Hersfelder Tageblatt
Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld
SetsjeWer Kreisblatt
Der Anzeigenpreis beträgt für die einspaltige Zeile 10 Pfennig, im amtlichen Teile 20 Pfennig, Reklamen die Zeile 25 Pfg. Bei Wiederholungen wird Rabatt gewährt. Erscheint jeden Werktag nachmittags.
Bezugspreis vierteljährlich für Hersfeld 1.50 Mark, durch die Post bezogen 1.60 Mark. Druck und Verlag von Ludwig Funks Buchdruckerei Hersfeld. Für die Redaktion verantwortlich Franz Funk in Hersfeld.
Gratisbeilagen: „Illustriertes Sonntagsblatt" und „Illustrierte Landwirtschaftliche Beilage" Zernsprech-Knschlutz Nr. 8
Nr. 164. (Erstes Blatt). Sonntag, den 33. November 1913.
Bus der Heimat.
Der Wahn ist kurz, die Reue lang; D'rum kauf' am Platz und sei nicht bang!
„Beamten und anderen solventen Personen liefern wir Waren auf Kredit". Solche oder ähnliche Worte sind in zahlreichen Offerten auswärtiger Geschäfte zu lesen, die leider nur zu oft für den darauf eingehenden Käufer zum Verhängnis werden können. Gerade jetzt vor Weihnachten werden die Beamten rc. von Reisenden auswärtiger Firmen, die sich stolz Vertreter eines Kaufhauses für Beamte oder ähnliche bezeichnen, geradezu bestürmt. Kataloge und Offerten fliegen nur so ins Haus. Gewiß ist es zunächst sehr angenehm, wegen „Mangel an Ueberfluß von Geld", von diesem günstigen! — Angebot einmal Gebrauch zu machen und auf den übersandten Bestellbogen das Gewünschte zu setzen, so z. B. für die ganze Familie Kleidungsstücke oder Schmuckgegenstände rc. gegen monatliche Ratenzahlungen oder sechsmonatigen oder noch längeren Kredit zu bestellen. Ist doch der Familienvater zum Weihnachtsfest aller Sorgen enthoben. Christkindchen beschert reichlich und Papa braucht zunächst nicht einmal in die Tasche zu greifen. Aber der Wahn ist kurz und die Reue laug! — Wehe, wenn die Zahlung nicht pünktlich erfolgt! Rücksichtslos wird dann die Klage eingereicht, haben doch derartige auf Kredit verkaufende Geschäfte vielfach hierzu eigene Büros. Alle erforderlichen Formulare liegen zum Ausfüllen des Betrages und des Namens fertig und im Handumdrehen bekommt man die Ankündigung der gerichtlichen Verhandlung.
Leider aber hat der Beklagte sich durch das „freundliche Anerbieten" der Firma verleiten lassen, über seine Verhältnisse zu bestellen. Er kann, vielleicht auch infolge anderer unerwarteter Ausgaben, den Herrn Lieferanten auch jetzt noch nicht befriedigen und hofft, daß seine Bitte, bis zur nächste« Gehaltszahlung weitere Zahlungsfrist zu gewähren, erfüllt wird. Aber jetzt kommt es anders! — Der Herr- Gerichtsvollzieher stattet unangemeldet seinen Besuch ab. Die ganze Familie kommt in die größte Aufregung, der Papa beißt in den sauren Apfel und borgt schleunigst bei einem Verwandten oder Freund die erforderliche Summe, die durch die entstandenen Kosten oft um V« des ursprünglichen Betrages gewachsen ist.
Warum kauft man nicht bei soliden Firmen am Platze?! Auch diese Firmen gewähren einem bekannten Kunden gern angemessenen Kredit und sollte wider Erwarten einmal eine Zahlung verschoben werden müssen, kann durch persönliche Rücksprache eine Zahlungsfrist vielleicht leichter herbeigeführt werden, wie bei einem außerhalb wohnenden Lieferanten. Außerdem kauft man am Orte auch besser und billiger, denn der Gehalt für die Reisenden, die hohen Ausgaben für Kataloge und Drucksachen, die Reisespesen, Zinsen und Porto trägt doch selbstredend der Kunde -er auswärtigen Lieferanten. Wer also Aerger, Aufregung und Schreibereien sich ersparen will, beherzige die Worte: „Kauft am Platze! —
* (Rech tz ei tigeWeih nachtssendungen.) Die Reichspostverwaltung richtet auch in diesem Jahre an das Publikum das Ersuchen, mit den Weihnachtssendungen bald zu beginnen, damit die Paketmassen sich in den letzten Tagen vor dem Feste nicht zu sehr zusammendrängen, wodurch die rechte zeitige Bestellung in Frage gestellt wird. Die Pakete sind besonders fest und dauerhaft zu verpacken und die Adressen deutlich zu schreiben und fest aufzukleben. Der Name des Bestimmungsortes muß recht groß und kräftig geschrieben sein.
* (B e tr i e b s e i n s ch r ä n k u n g e n b e i der Eisenbahn.) Infolge der stetig sinkenden Konjunktur sind auch bei der Eisenbahn Betriebseinschränkungen eingetreten. So ist eine ganze Anzahl Güterzüge ausgefallen. Neueinstellungen von Ar- bertern dürfen nicht mehr erfolgen. Die bei einer Dienststelle etwa überzählig werdenden Arbeiter werden durch die Arbeitsausgleichstellen, die bei jeder Ersenbahndirektion eingerichtet sind, anderen Dienststellen bei Arbeiterbedarf überwiesen. Entlassungen von Leuten aus Anlaß des Verkehrsrückganges dürfen jedoch nicht erfolgen.
-k- Hersfeld, 22. November. Herr Hegemeister a. D. S.chuppelius und Gemahlin begehen am 29. November d. Js. das seltene Fest der goldenen Hochzeit. Beide Jubilare sind an sich geistig und körperlich noch recht wohl und frisch.
(§) Hersfeld, 22. Nov. Gesuche um Zubilligung der Zinsen der Elise Hupfeld Stiftung, welche nach dem Willen des Stifters alljährlich an zwei kinderreiche Tuchfabrikarbeiter-Witwen ge
borene Hersfelderinnen, zur Verteilung gelangen sollen, sind bis zum 1. Dezember d. J. an die Armenverwaltung hier einzureichen. Später eingehende Gesuche können keine Berücksichtigung finden.
-s- Kathus, 22. November. Die Abgaben zur neuen Wasserleitung sind folgendermaßen geregelt: Jede an das Ortsnetz angeschlossene Familie zahlt pro Jahr 12 Mk., Mieter zahlen 7 Mk., Einzelpersonen 5 Mk., Gastwirtschaften zahlen pro Jahr 10 Mk., Bäckereien 6 Mk. extra. Für Großvieh wird pro Stück 1,20 Mk., für Kleinvieh, unter 1 Jahr alt, sowie Ziegen und Schweine pro Stück 60 Pf. erhoben. — In den 90 Familien, welche unser Ort zur Zeit auf- weist, befinden sich 49 Ehefrauen resp. Witwen, welche auswärts geboren sind, und sich im Laufe der Jahre in unserem Dorfe „eingeheiratet" haben. Auch ein Kuriosum.
-m- Ransbach, 21. November. Heute vormittag gegen 11 Uhr landete in der Nähe unseres Ortes ein mit zwei Offizieren besetzter Doppeldecker. Nachdem einer der Offiziere den Apparat verlassen hatte, um mit der Bahn weiterzufahren, stieg das Flugzeug wieder auf, um nach Gotha zu fliegen. An dem Landungsplätze hatte sich die Bevölkerung der ganzen Gegend eingefunden, um dem seltenen Schauspiel beizuwohnen.
Fnlda, 21. November. Der vom hiesigen Feldartillerieregiment desertierte Einjährig-Freiwillige aus Essen ist gestern nachmittag in Frankfurt a. M. festgenommen worden und heute mittag gegen 12 Uhr mit dem Eilzug aus Frankfurt zu feinem Truppenteil zurücktransportiert. Er war mittels Taxameter von hier bis Hanau gefahren und hatte dann die Richtung nach Frankfurt am Main eingeschlagen.
Fnlda, 21. November. An 14. Dezember wird der Hessische Handwerkertag hier zusammentreten. Es sind an ihm die Handwerker aus beiden Hessen beteiligt.
Caffel, 21. November. Die Großschiffahrts-Schleuse auf der kanalisierten Fulda oberhalb des neuen Elektrizitätswerkes, die einschließlich der dadurch notwendig gewordenen beiden Brückenbauten, derNieder- legung des festen Fuldawehres und der Korrektion des Fuldaftromes einen Kostenaufwand von über 6 Mill. Mark erforderte, ist nunmehr fertiggestellt. Sie soll am Sonnabend durch den Regierungpräsidenten Grafen von Bernstorff im Auftrage der Königlichen Staatsregierung in Gegenwart von Vertretern der Freien Vereinigung der Weserschiffahrts- Jnteressenten, der städtischen Körperschaften, der Handelskammer und von Schiffahrt, Industrie und Handel sowie der Abg. Dr. Schroeder-Cassel, Kammerherr v. Pappenheim-Libenau, Dr. Wendtlandt-Berlin abgenommen und dem Königlichen Wasserbauamt in Cassel übergeben werden, der sie dann dauernd unterstellt bleibt. Durch die Fertigstellung dieser mit den modernsten Walzenwehranlagen ausgerüsteten Groß- schiffahrtsschleuse ist nunmehr die Möglichkeit gegeben, bis nach Rotenburg mit Frachtschiffen zu verkehren.
Eisenach, 21. November. Gelegentlich der gestrigen Schwurgerichtsverhandlung gegen den Landwirtschaftsgehilfen Bruder aus Burbach bei Schönau, der des Mordes angeklagt ist, wurden im Verlaufe der Verhandlung eine Anzahl Zeugen, deren eidliche Aussagen im Widerspruch stehen, wegen Meineids verhaftet und in Untersuchungshaft abgeführt. Die für drei Tage angesetzte Verhandlung, zu der über 50 Zeugen geladen sind, wurde bis in den Dezember vertagt, da sie sich nun auf ganz andere Grundlagen stützen wird.
Eschwege, 21. November. Zum Bürgermeister der Stadt Eschwege wurde heute vormittag mit allen abgegebenen 33 Stimmen der zweite Bürgermeister der Stadt Graudenz, Dr. Fritz Stolzenberg gewählt. Der Gewählte ist ein Sohn des Geheimen Sanitätsrates Dr. med. Stolzenberg in Cassel und am 27. Januar 1879 in Caffel geboren.
Cassel, 20. Nov. Ein Schwindler treibt in besseren Kreisen Cassels sein Unwesen. Er spricht bei Herren vor und offeriert ihnen ein Kolonialwerk, das noch im Druck ist. Er erklärt, daß dieses 10 Mark kostet. Ist dann der.Bestellzettel unterschrieben, so stellt sich heraus, daß das Werk vierteljährlich 10 Mk. kostet und sich die Besteller dazu auf drei Jahre verpflichtet haben. Bei der Polizei soll Anzeige erstattet werden.
Weiher, 21. Nov. Gestern nachmittag um VeB Uhr entstand in dem Hause von Wippel, in dem gerade eine Hochzeit gehalten wurde, durch das Spielen von Kindern Grvtzfeuer, dem drei Scheunen, drei Wohnhäuser und zwei Schuppen zum Opfer fielen. Der Schaden beträgt etwa 10,000 Mk. Menschenleben sind nicht zu beklagen. Das Vieh konnte in Sicherheit gebracht werden. Von den drei geschädigten Familien ist Wippel nicht versichert.
Marburg, 20. Nov. Ein Soldat der 3. Kompagnie des Jägerbataillons, der am Dienstag zur Ausführung gärtnerischer Arbeiten nach den Schießständcn abkommandiert worden war, ist seitdem spurlos verschwunden. Eine gestern von einem Kommando an den Schießständen unternommene Streife blieb ^ergebnislos. Der Vermißte, der im zweiten Jahr diente, hat sich bisher tadellos geführt und daher auch noch keine Strafe erlitten.
Oberdorfelden (Kr. Hanau), 20. November. Ein schwerer Unglücksfall ereignete sich hierselbst. Der Dreschmaschinenarbeiter Wilhelm Finkernagel aus Altenstadt geriet beim Einstopfen der Frucht in die Dreschmaschine mit dem rechten Fuß in das Getriebe. Das Bein wurde von den Walzen erfaßt, zerquetscht und unterhalb des Knies abgerissen.
Meiningen, 20. November. In der „Lichtstube" im Sachsendorf (Kreis Hildburghausen) vergnügten sich mehrere junge Burschen damit, die Mädchen in die Höhe zu ziehen und sie dann wieder fallen zu lassen. Dabei erlitt eines der Mädchen namens Kirchner so schwere Verletzungen, daß sich ihre Ueber- führung in das Landkrankenhaus nach Meiningen nötig machte. Gestern ist das Mädchen dort ihren Verletzungen erlegen.
Darmstadt, 20. Nov. Ein ungetreuer fahnenflüchtiger Feldwebel stand heute vor dem Kriegsgericht der 25. Division. Der Angeklagte E. Speer, 28 Jahre alt, aus Gr. Goritz bei Ratibor in Schlesien hatte Gelder, die er an Putzer abliefern sollte, unterschlagen, auch Spargelder von Unteroffizieren, die ihm zum Ausbewahren übergeben waren, für sich verbraucht und außerdem noch 50 Mark unter falschen Vorspiegelungen geliehen. Als er im September 1911 von zu Hause etwa 200 Mark erhalten hatte, benützte er die Gelegenheit und verschwand aus der Kaserne. Mit der Zeit bekam er doch Heimweh, schrieb zunächst einen reumütigen Brief an seinen Hauptmann und stellte sich dann am 1. Oktober in Metz. Er wird zu einem Jahre Gefängnis und zur Degradation verurteilt und in die zweite Klasse des Soldatenstandes versetzt.
Durch die Lupe.
Buntes Allerlei in Versen.
Garnicht kälter will es werden — diesmal um die Herbsteszeit, — wie eine Frühling herrscht auf Erden — Wärme und Gemütlichkeit, — Blumen sieht man neu ersprießen — auf den Wiesen und am Rain — und beim Anblick unsrer Fluren — glaubt mau im April zu sein. — Daß wir trotzdem im November, — kündet dennoch mancherlei, — aus Amerika vernahm man, — daß es eisig kalt dort sei, — eine solche Kältewelle — wird auch uns jetzt prophezeit — und so wär' es dennoch möglich, — daß wir um die Weihnachtszeit — tief in Eis und Schnee dann doch — — schließlich werden stecken noch. — Daß wir tief in den November — längst schon jetzt hineingeraten, — kündet Sonntags auf der Tafel — außerdem der Gänsebraten, — saftig, knusprig, braungebacken — lacht er uns vom Teller an, — so, dvß man es fast bedauert — wenn man nichts mehr essen kann.— Auch der Duft des Gänseschmalzes — füllt die Küche völlig aus — und für ein'ge Wochen winkt uns — mancher ganz aparte Schmaus.--In den Läden unter- desfen — sind die Wintermoden Trumpf, — unsre Frau'n infolgedessen — reden sich die Zähne stumpf, — „nur mal hingeh'n zum Besehen" — heißt es Tag für Tag auf's neu', — doch man weiß, was vom „Besehen" — dabei dann zu halten sei. — Dennoch läßt man sich bereden — mit dem Vorsatz „bleibe fest!" — Naht man sich dem Kleiderladen — und nach zehn Minuten läßt — man von all' den schönen Sachen, — die im Fenster zu erblicken, — sich das teuerste und beste - resigniert nach Hause schicken, — und die Gattin flüstert schlicht: „Nötig war es wirklich nicht!" Walter-Walter.
Wandervorschläge für Sonntag.
a. 12 Tagestour: Hersfeld, Alpen, Tageberg, Laxturm, Drei Platten, Auerhahnskops, Kingsberg, Kleba (312 L>td.) Von hier mit der Bahn zurück.
b. V2 Tagestour: Hersfeld, Wehneberg, Mittelkopf, Tann, Hohe Buche, Rotenburg (4 Std.) Zurück mit der Bahn.
e. Tagestour: Hersfeld, Obersberg, Solz-Fluß, Gellen- berg, Kathus, Gißlingskirche, Friedewald, Nadelöhr, Höhnebach (6 Std.) Von hier über Bebra mit der Bahn zurück.
Wetteraussichten für Sonntag 23. November.
Meist heiter und trocken, Nachtfrost,.schwache nordwestliche Winde.