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Hus dem Reiche der Technik

Ueber die Ergebnisse der Versuche mit Fernbremsung i IN Eisenbahnzügen, die kürzlich unter Aussicht der bay- ischen Eisenbahnbehörden auf der Strecke Nürnberg- Gräfenberg stattgefunden haben, werden folgende Ein­zelheiten mitgeteilt: Die Versuche haben die Brauch­barkeit des neuen Fernbremsuugssystems, das eine Er­findung des durch sein Fernlenkboot bekannt geworde­nen Lehrers Christoph Wirth darstellt, bewiesen. Im Einzelnen wirkt die Bremsvorrichtung nach dem Wirth'- Ichen System folgendermaßen: Ein Wagen des Zuges, am besten eignet sich hierzu der Gepäckwagen, wird mit einer Empfängerantenne ausgerüstet. JedG

Bahnlinie einherlaufende Telegraphen- oder Fernsprech- leitung kann als Senderantenne in Gebrauch genommen werden, wobei das neue System Einrichtungen vorsieht, die etwaige Störungen im Telegraphen- oder Fernsprech- system ausschalten. Der Lokomotivführer erhält auf die­sem Wege ein Licht- und Glockensignal, doch ist ein sol­ches nicht immer notwendig, da eventuell auch die Westiughouse-Notbremse unmittelbar betätigt werden

e, neben der

kann. Was dem neuen System seinen Vorzug sichern würde, ist nach den Angaben Wirths der Umstand, Satz die Zahl der Senderstationen je nach den Verhältnissen verringert werden kann. Nur alle 80 bis 100 Kilometer ist eine solche Senöestation erforderlich, die noch dazu in bequemer Weise mit den einzelnen Zwischenstationen und Bahnwärtersignalapparaten eine Verbindung her­stellen kann. Bei den bisherigen Versuchen wurde hier­bei ein Druckknopf oder Taster in Anwendung genom­men, doch kann auch an Stelle eines solchen ein selb­ständiger Sendeapparat treten, der durch einfaches Drehen einer Kurbel die Weitergabe der Wellenzeichen in rich­tiger Zahl- und Reihenfolge ermöglicht. Uebrigens sind die Versuche mit der Wirth'schen Fernbremsung nicht die ersten ihrer Art. In England wurden vor einiger Zeit Versuche mit allerdings anderer Grundlage mit einem anderen System gemacht, um einem Eisenbahnzug in Fahrt mittelbar Fernsprechsignale zuzuführen.

Vermischtes.

Nach einer Weltreise wieder erwischt wurde eine russische Taschendiebin, die gerade vor einem Jahre in Berlin schon einmal verhaftet worden war. Damals wurden die Warenhäuser von einem Trio heimgesucht, das aus einer „russischen Krankenschwester", deren Be­gleiterin und einem 14 Jahre alten Knaben bestand. Die drei wurden festgenommmen, als die „Kranken­schwester" mit dem Knaben, ihrem Sohne, gerade in der Wohnung der Begleiterin erschien, während die Kri­minalbeamten, die ihr Treiben beobachtet hatten, dort waren. Der letzte Diebstahl in der Leipziger Straße hatte ihnen 114 Mark eingebracht. Nach Verbüßung ei­ner Gefängnisstrafe von drei Monaten verschwand die Gesellschaft, bis am Sonnabend die Begleiterin der „Schwester" mit dem Knaben in Berlin plötzlich wieder auftauchte. Diesmal hatte sie es auf ein Warenhaus am Alexanderplatz abgesehen. Die Beamten der Son- derpatrouille erkannten sie sofort wieder, obgleich sie ihr Aeutzeres künstlich stark verändert hatte, und der Knabe sehr gewachsen war. Sie beobachteten beide und nahmen sie endlich auf frischer Tat fest. Es ergab sich, daß die Diebin von Berlin aus mit dem Knaben — von dem Verbleib der „Schwester" will sie durchaus nichts wis­sen — eine Rundreise durch Rußland, Frankreich, Bel­gien, England und Amerika gemacht hat. Von dort war sie nach Europa mit dem „Imperator" zurückgekehrt und jetzt wieder nach Berlin gekommen, um das „Weih­nachtsgeschäft" wahrzunehmen.

Ein elsässisches Geurebildchen. Just in der Mitte

en wurde. Miß

in

des Monats November, an einem der großen Markt­tage, wo sich der Verkehr in den Mittagsstunden am Hohen Steg in Stratzburg staut, war dort vor dem Ein­gang des Warenhauses Louvre ein elsässisches Ehepaar aus Kleinbürgerkreisen mit einem biederen Bayer aus irgendwelchen Ursachen aneinander geraten. Dieser bleibt nach seiner Stammeseigenschaft ruhig und gelas­sen, jenes aber schimpft wacker drauf los, und benutzt dazu recht verschwenderisch das Schimpfwort „Dreck- fchwob". Eine kleine resolute Unteroffrztersfrau aus dem Sachsenlande hat dieser Szene beigewohnt und kann sich nicht enthalten zu bemerken: „Ei ja, da gennen so sehn: „Wackes" sagen derf man nich, awer „Dreckschwobe" sa­gen se selber." Und schon hat sich um diese unvorsichtige Frau die Menge in dichten Scharen angesammelt und höhnt und schimpft. Gejohl und Gebrüll begleiten die Frau auf dem Heimweg und der Hohnruf: "Do geht e Schwobemadame, e Schwobemaöame!"

Die Stimme des Volkes. Die Frauenrechtlerinnen Londons kündigten für Mittwoch unter freiem Himmel eine Versammlung an, in der Miß Johnes reden wollte. Miß Johnes erschien und wurde von einer großen Volksmenge, die sich zum größten Teil allerdings aus Gassenjungen, halbwüchsigen Burschen, Arbeitern usw. zusammensetzte, mit großem Hallo begrüßt. Miß Johnes bestieg einen kleinen Wagen, die Rednertribüne, als sie von einer Tomate ins Auge getroffen wurde. Miß Johnes wischte sich ihr Auge aus, doch stürzte sich in­zwischen die Menge auf die „Rednertribüne", den Ge­müsekarren, und zerrte das Gefährt, obwohl es an Ket­ten befestigt war, heftig hin und her, soöatz die Rednern: lang hinfiel. Schließlich warf man noch den Wagen um, fodaß die Miß sich im Schmutz wälzte, wobei sie ohn­mächtig wurde, während ihre Anhängerinnen, die in großer Zahl versammelt waren, so schnell als möglich in den Seitenstraßen verschwanden, da die Menge An­stalten machte, sich mit ihnen in gleich entgegenkommen­der Weise zu beschäftigen, wie mit Miß Johnes.

Eine Drahtseilbahn über den Himalaya. Nach dem Berichte des amerikanischen Konsuls Baker soll das welt- entlegene Kaschmir durch eine Drahtseilbahn zugänglich gemacht werden, die in einer Länge von 120 Kilometer die Schluchten des Himalayas überspannen soll. Die Kosten dieser Drahtseilbahn werden auf 6 Millionen Mark veranschlagt. Die Vermessungsarbeiten sind schon ausgeführt. Die treibende Kraft für Drahtseilwagen soll ein elektrisches Wasserwerk in Rampore liefern. Die Drahttrossen sollen an eisernen Türmen verankert wer­den. Vorläufig ist nur Güterverkehr vorgesehen. Der aus der Jahre 1887 stammende Weg ermöglicht gegen­wärtig eine Verbindung für Waren in 14 Tagen und die Beförderunq jeder Tonne kostet rund 100 Mark. Die Drahtseilbahn wird die Verbindung in 15 Stunden be- waltigen, fodaß bedeutende Ersparnisse möglich sind.

Ein neuer Damenklub, und wie er endete. Bisher existierte schon ein Klub der Witwen, der Tauben, der Hundertkilos, der Raucher, der Nichtraucher usw. Nun kommt aus Philadelphia die Kunde, daß sich dort ein Klub für unverheiratete Damen aufgetan hat, und was sich unter dieser Gruppe zutrug, verlohnt der Mühe, er= zählt zu werden. Die Mitglieder dieses Klubs mußten sich eidlich verpflichten, niemals in den Stand der Ehe zu treten, und bet der Aufnahmefeierlichkeit wurden einige gut verstandene Phrasen gegen die Männer, diese Tyrannen, Ausbeuter und Feinde lanciert. Aber eines Tages wollte es das Geschick — wahrscheinlich irgend­eine bpshasttz Des —, daß die Präsidentin des Kubs,

enkommen-

mes.

Miß Chaterine Browne, von einem hübschen, jungen Manne, namens Jean Monaham, vor einem entsetzlichen Automobilunglück errettet wurde. Chaterine Browne hatte keinen körperlichen Nachteil erlitten, dafür war der geistige aber um so stärker. Sie war vor den Rädern des Autos nur deshalb errette: worden, um von denen der Liebe zermalmt zu werden. . . Und obwohl sie Präsidentin eines Klubs war, in dem man geschworen hatte, sich nie zu verheiraten, ehelichte sie zwei Monate nach dem Unfall ihren Erretter. Man kann sich die Empörung der Klubmitglieder vorstellen, als sie das unerhörte Betragen ihrer Vorsitzenden erfuhren. „Wir müssen den Kluv auflösen und uns alle verheiraten," schrie eine von ihnen voller Wut. Und der Vorschlag wurde einstimmig angenommen.

Die Feuerversicherung eines Wolkenkratzers. Daß die amerikanischen Wolkenkratzerbauten auch vom wirt­schaftlichen Standpunkt manche Nachteile haben, läßt ein interessanter Aufsatz eines englischen Blattes erkennen, der sich mit der Feuerversicherung der Wolkenkratzer be­schäftigt. Die großen Versicherungsgesellschaften lassen sich das größere Risiko, das Bauten von übernormarer Höhe mit sich bringen, in Form von Prämienzuschlägen bezahlen, die so hoch sind, daß Neuyork an die Feuer­versicherungsgesellschaften allein an Wolkenkratzerzu­schlägen Dutzende von Millionen bezahlt. Das Wool Worth Builöing allein entrichtet beispielsweise eine jährliche Feuerversicherungsprämie von weit über 42 000 Mark. Bis zum 8. Stockwerk macht die Feuerversiche­rung keine Unterscheidungen, aber bei Wolkenkratzern von neun Stockwerken muß für die neunte Etage ein Zuschlag von 1 Cent für jede versicherten 100 Dollar ge­zahlt werden. Dieser Zuschlag wächst mit jedem neuen Stockwerk sehr schnell empor, für ein Zehn-Etagen-Haus beispielsweise beträgt der Zuschlag bereits 2 Cent für jede 100 Dollar, bei einem 15-Etagen-Haus 22 Cent, und bei einem 25stöckigen Wolkenkratzer erreicht der Prä- mienzufchlag die hübsche Summe von 72 Cent für jede 100 Dollar. Dazu kommt noch, daß die große Feuersge­fahr die Versicherungen zwingt, weitere Extrazuschläge zu erheben, wenn Waren in den Wolkenkratzern ober­halb des siebenten Stockwerkes gelagert werden. Ein 20= stückiger Wolkenkratzer muß, wenn die in den oberen Stockwerken gelagerten Waren versichert werden sollen, 69 Cent Extrazuschlag für jede versicherten 100 Dollar bezahlen. Auf diese Weise wird die Prämie so hoch, daß die Kaufleute es in den meisten Fällen vermeiden müs­sen, oberhalb des siebenten Stockwerkes Waren zu lagern.

Sklaven des Morphiums. Eine überaus tragische Geschichte eines dem Morphiumlaster sklavisch ergebe­nen jungen Mannes wird aus Paris berichtet. Der 28jährige Marcel Leroy hatte ein Stück Seide im Werte von 160 Mark aus einem Geschäfte gestohlen und war bet der Flucht den Verfolgern in die Hände gefallen. Bei feiner Verhaftung war der junge, zum Skelett ab- gemagerte Mann in einem Zustande vollständiger Ner­venzerrüttung. Er zog auf dem Wege zur Polizeiwache eine Injektionsspritze hervor und bat seine Häscher in­brünstig, ihm eine Morphiumeinspritzung zu gestatten. „Nur eine einzige," so wehklagte er in herzzerreißenden Tönen den ganzen Weg bis zur Wache hindurch. Dort gestand er, daß ihn eine unüberwindliche Morphium­sucht beseele, gegen die anzukämpfen unmöglich sei. Nur um Geld für Morphium zu erlangen, habe er den Dieb­stahl begangen. Seit vierzehn Jahren sei er ein Sklave der Betäubungsmittel, des Morphiums und des Ko­kains, und zuletzt habe er sich bis an die hundert Ein­spritzungen täglich — ungefähr alle zehn Minuten — gemacht. Sein ganzer Körper war denn auch vom Kopf bis zu den Füßen mit kleinen Wunden bedeckt, die von den Injektionen herrührten. Unglücklicherweise hat der arme, beklagenswerte Mann auch die Mutter und Schwester in das Verderben gezogen und sie schon seit längeren Jahren zu Sklavinnen des Morphiums ge­macht. Die Schwester, die 22 Jahre zählt, liegt infolge übermäßigen Genusses von Betäubungsmitteln, im Sterben, und die Mutter ist durch die riesigen Mengen Morphium, die sie im Laufe der Jahre zu sich genom­men, dem Wahnsinn nahe.

Die Elsaß-Lothringer als Soldaten.

Reichsländer im deutschen und französischen Heere.

Aus Anlaß der Vorgänge in Zabern ist die Frage aufgeworfen worden, ob die Elsaß-Lothringer gute deutsche Sodaten seien oder nicht. Diese Frage läßt sich, wie der Korrespondenz „Heer und Politik" dazu von militärischer Seite geschrieben wird, am gerechtesten allein dadurch beantworten, daß man den Anteil fest­stellt, den die Elsaß-Lothringer am deutschen und am französischen Heere haben. Denn wenn auch erfreulicher­weise eine Erstarkung des deutschen Geistes bestätigt werden kann, so nmß doch auch festgestellt werden, daß noch heute verhältnismäßig viel Elsässer in das fran­

Denn gerade die

zösische Heer übertreten.

Es ist im Elsaß allgemein eine starke Zunahme der Heeresfreuöigkeit zu erkennen. Alle dahingehenden Zah­len beweisen, daß von einem dem deutschen Heere ab­geneigten Geiste im Elsaß wenig zu spüren ist. Aus statistischen Feststellungen über die Zeit von 1899 an geht hervor, daß die Zahl der Freiwilligen, die aus den Reichslanden kommen, sich in der Frist von 10 Jahren um 722 Mann vergrößert hat, denn sie stieg bis 1909 auf 2237 Mann. Davon kommt die meiste Zahl auf das Unterelsaß, nämlich 1234, dann folgt Lochringen mit 560 und Oberelsatz mit 433 Freiwilligen. Verhältnismäßig am stärksten ist der Prozentsatz des Zuwachses an Frei­willigen im Oberelsaß, denn er beträgt hier annähernd hundert Prozent. Dieser Zustand ist darum besonders beachtenswert, weil das Oberelsatz als der unumstrittene Besitz der Kolmarer Politiker gilt. Auch seit 1899 ist eine Zunahme in erfreulichem Sinne zu verzeichnen.

Wenn man hierzu die Tatsache in Vergleich zieht, daß die Zahl derjenigen Elsatz-Lothringer, die. um sich dem deutschen Heeresdienst zu entziehen, in die Frem­denlegion gehen, von Jahr zu Jahr stärker zurückgeht, so kann man mit Genugtuung konstatieren, datz die Freude am deutschen Heeresdienst trotz mancher gegenteiligen Anzeichen doch in einem erfreulichen Wachstum begrif­fen ist. Auf der anderen Seite werden allerdings noch immer eine Reihe Elsatz-Lothringer, die als Deutsche geboren wurden, im französischen Heere gezählt. Be­sonders als Offiziere werden die Deutschen in Frank­reich sehr gern genommen. Die Zahl der in Deutschland geborenen, französischen Offiziere betrug im letzten Jahre 398. Davon waren 12 Divisionsgenerale, 18 Brigade- generale, 20 Obersten, 26 Oberleutnants usw. Dazu kommt noch eine Reihe von Reserveoffizieren. Unter ihnen waren 33 Generäle, und zwar 8 Divisionsgeneräle und 25 Brigadegeneräle, die in Deutschland d. h. in El- satz-Lothringen geboren sind.

Man ginge fehl, wenn rnan, gerade bei den Offi­zieren, den Heeresdienst in Frankreich als ein Zeichen der allgemeinen Stimmung im Lande ansehen wollte. ____„ B____die Offiziere stammen vielfach aus alten eingesessenen lothringischen Geschlechtern und bleiben selbstverständlich der Tradition treu.

eingesessenen roth selbitverständlich i

rreichslagsecho in ver presse.

Ueber die bewegten Reichstagsverhandlungen am Mittwoch schreibt die „Germania": Sie sind auseinim- der, endgültig auseinander! — Die „Boss. ZtgZ sagt: Ob der Herr von Bethmann Hollweg sich schon eine Vor­stellung von den Wegen gemacht hat, die einzuschlagen sind, um den unabsehbaren Schaden gutzumachen, den die Ereignisse und die gestrigen Reden vom Bundesrats­tische angerichtet haben? Noch niemals war er ein Bild bedauerlicher Hilflosigkeit und Unzulänglichkeit wie diesmal. Er war, wie er sich auszudrücken beliebt, ob­jektiv: aber er stützte sich auf Berichte des Generalkom­mandos. ... Er hatte einen bürgerlichen Rock ange­zogen: er hätte die Dragoneruniform anlegen sollen. Das „Berliner Tageblatt" faßt sich dahin zusammen: In der Rede finde: sich nicht ein einziges befreiendes Wort. Die erste Mißbilligung erlitt der Kanzler vor Jahresfrist in der Enteignungsfrage. Diesmal steht die Westmarkenpolnik in Frage. Die „Post", die „Krenz- zeitung" und die „Deutsche Tageszeitung" treten an die Seite des Kanzlers. Die Kreuzzeitung sagt: Die Rede des Kanzlers war erfreulich und wird hoffentlich zur Klärung und Beruhigung beitragen. Deshalb hätte sie schon lange kommen sollen. Der Lokal-Anzeiger fragt: Wird dieses Mißtrauensvotum gegen den höchsten Reichs­beamten ins Leere verhallen? Herr von Bethmann- Hollweg hat nur davon gesprochen, daß für die Zukunft hoffentlich ein besserer Kontakt zwischen Militär- und Zivilgewalt zu ermöglichen sein werde. Der Reichstag wird sich aber nach den Erfahrungen der letzten Zeit mit dieser vagen Hoffnung nicht zufrieden geben, sondern stärkere Garantien verlangen wollen. Wenn der Kanz­ler sie zu geben vermag, wird er heute gewiß den Versuch wiederholen, einen Umschlag in der nahezu einmütigen Stimmung der Volksvertretung herbei zu führen. Der Vorwärts urteilt: Wie soll man das nennen, was nun Wirklichkeit geworden ist. Es bedeutet, daß die Reden des Reichskanzlers und des Kriegsministers die die of­fene Proklamation ist, daß im deutschen Reiche mili­taristische Gewalt vor Recht und Gesetz geht. Der Staats­bürger ist vogelfrei vor dem jüngsten Offizier, das ist der Grundsatz, den Herr von Falkenhayn nach seiner Rückkehr von Donaueschingen heute bekundet hat. Die Bürger mögen dessen gedenken.

Der Eindruck im Elsaß.

^s- Zabern, 4. Dezember. (B. Z.) Soweit sich fest­stellen läßt, ist man hier über die gestrige Rede des Reichskanzlers und des Kriegsministers enttäuscht. Maßgebende Kreise glauben jedoch, daß die Bevölkerung ruhig bleiben wird.

Stratzbnrg, 4. Dezember. Straßburg und ganz Elsatz-Lothringen beschäftigten sich gestern mit der In­terpellation im Reichstage. Die Spannung, mit der die Nachrichten erwartet wurden, läßt sich nicht beschreiben. Die Interpellation war das einzige Tagesgespräch. Um %7 Uhr erschienen die ersten Meldungen. Sie riefen ungeheure Erregung hervor. Ueberall bildeten sich dichte Gruppen. Die Polizei hatte umfassende Vorkeh­rungen getroffen und Patrouillen bewegten sich ständig durch die Straßen. Die Aufregung stieg ins Unge- messene, als der Bericht über die Debatten bekannt wurde. Die Reden des Reichskanzlers und des Kriegs­ministers haben hier einen Sturm der Entrüstung her­vorgerufen, wie seit Jahr und Tag kein Ereignis in Elsatz-Lothringen.

ob» neuestes vom Gage.

Tödlicher Sturz vom Stuhl.

o-r Rodach bei Coburg, 4. Dezember. Das fünfjäh­rige Söhnchen des Fuhrwerksbesitzers Graßmück fiel ge­stern nachmittag derart unglücklich von einem Stuhl, daß es eine schwere Kopfverletzung davontrug und noch im Laufe der Nacht starb.

Rücktritt des Kommandierenden des 11. Korps.

»-£ Cassel, 4. Dezember. Wie einige Blätter aus sicherster Quelle erfahren haben wollen, wird der Kom­mandierende General des 11. Armeekorps General der Infanterie von Scheffer - Boyadel demnächst aus Ge­sundheitsrücksichten seinen Abschied nehmen.

Verurteilung eines Werbers.

o-* Aachen, 4. Dezember. (B. Z.) Die hiesige Straf­kammer verurteilte den 22 Jahre alten Hausdiener Wolters aus Leipzig wegen des Versuches, einen jungen Mann in die Fremdenlegion zu verschleppen, zu acht Monaten Gefängnis.

Der Postranb in Belgien.

»^ Brüssel, 4. Dezember. Nach weiteren Mitteilun­gen über den gestern verübten Postraub war die zwischen Brüssel und Vervieres entwendete Wersendung an das Cölner Bankhaus Oppenheim u. Co. adressiert. Der tat­sächliche Inhalt waren 351000 Mark in deutschen Bank­noten. Das Gericht hat die strengste Untersuchung ein­geleitet. In eingeweihten Kreisen nimmt man an, daß der Diebstahl zwischen Brüssel und Lüttich verübt wurde.

Bauernrevolte auf Sizilien.

Trapani, 4. Dezember. (B. Z0 1500 Bauern- bündler marschierten gestern vor die Präfektur und ver­langten die Freilassung von zwanzig verhafteten Ge­nossen. Als ihrem Verlangen nicht entsprochen wurde,

griffen sie die Polizei an und verwundeten 25 Polizisten durch Steinwürfe. Die Ordnung wurde erst durch Truppen wieder hergestellt. 80 B

auern wurden ver-

haftet.

Die Snffragettenkönigin auf der Heimreise.

** London, 4. Dezember. (B. Z.) Der White Star- Dampfer „Majestetic" wird heute aus Amerika in Ply- mouth eintreffen. An Bord befindet sich Frau Pankhurst, die bet ihrer Landung verhaftet werden soll. Die Sufsra- getten haben alles in Bewegung gesetzt, um die Verhaf- tung zu verhindern. Eine bewaffnete Abteilung von ihnen befindet sich in Plyuwuth. Es ist ein Schnell­dampfer gechartert worden für den Fall, daß Frau Pank­hurst nach einer anderen Landungsstelle gebracht wird.

Dreister Juwelenraub am Hellen Tage.

London, 4. Dezember. Aus Neuyork wird ge= meldet: Eine Diebesbande im Automobil hat in der fünften Avenue am Hellen Tage einen dreisten Ein- öruchsdiebstahl ausgeführt. Die Diebe sprangen aus dem Auto durch die Menge, die Weihnachtseinkäufe machte und zertrümmerten die Fensterscheibe. Ehe die Leute im Laden eingreifen konnten und die Umstehenden sich von der Ueberraschung erholt hatten, rafften die Diebe ihre Beute, Juwelen im Werte von mehr als 10 000 zusammen und entflohen im Auto, trotzdem die Polizei hinter ihnen herfeuerte.

Hnerta in der Klemme.

»st’ Washington, 4. Dezember. Das Staatsdeparte­ment hat erfahren, daß General Huerta nicht mehr im­stande ist, seine Truppen zu besolden.

Werbung von Kriegsfreiwilligen in Amerika.

** Wachington, 4. Dezember. Dem Senat bat ge­stern eine Bill über 6te Anwerbung von Freiwilligen in Kriegszeiten Vorgelegen, welche den Präsidenten ermäch- ttgt, falls nach seiner Ansicht eine Kriegsgefahr bestehe, Freiwilligenabteilungen zu errichten, und zwar für die Kriegszeit, nicht für eine bestimmte Periode.