Hersfelder Tageblatt
Amtlicher Anzeiger ^|^ für den Kreis Hersfeld Weiber fireisblatt
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Gratisbeilagen: „Illustriertes Sonntagsblatt" und „Illustrierte Landwirtschaftliche Beilage”
Zernsprech-Knschlutz Nr. 8
Nr. 159.
«Erstes Blatt).
Sonntag, den 16. November
1913.
Bus der Heimat
*DerZuckerrübenbau inderProvinz Hessen-Nassau hat weiterhin eine ganz erhebliche Steigerung erfahren. Die Anlieferungen von Zuckerrüben an die Zuckerfabriken dürfen als abgeschlossen angesehen werden; sie haben insgesamt 145188 Kg. betragen. Die Zuckerrüben in diesem Jahre waren kleiner und im Gewicht auch etwas leichter als im Vorjahr, sie haben aber durchweg wesentlich besseren Gehalt an Zucker aufweisen können. Insgesamt wurden in diesem Jahre 5313 Hektar mit Zuckerrüben angebaut gegen 5158 Hektar im Vorjahr und nur 4467 Hektar im Jahre 1911. Neben dieser erfreulichen Steigerung der Anbaufläche ist auch eine ansehnliche Steigerung des Ertrages, für den einzelnenen Hektar berechnet, zu verzeichnen, denn dieser Ertrag betrug im Jahre 1911 nur 16,50 Tonnen, ist dann auf 29,25 Tonnen im Jahre 1912 gestiegen und wurde jetzt mit 37,33 Tonnen ermittelt,' diesen Rückgang um 1,91 Tonnen für den Hektar führt man in landwirtschstlichen Kreisen auf den zu nassen und kalten Sommer und Frühherbst zurück: infolge der mangelnden Wärme konnte die Zuckerrübe sich nicht so recht entwickeln.
* Eine beachtenswerte Entscheidung traf der Bezirksausschuß zu Arnsberg. Die benachbarte Gemeinde Altenbüren hatte dem Landwirt Reermann den Anschluß an die neuerbaute Wasserleitung versagt, weil die Kosten für die Anlage in einer Höhe von rund 1700 Mark — das Anwesen des R. befindet sich ca. 500 Meter vom Leitungsnetz i — zu hoch seien. Reermann legte dagegen Beschwerde beim Kreisausschuß in Brilon ein, die dieser für , begründet erachtete. Auf die eingelegte Berufung der Gemeinde beim Bezirksausschuß zu Arnsberg bestätigte dieser das Urteil des Kreisausschusses. Es ist mehrfach vorgekommen, daß Landwirte, deren Gehöft eine Strecke abseits der Gemeinde liegt, auf die Wohltaten des durch die Ueberlandzentralen vermittelten elektrischen Lichtes haben verzichten müssen, da die notwendige Leitung von ihnen bezahlt werden sollte. Es wäre von Interesse festgestellt zu wissen, ob da eine Verpflichtung der Gemeinde besteht.
* (Die öffentlichen Versammlungen.) Das Oberlandesgericht in Cassel hat durch Urteil vom 3. Oktober 1913 entschieden, daß die Polizei die Befugnis hat, in alle öffentlichen Versammlungen, also nicht nur politische, Beauftragte zu entsendten. Es < liegt das ja auch auf der Hand, da die Polizei doch in der Lage sein muß, sich in jedem Falle davon Ueberzeugung zu verschaffen, ob die Versammlung eine politische ist oder nicht. Die Veranlassung zu dem Urteil ist in Hanau gegeben worden.
* (Freifahrt der Beamten und Arbeiter.) r Kürzlich tauchte in den Zeitungen das Gerücht auf, daß den preußischen Eisenbahnbeamten und -Arbeitern die Berechtigung zur freien Fahrt, die ihnen unter bestimmten Voraussetzungen gewährt wird, entzogen oder weiter eingeschränkt werden sollte. Wie die B. C. von zuständiger Seite erfährt, entbehrt die Nachricht x jeder Begründung. Maßnahmen dieser Art sind überhaupt nicht erwogen worden.
) :( Hersfeld, 15. November. Auf den morgen abend in der Turnhalle stattfindenden Volksunterhaltungsabend des Turnvereins Hersfeld möchten wir nochmals besonders aufmerksam machen. ? Gleichzeitig weisen wir darauf hin, daß Kinder, wegen des zu erwartenden starken Besuches, keinen Zutritt haben. .
) :( Hersfeld, 14. November. Herr Gas- und Wafferwerkskafsrerer Georg Pforr begeht morgen ^in 2Mhriges Jubüläum im Dienste der Stadt
Hünfeld, 14. November. Tischler Hohmann im nahen Grüsselbach erlitt bei einer Benzinexplosion schwere Brandwunden, denen er nach zweitägigem qualvollen Leiden erlegen ist.
141 November. Ein bedauerlicher Un- glucksfall ereignete sich gestern in hiesiger Stadt. Lanöwir eaus Hornel hatten eine Dampfdreschmaschine aus Weißenborn geholt. Als dieselben die hiesige Stadt durchfuhren begegnete ihnen in der Nähe der Neuendorf schen Mühle ein Radfahrer. Als sich derselbe neben der Dreschmaschine befand, kam er so unglücklich zu Fall, daß ihm eick Hinterrad über den Arm ging und die Hand glatt abschnitt.
Bad Salzschlirf, 14. Nov. Im benachbarten Orte Angersbach verunglückte am Dienstag abend die vierjährige Tochter des Ziegelei-Arbeiters Hedrich dadurch, daß sie mit Feuer spielte und die Kleider in Worand gerieten. Das Kind ist kurze Zeit darauf seinen schweren Verletzungen erlegen.
Bad Brückenau, 13. November. Die Motorpostlinie Bad Kissingen-Brückenau beförderte im Sommer 1912 25 708 Personen. Die Gesamteinnahme betrug 50 370,50 Mark, die Gesamtausgabe 28100,48 Mk.
Göttingen, 13. Nov. In dem im Abteufen begriffenen Schacht „Napoleon" des Kaliwerkes Reyers- Hall bei Nörten wurde eine im Gestein stecken gebliebene Dynamitpatrone, die beim Sprengen versagt hatte, angebohrt und explodierte. Sämtliche auf der Sohle beschäftigte Bergleute wurden zu Boden gerissen. Vier wurden sehr schwer und einer leichter verletzt.
Melsnngen, 15. November. Der Tierschutzverein des Kreises Melsungen bittet im Interesse unserer Singvogelwelt die Landwirte, doch beim Legen von vergiftetem Getreide die nötige Vorsicht walten zu lassen, damit nicht noch mehr, wie bisher schon, tote Singvögel im Felde angetroffen werden. Das Giftgetreide soll in die Mauselöcher gestreut und diese verdeckt werden. Dieser Aufruf verdient weiteste Verbreitung.
Fulda, 12. November. In der letzten Staötver- ordnetensitzung wurde ein Magistratsantrag auf Beitritt der Stadt Fulda zu der noch zu gründenden Kommunalbank angenommen. Der Beitritt zu dieser Bank ist für die Stadt mit einem Aufwand von 22 000 Mk. verbunden, wofür sie zwei Aktien von je 10 000 Mk. erwirbt. Die zu gründende Kommunalbank soll der Förderung des Kommunalkredits dienen.
Eisenach, 14. November. Der Gemeinöerat beschloß in seiner gestrigen Sitzung, daß künftig in Eisenach nicht mehr vier, sondern nur noch zwei Jahrmärkte stattfinden sollen, weil die Jahrmärkte die ansässigen kleinen Geschäftsleute schwer schädigten. Weiter lehnte der Gemeinderat das Gesuch um Errichtung eines Naturtheaters in Eisenach endgültig ab.
Windecken, 14. November. Hier stürzte gestern nachmittag der 7 Jahre alte Sohn des Zimmermanns Wilhelm Schweinsberger in die hochgehende Nidöer und ertrank. Der Sturm hatte ihm die Mütze vom Kopf gerissen und als er sie wieder ergreifen wollte, stürzte er von der Brücke ab und verschwand in den Fluten.
Weida, 13. November. Der Gemeinderat beschloß in seiner gestrigen Sitzung eine Steuerermäßigung für kinderreiche Familien; u. a. bleiben Steuerzahler mit drei Kindern bis 800 Mark Einkommen, solche mit vier Kindern bis 1000 Mark, solche mit fünf Kindern bis 1100 Mark steuerfrei. Der Steuerausfall wird ungefähr 400 Mark betragen.
Dingelstädt (Eichsfeld), 14. November. In dem benachbarten Dorfe Geisleden verlangten gestern abend bei der Lohnauszahlung die als Arbeiter bei dem Bau der Gemeindewafferleitung beschäftigten Kroaten eine Lohnerhöhung, die ihnen jedoch verweigert wurde. Aus Wut hierüber demolierten sie in der Winöelschen Wirtschaft die gesamte Gaststubeneinrichtung und bedrohten die Frau des Gastwirts mit Erstechen, so daß diese flüchten mußte. Die wütende Rotte zog dann in die Dorfstraße, verübte dort einen furchtbaren Radau und überfielen die vorbeikommenden Ortseinwohner mit Messern: sie richteten ein förmliches Blutbad an. Der 25jährige Knecht Grimm wurde durch Messerstiche im Unterleib tödlich verletzt, 2 andere wurden lebensgefährlich verwundet, außerdem wurden mehrere Leute leichter verletzt. Die aufrührerischen Kroaten zogen dann nach dem Dorfe Bodenrode zu. Unterwegs demolierten sie in einer vereinzelt gelegenen Wirtschaft die Einrichtung,' ferner überfielen sie einen Schäfer aus dem Dorfe Bodenrode und brachten ihm mehrere tiefe Messerstiche bei. Der Polizei gelang es heute vormittag auf dem Bahnhof Leinefelde die Täter zu verhaften.
Mühlhausen, 13. November. Der Exerzierplatz des 3. Bataillons der 167er wird nach der Entscheidung des Kriegsministeriums in den Fluren von Ammern und Mühlhausen an den Röttelseegraben zu liegen kommen, der sich zwischen Ammern und Hollenbach erstreckt. Der Platz wird 200 Morgen groß werden. Die Verhandlungen mit den Besitzern des Landes sind nunmehr abgeschlossen. Die Stadt hat im ganzen 83 000 Mark zu zahlen. Für 150 Morgen erhält sie den Kaufpreis mit 3 Prozent vom Kriegsministerium verzinst, die übrigen 50 Morgen, in denen aber die nicht zu bezahlenden Wege und Gräben verrechnet sind, hat sie ohne Entschädigung zur Verfügung zu stellen.
Langensalza, 13. November. Von einem Schicksalsschlage wurde die hier wohnhafte Witwe Dörfler betroffen. Ihr 22jähriger Sohn, welcher Oktober d. Js., mit seiner Wehrpflicht zu genügen, nach der Festung Bitsch eingezogen wurde, verunglückte am Sonnabend vormittag beim Rejtunterricht dadurch, daß das Pferd aufbäumte, sich überschlug und seinen Reiter unter
sich begrub. Während das Pferd das Genick brach und sofort tot war, wurde der Reiter mit lebensgefährlicher Verletzung in das Garnisonlazarett eingeliefert, wo er vorgestern verschied.
Heyerode (Eichsfeld), 13. November. Auf dem hiesigen Bahnhof war es mit den Wasserverhältniffeu sehr schlecht bestellt, Brunnen von 40 Meter Tiefe ergaben fast kein Waffer. Infolgedessen wurde der Hydrotekt Richard Kleinau aus Cöthen i. Anh. vom Eisenbahn-Betriebsamt Eisenach aufgefordert, das Terrain mittels Metallwünschelrute zu untersuchen. Man hat in der Tat an einer von Herren Kleinau bezeichneten Stelle gutes Wasser gefunden.
Die Antwort der Krankenkassen znm Kamps mit den Aerzten.
Auf die Kampfansage der Aerzte antworten die Krankenkassenverbänöe mit folgender Erklärung:
1) Auf dem Aerztetag in Berlin haben die Aerzte- organisationen beschlossen, keine Verträge mehr mit den Krankenkassen einzugehen. Sie wollen die erkrankten Versicherten nur noch als Privatpatienten behandeln, und es empfahl der Vorsitzende des Leipziger Aerzteverbandes sogar, dieses nur gegen Vorausbezahlung zu tun.
Dieses Vorgehen bedeutet den allgemeinen Kampf gegen die Träger der gesetzlichen Krankenversicherung und den Generalstreik diesen gegenüber. Es wird jetzt das ausgeführt, was bereits am 18. Februar 1912 die Aerzteorganisationen offiziell beschlossen haben: „Zur erfolgreichen Durchführung der Beschlüsse des Stuttgarter Aerztetages sind die bisherigen Einzel- kämpie zu vermeiden. Es ist vielmehr ein gleichzeitiges, geschlossenes, gleichmäßiges und einheitliches Vorgehen aller kaffenärztlichen Lokalorganisationen unerläßlich."
2) Es entspricht nicht der Wahrheit, daß den Aerzten der Kampf von den Krankenkassen aufgedrungen worden ist. Die Krankenkassen haben keine Forderungen an die Aerzte gestellt, wohl aber die Aerzteorganisationen sehr viele und ganz unangemessene an die Krankenkassen. Die Kassen befinden sich lediglich in der Abwehr. Einigungsverhandlungen sind gescheitert, weil die Aerzteorganisationen allgemein die Durchführung der freien Arztwahl bei den Kassen durchsetzen und das Kassensystem nur noch ausnahmsweise und für eine kurze Ueber- gangszeit bestehen lassen wollen. Der Arzt selbst sollte nach den Vorschlägen der Aerzte nur durch die Organisation zur Kassenpraxis zugelassen werden. Die Abstufung der Honorare sollte nach der Höhe der Einnahmen der Versicherten erfolgen: alle Arztverträge sollten zum gleichen Zeitpunkte ablaufen. Diese Forderungen der Aerzteorganisationen wurden als Mindestforderungen bezeichnet. Bei dieser Regelung würde den nach dem Gesetz verantwortlichen Kassenvorständen der Einfluß auf die Kassenver- waltung genommen werden.
Die Kassen würden schließlich nur noch Beiträge anfzubringen haben, um die durch die Aerzte verfügten Ausgaben zu decken. Für eine Gestaltung der Verhältnisse, die die Kassen den Aerzteorganisationen so ausliefert, kann kein Kassenvertreter die Verantwortung übernehmen.
3) Wenn behauptet wird, daß die Krankenkassen mit den Aerzteorganisationen nicht verhandeln, diese vielmehr zertrümmern wollten und den sogenannten Herrenstandpunkt einnehmen, so entspricht nur das Gegenteil der Wahrheit. Die Kassen haben bei den Einigungsverhandlungen Vorschläge gemacht, die unzweideutig ergeben, daß sie im Interesse des Friedens in weitgehendster Weise Beschränkungen in ihren gesetzlich gewährleisteten Rechten zugunsten der Aerzteorganisationen vornehmen wollten. Bezeichnend ist, daß die Vorschläge der Kassen nicht nur glattweg abgelehnt, sodern fast totgeschwiegen werden.
4) Die Vertreter der Krankenkassen sind in Anerkennung der hohen Bedeutung des Arztberufes den Aerzten soweit eutgegengekommen, als es die ihnen auferlegte Verantwortung und die Wahrung der ihnen anvertrauten hochwichtigen Interessen der öffentlich rechtlichen Krankenversicherung zuließen. Die Krankenkassen sprechen deshalb die Erwartung aus, daß sich die Behörden und der Gesetzgeber durch die Aerzteorganisationen nicht einfchüchtern lassen und unangemessene Forderungen der Aerzteorganisationen ablehnen werden. Es handelt sich um die Entscheidung, ob die Interessen eines einzelnen Be- rufsstandes über das Wohl von Millionen von Versicherten gestellt werden soll.
Wetteraussichten für Sonntag den 16. November.
Veränderliche Bewölkung, strichweise Niederschläge, kühl, westliche bis nordwestliche Winde.