Hersfelder Tageblatt
Amtlicher Anzeiger ^rH^ für den Kreis Hersfeld
Hersfelder Kreisblatt
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Sernsprech-Knschlutz Nr. 8
Nr. 160.
Dienstag, den 18. November
1913.
Hus der Heimat.
Der Bund der Landwirte hielt in vergangener Woche in den Kreisen Hersfeld, Hünfeld und Rotenburg je eine Vertrauensmänner- Versammlung ab, deren starker Besuch deutlich zeigte, wie groß trotz aller Anfeindung durch den Bauernbund das Interesse für den Bund der Landwirte vorhanden ist, im Kreise Rotenburg und Hünfeld ist trotz wüster Gegenagitation der Herrn Trieschmann, Rudloff und Stippich ein Mitgliederzuwachs zu verzeichnen.
Die Art der Werbetätigkeit in der kommenden Agitationsperiode wurde eingehendst besprochen und die leeren Schlagworte der Gegner entsprechend beleuchtet. Mehrere öffentliche Versammlungen, welche die Herren Abgeordneten Türcke und Werner sowie Herr Dootermann-Hattenbach wahrnehmen, sollen abgehalten werden, desgleichen wird im Dezember eine Provinzialversammlung stattfinden zu Cassel, auf welcher Herr Dr. Roesicke oder Dr. Hahn vom Bundesvorstände über ein politisches und Herr Abgeordneter von Gehren-Homberg über ein landw.- technisches Thema sprechen werden. Die wirtschaftlichen Vorteile des Bundes der Landwirte erfreuen sich immer regerer Benutzung durch die Mitglieder, den kleinsten Landwirten werden hierdurch Großhandelspreise eingeräumt. Den Vertrauensmännern wird als wirksames Mittel zur Abwehr der Sozial- demokratie auf dem Lande die „öffentlich rechtliche Volksversicherung" empfohlen, die der sozialdemo- kratischen Volksfürsorge gegenüber weit größere Vorteile bietet, sie sei auch für öte Versicherten sicherer, weil die Regierung und die Provinz dahinter stehen. Die geringe Beitragserhöhung um eine Mark wurde wegen der wirksameren Tätigkeit des Bundes, insbesondere zwecks Erlangung günstigerer Handelsverträge im Jahre 1917 als eine dringende Notwendigkeit anerkannt. Großes Befremden erregte die Mitteilung des Herrn Geschäftsführers Buhl, daß er immer noch nicht von Herrn Rudloff trotz seiner Drohung in der Hersfelder Zeitung im Januar d. J. nicht verklagt sei, weil er denselben des Plagiats beschuldigte! Auch kürzlich sei wieder von einem Herrn Hans L. Rudloff aus Genf in der Zeitung für Politik ein Artikel erschienen, der zweifellosnichtmitL.Rudloff-Grandenborn identisch sei.
Als stellvertretender Kreisvorsitzender für Roten- burg wurde Herr Cornelius-Solz gewählt, die Neuwahl eines Wahlkreis-Vorsitzenden für den aus dem Wahlkreise verzogenen Herrn von Bodelschwingh soll demnächst in einer zuständigen größeren Versammlung getätigt werden.
* Neue Amtsbezeichnungen hat der Eisenbahnminister eingeführt: Es haben künftig zu führen: die Maschinenwärter die Amtsbezeichnung „Maschinenaufseher", die Maschinenwärter bei elektrischen Anlagen die Amtsbezeichnung „Maschinist" und die als Maschinisten bei elektrischen Anlagen angestellten Beamten die Amtsbezeichnung „Maschinenmeister."
):( Hersfeld, 17. November. (Volksunterhaltungsabend des Turnvereins Hersfeld e. V.) Mit einem sogenannten Volksunterhaltungsabend trat am gestrigen Sonntag Abend der hiesige Turnverein an die Oeffentlichkeit und erzielte damit, dies mag gleich vorausgeschickt werden, einen schönen Erfolg. Es läßt sich nicht umgehen, den dem Abend trefflich angepaßten Vorträgen und Aufführungen die gebührende Würdigung zuteil werden zu lassen, und es soll der Zweck dieser Zeilen sein, der wohl allgemein empfundenen Auffassung Ausdruck zu geben. Zur festgesetzten Zeit eröffnete der Vorsitzende, Herr H e i n e m a n n vor überfülltem Saale mit einer kurzen launigen Ansprache die Veranstaltung, begrüßte zunächst die so überaus zahlreich Erschienenen und dankte ihnen im Namen des Vereins für dies Erscheinen, wie er gleicherweise öenen dankte, die durch ihre Mitwirkung das Gelingen des Abends ermöglicht hatten. Seine Worte fanden die Herzen der Zuhörer, und das erste gemeinsame Lied, das mit Begleitung der improvisierten Hauskapelle mit Begeisterung abgesungen wurde, leitete zu den einzelnen Punkten des Programms über. Der Rechbergsche Männergesangverein brächte nun unter Leitung seines Dirigenten Herr E.Bi ehl zwei bekannte Volkslieder in schöner Weise zum Vortrag, und hier kann wiederholt werden, was so oft schon unsern Männergesangvereinen ans Herz gelegt wurde: Bleibt beim Volkslied. Es ist der schönste und dankbarste Beruf der Männergesangvereine, dieses zu hegen und zu pflegen. Nach diesen gesanglichen Darbietungen brächte Frau Lilly G r e b e drei Rezitationen zum Vortrag, die inhaltlich und in der Wiedergabe wohl mit das Beste
des Abends bedeuteten. Es erübrigt sich, des weiteren hierauf einzugehen, nur eins soll gesagt sein: Es dürfte der allgemeine Wunsch sein, bei ferneren Veranstaltungen des Turnvereins dieser feinsinnigen Rezitatorin wieder zu begegnen. Zwei Sologesang- vorträge des Herrn Lallte schloffen sich ebenbürtig an, und man kann dem Turnverein Glück dazu wünschen, derartige Helfer herangezogen zu haben. Es folgte ein Turnen einer ausgewählten Zöglingsriege an zwei Barren, gut vorbereitet und trefflich durchgeführt. Bei den vielen Sport- und sonstigen Bestrebungen unserer Zeit ist es eine Freude, zu sehen, daß die Turnerei doch nicht untergeht und ihre große Aufgabe unentwegt weiter erfüllt. Herr Lehrer Eichmann brächte nun mit seinen Schülerinnen zwei Kinderchöre in schönster Weise zu Gehör. Herr Eichmann und sein Chor haben mit Recht reichsten Beifall geerntet, und es ist zu wünschen, daß auch er in Zukunft nicht zurückbleibt, wenn es gilt, einem großen Publikum eine wahre Freude zu bereiten. Den Schluß des ersten Teils hatte Herr Pfarrer S ch e f f e r mit einem dem Zweck des Abends angepaßten Vortrag übernommen, und er traf mit seinen Ausführungen, die Zeit häuslicher Zusammengehörigkeit und deutscher Sittenhaftigkeit der modernen Zeit mit ihrer prahlenden Oberflächlichkeit und sittlichen Hohlheitgegenüberstellend,umeinen landläufigen Ausdruckzu gebrauchen, den Nagel ausden Kopf. Möchten seine treffenden Worte Nachklang gefunden haben bei vielen, das wäre der beste Dank für diese so zeitgemäßen Mahnworte. Nach einer kurzen Pause leitete eine Darstellung, „Dämmerstündchen" betitelt, den 2. Teil des Programms ein. Eine fröhliche Kinderschar führt der Großmutter, die mit einer Handarbeit bei der Lampe sitzt, ihre Reigenspiele vor und bittet zum Schluß die Großmutter um eins ihrer schönen Märchen. Es wird sich nach einigem hin und her auf „Der Wolf und die sieben Geislein" geeinigt, die Kinder gruppieren sich auf Fußbänken um die Großmutter und diese erzählt nun den gespannt Zuhörenöen das bekannte Märchen, während auf der Hinteren Wand der Stube durch Lichtbilder die Worte der Großmutter sozusagen handgreiflich gemacht werden. Das Ganze ist so originell gedacht und wurde so schön ausgeführt, daß auch die Großen an dem alten Märchen ihre Helle Freude hatten. Hierbei zeigte Frau Grebe daß sie nicht nur den Vortrag beherrscht, sondern auch als Großmutter den ungeteilten Beifall aller fand. Zwei Musikvorträgefür Geige und Klavier reihten sich an und fanden ebenfalls reichen Beifall. Herr Lallie gab noch zwei Sologefangvorträge mit bestem Erfolg und Frau Grebe brächte noch zwei Dichtungen mit ergreifendem Inhalt zu Gehör, woraus ein Vorstandsmitglied des Turnvereins der genannten Dame unter größtem Beifall ein Bukett als Dank des Turnvereins überreichte. Das Absingen eines zweiten gemeinschaftlichen Liedes bildete den Schluß der wohlgelungenen Veranstaltung. — Dem Vernehmen nach beabsichtigt der Turnverein im Laufe des Monats Januar nächsten Jahres einen zweiten derartigen Volksunterhaltungsabenö zu ver- anstalten, und wir glauben, daß auch dieser Abend sich einer gleich regen Teilnahme seitens der Bürgerschaft zu erfreuen haben wird. Dem rührigen Vorstände des Turnvereins Hersfeld gebührt der Dank der Allgemeinheit bei seinem mit großer Mühewaltung verbundenen Vorgehen auf diesem Wege. Wie wir hören, hatten sich am gestrigen Abend annähernd 1000 Personen in der Turnhalle eingefunden.
* Die näch ste Vo llv ersamm lu ng der Landwirtschaftskammer wird int Gegensatz früherer Jahre nicht im Dezember, sondern erst im Januar nächsten Jahres im Sitzungssaale des Ständehauses abgehalten werden. Anträge zu der Vollversammlung nimmt der Vorsitzende, Herr Rittergutsbesitzer Maertens, noch entgegen.
):( Hersfeld, 17. November. Eine tolle Jagd nach einem Handwerksburfchen spielte sich heute mittag zwischen 12 und 1 Uhr ab. Als der Mann an der Meisebacher Straße eines Polizeibeamten ansichtig wurde, nahm er ohne weiteres querfeldein Reisauß. Da dieses Gebühren auffiel, wurde sofort die Verfolgung ausgenommen, die über die Alpen, Kleins Höhe und Hamburger Hütte nach der Eichhof- straße führte. Hier lief der Handwerksbursche weiter Über die Wiesen nach der Fulda zu. Am Ufer derselben zog er kurz entschlossen seinen Ueberzieher aus uud sprang in die kalten Fluten. Das schien ihm allerdings nicht zu behagen, denn nach einiger Zeit kam er an das Ufer und ließ sich festnehmen. Als Grund für seine eilige Flucht gab der Mann an, er habe Angst vor jedem Schutzmann. Bis jetzt konnte noch nicht festgestellt werden, ob dies der alleinige Grund ist oder ob der Mann etwas auf dem Kerbholz hat.
):(Hersfeld, 17. November. Dem Ehrenvorsitzenden
des Hersfelder Radfahrer-Vereins 1886, Herrn C. T r a u t v e t t e r, wurde anläßlich feiner 10jährigen Zugehörigkeit zum Vorstände des Gaues 17 a ein wertvolles Schreibzeug zum Geschenk gemacht. Dasselbe wurde Herrn Trautvetter am Sonnabend durch den hiesigen Radfahrerverein überreicht.
-g- Heenes, 17. November. Jnzahlreichen Familien sind die Kinder halskrank. Gleichzeitig herrschen stellenweise auch die Masern.
Witzenhausen, 16. Nov. Im benachbarten Truben- Hausen versagte plötzlich die Bremse eines in voller Fahrt befindlichen Automobils. Der Insasse, ein Unternehmer, wurde herausgeschleudert und trug schwere Verletzungen am Kopfe davon, soöaß er in bedenklichem Zustande ins hiesige Krankenhaus gebracht wurde.
Cassel, 16. Nov. Ein Automobil der Automobil- und Fahrradhandlung von Metzger Überfuhr heute nachmittag am Holzmarkt das vierjährige Töchterchen des Arbeiters Erger, das ohne Aufsicht gelassen, direkt in das Gefährt hineingelaufen war. Das Kind wurde gräßlich zugerichtet. Der herbeigerufene Arzt konnte nur noch den Tod des Kindes konstatieren.
Fulda, 16. November. In der Nacht von gestern auf heute, um 3 Uhr früh, landete bei dem denkbar schlechtestem Wetter auf der Straße vor dem Dorfe Sickels, in der Nähe des Exerzierplatzes, der französische Freiballon „Albatros" vom Aeroklub öe France. Der Ballon, von 950 Kubikmeter Inhalt, stieg gestern Nachmittag in St. Cloud bei Paris auf; er war bemannt mit zwei Personen, dem Bankier Jean Laurenceau als Führer und dem Advokaten Henry Faueault als Begleiter. Sie hatten eine sehr stürmische Fahrt, hielten sich meist über dem Gewölk und verloren so jede Orientierung. Kurz vor der unfreiwilligen Landung geriet der Ballon in einen starken Böenwirbel, der das Fahrzeug herabdrückte. Als die Franzosen endlich die Lichter einer Stadt erblickten (es waren die von Fulda), beschlossen sie nieöerzu- gehen, was sehr schwer hielt, da kein Mensch da war, der bei der Landung mithelsen konnte. Sie glückte dennoch ohne Unfall. Der Ballon wurde auf Anzeige von der hiesigen Behörde vorläufig beschlagnahmt, später aber wieder freigegeben, als die Reisepässe, vom Generalkonsulat in Paris unterm 14. d. Mts. ausgestellt, geprüft und in Ordnung befunden waren. Die übrigen Papiere entsprachen zwar nicht ganz den Vorschriften des neuen deutsch-französischen Ueber- einkommens, bildeten jedoch kein Hindernis, um die Ausländer wieder ruhig ihres Weges ziehen zu lassen, mit dem demontierten Ballon als Passagiergut.
Hanau, 16. November. Das Schwurgericht verurteilte den Landwirt Knoth aus Kauppen (Kreis Fulda), der im August auf seinem Hofe den Handwerksburschen Scholz aus Kattowitz durch Messerstiche tötete und die Leiche ins Feld verschleppte, wegen Körperverletzung mit nachfolgendem Tode zu 4 Jahren Gefängnis.
Mainz, 17. November. Ein noch recht unaufgeklärter Vorfall, der wie ein Kapitel aus einem Märchen von der bösen Stiefmutter klingt, wird von hier gemeldet: Hier wurde der 12 Jahre alte Schüler Otto Willmann aus Hannover in einem Kanalrohr der Zellulosefabrik in tiefem Schlafe von Arbeitern aufgefunden. Der Junge behauptet, er habe in Hannover unter den Mißhandlungen seiner Stiefmutter zu leiden gehabt, die ihn aus Hannover entfernen wollte. Schließlich habe sie, als er freiwillig nicht ging, ihn mit Gewalt davongejagt. Er habe sich dann zu seinem Vater nach Offenbach am Main be- geben wollen, der dort in Arbeit steht und von seiner Frau getrennt lebt, sich aber wohl verirrt. Der Junge, dessen phantastisch klingende Erzählung auf ihre Wahrheit hin nicht nachgeprüft werden konnte, wurde vorläufig im Mainzer städtischen Krankenhause untergebracht.
Weißenfels, 15. November. Auf Grube „Gottlob" bei Theißen wurden gestern zwei Bergarbeiter, der 48jährige Robert Hemmann und der 38jährige Wilhelm Wähler, durch einen heruntergehenden Bau verschüttet. Der eine Bergmann sah die, gefährliche Lage seines Kameraden und wollte ihm helfen, fand aber dabei selbst mit den Tod. — Im Juli d. Js. gab der damals in Weißenfels wohnende Architekt Josef Frank an, ihm sei in Leipzig die Brieftasche mit 12 000 Mk. gestohlen worden, was aber keinen rechten Glauben fand. Jetzt fand die Polizei bei einer Durchsuchung der Wohnung des F. in Leipzig im Ofen versteckt den Rest des Geldes, das ihm anvertraut worden war, und der Betrüger bequemte sich zu einem Geständnis, den übrigen Teil des Geldes hatte Frank bereits verbraucht.