Hersfelder Tageblatt
Amtlicher Anzeiger
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Hersfeld. Für die Redaktion verantwortlich Franz Funk in Hersfeld.
für den Kreis Hersfeld
SteisMott
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Zernsprech-Nnschlutz Nr. 8
Nr. 169, Sonnabend, den 29. November 1913.
Hus der Heimat.
):( Hersfeld, 28. November. Heute nachmittag gegen 3 Uhr landete in der Nähe des Eich - hofs eine mit zwei Offizieren besetzte Albatros- Flugmaschine. Die Flieger kamen aus Cöln und wollen morgen vormittag von hier aus den Weiterflug nach Gotha antreten. Das Flugzeug erschien bereits kurz nach V23 Uhr in mäßiger Höhe in ruhigem Fluge über der Stadt, nahm dann die Richtung auf den Eichhofzuund kam nach kurzer Zeit abermals hierher zurück. An den Manövern konnte man unschwer erkennen, daß eine Landung geplant war, welche dann auch in elegantem Fluge glatt von statten ging. Die Nachricht von der Landung, die sich schnell verbreitete, hatte eine Menge „Zaungäste" angelockt. Eine bestimmte Stunde, wann der Weiterflug morgen angetreten werden soll, ist noch nicht festgesetzt. Führer des Flugzeugs ist Leutnant Haupt vom 3. Flieger- Bataillon in Cöln, als Beobachtungsoffizier nahm Leutnant von Mucki vom Jäger-Regiment zu Pferde Nr. 8 aus Köln teil.
) :( Hersfeld, 28. November. Etwas ganz besonderes bietet das Hersfelder Lichtschauspielhaus in den Tagen vom Sonnabend bis Dienstag feinen Besuchern, nämlich eine große fünfaktige Posse „Wo i st C 0 l e t t i?" von Franz von Schönthan. Dieser ca. 1800 Meter lange Film hat überall bei seiner Aufführung riesige Heiterkeit erweckt, so daß auch hier der Erfolg nicht ausbleiben wird.
) :( Hersfeld, 28. November. Am gestrigen Abend fand hier die Gründung eines neuen Stenographenvereins nach dem System Stolze-Schrey statt. Dem neuen Verein, der den Namen „Schriftheil" führt, traten sofort 25 Mitglieder bei.
- b- Heringen, 28. Nov. Heute fand im hiesigen Gemeindehaus durch den Oberkommissar des Verbandes öffentlicher Lebensversicherungs-Anstalten in Deutschland ein Vortrag statt. Als Thema wurde behandelt: Die öffentliche Lebens- und Volksversicherung als eine gemeinnützige und den Bedürfnissen der Landbevölkerung, des Handwerkers und des Arbeiters, sowie der Jugend entsprechende Organisation. Der Einladung waren ca. 30 Einwohner gefolgt, auch solche aus benachbarten Gemeinden. Nachdem der Kommissar des Verbandes, Herr Bürgermeister Ge- b a u e r, sämtliche Erschienenen begrüßt hatte, erteilte er dem Oberkommissar Jeitz das Wort zu seinem angekündigten Vortrag. Redner sprach zunächst eingehend über die Entstehung der Sterbekassen rc. aus früheren Jahren. Sodann verbreitete er sich über die Verwaltung der heute bestehenden privaten Lebensversicherungsgesellschaften und aus welchem Grunde die Provinziallebensversicherungsanstalt ins Leben getreten ist. Einzelne Erschienene bestätigten die Ausführungen des Herrn Jeitz in Bezug auf private Gesellschaften. Der Vortragende stellte dann der Versammlung das Thema zur Diskussion. Es begann eine lebhafte Aussprache und die Anwesenden erkannten die Nützlichkeit der neu gegründeten öffentlichen Lebensversicherungsanstalt an. Zum Schlüsse wurde die alsbalöige Errichtung einer eigenen öffentlichrechtlichen Lebensversicherungsanstalt im Regierungsbezirk Cassel im Interesse des Allgemeinwohls für überaus wünschenswert erachtet. Herr Bürgermeister Gebauer dankte dem Redner für den ausführlichen klaren Vortrag und gab der Hoffnung Ausdruck, daß sich die neue Körperschaft entwickeln möge. Nach einem 2yLstiindigen Vortrag wurde die Versammlung gegen 10 Uhr abends geschlossen.
- h- Hundshansen, 26. November. Die hiesige Gemeindejagd ist von Herrn Hauptmann von und zu Löwenstein auf weitere 9 Jahre zum Preise von 700 Mk. p. a. pächtlich erworben worden. Der vorige Pachtpreis betrug 670 Mk. p. a.
- h- Jesberg, 27. November. Die hiesige Ge- merndejagd wird demnächst verpachtet werden. Bei dem Wildreichtum unserer Wälder und bei der bequemen Erreichung des Jagdgebietes durch die Bahn dürften sich zahlreiche Jagdliebhaber einfinden.
- H- Wickershof, 27. November. Herr Hauptmann von und zu Löwenstein obliegt seit einem Monat dem Studium an der landwirtschaftlichen Schule zu Gießen.
Homberg, 26. November. Eine vor einigen Tagen in Homberg stattgehabte Versammlung der Vertrauensmänner der konservativen Partei beschäftigte sich mit der Kandidatenfrage für die nächste Reichstagswahl. Einstimmig war man der Ansicht, Herrn
Landrat v. Gehren die Kandidatur anzutragen, da derselbe in allen Kreisen der Bevölkerung sich der allergrößten Hochachtung erfreue. Wie man zuverlässig hört, hat Herr v. Gehren die Kandidatur angenommen. Die deutschsoziale Partei hat bekanntlich fast zur selben Zeit in Wabern einen Kandidaten in der Person des Amtsgerichtsrats Lattmann aufgestellt. Wenn nun auch noch Hestermann auf den Plan tritt, dann haben wir große Auswahl.
Cassel, 27. November. Ein tödlicher Unglücksfall ereignete sich heute vormittag bei einer militärischen Uebung im Stadtteile Kirchditmold. Ein Kanonier der 5. Batterie des hiesigen Artillerie-Regiments wurde überfahren und sofort getötet. Eine Untersuchung seitens des Generalkommandos ist sofort eingeleitet worden. — Der neue Militäretat sieht an einmaligen Ausgaben für Cassel vor: Neubau einer Fußartilleriebataillonskaserne inNiederzwehren vierte Rate 450 000 Mk., Erweiterungsbau an der Trainkaserne in Cassel letzte Rate 400 000 Mk.
Cassel, 27. Nov. Heute früh kurz nach 5 Uhr hat sich ein etwa 20jähriger junger Mann auf den Bahnkörper in der Nähe der Berliner Brücke zwischen Cassel und Wilhelmshöhe gelegt und sich von einem Eisenbahnzuge überfahren lassen. Der Selbstmord ereignete sich fast an der nämlichen Stelle, an welcher am Montag abend, wie gemeldet, ein junges Mädchen aus Hanau den Tod suchte. Wie die angestellten Ermittelungen ergeben haben, handelt es sich um den Selbstmordeines Kanoniers desKurhessischenArtillerie- Regiments Nr. 11 namens W. aus dem Dorfe Noth- felden im Kreise Wolfhagen. Der Soldat diente als Freiwilliger im zweiten Jahre und war in der letzten Zeit Bursche bei einem Major. Die Stallungen des Majors befinden sich nicht weit von den Geleisen der Eisenbahn entfernt. Der Kanonier muß in frühester Morgenstunde alsbald sein Lager verlassen haben und ist nur mit Hose und Drillichjacke bekleidet zur Eisenbahn gelaufen, auf den Bahnkörper gesprungen und hat sich von dem Frankfurter Schnellzuge überfahren lassen. Der Tod ist auf der Stelle eingetreten. Der Kopf wurde dem Soldaten vom Rumpfe getrennt.
Klein-Linden, 26. November. Ein 9 Jahre alter etwas beschränkter Knabe sah im Holzschuppen ein Flobert hängen, holte es herunter und legte auf seinen 5jährigen Bruder an. Ein Schuß krachte und der Kleine brach schreiend zusammen. Die Kugel war ihm in den Unterleib gegangen. Der Kleine ist schwer verletzt.
Lollar, 26. November. In der Verhaftung des Leiters der Gewerbebank zu Lollar, H. Nies, wird dem „Gießener Anzeiger" mitgeteilt: Die gesamte Einwohnerschaft von Lollar und Umgegend hat große Verluste erlitten, ja sogar Vereine find davon betroffen. Der Kriegerverein hat über 1000 Mk. und seinen Fahnenfonös verloren. Die Anschaffung der neuen Fahne, deren Einweihung 1914 erfolgen sollte, ist unmöglich. Der Gesangverein wollte im nächsten Jahre einen großen Wettstreit mit Sängerfest abhalten. Infolge seiner Verluste und der Verluste seiner Mitglieder kann das Fest nicht abgehalten werden. Einige Einwohner sind von dem Konkurs bedroht.
Bischofsheim, 27. November. Hier hat ein zehnjähriger Knabe beim Spielen mit des Vaters Gewehr ein Schulmädchen erschossen.
Göttingen, 26. November. Im benachbarten Großen- Schneen hatte man gestern mit dem Holzfällen begonnen. Eine umstürzende Tanne traf den Holzhauer Becker so unglücklich, daß er alsbald starb.
Hanau, 26. November. In der Versammlung des landwirtschaftlichen Kreisvereins Hanau teilte der Vorsitzende Landrat Freiherr Saar auf eine Anfrage mit, daß der Bau einer elektrischen Ueberlandzentrale für den Landkreis Hanau als gesichert zu betrachten und der Abschluß eines dahingehenden Vertrages mit einer Unternehmersirma demnächst zu erwarten sei.
Reinhardshausen, 27. November. Ein Ferkel mit zwei wohlgeratenen Köpfen ist im Viehbestände eines hiesigen Landwirtes dieser Tage geworfen worden. Das Tierchen ist gesund und munter.
Gießen, 26. Nov, Ueber die Umgehungsbahn bei Klein-Linden berichtet der„G.-A." folgende interessante Einzelheiten: Bei der Ausschreibung der Erdarbeiten haben sich 32 Unternehmerfirmen aus ganz Deutsch- Inud beworben. Die Umgehnngsbahn hat eine Länge von 3000 Metern. Durch den tiefliegenden Wiesen- arund nördlich von Klein-Linden muß ein gewaltiger Bahndamm erbaut werden, der eine untere Breite von 60 und eine obere Breite von 9V» Metern erhalten wird. Stellenweise wird der Damm 15 Meter hoch. Um diesen riesigen Damm errichten zu können, müssen 600 000 Kubikmeter Boden bewegt werden. Der Damm führt zuerst der Wetzlarer Bahnstrecke entlang, biegt dann am Schildberg über die Frank
furter Straße, um östlich von Klein-Linden in die Main-Weser-Bahn einzuführen. Eine 5 Meter hohe Brücke wird über die Frankfurter Straße hinwegführen. Das Gelände zu der Bahnstrecke ist bereits angekaust und gut bezahlt worden. Etwa 250 000 Mark dürften bezahlt werden, wovon der größte Teil nach Klein-Linden fließt. Bei Dutenhofen soll die Umgehungsbahn von der Wetzlarer Strecke abzweigen und mit einer Steigung von 1 : 80 nach Klein-Linden führen. Am Allendörfer Wäldchen kommt sie 6 Meter höher zu liegen als die alte Bahnstrecke. Hier wird eine Brücke für die neue Straße nach Heuchelheim errichtet. Die neue Strecke wird gebaut, um den Bahnhof Gießen zu entlasten, und um die Güterzüge direkt von der Lahnbahnstrecke zur Main-Weser-Bahn mit Umgehung des Güterbahnhofs Gießen zu führen. Die Gesamtkosten der Umgehungsbahn sollen 3,5 Mill. Mark betragen.
Deutscher Reichstag.
Der Reichstag erledigte am Donnerstag zunächst in erster Beratung die Aenderung der Gebührenordnung für Zeugen und Sachverständige, die eine Erhöhung der bisherigen Sätze für Sachverständige und auswärtige Zeugen bringt, die alten Zeugengebühren dagegen unverändert läßt. In der kurzen Erörterung stimmten die Abgg. Cohn (Soz), Dr. Werr (Ztr.), List (nl.), Dr. Haas (fortschry, Dr. Giese (fonf.), Werner (Refpt.) und Warmnth (Rp.) der Vorlage zu, bezeichneten jedoch eine Erhöhung auch der Zeugengebühren für erforderlich. Die Vorlage ging an eine Kommission von 14 Mitgliedern. Die Vorlage über die Beschäftigung von Hilfsrichtern beim Reichsgericht wurde nach kurzer Erörterung in erster und zweiter Lesung erledigt. Es folgte die erste Lesung über die Errichtung eines Kolonialgerichtshofes. Abg. Stollen (Soz.) stellte sich dem Entwurf sympathisch gegenüber, wünschte aber den Sitz des Gerichts in Hamburg, da er so dem preußischen Einfluß entzogen sei. Auch Abg. Dr. Belzer (Ztr.) begrüßte den Entwurf und stellte zur Erwägung, den Gerichtshof dem Reichsgericht anzugliedern. Die Abgg. Dr. Paasche (natl.), Dr. Giese (fonf.), Dove (fortschr.), Warmnth (Rp.) stellten sich dem Entwurf sympathisch gegenüber und wollten die eingehende Erörterung des Ortes in der Kommission yornehmen. Nachdem noch Kolonialstaats- sekretär Dr. Solf die Bitte ausgesprochen hatte, alles zu tun, um den neuen Gerichtshof schnell ins Leben treten zu lassen, ging die Vorlage an eine Kommission von 21 Mitgliedern. Es folgte die erste Beratung der Bestimmungen über Einschränkung des Hausierhandels und der Wanderlager. Ministerialdirektor Dr. Caspar führte aus, daß die neuen Bestimmungen die Erfüllung einer allgemeinen Forderung darstellen. Abg. Brey (Soz.) sah im Entwurf erneute Schädigung der Hausierer und beantragte Kommissionsberatung. Abg. Jrl (Ztr.) hielt einen vermehrten Schutz des ansässigen Handels für notwendig, insbesondere gegen den unehrlichen Hausierhandel. Im gleichen Sinne äußerte sich Allg. Nötiger (nl.), während Abg. von Payer (fortschr.) der Meinung Ausdruck gab, daß auch das Interesse des Konsumenten des Schutzes bedarf. Abg. Graf v. Carmer-Zieserwitz (kons.) betonte, daß die Grundlage des Hausierhandels früher eine gänzlich andere war, wo es sich darum handelte, heimische Erzeugnisse abzusetzen. Heute dagegen werde mit Bazarware gehandelt, die eigens für Hausierer angefertigt wird. Eine Einschränkung des Handels mit empfüngnisverhindernden Mitteln sei aus Rücksicht auf unser Vaterland geboten. Frankreichs Beispiel bildet eine Warnung für Deutschland. Ein Volk, das auf dem Gebiete der Moral niedergeht, sei auf dem Wege zum Verfall. Seine Freunde würden alles hut, um den drohenden Verfall aufzuhalten. (Beifall rechts.) Freitag Fortsetzung.
Wandervorschläge für Sonntag.
a. 1/2 Tagestour: Hersfeld—Bingartes—Johannesberg—Hilperhausen—Kerspenhäuser Kuppe— Mengshausen- Niederaula (3 bis 4 Std.) Rückfahrt mit der Bahn.
b. 1/2 Tagestour: Hersfeld bis Neukirchen mit der Bahn, dann Oberstoppel—Stoppelsberg— Unterstoppel—Steinbach (Rhön)—Gruben—Burg- haun (3 bis 4 Std.). Rückfahrt mit der Bahn.
c. T a g e s t 0 u r: Hersfeld—Wehneberg—Giegen- berg (Kanzel)—Mittelkopf—Haukuppe (Zeichen h) — Allmershausen — Hählgans — Stellerskuppe — Forsthaus Mönches—Reckeröder Straße—Hers- feld. (5 bis 6 Std.)
Wetteranssichten für Sonnabend den 29. November. Rietst trüb und regnerisch, mild, westliche Winde.