Freunden sicherlich noch viele neue gewinnen wird. Zunächst sei darauf hingewiesen, daß das Format etwas größer und handlicher genommen ist. Die wesentlichen Aenderungen bestehen jedoch darin, daß erstens die Zahl der Sagen erheblich erhöht worden ist, zweitens der Text zahlreiche Abbildungen erhalten hat, die gewiß vielen willkommen sein werden, drittens die Sagen nach Landschaften geordnet worden, viertens den wichtigsten Sagen Erklärungen über Entstehung und Bedeutung beigegeben sind. Das sind die Aenderungen, die den Wert und die Verwendung des Buches außerordentlich erhöhen. Der Verleger desselben, Herr Hofbuchhändler Vietor, hat es sich angelegen sein lassen, dem Buche auch eine geschmackvolle Ausstattung zu geben. So sei denn auch diese dritte Auflage des Sagenkranzes aufs wärmste empfohlen. Ein solches Buch sollte überhaupt in jeder hessischen und nassauischen Familie zu finden sein, ist es doch jedermanns Pflicht, sich mit der Geschichte und dem Sagenschatze seines Landes möglichst vertraut zu machen.
- h- Hersfeld, 8. Dezember. (Unterhaltungsabend des Ev. Arbeitervereins.) In der hiesigen Turnhalle hatte der Ev. Arbeiterverein am gestrigen Sonntag abend einen Unterhaltungsabend veranstaltet, der bei gutem Besuch sehr anregend verlief. Der Vorsitzende Herr Färbmeister Wolfs eröffnete mit warmen Begrüßungsworten den Abend und gab die Vortragsfolge bekannt, hiermit gleichzeitig mit sehr anerkennenden Worten der Mitwir- kenden, des Herrn Hauptmanns D ö r i n g von der hiesigen Kriegsschule und des Männergesangvereins Liederkranz unter Leitung des Herrn Lehrer Löwer, gedenkend. Zwei sehr gut vorgetragene Chöre des genannten Vereins bildeten den ersten Punkt des Programms und die Sänger ernteten hiermit reichen Beifall. Nun gab der Redner des Abends, Herr Hauptmann Döring, in sehr feffeln- der Weise eine Schilderung seiner Erlebmpe gelegentlich des südwestafrikanischen Feldzuges, unterstützt durch zahlreiche Lichtbildervorführungen. Beginnend mit der Ausreise mit ihren wechselvollen Bildern und Zwischenfällen (Strandung des Transportdampfers „Gertrud Wörmann" und gefahrvolle Ausbootung der Insassen) schildert der Herr Redner in eingehender Weise die eigenartigen Lebensverhältnisse in unserer halbtropischen Kolonie, die ungeheuren Schwierigkeiten des Feldzuges und das Leben und Wesen der Eingeborenen von Südwest. Nach einer kurzen Pause, während welcher der Gesangverein Liederkranz wiederum zwei Chöre in ebenfalls einwandfreier Form zum Vortrag brächte, ging Herr Hauptmann Döring zur Schilderung seiner eigenen Erfahrungen und der Ortsverhältnisse der Schutz- truppenstationen mit ihren primitiven Einrichtungen über. Sein lebendiger und lehrreicher Vortrag gipfelte in den Schlußfolgerungen, daß die dort zutage getretene zähe Tapferkeit und das entsagungsvolle Heldentum unserer Schutztruppe uns Deutschen auch für die Zukunft eine gute Gewähr biete bei allen Wechselfällen unseres Vaterlandes, Worte, die wohl in jedem Zuhörer den nachhaltigsten Eindruck hinterließen. Herr Pfarrer S ch e f f e r dankte im Namen des Arbeitervereins mit herzlichen Worten den Mitwirkenden für ihre dem Verein m so zuvorkommender Weise geleisteten Darbietungen. Nach Absingung des ersten Verses des Liedes „Deutschland, Deutschland über alles" wurde der schön verlaufene Unterhaltungsabend geschlossen.
) :( Hersfeld, 8. Dezember. Bei der heute vormittag ftattgefundenen Ersatzwahl zurHandels- k a m m e r wurde Herr Kaufmann L o r e n z Mohr mit Stimmenmehrheit gewählt.
- w- Niederaula, 7. Dezember. Aus Anlaß des fünfjährigen Bestehens des Knttllklub-Zweigvereins Niederaula fand am heutigen Abend im Nuhnschen Saale ein überaus gut besuchter musikalischer A b e n d statt. Auch von Hersfeld waren die Gönner undFreundedes Knüllklubs zahlreich erschienen. Nachdem Herr Amtsrichter Heußner in seiner Begrüßungsansprache einen kurzen Ueberblick von der Betätigung des Zweigvereins Niederaula während seines fünfjährigen Bestehens gegeben hatte, begannen die musikalischen Genüsse. Den Reigen derselben eröffnete ein polnischer Tanz, welcher von Frau Amts
gerichtssekretär W e ck w e r t h und Herrn Hauptlehrer
H o o s mit großer Fingerfertigkeit auf dem Klavier zu Gehör gebracht wurde. Der Beifall über das gut gelungene Spiel blieb denn auch nicht aus. Diesem Klaviervortrag folgten dann abwechselnd Geige, Klavier und Gesang. Besonderen Beifall erntete auch noch Herr Hauptlehrer H o o s mit der auf dem Klavier in exakter Weise vorgetragenen Rhapsodie hongroise von Liszt. Der an musikalischen Genüssen reiche Abend verlief in schönster Weise.
- b- Unterhaun, 8. Dezember. Am (Sonnabend fand hier die Eröffnung der Angebote zum Bau unserer Wasserleitung statt. Den Zuschlag für Los I, Herstellung der Quellenfassung, Sammelkammer und des Hochbehälters, erhielt Herr Maurermeister Jakob in Bebra, während die Ausführung des Los ll, Herstellung der Zuleitung, Hausanschlüsse, Hydranten etc., an die Firma W. K. Rosenberg in Hersfeld vergeben wurde. Nunmehr ist der Zeitpunkt nicht mehr allzu fern, an dem auch unsere Gemeindebewohner die Segnungen einer Wasserleitung empfinden werden.
Todenhausen bei Frielendorf, 6. Dezember. Auf der Braunkohlenzeche Frielendorf hat sich gestern ein schwerer Unfall zugetragen, der leider ein Menschenleben gefordert hat. Der Arbeiter Johannes Engel- Hardt von hier rutschte bei der Arbeit aus und geriet unglücklicherweise zwischen die Puffer eines Arbeiterzuges. Dem Bedauernswerten wurde der Brustkasten eingedrückt und beide Beine zerquetscht. Nach Anlegung eines Notverbandes brächte man ihn sofort per Auto nach Hephata bei Treysa, er erlag jedoch noch gestern nachmittag feinen Verletzungen. Der Verunglückte hinterläßt eine Frau und zwei Kinder.
Cassel, 6. Dezember. Der Provinzialausschuß für Hessen-Nassau lehnte einen Antrag auf Gewährung eines Zuschusses von 20 Prozent zu den Lebensversicherungsbeiträgen der Provinzialbeamten und Angestellten im Falle von Versicherungen bei dem Verbände öffentlicher Lebensversicherungsanstalten und einen Antrag auf Kündigung der mit den anderen Lebensversicherungsanstalten abgeschlossenen Verträge ab.
Cassel, 8. Dez. Schon seit mehreren Tagen sind Gerüchte hier im Umlauf, denen zufolge das Jnfanterie-Regt. Nr. 99, das bisher in Zabern garnisoniert war und wegen der bekannten Vorfälle vorläufig auf Truppenübungsplätze verlegt worden ist, Cassel zur ständigen Garnison erhalten werde. Auch der Straßburger Korrespondent des „B. T." meldete gestern seinem Blatte, in Straßburger Offizierskreisen verlaute, daß das Infanterie-Regiment Nr. 99 nicht mehr nach Zabern zurückkehre, vielmehr nach Cassel in Garnison kommen werde. Nach Zabern soll ein Straßburger Regiment kommen. Diese Aenderungen sollen aber erst nach Abschluß der Untersuchung und Erledigung der ganzen Affüre eintreten. — Eine Bestätignng dieser Gerüchte liegt von zuständiger Seite nicht vor. Jedoch hat diese Kombination immerhin etwas Wahrscheinlichkeit für sich, als Cassel zurzeit bekanntlich das 1. Oberelsässische Jnf.-Regt. Nr. 167 beherbergt, das möglicherweise zur Verlegung in den Elsaß bestimmt sein würde.
Cassel, 8. Dezember. Generalleutnant Liman von Sanders hat sich gestern nach Berlin begeben, um vom Kaiser in Abschiedsaudienz empfangen zu werden. Exzellenz von Liman wird morgen nach Cassel zurückkehren. Am Donnerstag wird er unsere Stadt end- giltig verlassen, um geradenwegs nach Konstantinopel zu reisen und dort sein ehrenvolles Amt anzutreten.
Eisenach, 6. Dezember. Nachdem sich die Nachricht bestätigt hatte, daß der aus Zeulenroda geflüchtete Direktor des Bankvereins, Stock, in die Fremdenlegion eingetreten sei, trat vor Monaten schon die preußische Regierung in Verhandlungen mit der Regierung Frankreichs wegen Auslieferung des flüchtigen Betrügers, die jedoch keinen Erfolg hätten. Wie berichtet, hatte Stock durch leichtfertige Geschäftsführung und gewagte Spekulationen den Bankverein Zeulenroda in wenigen Jahren um etwa 270 000 Mk. geschädigt, weshalb der Bankverein liquidieren mußte.
Vom Rennsteig, 5. Dezember. Dem orkanartigen Sturm der letzten Tage, der vielfach Schaden in den Wäldern angerichtet, auch den Telephon- und Telegraphenverkehr gestört hat, ist seit vergangener Nacht Schneefall gefolgt. Im Rennsteiggebiet bleibt der Neuschnee liegen.
Hemfurth, 6. Dezember. Wie zuverlässig verlautet, finden am 16., 17. und 18. Dezember die großen Sprengungen in den Dörfern Berich und Bringhausen statt. Gesprengt werden nicht nur alle noch stehenden Häuser und Ruinen, sondern auch sämtliche Kellergeschosse. Die Arbeiten werden voraussichtlich von Pionieren ausgeführt werden. Die Leitung hat die Artillerre-Prüfungskommiffion in Händen. Das G e-
lände wird von Militär in weitem Umkreise abgesperrt werden. An diesen Arbeiten sollte sich zuerst auch ein Zeppelinkreuzer beteiligen, der aus der Luft Granaten in die Häuser werfen sollte. Leider ist die Teilnahme des Luftschiffes jetzt abgesagt worden. Der Grund ist wohl in den überaus schlechten Landungsverhältnissen zu suchen.
Gießen, 6. Dezember. Die Gewerbebank in Lollar, die durch den inzwischen verhafteten Direktor Nies um 600 000 Mk. geschädigt wurde, hat heute vormittag Konkurs angemeldet. Zwei Gläubiger, die nur mit 5000 Mk. beteiligt waren, hatten die geplanteSanierung zum Scheitern gebracht. Durch den Konkurs wird eine große Anzahl von Familien sehr hart mitgenommen.
Darmstadt, 6. Dezember. Das Darmstädter Schwurgericht verurteilte heute den Gendarm Paul Feith, der am elften August seinen achtzehn Jahre alten Sohn erschossen und dann versucht hatte, sich selbst zu töten, zu zehn Jahren Zuchthaus. Feith hatte mit seinem Sohne wegen dessen leichtsinniger Lebensführung eine erregte Auseinandersetzung gehabt und in deren Verlauf zur Waffe gegriffen.
Arolsen, 5. Dezember. Eine äußerst segensreiche Einrichtung in unserem Lande ist das Waisenhaus in Wildungen. Die Haupteinnahme hat das Waisenhaus aus dem Vertrieb der Helenenquelle inBad Wildungen. Nach einer alten Bestimmung muß nämlich die Verwaltung derselben für jede versandte Flasche Helenen- wasser 1 Pfennig an das Waisenhaus abgeben. Bedenkt man, daß nahezu 2 Millionen Flaschen verschickt werden, so ergibt das eine Einnahme von ca. 20 000 Mk. Das ist auch ein Segen des Heilquells!
Niedermarsberg, 5. Dezember. Im benachbarten Messinghausen ereignet«' sich leider ein bedauerlicher Unglücksfall. Als auf öen Geleisen des Sauerlän- dischen Kalkwerkes eine Lokomotive sich vorwärts bewegte, wollte der Arbeiter H. an derselben vorbei, obwohl nur ein schmaler Zwischenraum zwischen der Maschine und der Randmauer war. Der Mann wurde dann an die Mauer so heftig gepreßt, daß er eine Quetschung des Beckens sowie schwere innere Verletzungen davontrug. Der Verletzte fand im Briloner Krankenhause Aufnahme- an seiner Wiederherstellung zweifelt man.
Deutscher Reichstag.
Der Reichstag führte am Sonnabend die Besprechung der Interpellation über die Arbeitslosigkeit zu Ende. Unter anderem verwies der Abg. Mumm (w. Vp.) auf die Bestrebungen Bodelschwinghs und des Vereins für soziale Kolonisation und betonte, daß eine Arbeitslosenversicherung nur in Verbindung mit dem Arbeitszwang möglich sei. Nach den Ausführungen des Abg. Brandes (Soz.) schloß die Besprechung. Es folgte die Interpellation der Konservativen über die Dienstbotenversicherung. Abg. Graf v. Westarp (kons.) führte zur Begründung aus, daß der Streit zwischen den Krankenkassen und den Aerzten die Mögliches befürchten läßt, daß erstere von dem Rechte der Barunterstützung Gebrauch machen und dadurch die Krankenversorgung leiden könne. Das Uebergangsstadium sei sehr schwierig, besonders in den östlichen Provinzen und großen Gütern, wo langfristigeVertrügezwischenDienstherrschaftu. Aerzten bestehen. Treten am 1. Januar 1914 die Krankenkassen in Kraft, ohne daß eine Regelung der Aerzte- frage erfolge, so würde das eine Verschlechterung bedeuten. Seine Freunde seien immer für besondere Krankenkassen für Landarbeiter und Dienstboten eingetreten und deshalb oft scharf angegriffen worden. Die Hausfrauen klagen besonders über die Höhe der Beiträge, die verschieden geregelt sei. Jedenfalls sei die Möglichkeit des Befreiungsantrages aufrecht zu erhalten. Den Besonderheiten der Dienstbotenversicherung sollte man in höherem Maße Rechnung tragen und eine private Versicherung überall zulassen. Diese ganze Angelegenheit lehre wieder einmal, daß der Gedanke einer sozialen Zwangsversicherung nicht überspannt werden dürfe. (Beifall.) Staatssekretär Dr. Delbrück antwortete, daß er beim besten Willen eine Ueberhaftung der Krankenversicherung nicht zugeben könne. In der Kommission herrschte seinerzeit Uebereinstimmung darüber, daß ohne Krankenversicherung der Dienstboten auf die Dauer nicht auszukommen sei. Bei Einführung der Versicherung hatten weite Kreise eine solche schon durchgeführt. Die sich zeigenden Mängel lägen nur an der Durchführung. Nachdem sich noch die Abgg. Giebel (Soz.) und Becker-Arnsberg (Ztr.) gegen die Interpellation ausgesprochen hatten, trat Vertagung auf Dienstag ein: Etatsberatung.
Wetterausfichte« für Dienstag den 9. Dezember.
Wolkig, noch meist trocken, etwas milder, westliche Winde.