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Kaiser Ferdinand und die kaiserliche Familie mit dem gesamten Hofstaat fluchtartig, teils zu Wagen, teils zu Pferde, das Lustschloß Schönbrunn, und begaben sich nach der fürsterzbischöflichen Residenz Olmütz, wo sie im Palais des Fürsterzbischofs abstiegen. Niemand wußte, was werden sollte, niemand ahnte, welcher einschnei­dende Wechsel sich vorbereitete. . . .

Am 2. Dezember 1848 gegen 8 Uhr morgens er­schienen im Thronsaal der fürsterzbischöflichen Residenz auf Geheiß Kaiser Ferdinands die meisten Mitglieoer des Kaiserhauses, alle hohen Würdenträger und der ganze Hofstaat. Man wußte nicht, wozu man herbefohlen war. Beängstigende Gerüchte beunruhigten die Ver- sammlung, in scheuem Flüstern verharrte der Hof. Plötz­lich trat Punkt 8 Uhr das Kaiserpaar ein, begleitet von Erzherzog Franz Karl, Erzherzogin Sophie und Erzherzog Franz Josef. Man nahm Platz, nur oer Kaiser blieb stehen: kaum hatte man sich gesetzt, nahm der Kaiser ein Dokument zur Hand, und Totenstille trat ein. Der Kaiser begann zu lesen, langsam, schwer und müde. Er las und las .'. . Und ein ungeheures, starres StaunLN lähmte jäh fast alle Hörenden. Es war die Abdankungsurkunde! Als der Kaiser geendet, verlas Fürst Schwarzenberg, der Minister des kaiserlichen Hau­ses, die weiteren notwendigen Dokumente über diesen unvorhergesehenen Staatsakt, also die Urkunden, die die Thronbesteigung des Erzherzogs Franz Josef ankün- digten und den Thronverzicht von dessen Vater, Erzher­zog Franz Karl, zugunsten seines Sohnes aussprachen. (Ersterem stand nämlich zunächst die Thronfolge zu.)

Dies Ereignis erregte begreiflicher Weise erneute Sensation, hatten doch selbst die Mitglieder der kaiser­lichen Familie erst im letzten Augenblick von den Ent­schlüssen des Kaisers Kenntnis erhalten. Sodann um­armte der ehemalige Herrscher den jungen Kaiser, der sichtlich erschüttert zur Seite des Thronsessels stand, und weihte ihn zu seinem schweren Beruf, indem feine Stimme oft erstickt aussetzte, durch einige schlichte Se­gensworte, wie sie ihm sein herzliches und einfaches Wesen eingab: Gott behüte Dich! Sei nur brav! Gott wird Dich schützen! Es ist gern geschehen!" . . . Alle Zeugen dieses ergreifenden geschichtlichen Augenblicks konnten sich, so erzählt man, der Tränen nicht erwehren. Selbst der alte Kaiser weinte......

So ist alsö Erzherzog Franz Josef Kaiser geworden. Mehr als zwei Menschenalter sind seither versunken. Doch der zuversichtliche Segenswunsch des alten Kaisers Ferdinand hat sich erfüllt.Sei nur brav! Gott wird Dich schützen!" In der Tat durch zahllose Fährnisse hat den neuen Kaiser ein Göttliches gütig geleitet, durch eine unendlich lange Zeit, reich an gewaltigem Gesche­hen, und an Umwälzungen vorüber, die eine vollkom­mene Neugestaltung der österreichisch-ungarischen Mo­narchie geschaffen haben.

Vermischtes»

Verhaftung zweier gefährlicher Schwindler. Ein Vermittlungs- und ein Kautionsschwindler, die beide auf ihrem Gebiete zahlreiche Opfer fanden, konnten in Ber­lin hinter Schloß und Riegel gebracht werden. Der eine der Betrüger, den die Kriminalpolizei festnahm, ist der 38 Jahre alte frühere Administrator Eduard Kolter­mann, der in Steglitz wohnte und im Hause Manstein- straße 10 seineGeschäfte" betrieb. Koltermann begann mit einem Stellenvermittlungsgeschäft, dehnte dies aber in ganz kurzer Zeit aus und befaßte sich mit Auskunfts­erteilung, Rechtsgeschäften, Darlehusvermittlungen, Gü­terverkäufen, Inkassogeschäften usw. Dem vielseitigen Mann kam es jedoch bei all diesen Geschäften nur auf die Provisionen an. Auf Grund zahlreicher Anzeigen Geschädigter erließ der Untersuchungsrichter gegen Kol­termann einen Haftbefehl. Die Kriminalpolizei nahm ihn daraufhin fest und beschlagnahmte im Bureau und in der Privatwohnung des Verhafteten einen ganz Berg von Schriftstücken. Der auf Veraulassung der Ber­liner Polizei in Dresden verhaftete Kautionsschwindler, ein schwer vorbestrafter, 52 Jahre alterAgent" Paul Bornack, bearbeitete von Berlin ahs die größeren Pro­vinzstädte. Nach seiner Entlassung aus dem Zuchthause im Juli d. I. gelang es ihm, bei emer angesehenen Ver­sicherungsgesellschaft Beschäftigung zu finden. Nach und nach schleppte er eine ganze Menge vorgedruckter For­mulare der Firma nach Hause, gab dann seine Stellung plötzlich auf und verschwand. Er inserierte in Provinz­zeitungen, daß eine sehr angesehenen Versicherungsge­sellschaft an dem betreffenden Ort ein Zweiggeschäft zu eröffnen beabsichtige und dafür einen Subdirektor und Unterpersonal suche. Gleichzeitig nannte er ein vorneh­mes Hotel, in dem er seine Sprechstunde habe. Den Be­werbern um die ausgeschriebenen Posten nahm erKau­tionen" von 3001500 JL ab.

Die gestörte Geburtstagsfeier. Der Schrecken des Berliner Konfektionsviertels waren drei Kollidiebe, die am Sonntag bei der Geburtstagsfeier eines ihrer Ge­nossen von der Kriminialpolizei überrascht und dingfest gemacht wurden. Zwei alte Kollidiebe Sobilies und Engel hatten einen aus der Anstalt Lichtenberg ent­wichenen Fürsorgezögling Zimmert als dritten Mann gewonnen und waren ständig alle drei hinter Rollwagen her, die Stoffballen beförderten. Während einer von ihnen dem Kutscher beim Abtragen heimlich folgte, hol­ten die beiden anderen, wenn dieLuft rein" war, einen Ballen, der ihnen geeignet schien, vom Wagen herunter und schleppten ihn einstweilen nach dem nächsten Haus­flur, um ihn von dort später wegzuschaffen. So erbeu­tete die Bande große Mengen Stoffe, bis ihnen bei dem Verkauf eines Ballen, den sie in der Burgstratze gestohlen hatten, die Kriminalpolizei auf die Spur kam. Aus der Feststellung der Persönlichkeiten ging hervor, daß Engel gerade seinen Geburtstag hatte. Die Beamten sahen voraus, daß man diesen gemeinsam feiern werde und be- obchteten eine Kaschemme in der Holzmarktstraße, in der die Diebe zu verkehren pflegten. Alle drei erschienen auch zu der Feier mit ihrenBräuten". Es ging bald hoch her, aber plötzlich fand die Freude ein jähes Ende. Die Beamten erschienen aus dem Hinterhalt, nahmen die ganze Gesellschaft fest und brachten sie nach dem Polizei­präsidium.'

Eine gestohlene Herzogskrone. Von einem großen Verlust ist der Herzog von Connaught betroffen worden. Dem Herzog sind eine Anzahl wertvoller Juwelen, dar­unter verschiedene hohe Oroensauszeichnungen, abhan­den gekommen. Es steht noch nicht fest, ob sie verloren gegangen oder gestohlen worden sind. Unter den ver­mißten Kostbarkeiten befindet sich der mit Brillanten ge­schmückte Stern des Hosenbandordens, mehrere sehr wertvolle Krawattennadeln, Manschettenknöpfe, hohe Orden mit Brillanten und Rubinen sowie die goldene Herzogskrone. Die Polizei ist eifrig damit beschäftigt, die Schmucksachen, auf deren Wiederbeschaffung der Her­zog eine hohe Belohnung ausgesetzt hat, ausfindig zu machen.

Der Leibarzt der Zarin in Konkurs. Eine inter­essante Meldung übermittelt ein Telegramm aus Pe­tersburg. Gegen den Leibarzt der Zarin, Direktor der Universitätsklinik Exz. Prof. Ott, ist der Konkurs be­antragt worden. Ott hat teils allein, teils in Gemein­schaft mit HM GLMral Her Infanterie Sakomelski, dem

früheren Generalgouverneur der Ostseeprovinzen, sich in große Spekulationen. eingelassen. Die Passiven sol­len sich auf mehrere Millionen Rubel belaufen. Ott ist durch seine Reisen als ständiger Begleiter der Zarin in Europa tine bekannte Persönlichkeit.

Die tollen Launen der amerikanischen Millionäre zeitigen die eigenartigsten Blüten. Jüngst wurde ge­meldet, daß der Colonel Fleming die Absicht habe, im Laufe des Monats November seine Hochzeitsreise in einem Unterseeboote anzutreten und hier auch seine Flitterwochen zu verleben. Da seine junge Gattin sich von den Matrosen nicht bedienen lassen kann, so ist na­türlich auch eine Kammerzofe erforderlich. Die Wahl dieser Zofe scheint nur nicht sehr reicht zu sein, denn es ist nicht nach Frauengeschmack, drei bis vier Wochen oder auch nur acht Tage in einem Unterseeboote zuzu- bringen. Auf Grund einer fürstlichen Belohnung von 100 Dollar pro Monat hatten sich bei dem Millionär eine Unmasse von Kammerzofen gemeldet. Kaum hör­ten sie aber, worum es sich handelte, als alle sofort wie­der mit schnippischen Bemerkungen von dannen zogen. Der Millionär sah sich nun genötigt, in zwei großen amerikanischen Zeitungen folgendes Inserat einzusetzen: Eine Kammerzofe für ein Unterseeboot gesucht. Für eine kürzere Reise in einem Unterseeboote wird zur Be­dienung der Herrin des Unterseebootes eine Kammerzofe gesucht. Die Voraussetzung für diese Stellung ist ver- sönlicher Mut und Entschlossenheit. Eine Gefahr ist mit der Stellung in keiner Weise verbunden, da das Unter­seeboot mit allen modernen Rettungsvorrichtungen aus­gestattet ist. Unfälle von Unterseebooten erfolgen au­ßerdem in jüngster Zeit nur in ganz seltenen Fällen. Es werden im Unterseeboot auch nicht annähernd so viel Menschen getötet, wie bei Automobilfahrten. Das junge Mädchen, das die Stellung anzutreten beabsichtigt, möge sich stets gegenwärtig halten, daß es sich ruhig dem Unterseeboote anvertrauen kann, wenn es den Mut hat, eine Fahrt in einem Automobil zu wagen. Als monat­liches Gehalt werden 150 Dollar bewilligt." Die ein­dringliche Sprache, die der Colonel in dieser Anzeige führt, läßt darauf schließen, wieviel Absagen er schon er­halten hat. Auch die Erhöhung des Gehaltes um 50 Dollar für den Monat ist ein Beweis dafür, daß die anfangs ausgesetzten 100 Dollar noch nicht zugkräftig genug gewesen sind. In einer Nachschrift wird in der Anzeige darauf hingewiesen, daß vor Antritt der Stel­lung eine Probefahrt im Unterseeboote der Kammerzofe bewilligt wird, damit sie sich davon überzeugen kann, daß der Aufenthalt darin durchaus angenehm (?) und ungefährlich ist. Jetzt wartet das junge Brautpaar ge­spannt darauf, ob sich das junge Mädchen mit dem per­sönlichen Mute melden wird. Sonst muß die Hochzeits­reise im Unterseeboote aufgegeben oder eine männliche Kammerzofe angenommen werden. Beides wäre gleich schrecklich für Amerikaner.

Eine mysteriöse Diamantengeschichte. Der Edelstein­händler Jakob Pinheiro hatte vor einigen Tagen bei der Wiener Polizei die Anzeige erstattet, daß ihm auf der Eisenbahnfahrt von Amsterdam nach Wien eine Tasche mit Brillanten im Werte von 270 000 Kronen gestohlen worden sei. Die Polizei hegte gleich zu Beginn der Un­tersuchung den Verdacht, daß die Angaben Pinheiros nicht auf Wahrheit beruhen. Am Sonnabend traf nun aus Amsterdam auf telegraphischem Wege eine Anzeige mehrerer Mitglieder des Antwerpener Diamantenklubs ein, in der mitgeteilt wurde, daß Pinheiro ihnen Brillan­ten im Werte von 40 000 Francs entlockt habe. Gleich­zeitig kam aus Antwerpen ein Haftbefehl und Pinheiro wurde noch im Laufe des Abends verhaftet und in das Landgericht eingeliefert. Der Betrüger beharrt auch jetzt noch darauf, daß er auf der Eisenbahnfahrt bestohlen worden sei.

Ein Armeeskandal in England. Vor einigen Tagen brächte derDaily Expreß" Andeutungen über einen Skandal im Armee-Verpflegungsamt, wodurch verschie­dene Unteroffiziere und auch einige höhere Offiziere Der Londoner Garde- und anderer Regimenter kompromit­tiert sein sollen. Untersuchungen waren schon seit eini­gen Wochen im Gange, und die Angelegenheit soll sogar bis nach Irland sich ausgedehnt haben. Nähere Einzel­heiten waren bisher nicht erhältlich, da die Untersuchun­gen von den einzelnen Regimentern vorgenommen wur­den. Das Kriegsministerium hat aber nunmehr eine Erklärung veröffentlicht, die nähere Angaben enthalt. Ein Kriegsgericht ist zusammenberufen worden, das iu erster Linie gegen einen Major, einen Hauptmann und drei Leutnants von der Garde und von Linienregimen- tern, die gleichzeitig Proviantmeister sind, verhandeln wird. Von dem Ausgang dieses Prozesses wird es wahrscheinlich abhängen, ob gegen die übrigen Verdäch­tigen noch vorgegangen werden wird. Es soll sich um Geschenke handeln, die gewisse Lieferungsfirmen den Of­fizieren gemacht haben, wofür ihnen dann die betreffen­den Lieferungen zugeschoben wurden. Eine weltbekannte Armeelieferungsfirma» soll hierin verwickelt sein.

Andeutung. Herr (der im Cafee dem Ober schon viel schuldet):Ein feiner Kerl ist der Jean doch, . . . direkt mahnt er nicht, . . . legt mir nur immer die Zei­tung hin, mit den aufgeschlagenen Heiratsannoncen!"

3er Tango als Gol-quelle.

Die sonst in Fragen der Unterhaltung und des Ver­gnügens so zurückhaltende britische Hauptstadt, das strenge und manchmal sogar etwas griesgrämige Lon­don ist nicht wiederzuerkennen: wo immer Geselligkeit Menschen vereinigt, ist der Tango das A und das Z der Unterhaltung, und eine Abendgesellschaft oder gar ein Ball, bei denen der Tango nicht zu seinem Rechte kommt, ist kaum noch vorstellbar. Der von der Berliner Hof­gesellschaft auf Wunsch des Kaisers zurückgesetzte Mode­tanz ist von der britischen Hofgesellschaft, trotz der stren­gen Anschauungen der Königin Marie, mit offenen Ar­men ausgenommen worden. Für die Tangolehrer aber ist der vielangefeindete Tanz geradezu eine Goldgrube geworden, und der Beobachter muß sogar noch mehr als die flinken Beine dieser Tanz-Pädagogen die geradezu amerikanische Geschäftigkeit undSmartneß" aller jener findigen Männlein und Weiblein bewundern, die es ausnahmslos so meisterhaft verstehen, die Begeisterung der Londoner lächelnd in Gold auszumünzen. Mit je­dem Tag wächst die Zahl der Damen und Herren die magnetisch von diesem goldenen Götzen angezogen wer­den und sich als Tangomeister oder Tangolehrerinnen niederlassen. Zwei flinke Beine und ein beweglicher Körper sind beinahe ein gesellschaftlicher Freibrief ge- ivoröen, denn nicht immer ist es ratsam, dem Vorleben dieser neuen Helden des Parketts nachzuspttren, die mit eitlem überlegenen Lächeln das Gold scheffelweise häu­fen. Bankbeamte, die in ihrem Berufe nicht recht fort­kommen, kleine Schauspieler, Chronisten und Damen, denen sich sonst kaum die Pforten eines Salons geöffnet hätten, werden von der Tangowoge jäh zu Ansehen und Reichtum emporgetragen. Eine recht internationale Ge­sellschaft, Südamerikaner, Spanier, Herren und Damen vom Balkan: einerlei, sie tanzen vorzüglich und machen ihre Sache gut.

Und man muß es dieser so plötzlich zur Masse ge­worrenen Armee der Tanso-ProvSeten auch lassen, daß

sie sich ihr Geschäft nicht leicht machen. Die Angst, daß die Mode, wie das wahrscheinlich ist, schnell verrauchen wird, beflügelt ihre Kräfte und gibt ihnen etne Aus­dauer, die, rein körperlich betrachtet, Staunen weckt. Von morgens bis abends geben diese Damen und Her­ren Stunden auf Stunden, rasen von einem Salon zum anderen, und ihre einzigen Ruhepausen sind Die Zähr­ten im Automobil, die paar Minuten Erholung wah­rend der Fahrt zur nächstenArbeitsstätte". Selbst der späte Abend macht ihren Anstrengungen fein Ende, denn auf jeder größeren Gesellschaft zeigt man ein paar Tangotänzer und honoriert sie fürstlich. Das Lächeln auf den Lippen der Tänzerinnen wird starr und schmerz­haft, Füße und Beine tun ihnen weh, aber sie beißen die Lippen zusammen, lächeln und tanzen, tanzen Tango solange es noch Zeit ist. Denn vielleicht ver­siegt der Goldregen schon morgen, und man wird wieder untertauchen müssen in Lebenskreise, die keinen gesell- schastlichen Luxus und keine wenn auch noch so flüchtige Geltung verheißen.

Was verdienen sie nun, diese exotischen Damen und die tadellos gekleideten Herren, denen die Freude der anderen zur Goldgrube wird? Auf den Abendgesell­schaften werden denProfessionals" für eine Stunde Vorführungszeit 500 X ja in besonderen Fällen gar 1000 ./Z bezahlt. Und mit jeder Fußbewegung wächst ihr Verdienst. Die Stunden werden in kleinen Zirkeln ge­geben, mit 50, 60 oder 80 JL honoriert: 15 Minuten Nu­tet richt kosten 20 Jl. Wenn dann die Woche derTango­arbeit" vorüber ist, sind Tänzer oder Tänzerinnen um wenigstens 6000 X reicher: ja selbst die weniger gesuch­ten und weniger berühmten Lehrer und Lehrerinnen können jetzt, in der Hochflut der Tango-Mode, durch­schnittlich auf 2000 .//. Verdienst in der Woche rechnen. Erfolge bei den öffentlichen Tanzwettkämpfen bringen zwar vielfach nur Ehrenpreise, sind aber unbezahlbar als Reklame und ziehen neue Schüler an.

Neue Zwischensätze im Elsatz.

Straßburg, 2. Dezember. Zu einem neuen Zwi- schenfall kam es heute in Dettweiler. Als dort heute morgen 7 Uhr Leutnant von Forstner mit einem kriegs­starken Zuge der vierten Kompanie des 99. Infanterie- Regiments den Ort passierte, wurde er von einigen Ar­beitern erkannt und durch höhnische Zurufe beleidigt. Forstner ließ sofort Halt machen und schickte Patrouillen aus, um die Beleidiger festzunehmen. Diese flüchteten nach allen Seiten. Dem Fähnrich Wieß gelang es, einen der Leute, einen gelähmten Schuhmacher, festzunehmen, der sich mit allen Kräften seiner Verhaftung widersetzte. Bei dem entstandenen Gerause zog Leutnant von Forst­ner den Säbel und hieb den Schuhmacher über den Kopf. Die Verwundung des Mannes besteht in einer fünf Zentimeter langen Wunde über der ^tirn. von Forstner begab sich sofort zum Bürgermeisteramt und gab den Vorfall zu Protokoll.

$-£ Straßburg, 2. Dezember. (B. Z.) Der in Dett­weiler verhaftete Schuhmacher Blank wurde in der Woh­nung des Bürgermeisters einem Verhör unterzogen und darauf in ärztliche Behandlung gegeben. Er wurde als arbeitsunfähig erkannt. Blank stellt jede Beteiligung an der Beleidigung in Abrede.

6^ Metz, 2. Dezember. Wie erst jetzt bekannt wird, hat sich auch hier ein Zwischenfall ereignet. Als in der Nacht zum Sonnabend eine Militärpatrouille an einem Ehepaar auf der Straße vorüberging, lachte die am Arme ihres Mannes gehende Frau wiederholt laut auf. Darauf wurde das Ehepaar festgeuommeu. Bald hatte sich eine erregte Menge angesammelt. Einem des Weges kom­menden Polizeikommissar gelang es aber, durch Zurufe und strenge Ermahnungen Ruhe und Ordnung zu schaf­fen. Auf seine Vermittlung wurde das Ehepaar wieder freigelassen. Ein junger Bursche, der die Patrouille ge­reizt hatte, um eine Zuspitzung des Zwischenfalles Her- beizuführen, wurde durch eine Polizeipatrouille ver­haftet. _____________________________________________________

* neuestes vom Cage«

Eine Reichstagskommission ohne Regierungsver­treter.

&-$> Berlin, 2. Dezember. In der heutigen Sitzung der Kommission des Reichstags zur Regelung des Suv- missions- und Lieferungswesens gab Ministerialdirek­tor Caspar die Erklärung ab, daß mit Rücksicht auf die Erklärungen des preußischen Minister des Handels und der öffentlichen Arbeiten, wonach eine reichsgesetzliche Regelung der Materie nicht möglich sei, die Regierungs- vertreter sich künftig an den Arbeiten der Kommission nicht mehr aktiv beteiligen, sondern nur auf gewünschte Anfragen über die tatsächlichen Verhältnisse Aufschluß geben können. Trotzdem beschloß die Kommission, ihre Arbeiten fortzusetzen, da sie hofft, zu einem für die Re­gierung annehmbaren Resultat zu gelangen.

Wechsel im sächsischen Kriegsministerium.

o-^ Dresden, 2. Dezember. (B. Z.) Der sächsische Kriegsminister soll in absehbarer Zeit seinen Posten ver­lassen wollen. Als Nachfolger werden genannt die Generalmajore Carnowitz und Edler von der Planitz.

Ein Serum gegen die Klauenseuche.

Paris, 2. Dezember. Zwei Mitarbeiter des Pa- steurschen Instituts in Algier haben einer Blüttermel- dung zufolge ein wirksames Heilmittel gegen die Klauen­seuche der Schafe entdeckt. Das Ackerbauministerium hat angeordnet, daß alle aus Algier eingeführten Hammel mit dem Serum geimpft werden.

Auch ein Opfer des französischen Kulturkampfes.

w= Paris, 2. Dezember. In Mialet, Departement Garö, stürzte eine aus dem 14. Jahrhundert stammende Kirche zusammen. Der wertvolle Hochaltar mtb andere kostbarere Geräte wurden zertrümmert. Seit dem Tren- nungsgesetz ist jede Ausbesserung der Kirche unter­blieben.

Ein Sozialdemokrat Mitglied einer kgl. Akademie.

w> Brüssel, 2. Dezember. Der belgische Sozialisten- führer van der Belöe ist gestern zum Mitglied der könig­lich belgischen Akademie gewählt worden.

In der Apotheke ermordet.

0** Stockholm, 2. Dezember. Der Apotheker Hall- bergson in Hammadby bei Stockholm wurde gestern abend in seiner Apotheke von einem Manne durch einen Messerstich ins Herz getötet. Das Dienstmädchen wurde von dem Mörder schwer verletzt. Der Täter entkam.

Schiffbrüchige deutsche Seeleute.

Pitlochry"

»^London,2. Dezember. (B. Z.) Die schiffbrüchige Mannschaft des deutschen ViermastersPitlochry" wurde gestern abend in das Seemannsheim in Liver- pool eingeliefert. Einer der Schiffbrüchigen hat erheb­liche Verletzungen erlitten.

Die Notlage in Mexiko.

** Juarez, 2. Dezember. General Mercada ist mit zweitausend Mann BundEstruppen auf dem Wege nach der Grenze. Hunderte von Einwohnern haben sich völlig ausgehungert auf dem Weg nach der Grenze gemacht. Die Zustnnde in Chihuahua sind unbeschreiblich. Die Wasserleitung ist zerstört und die Lebensmittel sind ver­braucht.