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Die Politik des Dreibundes.

v Feste Gruppierung der europäischen Mächte.

Wenn es nach der Wiener Presse gegangen wäre, dann hätte mit dem Beginn der Delegationstagung über den Grafen Berchtold ein fürchterliches Strafgericht hereinbrechen müssen, denn in der Publizistik der Donau­monarchie wachsen die großen Staatsmänner noch dich­ter als anderswo und unter ihnen allen war kaum ein einziger, der nicht den unglücklichen Leiter der auswär- tigoen Politik Oesterreich-Ungarns Tag für Tag so viele Fehler vorgerechnet hätte, daß zehn Finger entfernt nicht ausreichten, sie aufzuzählen. Man war sich zwar nicht ganz einig darüber, wann Graf Berchtold eigentlich mit der Faust hätte öreinschlaaen müssen, aber daß er die Gelegenheit dazu verpatzt habe, darüber war man sich vollständig klar.

Nun sind die Delegationen versammelt, aber das Strafgericht ist bisher im allgemeinen sehr gnädig abge­laufen, wenn man bedenkt, daß Oesterrerch-Ungarn doch sehr lange die Kosten der Mobilmachung getragen hat, und datz es da naheliegt, nach dem Erfolg dieser kost­spieligen Bereitschaft, nach dem „Gegenwert" für 300 bis 400 Millionen Kronen zu fragen. Es scheint dem­nach, daß die Stellung des Grafen Berchtold, die man insbesondere nach seinem erfolglosen Borstoß gegen den Frieden von Bukarest im allgemeinen nicht mehr für sonderlich fest angesehen hat, sich wieder konsolidiert hätte und damit kann man auch in Deutschland zufrieden sein. Der Minister, der sich durch sein scharf markiertes Un­garn- oder wenigstens Halbungarntum eine zeitlang in die Rumänenseinöschaft hat Hineintreiben lassen, ist von dieser Escavaöe auf den festen Boden der Dreibund- solidarität zurückgekehrt, von dem sich keiner der Herren am Ballhausplay auf die Dauer entfernen kann. Er wird nach wie vor wahrscheinlich wenig Neigung haben, sich seine Politik etwa von Berlin aus diktieren zu las­sen, was man in der Wilhelmstraße auch entfernt nicht ambitioniert und nie ambitioniert hat, — liegt es doch in unserem eigenen Interesse, unverrückt daran festzu­halten, daß das Deutsche Reich und die Donaumonarchie trotz der einzigartigen Innigkeit ihres Bundesverhält­nisses und trotz ihres zweifellosen treuen Zusammen- Haltens in allen großen Entscheidungen doch nicht jede Einzelfrage der Balkanpolitik durch dieselbe Brille an- zusehen brauchen! — aber die Einigkeit in den großen Dingen ist tatsächlich für absehbare Zeit von den per­sönlichen Neigungen und Nüancen des jeweiligen Trä­gers des Ministeramtes vollständig unabhängig. Das ist auch in den neuesten Erklärungen des Grafen Berch­told deutlich zutage getreten und zwar fchon in seinem großen Exposee, noch schärfer aber nachher in der De­batte. Und daß Erzherzog Franz Ferdinand sich nicht nach Paris locken läßt, verdient in diesem Zusammen­hang ebenfalls erwähnt zu werden.

Auch Italien tritt aus der freieren „Vernunftehe" immer mehr in die volle Lebens- und Seelengemeinschaft mit seinen Verbündeten ein. In einzelnen Blättern spuken ja immer noch die Maßnahmen des Prinzen Hohenlohe gegen die Reichsitaliener in der Trientener Stadtverwaltung, aber an den maßgebenden Stellen er­kennt man offenbar das gute Recht des Statthalters zu diesem Schritte an, und gewisse deutsche Kritiker möchte man doch fragen, was sie wohl zu Franzosen in der Stadtverwaltung von Kolmar und Mülhausen sagen würden! Ganz neuerdings scheint auch ein kleiner Streit um den Golf von Adalia an der Südküste von Klein­asien entbrannt zu sein. Aber auch dieser Streit wird die durch den Tripoliskrieg endqiltig bestimmte Ent­wicklung, öieJtalien vonFrankreich vollends abziehtund es immer fester mit feinen beiden Bundesgenossen zu- sammenschmiedet, nicht unterbrechen oder auch nur auf­halten. Noch immer wird ja der Dreibund seinen rein defensiven Charakter behalten,- das wünscht man offenbar in Rom, wie man es in Berlin wünscht: nach wie vor wird er grundsätzlich völlig tolerant fein gegen die an­derweitigen politischen „Freundschaften" seiner Glieder, wie man z. B. im Deutschen Reich das erst neuerdings durch den Aufenthalt des russischen Ministerpräsidenten in Berlin gefestigte vertrauensvolle Verhältnis mit Rußland fernerhin pflegen wird, aber trotz alledem Ct die Gruppierung der europäischen Mächte jetzt und auf absehbare Zeit fester und geschlossener denn je.

Politische Rundschau.

Bevorstehende Einigung zwischen Aerzten und Krankenkassen. Nach einer Meldung der „Frkf. Ztg." hat sich das Reichsamt des Innern zu einer Vermitt­lung in dem Konflikt zwischen den Aerzten und Kran­kenkassen bereit erklärt, wenn es von beiden Parteien angerufen werde. Die Vertreter der Krankenkassen ha­ben bereits zu erkennen gegeben, daß ihnen das Eingrei­fen der Regierung erwünscht fei. Vom Aerzteverbanö liegt eine solche Kundgebung noch nicht vor, ist aber in den nächsten Tagen zu erwarten.

Das neue Fräulein.

Original-Roman von F r. L e h n e.

24) (Nachdruck verboten.)

„Aha, jetzt verstehe ich Sie — auch mal 'reingefal­len, und jetzt wird es auf diefe Weise versucht! Mit so'n bißchen Schöngeisterei kann man die kleinen Mäd­chen am sichersten fangen — auch 'ne Taktik! Ich sollt' Sie nicht kennen, lieber Marburg," und der Haupt­mann lachte frivol auf.

Albrecht ließ ihn in diesem Glauben, weil es so das Beste war. Er kannte seinen Hauptmann genau und wußte, daß dem nichts heilig war, daß er sich über alles hinwegsetzte, wenn er etwas erreichen wollte. Auf Ger­trud hatte er es schon lange abgesehen, wie Albrecht wußte: er hatte ganz offen erklärt, daß sie ihm gefiel, wie noch keine vor ihr. Dessen aber war Marburg sicher, daß der Hauptmann kein Glück bet dem jungen Mäd­chen haben würde, da kannte er sie zu genau. Jede Be­leidigung jedoch, die ihr zugefügt wurde, traf ihn, als ob sie ihm selbst gelte, und am liebsten hätte er dem kecken Heyden seine Meinung gesagt, wenn nicht die Klugheit Schweigen geboten hätte. Eine Szene hätte wirklich keinen Zweck gehabt: Gertrud wäre unnütz blotzgestellt worden und er hätte sich sein sonst ange­nehmes Leben hier verdorben.

Einige Tage bekam er sie nicht zu sehen: nur Frau Anna langweilte ihn mit ihren endlosen Erzählungen. Dann klagte sie auch oft über Gertrud. Mit dem Mäd­chen wäre gar kein Aus kommen: sie wäre der verkör­perte Eigensinn, und Teichmann bestärkte sie noch darin. Zum Beispiel hätte Doktor Wehner — übrigens ein reizend netter Mensch — sie so gebeten, Anfang Oktober die Verlobung zu veröffentlichen, aber nein, die Prin­zessin wolle nicht, ohne einen vernünftigen Grund anzu- geben — aus purem Eigensinn wollte sie bis Weihnach­ten warten — doch gewiß nur ihr — der Tante — zum

In den Besprechungen des Wiederzusammentrittes des Reichstages kommt zum Ausdruck, daß sich bei der Frage des strafrechtlichen Schutzes der Arbeitswilligen die Geister scheiden dürften. Der Jndustrierat des Han- sabunöes hat sich kürzlich dahin ausgesprochen, daß eine baldige Regelung des Schutzes der Arbeitswilligen eine der wichtigsten nächsten Aufgaben des Reichstages sei. Dieser Beschluß seines Jndustrierates unterlag am Mon­tag der Beratung des Direktoriums des Bundes. Es wurde eine vollkommene Einigung zwischen Industrie, Handwerk und Angestellten erzielt. Wie aus Cöln ge­drahtet wird, lehnt das Hauptorgan der christlichen Ge­werkschaften die Forderung von gesetzgeberischen Maß­nahmen zum Schutze der Arbeitswilligen entschieden ab und betont, daß die bestehenden gesetzlichen Maßnahmen durchaus genügten.

Ueber 8000 Anträge auf Heilbehandlung in der An- gestelltenversicherung. Obwohl erst seit Ende April die­ses Jahres die Reichsversicherungsanstalt für Angestellte das Heilverfahren zur Abwendung einer durch Erkran­kung drohenden Berufsunfähigkeit eingeleitet hat, sind bis zum Beginn dieses Monats bei der Anstalt bereits 8056 Anträge auf Uebernahme eines Heilverfahrens eingegangen. Von diesen konnten bisher 4943 genehmigt werden. Unter den erledigten Fällen spielt die Tuber­kulose eine bedeutende Rolle, denn in 1474 Fällen wur­den die Versicherten Lungenheilstätten überwiesen.

Eine besondere Organisation zugunsten der christ­lichen Missionen in den deutschen Kolonien soll im An­schluß an die Nationalspende, die zum Jubiläum des Kaisers gesammelt wurde, jetzt geschaffen werden. Am 6. Dezember wird im preußischen Herrenhaus eine Ver­sammlung unter dem Vorsitz des Präsidenten des preu­ßischen Abgeordnetenhauses von Wedel stattfinden, in der die Verfassung und die Aufgabe der neuen Organi­sation besprochen werden soll. Zu der Versammlung sind zahlreiche interessierte Persönlichkeiten aus ganz Deutschland eingeladen worden, sodaß sofort die erfor­derlichen Wahlen vorgenommen werden können, um die Tätigkeit bald aufzunehmen.

England sucht Rekruten. Um dem Mangel an Mannschaften der regulären Armee abzuhelsen, will das englische Kriegsministerium das Werbesystem moderni­sieren. Es will nach Weihnachten in den gelesensten Zei­tungen Englands Annoncen einrücken, in denen junge Leute aufgefordert werden, sich zum Militärdienst zu stellen. Das neue System soll aber nicht nur für die Be­schaffung von Rekruten, sondern auch für die Besetzung von Regierunasstellnngen überhaupt zur Anwendung kommen. Während der letzten Jahre des allgemeinen Geschäftsaufschwunges war es außerordentlich schwierig, eine ausreichende Zahl Rekruten zu erhalten, und im letzten Jahre fehlten siebentausend Mann in der regu­lären Truppe.

König Ferdinand und der Dreibund. In Paris ein- aetroffene Telegramme besagen, daß König Ferdinand dem Rate des Grafen Berchtold, nach Bulgarien zu- rückzukehren, nur dann Folge leisten werde, wenn der Dreibund ihm feine moralische Unterstützung zusichert. Hochstehende ungarische Persönlichkeiten teilen diese An­sicht. Die von verschiedenen Blättern gebrachte Nachricht, daß der Kronprinz Boris schwer erkrankt und in ein ungarisches Sanatorium gebracht sei, wird von der Wie­ner Botschaft dementiert.

Mexikanische Nöte. In der mexikanischen Hauptstadt treten allmählich bedenkliche Zustände ein. Die Lebens­mittelpreise find gestiegen und die Kaufleute befürchten noch eine Steigerung. Die finanzielle Lage ist außer­ordentlich ernst. Das Geld ist knapp. Die Aushebungen für die Armee haben große Bestürzung bei den unteren Klassen hervorgerufen. Man hat sogar Frauen als „Soldaderas" ausgehoben.

Kleine Iladiridifen.

Feuer in der Villa des Prinzen Eitel Friedrich. In der Tennishalle der vom Prinzen Eitel Friedrich be­wohnten Villa Jngenheim Bet Potsdam geriet kurz vor 6 Uhr abends die über einem Ofen befindliche Decke in Brand. Prinz Eitel Friedrich war als erster zur Stelle und beteiligte sich eifrig an den Löscharbeiten, bis die alarmierte Feuerwehr emtraf, die mittels Zimmerspritze ein griff und den Brandherd freilegte. Die Ursache war die Undichtigkeit eines eisernen Rauchabzugsrohres.

Ein neuer Vaterschaftsrekord. Der Operpostschaff­ner Schmidt in Briefen (Westpreutzen) mit 30 Kindern und der Gärtnermeister Neuwirt tn Straubing mit 31 Kindern sind durch einen Bauern in Etting bei Jngol- stadt in Oberbayern übertroffen worden, dem feine Frau das 32. Kind geboren hat. Acht davon sind mit den Eltern noch am Leben. Der Kinderreichtum der Re- kordväter in Briesen und Straubing stammt jeweils von zwei Müttern.

Luftpostdienst zwischen Paris und Nizza. Die fran­zösische Postverwaltung hat einen regelmäßigen Flug- postdienst zwischen Parks und Nizza eingerichtet. Die Flugzeuge verlassen Paris um 8 Uhr morgens und le­

Trotz: weil zum Feste so viel zu tun ist, statt darauf Rücksicht zu nehmen, wo sie ihr doch so viel Dank schul­dig ist! Da sieht man es wieder! Sie hätte sogar davon gesprochen, überhaupt dann fortzugehen — die Verlo­bung natürlich bei ihrer Mutter zu feiern — aber frei­lich, das sähe ihr ähnlich: sie wollte sich nur um den Winter hier drücken, aus Furcht, die zarten Händchen könnten leiden — und so fort. Albrecht aber fah tiefer, er ahnte den inneren Grund ihrer Weigerung, wie er den Zwiespalt in ihrer Seele ahnte.

Endlich bekam er sie eines Morgens wieder zu se­hen. Sie stand allein im Laden und machte eine be­stellte Frühstücksplatte fertig. Er begrüßte sie herzlich und sprach sein Bedauern darüber aus, daß er sie so lange nicht gesehen, daß ihm etwas fehle, wenn er nicht ein paar Worte mit ihr gesprochen hätte.

„Daran werden Sie sich auch gewöhnen müssen, Herr Leutnant," entgegnete sie, „ich habe nicht Lust, mich als Kellnerin oder Büffetmamsell ansehen zu lassen! Das bin ich vor allem meinem Bräutigam schuldig. Wenn ich die Tante unterstütze, brauche ich mir doch solchen Ton, wie ihn Herr von Heyden gegen mich anschlägt, nicht gefallen zu lassen. Ungezogen kann ich aus Rück­sicht auf den Onkel nicht gegen ihn fein, deshalb werde ich meinen Aufenthalt hier unten noch mehr beschränken! Solche Kränkungen verletzen sehr und ich verdiene sie wirklich nicht!"

„Sie haben recht, Fräulein Gertrud, und ich kann Ihnen das vollkommen nachfühlen! Hauptmann von Heyden ist gewissenlos und berüchtigt in gewissen Sachen --aber deshalb kann ich doch nicht dafür büßen — entziehen Sie mir doch Ihren Anblick nicht. Ich kenne Sie ja ganz genau, Gertrud, und weiß, daß es eine Zweite wie Sie gar nicht gibt," sagte er warm, „ich ver­ehre Sie, Gertrud, und wüßte mir nichts Lieberes als —" er brach kurz ab: fast hätte er sich verraten. Er sah,

gen den Weg bis nach Nizza in neun Stunden zurück wobei zur Ablieferung und Aufnahme neuer Postsen­dungen noch dreimal gelandet wird. Briefsendungen die bis um 8 Uhr morgens zur Beförderung mit -er Luftpost in Paris aufgeliefert werden, gelangen am sel­ben Tage in Nizza noch zur Bestellung. Das ist zwanzig Stunden früher, als bei Beförderung mit der Eisenbahn

Der neue Pegondflng in Berlin gescheitert. Pe- gouds Absicht, seine Sturzflüge noch einmal in Berlin und zwar im Westen der Stadt, zu zeigen, ist zunichte geworden. Die Verhandlungen mit der Grunewald- rennbahn haben nicht zu einem Ergebnis geführt. Einem Flug auf der Trabrennbahn in Ruhleben wurde aus polizeilichen Gründen die Genehmigung versagt. Pe- goud hat demnach auf die Berliner Veranstaltung ver­zichtet und wird in den nächsten Tagen in Hamburg fliegen.

Eröffnung des Panamakanals unbestimmt. Oberst Goethals, der Bauleiter am Panamakanal, erklärt in seinem Jahresbericht, das Datum der Eröffnung des Kanals für die Schiffahrt fei ganz unbestimmt, da noch beständig Rutschungen vorkämen, deren Verhinderung sich bis jetzt als unmöglich erweise: Baggerarbeiten seien der einzige Ausweg.

Die lebensverlängernde Zwiebel. Hetty Green, eine der reichsten Frauen Amerikas, die gegenwärtig in Paris lebt, erklärte den sie dort zu ihrem 78. Geburts- seste beglückwünschenden Journalisten, daß sie die Er­haltung ihre Gesundheit allein der mikrobenfeindlichen Wirkung der Zwiebel zuschreibe. „Meinen Einkauf an 8wiebeln, die ich gern und viel genieße," so setzte die reisin hinzu, „besorge ich jedoch immer noch persönlich."

Johann Orths Nachlaß. Die große und die kleine Villa Toscana mit dem dazugehörigen Park, der letzte Rest des Nachlasses Johann Orths, in am Montag an den amerikanischen Millionär Stonborough um den Preis von 225 000 Kronen verkauft worden.

Havarie eines englischen Kreuzers. Das englische Kriegsschiff „Algherina", das zum Schutze der britischen Interessen nach der Westküste Mexikos entsandt worden ist, hat auf offener See eine Schraube verloren.

Brand eines Petroleumtanks. In der größten Pe­troleumtank-Fabrik von Batum ist am Montag ein Feuer ausgebrochen, das mehrere benachbarte Naphtha- öepots bedroht. Der angerichtete Schaden ist sehr be­trächtlich.

Die Lage im französischen Streikgebiet. In einer von zahlreichen Bergleuten besuchten Versammlung in Lens wurde beschlossen, den Streik fortzusetzen und Streikposten zu organisieren, die die Wiederaufnahme der Arbeit verhindern sollen.

Ler Btief des Legionärs.

Eine Warnung für abentenerlustige Deutsche.

Ein junger deutscher Fremdenlegionär sendet den „Leipz. N. N." folgenden Brief, der zur Warnung für abenteuerlustige Deutsche dienen könnte:

Am 21. April habe ich die Heimat verlassen und bin nach Toul gereist, um mich dort für die Fremdenlegion anwerben zu lassen. Am 29. war ich schon bei meinem Regiment, wurde eingekleidet und in drei Wochen aus­gebildet. Bis zum 14. Juni blieb ich in Saiöa bei der 25. Kompagnie, dann kam ich in das 15 Tagereisen von Saida entfernte Colomb-Bechar. Zu Anfang ging alles gut, aber als es in die Wüste ging, wurde unsere Lage immer beschwerlicher, denn es fehlte an Wasser, und der Durst plagte uns in entsetzlicher Weise. Endlich erreich­ten wir einen Kamp, das ist eine Blechbaracke, in der Vorposten liegen, aber es war alles leer, nur die »Spu­ren eines schweren Kampfes fanden wir noch, Schanz- gräben und eingerissene Drahtverhaue. Hier fanden wir auch Wasser, das freilich in Deutschland niemand kWt- ken würde, so schmutzig und stinkend war es: wir ader hatten nichts anderes. Wir füllten unsere Flaschen und gingen an die Arbeit, die Schanzgräben vor dem Ein­bruch der Nacht wieder in Ordnung zu bringen.

Als wir fertig waren, mußte ich mit vier Mann aus Patrouille gehen, denn wir waren keinen Augenblick sicher. Vom Feinde war keine Spur zu finden, nur eine unkenntliche Leiche fanden wir mit abgeschnittenem Kopf und gräßlich verstümmelt. Welchen Eindruck das auf uns machte, kann sich wohl jeder denken, unwillkür­lich packten wir die Gewehre fester. Während einer von uns Wache stand, begruben die anderen die Leiche. Dann gingen wir zurück, um uns zum Schlafen niederzulegen. Nie werde ich diese Nacht vergessen, in der ich den Tod vergeblich suchte. Als wir im besten Schlafe lagen, krachte ein Schuß, dem bald ein wildes Geschrei uno mehr Schüsse folgten. Auf einmal hörten wir einen Schrei, ein Röcheln — dann war wieder alles still, es war die Stille vor dem Gewitter. Und bald genug brach der Sturm los. Wir lagen in den Schützengräben ver­steckt. Da hieß es ganz leise von Mann zu Mann: Vi­sier 250 Meter, denn etwa 300 bis 350 Meter vor uns sahen wir etwas Schwarzes näher und näher rücken. Wir durften aber noch nicht schießen, und so sehr mich s

wie ihre Hände beim Garnieren der Platte zitterten und wie eine dunkle Röte ihr weißes Gesicht färbte.

„Das sieht aber lecker aus," unterbrach er mit ge­zwungen leichter Stimme die eingetretene Paufe, „darf ich fragen, wer all' die guten Sachen bekommt?"

„Justizrat Mertens: er hat heute Geburtstag. Das ist noch nicht alles: jener Salat ist auch bestellt: ich muß ihn noch garnieren. Abends ist großes Essen, wo­zu wir auch verschiedenes zu liefern haben."

Ihre Stimme bebte ein wenig, was seinem Ohre nicht entging; im übrigen hatte sie aber ihre Selbstbe­herrschung wiedergefunden.

„Ach ja, ich weiß: unser Alter ist auch dabei! — Na, ich will Sie nicht weiter stören, obgleich ich zu gern sehe, wie Sie alles so geschmackvoll und appetitlich Her­richten mit Ihren schönen weißen Händchen, die aber das Beobachten gar nicht vertragen können. — Wissen Sie noch, das war das erste, was Sie mir sagten, als wir uns kennen lernten."

Sie lächelte wehmütig bei dem Gedanken hieran. Was lag nicht alles dazwischen? Albrecht von Marburg war erfinderisch im Aufsuchen von Gelegenheiten, Ger­trud zu sehen und zu sprechen, und sie kam ihm darin halb entgegen, wie einer höheren Macht gehorchend — fast gegen ihren Willen. Site überließen sich beide dein Zauber des Beisammenseins, und was der Mund ver­schwieg — verschweigen mußte — das verrieten die Au­gen — Albrechts Augen in heißem Flehen und die Ger­truds in scheuem Ausweichen. Sie dachten nicht an die Zukunft, wollten nicht daran denken — schon, wenn sich gesehen und einen Gruß gewechselt hatten, waren l'c froh und zufrieden.

(Fortsetzung folgt.)