Einzelbild herunterladen
 

25 Zahre Post und Telegraphie.

Interessante Zahlen.

Wir leben im Zeitalter des Verkehrs! Wie recht dieser Ausspruch hat, zeigt ein Blick auf die Entwicklung des deutschen Postverkehrs während der letzten 25 Jahre. Während zu Beginn dieses Zeitraumes die Ausdehnung der Post und Telegraphie verhältnismäßig gering war, nimmt der Postverkehr des Deutschen Reiches heute die erste Stelle unter den Ländern der alten Welt ein. An den Umfang des deutschen Fernsprechverkehrs reicht kein Land Europas auch nur annähernd heran. Dabei hat keine Verkehrsverwaltung der Welt eine so große Zahl von Betriebszweigen aufzuweifen wie die Reichspost. Wie gewaltig die Entwicklung war, geht aus den Fi- nanzergebniffen der Reichs-Post- und Telegraphen- Verwaltung hervor. Im Jahre 1888 betrug der erzielte Reinüberschuß über 26 Millionen, im Jahre 1912 93 623 226 ^

Daß unsere Post- und Telegrapheneinrichtungen mustergültig sind, sieht man daran, daß sie fast ständig von ausländischen Beamten zum Gegenstand eingehen­den Studiums gemacht werden. So weilten erst in jüngster Zeit höhere Beamte aus England, Rußland, Oesterreich, Italien, Frankreich, Dänemark, Schweden, Belgien, aus Japan und der Türkei in Deutschland, um die Post- und Telegrapheneinrichtungen zu stu­dieren.

Einen Einblick in die Größe und Ausdehnung des Post-, Telegraphen- und Fernsprechwesens gewinnt man aus dem anläßlich des Regierungsjubiläums des Kaisers Herausgegebenen Werke: „Soziale Kultur und Volkswohlfahrt (Verlag Georg Stilke, Berlin). Das Netz der Verkehrsanstalten, das Anfang des Jahres 1888 17 350 Postanstalten und 9400 Telegraphenanstal­ten umfaßte, ist auf 34 700 Postanstalten und 32 200 Tele­graphenanstalten gewachsen. Damals entfielen auf eine Postanstalt 2274 Einwohner, heute 1603; auf eine Tele­graphenanstalt kamen damals 4196, heute 1725. Wäh­rend der letzten 25 Jahre sind hiernach täglich zwei neue Postanstalten und bis zu drei neue Telegraphenanstalten entstanden. Ein bedeutender Teil dieser Neueinrich­tungen ist dem platten Lande zugute gekommen. Von den vorhandenen Telegraphenaustalten besitzen jetzt mehr als 31 900 Fernsprechbetrieb.

Die in den Beförderungsleistungen der Verkehrs­anstalten eingetretene außerordentliche Steigerung fin­det ihren Ausdruck in der Zunahme der Briefsendungen von 1981 Millionen Stück auf 9192 Millionen Stück, der Päckerei- und Wertsendungen von 98 Millionen auf 297 Millionen Stück, des Gesamtbetrages der Wertan­gaben und des vermittelten baren Geldverkehrs von 17 Milliarden Mark auf 50 Milliarden, der beförderten Telegramme von 20 Millionen auf 61 Millionen Stück und der vermittelten Gespräche von 97 Millionen auf 209 Millionen. Das Personal ist von 74 000 Beamten und Unterbeamten sowie 21100 sonstigen beschäftigten Personen auf 216 000 Beamte und Unterbeamte und 67 200 andere Bedienstete angewachfen. Der Verbrauch an Postwertzeichen stieg von 1230 Millionen Stück auf 5094 Millionen.

Zur Postbeförderung werden täglich 16 700 Eisen­bahnzüge benutzt. Die Zahl der Posten auf Landstraßen beträgt 14 700, die der Bahnpostwagen und Postabteile in Eisenbahnwagen 4500, der Postwagen 12 600 und der Postfahrräder 9000. Die Länge der oberirdischen Reichs­telegraphen- und Fernsprechlinien beträgt heute 275 000 Kilometer, die der Leitungen 2 300 000 Kilometer. Die Ortsfernsprechnetze haben eine besonders hervorragende Entwickelung gehabt. Die Zahl stieg von 155 auf 5700, die der öffentlichen von 55 auf 34 000, die Zahl der Sprechstellen von 25 200 auf 1118 000. In den rück- liegenden 25 Jahren sind also öemuäch^eöM Mitten Tag zwei Ortsfernsprechnetze sowie täglich 124 öffentliche und andere Sprechstellen eingerichtet worden: über 1% Mil­liarde Gespräche werden heute innerhalb des Ortsnetzes täglich geführt. Diese Ziffer ist wohl ein beredtes Zeug­nis für die Wahrheit des Ausfpruchs: Wir leben im Zeitalter des Verkehrs.

Siliern über die MliörlauglWett.

Die Ergebnisse des Heeresergäuznngsgeschäfts für das Jahr 1912.

Im Reichstage ist die Uebersicht der Ergebnisse des Heeresergänzungsgeschäfts sowie hine Nachweisung über Herkunft und Beschäftigung der Militärpflichtigen für das Jahr 1912 ausgegeben worden. Es geht daraus die erfreuliche Tatsache hervor, daß der Prozentsatz der Taug­lichen gestiegen ist. Denn unter 572168 endgültig Abgefertigten wurden 317 591 für tauglich befunden, was einem Prozentsatz von 55,51 entspricht. Der Prozent­satz der Tauglichen stellte sich aber t. I. 1911 auf 53,4, t. J. 1910 auf 53,0, i. J. 1909 auf 53,6, i. J. 1907 auf 54,9 i. J. 1906 auf 55,9. Es ist also seit 1906 der Pro­zentsatz der Tauglichen besser geworden

Die Nachweisung über Herkunft und Befchäftigung

Das neue Fräulein.

Original-Roman von F r. Lehne.

16) (Nachdruck verboten.)

Zögernd reichte sie ihm die ihre, die er mit zärt­lichem Druck umspannte.

„Also, wenn ich wiederkomme, sehe ich mir Ihre Zeichnungen an, von denen Sie mir sprachen."

„Das tut mir leid, ich habe sie nicht hier!"

„Schade! — Dann sehen Sie sich die meinigen an; ich bin auf Ihr Urteil gespannt! — Ah paröon," fügte er hastig hinzu, als sie ihm ihre Hand entzog, die er so lange in der seinen gehalten. Er lächelte und sagte dann zu Frau Anna: „Hoffentlich sehen wir uns nachher noch, nicht wahr?"

„Gewiß, ich komme, sobald ich gewünscht werde!" —

„Doch ein entzückender Mensch, nicht, Gertrud?" sagte die Tante, als Albrecht das Zimmer verlassen hatte. Dabei trat sie vor den Spiegel, sich wohlgefällig betrachtend und an ihrer Frisur ordnend, die ihr die Friseuse jeden Morgen kunstgerecht aufbaute. Das junge Mädchen räumte unterdessen den Tisch ab, schloß das Klavier und nahm ihre Arbeit wieder zur Hand.

„O ja, er ist ganz nett," klang es etwas einsilbig von ihren Lippen.

Fast entrüstet drehte sich die Tante um — „ganz nett? — mehr als das! Vielleicht bist Du damit nicht einverstanden, daß er Dir nicht geschmeichelt und den Hof gemacht Hat! Das ist aber gerade das Vornehme an ihm, daß er stets die Grenze zu wahren weiß!"

Um Gertruds Mund zuckte es — sie wußte es bes­ser — jedoch erwiderte sie nichts und stickte ruhig weiter.

„Du denkst wohl, daß jeder kommen soll und Dich anhimmeln? Aber bei Marburg nützt Deine Koketterie nicht." —

„Ich bin nicht kokett, Tante!"

„Nicht?. Wenn Du damit prahlst, daß Dein Haar

der Militärpflichtigen erhärtet von neuem die verhält- nismützig höhere Tauglichkeit der auf dem Lande Geborenen im Vergleich mit den Stadt­kindern. Was zunächst die Landkinder anbetrifft, so be­fanden sich unter den in der Forst- und Landwirtschaft beschäftigten 132147 endgültig Abgefertigten 79 960 Taugliche = 60,52 Prozent. Unter anderweit beschäf­tigten 188 666 endgültig Abgefertigten Landkindern be­fanden sich 109128 Taugliche = 57,84 Proz. Unter 19 491 in der Forst- und Landwirtschaft beschäftigten, endgül­tig abgefertigten Stadtkindern befanden sich 10 825 Taug­liche — 55,54 Prozent. Unter 231864 anderweit beschäf­tigten, engültig abgefertigten Stadtkindern befanden sich 117 678 Taugliche = 50,75 Prozent. Der Prozentsatz der auf dem Lande tätigen, für tauglich erklärten Land- kinder ist also im Reichsdurchschnitt nicht unwesentlich besser, als der der anderweit beschäftigten Stadtkinder.

Politische Rundschau.

General Keim als Redner. Zum ersten Male seit der Annahme der Mehrvorlage trat General Keim, der Vorsitzende des Deutschen Wehrvereins, wieder öffent­lich hervor, indem er in Hagen t. W. über die militär­politische Lage sprach. In der Wehrvorlage sei nur durchgeführt worden, was der Wehrverein von jeher ver­langt hat. Weil diese alten Forderungen jetzt von allen vaterländisch Gesinnten als notwendig ersannt worden, so beanspruche er für seinen Verein für alle Zukunft das unbedingte Recht, laut und unverwehrt feine Meinung alt sagen. Keim gestand zu, daß Deutschland nach der Durchführung der Wehrvorlage Frankreich auch zahlen­mäßig überflügelt haben werde. Die allgemeine Wehr­pflicht sei bei uns aber auch heute noch nicht durchge­führt. Keim forderte, daß zum Schutz unserer Ostgrenze allmählich und automatisch zwei neue Armeekorps auf­gestellt werden.

Die Frage des Arbeitswilligenschutzes nach der Ent­schließung des Jnöustrierates des Hansabundes bildet, nach der „Tägl. Rundsch.", den Gegenstand von Er­wägungen im Reichsamt des Innern, gemeinsam mit ähnlichen Ersuchen anderer industrieller Körperschaften. Die Frage scheint unsere Regierungsstellen lebhaft zu beschäftigen: denn auch die zuständigen preußischen Amtsstellen sind zu den Beratungen über ein Schutz­gesetz für Arbeitswillige herangezogen worden. Be­kanntlich hat sich die Reichsleitung immer gegen ein folches ablehnend verhalten mit der Begründung, daß die bestehenden Bestimmungen bei energischer Hand­habung ausreichten. Einzelne Bundesregierungen stehen auf einem anderen Standpunkte, z. B. die sächsische, die schon vor Jahren ein Arbeitswilligen-Schutzgesetz ge­fordert hat.

Arbeitslosenfürsorge in Sachsen. Die sozialdemokra­tische Fraktion der sächsischen Zweiten Kammer hat ei­nen Antrag eingebracht, der eine ausgedehnte Unter­stützung der Arbeitslosen durch Regierung uuö Gemein­den verlangt. Zu diesem Zwecke soll ein Fonds gebildet werden, zu dem die Gemeinden namentlich auch die Sparkassenüberschüsse verwenden sollen. Von der Regie­rung wird verlangt, für Arbeitslosenunterstützung 300 000 Mark in den Etat einzustellen, um den Gemein­den die Hälfte ihrer Unterstützungsaufwendungen wie­der zurückzuerstatten.

Keine sozialdemokratischen Vertreter in der Nii- stungskommission. Die sozialdemokratische Reichstags­fraktion hat beschlossen, von jeder Teilnahme an der Rüstungskommission abzusehen. Sie wird eine Inter­pellation in dieser Angelegenheit einbringen.

Die leidige „Wackes"-Angelegenheit. Die Straß- bürger Zeitungen bringen den Urlaub des Obersten v. Reuter, Kommandeur des-Infanterie-Regiments Nr. 99, mit den jüngsten Vorgängen in Zabern in Zusam­menhang. Diese Kombination ist gänzlich hinfällig. Der Urlaub hat mit dem Fall nichts zu tun. Die vom Ober­sten v. Reuter getroffenen militärischen Matzregnln in Zabern sind nach jeder Richtung hin vom Generalkom­mando gebilligt worden. — Weiter verlautet noch, daß von sozialdemokratischer wie auch von Zentrumsseite eine Interpellation im Reichstage über die Vorfälle eingebracht werden soll.

Kleine nadirichien«

Ein schweres Einstnrzunglück ereignete sich Don­nerstag abend im Lunaparke in Altona beim Abbruch einer etwa 20 Meter hohen Rutschbahn, die in Form einer 8 gebaut war. Eine große Anzahl Arbeiter war mit dem Abbruch des riesigen Holzgeriistes beschäftigt, als dieses plötzlich in sich zusammenbrach und alle Ar­beiter mit in die Tiefe ritz. Sechs von ihnen waren schwer verletzt worden: drei wurden in hoffnungslosem Zustande ins Krankenhaus geschafft.

Ein Rheintunnel für Düsseldorf. Die Stadt Düssel­dorf erwägt eine Untertunnelung der Rheins, die mit 4% Millionen Mark sich erheblich billiger stellen würde, als der Bau einer neuen Rheinbrücke. Die guten Er-

echt ist? Und dann diese Frisur, durch die Du durchaus auffallen willst!"

Dabei warf sie einen neidischen Blick auf das üp­pige Haar der Nichte, das, aus dem Gesicht gekämmt, in moderner Weise dasselbe lose und bauschig um- rahmte und am Hinterkopf in einen mächtigen Knoten ausgesteckt war — eine Frisur, die eigens dazu geschaffen fchien, Gertruds stolze Schönheit, ihr edles Gesicht zu heben.

„Liebe Tante, Du gestattest mir bitte, mich nach meinem Geschmack zu frisieren und zu kleiden, wenn ich dadurch meine Pflichten nicht versäume!"

Fest und bestimmt kamen diese Worte von ihren Lippen, daß es Frau Teichmann für besser hielt, nicht weiter darauf einzugehen. Nach einigen undeutlich ge­murmelten Worten fuhr sie in ihren Ausstellungen an Gertrud fort:

„Komisch fand ich es auch, wie Du immerfort von Deinem Vater sprachest, als ob Herr von Marburg daran

Interesse hat! Geradezu lächerlich aber hast Du Dich gemacht, als Du Dich mit Deinem bißchen Zeichnen und Singen hervortun wolltest. Wenn man nichts Ordent- lieber gar nichts sagen,

liches leisten kann, soll man haft's ja auch gehabt, daß Du

Dich blamiert hast!"

Hastig erhob Gertrud — ich?"

den

stecken geblieben bist und Kopf. „Stecken geblieben

„Ja," lächelte die Tante höhnisch, „willst Du das etwa noch leugnen? Ich hätte mich zu Tode geschämt, wenn mir das passiert wäre vor einem so vornehmen

Herrn! Und wie taktvoll er darüber hinwegging!"

Gertrud preßte die Lippen zusammen und schwieg. Lieber die ungerechtesten Borwürfe erdulden, als ein­gestehen, daß sie jenes Lied — eines ihrer Lieblings- lieder — nicht hatte weiter singen können angesichts dieser kecken grauen Augen, die so beharrlich in ihrem Gesicht suchten. Da war es ihr unmöglich gewesen, auch

fayrungen, die die Stadt Hamburg mit ihrem EwtuMer gemacht, sollen für Düsseldorf ausschlaggebend gewesen sein.

Eine Gefahr für die Landwirtschaft. Nach der Agrarpvlitischen Korrespondenz läßt sich ein bedrohliches Anwachsen der Maul- uuö Klauenseuche in Deutschland konstatieren.

Durch Klatsch in den Tod getrieben. Als ein Kut­scher aus der Keibelstratze in Berlin abends nach Hause kam, fand er seine Frau tot auf. Sie hatte sich an einem Kleiderhaken erhäugt. In einem hinterlassenen Briefe schreibt die Frau, daß der Klatsch von Hausbewohnern, durch den sie in ihrer Ehre schwer gekränkt wurde, sie zum Selbstmord getrieben habe.

30fache Herausforderung zum Duell. Wie die „Rheinische Korr." zu berichten weiß, haben 30 Studie­rende, die einer französischen Verbindung in Straßburg angehören, dem durch den Zwischenfall von Zabern be­kannt gewordenen Leutnant von Forstner eine Heraus- foröerung zum Zweikampf geschickt. Diese Mafsenforde- rung ist natürlich ein Schlag in die Luft, denn kein Ehrengericht wird eine derartige Forderung, deren Zweck klar auf der Hand liegt, genehmigen.

Ueberschwemmungen in der Schweiz. Das Hoch- waffer der Berge hat ein ganzes Viertel in Münster (im Berner Jura) so rasch und so stark überschwemmt, daß in den Hütten der Tunnelbaugesellschaft zur Ret­tung der Jnsasfen Löcher in die Decken geschlagen wer­den mußten. Im Juragebiet sind große Wassermengen unter Blitz und Donner niedergegangen.

Eisenbahnkatastrophe in Amerika. In der Nähe von Clayton im Staate Alabama ist ein Zug der Zentral Georgia Railway von einer Brücke abgestürzt. Dabei wurden zwanzig Personen getötet und 250 verletzt. In dem abgestürzten Zuge befanden sich zahlreiche Schau­steller, die zu einem Jahrmarkt reisen wollten.

Eine mutige Frau.

Ans einem Kameruner Tagebuch.

Während der letzten Jahre ist die Aufmerksamkeit unserer deutschen Frauen in erhöhtem Maße auf unsere Kolonien in Afrika gerichtet, und viele von ihnen ver­wirklichten ihre Sehnsucht, indem sie sich drüben ansie- delten oder, wagemutig ihren Männern folgend, an Forschungsreisen ins Innere jener Länderteile sich be­teiligten. Zu diesen letzteren zählt Frau Marie Pauline Thorbecke, die ihren Gatten Professor Franz Thorbecke auf einer Forschungsreise in das Innere Kameruns be­gleitet hat und jetzt ihr dort geführtes Tagebuch — un­ter dem Titel „Auf der Savanne" — bei E. S. Mittler u. Sohn in Berlin veröffentlicht. Die Verfasserin schreibt an einer Stelle:

Das war Afrika! In dunkler, regenverhangener Nacht wache ich plötzlich aus tiefem, friedlichem Schlaf auf durch irgend etwas Entsetzliches, das mit meinem Kopf geschieht. Ich merke, daß ich laut schreie, und hinter dem Ohr fühle ich ein furchtbares Gewicht, einen rasen­den Schmerz. Ich fasse hin: da ist ein schweres Ding, ein Ding von Eisen, es geht nicht fort, es steckt drin in meinem Kopf! „Franz, mein Kopf, Franz, mein Kopf," er springt aus dem Bett, „etwas Eisen steckt in meinem Kopf!" Ich höre ihn aufbrüllen, nach Hilfe schreien und flehe nur immer: „Zieh es heraus, zieh es heraus!" Er reißt das Moskitonetz hoch, faßt zu, ein Ruck, bei dem ich glaube, die gauze Kopfhaut wird abgerissen, noch ei­ner — Gott sei Dank, es ist heraus. Ein Speer, ein blanker, scharfer Speer, die Spitze ohne jede Schneide, geformt wie ein langer, dicker Nagel, mit winzigen, scharfen Widerhaken! Ein Speer, der saß in meinem Kopf! Und ich lebe noch, ich lebe noch! Mein Herz schlägt, ich atme, ich denke ganz klar, der Schmerz ist fast fort! Ja, ich lebe, ui) habe es nicht verloren, mein liebes, wundervolles, glückliches Leben!

Und dann ist unser ganzes Volk da, Licht flammt auf, die Sturmlampe flackert, und während Franz die Wunde untersucht, Haare abschneidet, desinfiziert und das Blut abwäscht, wobei er feststellt, daß der Speer am Felsenbein abgeprallt und wohl zehn Zentimeter tief zwischen Knochen und Haut eingedrungen ist, stürzen unsere Schwarzen in die vier elenden, von den Dorfleu­ten bewohnten Hütten, um alles Volk gefangen zu neh­men. Denn sie alle und wir wissen genau, wer diesen Speer geworfen hat: der Heaöman des jammervollen, kleinen Dorfes Djiöda. Und wir wissen auch warum. Auf dem Hinmarsch nach Tibati hatten wir drei Ersatz- träger gebraucht, jedes Dorf hatte uns bereitwillig die Leute gegeben, die dann nach einem Tage gewechselt wurden. Und auch der Häuptling von Djiöda hatte so­fort zugestimmt, als wir ihn bei der Ankunft um drei Träger baten, nicht etwa sie forderten! Am Abmarsch- morgen jedoch weigerte er sich, Leute zu stellen: wir hat­ten ja keinen Soldaten mehr bei uns, weil wir den aus Joko nicht mit in den Banjobezirk nehmen konnten. Der Aufbruch vor dem sehr langen Tagemarsch wurde über eine Stunde verzögert, der Häuptling wurde im­mer unverschämter und lachte schließlich Franz in Ge-

nur ein Wort jenes leidenschaftlichen Liedes noch über die Lippen zu bringen. Und was sie am meisten auf» regte, war das Bewußtsein, daß er den inneren Grund ihrer Weigerung erraten hatte — in dem triumphie­renden Blick seiner Augen hatte sie es lesen können.

„Soll ich mit Dir hinuntergehen, Tante?" fragte sie, um dem Gespräch eine andere Wendnng zu geben.

„Nein, es ist nicht nötig: es wird wohl nicht zu viel zu tun sein. Du kannst heute abend für Dich bleiben — sticke, schreib oder lies — tue, was Du willst! Ich werde gleich unten essen: Du brauchst also für mich nicht zu decken. Nimm Dir genug — es ist doch wohl noch ein Stück Roastbeef von gestern da? — gib auch GustZ sie geht ja halb acht fort!--Weißt Du, ich finde es lächerlich und verschwenderisch von Deinem Schatz, daß er depeschiert! Hab' Dich nur nicht so! Hättest auch biv morgen ganz ruhig warten können! Mir war es ordent­lich peinlich vor Herrn von Marburg!"

Frau Anna atmete ordentlich erleichtert auf: nicht alles vom Herzen runter war, hatte sie keine Ruh^ und das mit dem Telegramm mußte sie der Nichte noch vorhalten.

„Gut, Tante, ich werde alles besorgen," sagte Ger­trud gelassen, die letzten Worte gänzlich ignorierend, „solltest Du meiner bedürfen, klingele dann, bitte. Vor allem will ich den Läufer fertig sticken, damit ich thu morgen früh gleich plätten und auflegen kann."

Frau Anna ging endlich, geärgert durch der Nichte ruhiges Wesen. Sie konnte ihr and) gar nichts anhaben — alles prallte an ihr ab. Teichmann verwöhnte m zu sehr: da schadete es gar nichts, wenn immer «w ein Gegendruck kam, sonst wurde die Prinzessin gar übermütig — sie steckte so wie so immer einen so her­ausfordernden hochmütigen Ausdruck auf.---

(Fortsetzung folgt.)