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Hersfelder Tageblatt

Amtlicher Anzeiger ^^^ für den Kreis Hersfeld Serrfelder KreisbM

Der Anzeigenpreis beträgt für die einspaltige Zeile 10 Pfennig, im amtlichen Teile 20 Pfennig, Reklamen die Zeile 25 Pfg. Bei Wieder­holungen wird Rabatt gewährt. Erscheint jeden Werktag nachmittags.

Bezugspreis vierteljährlich für Hersfeld 1.50 Mark, durch die Post be­zogen 1.60 Mark. Druck und Verlag von Ludwig Funks Buchdruckerei Hersfeld. Für die Redaktion verantwortlich Franz Funk in Hersfeld.

Gratisbeilagen:Illustriertes Sonntagsblatt" undIllustrierte Landwirtschaftliche Beilage" Zernsprech-Knschlutz Nr. 8

Nr. 166. Donnerstag, den 36 November 1913.

Bus der Heimat.

Beim Eimer Tunnelbau

DerF. G. A." schreibt: Der Bau der Umgehungs­bahn bei Elm, sowie die Erweiterung der Bahnhöfe bezw. Anschlußbahnhöfe Schlüchtern und Flieden, wurde zu Ende des Jahres 1908 in Angriff genommen. Unvorhergesehene Ereignisse brachten Verzögerungen, sodaß die Anlagen wahrscheinlich erst im Mai 1914 betriebsbereit sein werden. Bis zum Frühjahr 1914 soll auch der Bau eines dritten Geleises vom südlichen Tunnelmunö bis in den Bahnhof Schlüchtern ausge­baut sein. Dieses Geleis wird dem Anschlußverkehr von Schlüchtern nach den Zügen der Gemündener Strecke, unabhängig vom Hauptverkehr Frankfurt- Bebra, zu dienen haben. Große Schwierigkeiten bot der 3650 Meter lange zweigeleisige Distelrasen-Tunnel durch das Rötgebirge. Das mit mittleren Buntsand- steinbänken durchzogene Gebirge wies sehr starke Drücke auf, die äußerste Vorsicht und ungewöhnlich starke Verzimmerung notwendig machten. In der Tunnelstraße fanden sich zwei breite Verwerfungs­spalten vor. Hier versagten die normalen Tunnel­bauweisen, das sogenannte österreichische Zentral- strebensystem und das belgische System. Die Ver­werfungsspalten waren 276 und 150 Meter breit und mit tertiären Tonmassen und wasserführenden Braun- kohlenschichten durchsetzt. Diese Massen übten solche Drücke aus, daß noch nicht einmal der Einbau eines kleinen Hohlstollens möglich war. Das Gesamtprofil des Tunnels wurde darum mittels Schildbauweise durch die Tonmassen getrieben. Dieses System, das auch beim Hamburger Elbtunnel und beim Berliner Spreetunnel der Hoch- und Untergrundbahn zur An­wendung gekommen ist, besteht darin, daß ein starker Eisenschild mit angehängter Schutzschleppe durch die zu durchbohrenden Massen mittels hydraulischer Pressen vorgedrückt wird. In dem Schild angebrachte ver­schließbare Luken ermöglichen das Ausräumen vor dem Schild. Hinter dem Schild werden im Schutze der Schleppe in das fertiggestellte Profil je nach Be­darf vollwandige oder Fachwerkrahmen eingebaut, welche den Gebirgsdruck aufzunehmen haben. Die verbleibenden Hohlräume werden mit Beton ausge­stampft. Nach Fertigstellung der Einzelarbeiten wird der Schild wiederum ein Stück vorgedrückt und da­rauf werden wieder dieselben Arbeiten vorgenommen. In dem Elmer Tunnel wurden Vorschubdrücke für den Schild bis zu 450 Kilogramm pro Quadratzenti­meter verwandt. Am Schildkranz waren 20 Pressen angebracht, welche einen Gesamtdruck von 6000 Tonnen hervorrufen konnten. Auf das laufende Meter Tunnelstrecke wurden 100 Kubikmeter Tonmassen be­seitigt, 12,000 Kilogramm Eisen eingebaut und 40 Kubikmeter Beton eingebracht.

Der Arbeitsfortgang war bei diesen schwierigen, auf kleinem Raum zufammengepreßten Arbeiten naturgemäß sehr gering. In der letzten Zeit wurden aber immerhin Monatsfortschritte von 20 Meter er­zielt. Von der südlichen Druckstrecke sind zurzeit 200 Meter fertiggestellt. Für die nördliche Gefahrstrecke wird augenblicklich ein zweiter Schild montiert. Die Herstellung und Montage nehmen zusammen fast ein Jahr in Anspruch. Der Schild nebst Antriebsvor­richtung wiegt rund 400,000 Kilogramm. Die ge­mauerte Strecke des Tunnels ist in einer Länge von 3130 Metern fertig. Einschließlich der südlichen Ge­fahrstrecke sind also 3330 Meter Tunnelstrecke fertig­gestellt, und nur noch 230 Meter der nördlichen Ge­fahrstrecke auszuführen, sodaß mit der Fertigstellung der Gesamtstrecke bis Frühjahr 1914 gerechnet werden kann, und zwar will man im März 1914 mit der Ver­legung des Oberbaues beginnen, der so gefördert werden soll, daß man einschließlich des Abbaues des Schildes auf der Nordseite bis zum 1. Mai 1914 fertig ist. Die Gesamtkosten der Umgehungsbahn einschließlich der Erweiterung der Anschlußbahnhöfe belaufen sich auf rund 15 Millionen Mk., wovon allein 9Va Mill. auf die Herstellung des Distelrasentnnnels entfallen.

* (D a s abnorme Wetter.) Ein meteoro- loglscher Mitarbeiter schreibt demFrankfurter General-Anzeiger": Heute sind es volle vier Wochen, seitdem in ununterbrochener Reihenfolge sämtliche Tage zu warm waren und zum Teil das normale Tagesmittel erheblich überschritten hatten. Eine ähn­liche Erscheinung hatten öieHetbstedervorangegangenen Jahre, die auch zu warm waren, nicht aufzuweisen, wie überhaupt eine solche Anormalie selten vorkommt. Der Grund dürfte darin liegen, daß die warmen Luft­schichten, welche einem Teil Südwest-Europas einen heißen Sommer gebracht hatten, sich unserer Gegend näherten, was sich bereits am 25. Oktober zeigte, an welchem Tage die Westküste Frankreichs die für diese Jahreszeit selten hohe Morgentemperatur von 19

Grad meldete. Die starken Niederschläge der jüngsten Tage bei uns und auch in Amerika dürften wohl im teilweisen Zusammenhang stehen mit der Hochstand­stellung des Mondes bei Vollmond. In jüngster Zeit mehren sich auch die Wissenschaftler, welche eine Be­einflussung des Wetters durch den Mond bejahen, so weist Schuster in dem jüngsten Heft derMeteoro­logischen Zeitschrift" die Wirkung der Mondstellungen auf die meteorologischen Elemente statistisch nach.

* (D i e Autos i n H e s s e n - N a s s a u.) Die Zahl der Last- und Personenautos in der Provinz Hessen-Nassau am 1. Januar 1913 betrug nach den soeben beendeten Feststellungen 3045, darunter 2763 Kraftfahrzeuge, die vornehmlich zur Personenbeförde­rung Verwendung finden.

):( Hersfeld, 25. November. Der Turnverein H e r s f e l d E. V. hielt am gestrigen Montag Abend seine diesjährigeJahres-Hauptver sammlung ab. Es waren etwa 60 Mitglieder erschienen. Der Vorsitzende Herr Heinemann eröffnete zur fest­gesetzten Zeit die Versammlung streifte zunächst all­gemein das Vereinsleben und brächte dann den interessanten Jahresbericht, aus dem sich in erster Linie ergibt, daß der Verein in seinem verflossenen Vereinsjahr eine außerordentliche Wirksamkeit ent­faltete und demzufolge der Zuwachs an Mitgliedern sich günstig gestaltete. Es besuchten an den Turn- abenden 4771 Turner die Turnstunden, womit sich der bisher noch nicht erreichte Prozentsatz von 86 Turnern auf die einzelne Turnstunde ergab. In günstiger Weise wirkte hierbei auch der gute Besuch von Unter­offizieren und Mannschaften der hiesigen Kriegsschule mit, in dankenswertester Weise gefördert durch den Herrn Kommandeur der Kriegsschule. Der Verein beschickte mit gutem Erfolg die Veranstaltungen des Gaues und gab seinen Mitgliedern in jeder Weise Gelegenheit zu turnerim-em Vorwärtsstreben. Die Turnstunden der Männerriege wurden von 524 Turnern besucht, was einem Durchschnittsbesuch von 14 Turnern auf die einzelne Turnstunde gleich kommt. Die Damenriege hat eine sehr gün­stige Entwickelung zu verzeichnen und erreichte im Laufe des Vereinsjahrs einen Stand von 44 Mit­gliedern. Insgesamt hatte der Verein einen Bestand von 428 Mitgliedern, im einzelnen: 21 Ehrenmit­glieder, 277 aktive Turner, 86 Zöglinge, 44 Mit­glieder der Damenabteilung. An den Vortrag des Tnrnüerichts schloß sich eine sehr eingehende Aus­sprache in öerem Verlaufe Herr Arnold R e ch - b e r g den außerordentlichen Wert des Turnens für die Armee schilderte und sehr dankenswerte Vorschläge für eine noch intensivere Werbung im Interesse der hiesigen Turnerei machte. Auch Herr Gauvertreter Fernau, Herr Ferdinand Altenburg, Herr Heinrich Göbel und Herr P h. De ller gaben zu diesem Punkte ihre Ansichten kund. Auch Herr Dr. H a r i n g machte hierzu Vorschläge, die sehr beifällig ausgenommen wurden. Aus dem Kassen­bericht ist zu entnehmen, daß der Verein eine Ein­nahme von 11261.38 Mk., und eine Ausgabe von 11073.29 Mk. hatte, somit am Schlüsse des Rechnungs­jahres einen Kassenbestand von 188.09 M. zu verzeichnen war. Es folgt die Vorstandswahl. Einem Anträge des Herrn Jean Brandau stattgebend, wählte die Versammlung den seitherigen Vorstand, nämlich die Herren: H e i n e m a n n, F e r d. A l t e n b u r g, W i l h. Otto, Ludwig Braun, Friedr. Mohr, von O st e r h a u s e n, H a n s W e i d m a n n, Fr. Balsam Julius Jung, Hans Sauer, Bernhard A n d r e d u r ch Zuruf wieder. Diese glatte Er­ledigung ließ die Wertschätzung der Vorstandsmit­glieder erkennen und gab ein Bild der schönsten Harmonie im Vereinsleben. In gleicher Weise wurde die Wahl des Ehrengerichts vollzogen. Es wurden gewählt die Herren L. M o h r, L. Eh r h a r d t, D r. H a r i n g, Jean Eule r, Ernst G e r l a ch, G. K n a b e, Fr. Willhard t, und es nahmen sämtliche Gewühlten die Wahl an. Der Herr Vorsitzende gab dann den Voranschlag für 1914, abschließend mit 6880 Mk., in seinen einzelnen Posten bekannt und brächte diesen Punkt zur Abstimmung, der einstimmige Annahme ergab. Im Anschluß hieran gab Herr Heinemann einen Ueberblick über den Vermögens­stand des Vereins, der sich als durchaus "nicht ungünstig darstellte. Herr Ph. Volkmar erteilte so- dann Auskunft über den Befund der Rechnungs- prüfung, die zur Beanstandung keinen Anlaß geboten habe und bat die Versammlung, dem Kassierer, Herrn Mohr, Entlastung zu erteilen, was mit dem Danke der Versammlung erfolgte. Bei der Neuwahl der Rechnungsprüfer wurden die Herren Ph. Volkmar und Ph. Deller wieder- und Herr Jean Brandau neugewählt. Zum Punkte Freie Anträge wurden die Kosten für einen am 6. Dezember stattfindenden Familienabend (nur für Mitglieder des Vereins) bewilligt. Damit war die' Tagesordnung erschöpft und die Generalversammlung wurde gegen Val2 Uhr

geschlossen. Eine Sammlung zur Kreisunternützungs- kasse ergab den Betrag von 16 Mark.

):( Hersfeld, 25. November. Bei der heutigen Stadtverordnetenwah'l szur zweiten Klasse wurde Herr Kaufmann Wilhelm Otto mit 65 Stimmen wiedergewählt und Herr Artur Rehn mit 49 Stimmen neugewählt. Herr Kupferschmiede- meister Schützler erhielt 30 und Herr Metzgermeister Konrad Sander 28 Stimmen.

):( Hersfeld, 25. November. Von einem be­dauerlichen Unfall wurde heute mittag ein junger Mann betroffen. Derselbe hatte sich in einem Hause zu weit über das Treppengeländer gebeugt und war abgestürzt. Hierbei erlitt der junge Mann derartige Verletzungen, daß er in das Landkranken­haus gebracht werden mußte.

-a- Hersfeld, 25. Nov. (Kneisel - Ko nzert.) Am verflossenen Sonnabend veranstaltete das auf der Durchreise befindliche Künstlerpaar, Herr Dr. Kneisel mit seiner Tochter, der Pianistin Adeline Germain- Kneisel unter Herrn Fischers freundlicher Mit­wirkung in der Turnhalle ein einmaliges Konzert. Wir stehen noch unter dem mächtigen Eindrücke, den der Vortrag der Bachschen Ciaconna und derKreutzer- Sonate" hinterließ. Schier in ein Nichts schien der Geigenton zu schmelzen, um dann gleich ins Unendliche sich zu steigern. Die vielgriffigen Figuren in der berühmtesten unter den Bachschen Sonaten waren krystallklar, und der Bogen schien in der Länge zu wachsen. Und dabei die Kunst in edelster Auffassung, so ganz frei von jeglicher Feffel, die der Begriff Technik den Künstlern sonst auferlegt, die nicht wie Kneisel den Sternen erster Größe beizuzählen sind. Herr Kneisel hatte für jeden etwas, denn auch der Teil des Publikums, den die verblüffenden Zauber­künste paganinischer Spielart begeistern, kam reich­lich auf seine Rechnung. Vielleicht etwas zu reich­lich, aber was schadets. Das Publikum war be­geistert. Doppelgriffige Kantilenen mit Pizzikato- Begleitung, die einem Perlenregen glich, gehäufte Schwierigkeiten im Stakkato, in gestoßenen und ge­worfenen Bogenstrichen, Dezimanakkorde im schnellsten Fluge, alles Figuren, die bei solch glockenreiner In­tonation und schlackenfreier Ausführnng den Gipfel­punkt eines im besten Sinne verstandenen Virtuosen- tums bedeuten. Die Tochter ist trotz ihrer Jugend eine erstklassige Künstlerin, die nicht nur die Technik ihres Instruments souverän beherrscht, sondern auch die Tiefen der Kunst voll und ganz er­schöpft. Was soll man mehr loben, die Weichheit ihres Anschlags oder das Feuer, das ihren Vor­trag durchglüht? Wir hörten von ihr ein Prälu­dium mit Fuge von Bach, sodann eine Etüde und ein Nocturn von Chopin. Alle Ausörucksmittel, die feinste dynamischen Schattierungen bis zur Ge­walt leidenschaftlichsten Ausdrucks beherrscht sie. Bei den Duos zeigte sie sich als ebenbürtige Partnerin ihres Vaters. Mit Beifall überreich belohnt und mit Blumen überschüttet verließ sie die Bühne. Herr Fischer spielte in wohldurchdachter und künstlerisch abgeklärter Art mit der an ihm gewohnten Sicherheit seinen Klavierpart in der Kreutzersonate. Die wunder­vollen Variationen des Mittelsatzes erfordern ein feines Eingehen und Mitgehen von feiten des Pianisten, und es muß rühmend hervorgehoben werden, daß er diesen Anforderungen vollkommen gerecht wurde.

Cassel, 25, November. Der kommandierende General des 11. Armeekorps in Cassel hat die von ihm als Gerichtsherrn eingelegte Revision im sog. Erfurter Reservistenprozeß zurückgenommen. Die für morgen vor dem Reichsmilitärgericht angesetzte Ver­handlung findet somit nicht statt.

Cassel, 25. November. Auf den Geleisen zwischen Cassel und Wilhelmshöhe, in der Nähe der Berliner Brücke, hat sich gestern abend zwischen 7 und 8 Uhr ein junges Fräulein in selbstmörderischer Absicht vor den Frankfurter Schnellzug gelegt und überfahren lassen. Der Kopf der Lebensmüden wurde glatt vom Rumpfe getrennt, so daß der Tod sofort eingetreten sein muß. Der übrige Teil des Körpers war bis zur Unkenntlichkeit entstellt.

Treysa, 24. November. Nachdem im Frühjahr eure Sitzung des Wahlkreisvorstandes der deutsch- sozialen Partei in Treysa den Beschluß gefaßt hatte, Amtsgerichtsrat Lattmann um die Uebernahme einer Kandidatur für den Wahlkreis Fritzlar-Homberg- Ziegenhain zu bitten, beschäftigte sich am Sonntag eine engere Bertrauensmänner-Versammlung in Wabern mit dieser Frage. Die Versammlung beschloß einstimmig, nachdem Amtsgerichtsrat Lattmann sich zur Uebernahme einer Kandidatur bereit erklärt hatte, die endgültige Aufstellung in einer großen allgemeinen Vertrauensmänner-Versammlung die An­fang Januar in Treysa stattfinden soll, durchzuführen.