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Hersfelder Tageblatt

Amtlicher Anzeiger ^^^ für den Kreis Hersfeld Msfelher KmsbM

Bezugspreis vierteljährlich für Hersfeld 1.50 Mark, durch die Post be­zogen 1.60 Mark. Druck und Verlag von Ludwig Funks Buchdruckerei Hersfeld. Für die Redaktion verantwortlich Franz Funk in Hersfeld.

Der Anzeigenpreis beträgt für die einspaltige Zeile 10 Pfennig, im amtlichen Teile 20 Pfennig, Reklamen die Zeile 25 Pfg. Bei Wieder­holungen wird Rabatt gewährt. Erscheint jeden Werktag nachmittags.

Gratisbeilagen:Illustriertes Sonntagsblatt" undIllustrierte Landwirtschaftliche Beilage" Zernsprech-slnschlutz Nr. 8

Nr. 157. Freitag, den 14 November 1913.

Gebt keinerlei Almosen an orts­fremde Wanderer.

Das preußische Wanderarbeitsstättengesetz vorn 29. Juni 1907 ist in dem Regierungsbezirk Cassel seit dem 1. April 1909 eingeführt und es sind an den Orten Cassel, Vebra, Hanau, Marburg und Rinteln Wanderarbeitsstätten eingerichtet worden, welche die Aufgabe haben, mittellosen arbeitsfähigen Männern, die außerhalb ihres Wohnortes Arbeit suchen, Arbeit zu vermitteln und vorübergehend gegen Arbeitslei­stung Beköstigung und Obdach zu gewähren. Damit die in den Bezirk zuwandernden mittellosen Wanderer von den Grenzen des Bezirks zur nächsten Wander- arbeitsstätte gelangen können, sind in den Orten Obersuhl, Schlächtern, Gelnhausen, Fulda, Kirchhain und Treysa sogenannte Wanderereingangsstationen eingerichtet. Diese Stationen haben dafür zu sorgen, daß die sich meldenden mittellosen Wanderer mit der Eisenbahn zur nächsten Wanöerarbeitsstätte befördert werden. Die Beförderung der Wanderer von einer Wanderarbeitsstätte zur anderen erfolgt im Regie­rungsbezirk Cassel nach einem festgelegten Plan, der auf den meisten Strecken eine Kombinierung von Fußwanderung und Eisenbahnbeförderung vorsieht.

Durch die Eisenbahnbeförderung, welche wenig­stens die ernsthaft arbeitsuchenden Wanderer selbst als eine Wohltat empfinden, ist es erreicht worden, daß das planlose Umherstreifen der Wanderer inner­halb des Bezirks schon einen erheblichen Rückgang erfahren hat. Wer ohne Mittel ist, hat auf der Landstraße nichts mehr zu suchen, sondern soll den geordneten Weg von den Eingangsstationen über die Wanderarbeitsstätten nehmen, wo er gegen ent­sprechende Arbeit Unterkunft und Verpflegung erhält und die Möglichkeit hat, dauernde Arbeit zu finden, sei es in der mit der Wanderarbeitsstätte verbundenen Arbeiterkolonie selbst oder mit Hilfe des Arbeits­nachweises in einer geeigneten Arbeitsstelle. Auch die Beförderung in die letztere erfolgt kostenlos mit der Eisenbahn unter Voraussendung der Papiere an den Arbeitgeber.

Die Wanderer, welche ernsthaft nach Arbeit suchen, haben es deshalb nicht mehr nötig, auf den Land­straßen herumzuwandern und die Mittel zum weiteren Fortkommen zu erbetteln; sie brauchen nur einen der obengenannten Orte zu erreichen, sich auf der Wan­derarbeitsstätte oder Wandereingangsstation zumelden und es wird von diesen weiter für sie gesorgt. Ein Teil der Wanderer erkennt die Wohltaten der ge­troffenen Einrichtung an und macht davon aus­giebigen Gebrauch.

Der andere Teil der Wanderer aber geht im Bogen um die mit strengem Arbeitszwang versehenen Wanderarbeitsstätten herum. Diese arbeitsscheuen Menschen drücken sich vor der ehrlichen rechtschaffenen Arbeit und ernähren sich lieber vom Bettel. Es wird behauptet, daß diese Wanderer auf ihren Vettelwegen im Durchschnitt täglich 2 Mk. an barem Gelde zu­sammenbetteln. Aber ganz abgesehen von den nicht geringen Summen, welche die Bettler auf diese Weise Tag für Tag aus dem Lande herausholen, sie be­lästigen oftmals in unerhörter Weise das Publikum und machen bei ihrem planlosen und jede Kontrolle entbehrenden Umherwandern die Straßen unsicher.

Das Publikum kann sich am besten vor der Bettelei schützen, wenn es Almosen an ortsfremde Wanderer überhaupt nicht mehr verabreicht, diese vielmehr mit Bestimmtheit an die nächste Wanderer­arbeitsstätte verweist, wo jeder mittellose Wanderer gegen Arbeitsleistung unentgeltlich Verpflegung und Unterkunft erhält. Solange die arbeitsscheuen Bettler wissen, daß ihnen Almosen gewährt werden, werden sie sich nicht dazu verstehen, ihren Unterhalt durch Arbeit zu verdienen, sie werden es vielmehr vor­ziehen, die Einwohner nach wie vor durch Betteln zu belästigen, mühe- und sorgenlos ihr Dasein zu fristen und dem Laster des Müßiggangs und der Trunksucht fröhnen. Merken sie aber, daß die Bevölkerung ihrem Treiben durch Almosengeben nicht mehr Vor­schub leistet, so werden sie ihre Vettelzüge bald ein­stellen und entweder sich in die Wanderarbeitsstätte begeben, oder aber unsern Bezirk verlassen.

Das Publikum kann und muß selbst dazu bei­tragen, dem Grundsätze:Wer nicht arbeitet, der soll auch nicht essen" überall Geltung zu verschaffen, darum: Gebt keinerlei Almosen an ortsfremde Wanderer!"

Hus der Heimat.

»(Keine Einziehung des 26 P f e n n i g - stück es.) Die vielverbreitete Meldung, daß die 25 Pfennigstücke eingezogen werden, ist unrichtig. Es sind bisher in dieser Beziehung noch keinerlei Maß­

nahmen getroffen worden. Eine Weiterprägung dieser Münzen findet allerdings nicht mehr statt, nachdem für ungefähr 12 Millionen Mark 25 Pfennigstücke ge­prägt worden sind. Die Einziehung der Stücke wird aber nach einer Erklärung des Staatssekretärs Kühn weiter erwogen. Falls sie beschlossen werden sollte, wird ein dahingehender gesetzlicher Antrag dem Reichs­tage zugehen. Das 25 Pfennigstück würde dann nur eine fünfjährige Lebensdauer gehabt haben, da es durch das Münzgesetz von 1908 zur Einführung gelangte.

»Von den 84 Konkursanträgen, die im zweiten Jahresviertel 1913 in der Provinz Hessen- Nassau zur Anmeldung kamen, mußten nicht weniger als 80 mangels hinreichender Masse zurückgewiesen werden, weil die durch das Konkursverfahren bezw. durch die Eröffnung des Konkursverfahrens ent­stehenden Kosten nicht durch die vorhandene Masse gedeckt zu werden vermochten. Ein so hoher Prozent­satz, fast 38 Prozent, ist noch niemals in der Konkurs­statistik in unserer Provinz verzeichnet worden.

»(Von der Edertalsperre.) Laut Amts­blatt ist durch königliche Verordnung genehmigt, daß bei den von der Staatsverwaltung auszuführenden Anlagen für die Fortleitung und Verteilung des in den staatlichen Kraftwerken an der Eder- und Diemeltalsperre, sowie an der Weser bei Münden erzeugten und des zur Aushilfe aus anderen Kraft­werken bezogenen elektrischen Stromes die Ent­ziehung und dauernde Beschränkung des für dieses Unternehmen erforderlichen Grund und Bodens nötigenfalls im Enteignungswege erfolgen kann. In Betracht kommen die Kreise: Brilon des Regierungs­bezirks Arnsberg, Büren, Köxter und Marburg des Regierungsbezirks Minden, ferner Cassel, Eschwege, Frankenberg, Fritzlar, H e r s f e l d, Hofgeismar, Homberg, Kirchhain, Marburg, Melsungen, Rotenburg, Witzenhausen, Wolfhagen, Ziegenhain, Göttingen, Münden, Northeim und Uslar.

-m-Hersfeld, 13. Nov. (Volksunterhaltungs­abend im Turnverein Hersfelö.) Die für diesen Winter geplanten Darbietungen seitens des Turnvereins Hersfeld sollen mit einem Volksunter­haltungsabend am kommenden Sonntag Abend ihren Anfang nehmen. Für diesen Abend ist nicht nur eine reichhaltige, sondern auch eine gediegene Vor- tragsfolge vorgesehen, wobei sowohl Mitglieder des Turnvereins wie auch Freunde und Gönner desselben ihre Mitwirkung zugesagt haben. Ein gemeinschaft­lich gesungenes Lied soll den Abend eröffnen. Männerchöre und Kinderchöre werden zu Gehör ge­bracht. Dazwischen folgen in schöner Abwechselung Rezitationen, Sologesang- und Musikvorträge. Die Zöglinge des Turnvereins werden durch einige Uebungen am Barren Zeugnis ablegen von ihrer guten körperlichen Ausbildung. Auch die Damen- abteilung des Turnvereins will zur Verschönerung des Abends beitragen. Ganz besonders ansprechen wird gewiß auch eine scenische DarstellungDämmer- stündchen". All dem Guten, was für den Abend ge­boten werden wird, soll der Gedanke:Daheim" zu Grunde liegen. Die Besucher des Abends sollen sich gleichsam hineinversetzt fühlen in ihr eigenes trautes Heim. Wir wünschen, daß dieser erste Volksunter- haltungsabend durch einen recht guten Besuch den rührigen Vorstand des Turnvereins anregt, weitere ähnliche Abende in diesem Winter noch folgen zu lassen.

-w- Hersfeld, 13. Nov. (Schöffengericht.) An der heutigen Schöffengerichtssitzung nahmen die Herren Bürgermeister Großkurth aus Unterhaun und Kaufmann Valentin Seelig aus Hersfeld als Schöffen teil. Zur Verhandlung standen 6 Strafsachen. Die erste derselben richtete sich gegen einen Schlosser aus Kalkvbes wegen Körperverletzung und wurde vertagt. Ein hiesiger Fahrradhändler wurde wegen Beleidigung zu einer Geldstrafe von 20 Mark verurteilt. Zwei andere hiesige Einwohner hatten sich wegen Ueber- tretung der Eisenbahn-Bau- und Betriebsordnung zu verantworten, beide wurden freigesprochen. Die beiden übrigen Strafsachen betrafen Ueber- tretungen des Feld- und Forstpolizeigesetzes. Während die eine derselben vertagt wurde, erfolgte in der anderen Freisprechung.

Hünfeld, 10. November. Der Kreistag hat in seiner Sitzung am 25. Oktober zur Errichtung einer täglich zweimal in jeder Richtung verkehrenden Kraft­wagenlinie Hünfeld Rasöorf Geisa Dermbach Wernshausen Schmalkaldeu einen jährlichen Zu- fchuß von 1000 Mk. auf zehn Jahre aus Kreismitteln bewilligt. Einen Betrag von 10 000 Mk. bewilligte man zur Mieder-Instandsetzung der durch die Ueber- schwemmungskatastrophe im Juni des verflossenen Sommers beschädigten Landwege im Kreis.

Rotenburg a. Fulda, 10. November. Die Masern

unter den Kindern treten hier derart schwer auf, daß schon in ganz kurzer Zeit 7 Kinder der Krankheit zum Opfer gefallen sind. Da an der Krankheit noch über 80 Kinder krank darniederliegen, so hat sich die Seminardirektion veranlaßt gesehen, die Seminar­übungsschule zu schließen.

Fulda, 12. November. Die Festnahme einer Zigeunerkapelle in dem Gasthof eines Berliner Vor­orts erregte am letzten Sonntag großes Aufsehen. Durch ein Gerücht war die Berliner Kriminalpolizei darauf aufmerksam gemacht worden, daß sich unter der Kapelle der längst gesuchte Mörder Ebenöer aus Fulda befände. Am Abend umstellten Berliner Kriminalbeamte, die durch Gendarmerie reichliche Verstärkung erhalten hatten, den Gasthof. Ein Teil der Beamten drang in den Tanzsaal ein und nahm die gesamten Mitglieder der Kapelle fest. Auf der Wache stellte sich jedoch heraus, daß die Kriminal­polizei einem Gerücht zum Opfer gefallen war, das jeder Grundlage entbehrte. Der gesuchte Mörder be­fand sich nicht unter der Kapelle, worauf sämtliche Mitglieder wieder freigelassen wurden.

Cassel, 13. November. Die Kaiserin in Begleitung der Hofdame Gräfin zu Eulenburg, des Kabinettsrats von Spitzemberg und des Leibstallmeisters Hellmich unternahm gestern vormittag 10 Uhr ihren gewohnten Ausritt durch die Wilhelmsthaler Straße über die Fuchslöcher nach dem Bergamt. Dort bestieg sie nebst ihrem Gefolge die Automobile und fuhr in das Schloß zurück. Nachmittags 1 Uhr war Frühstückstafel. Die Kaiserin in Begleitung der Staatsdame v. Keller und des Kabinettsrats v. Spitzemberg unternahm nach­mittags 3 Uhr eine Fußwanderung vom Schlosse nach Wahlershausen. Dort bestieg man die Autos und fuhr nach Cassel, wo die Kaiserin Einkäufe vornahm. Die Rückkehr erfolgte gegen l^ Uhr. Abends 7.40 Uhr begab sich die Kaiserin nebst Gefolge in zwei Automobilen nach dem Hof-Theater, um der Auf­führung der komischen OperDer Barbier von Sevilla" beizuwohnen. Die Kaiserin wird voraussichtlich am nächsten Dienstag Vormittag das Wilhelmshöher Schloß verlassen. Ob sie sich in das Neue Palais bei Potsdam oder nach Braunschweig begibt, ist noch nicht bestimmt. Nach den neuesten Dispositionen trifft der Kaiser in diesem Jahre nicht mehr im Wilhelmshöher Schlosse ein. Die Beamten des Marstalles und die Dienerschaft der Kaiserin wohnten der gestrigen Vor­stellung im Kgl. Theater ebenfalls bei.

Hanau, 12. November. In dem Dorf Nieder- Rodenbach bei Hanau ist es auf der Nachkirchweih zu einer schrecklichen Szene gekommen. Der zweiund- siebzigjährigeNachtwächter GeorgSchaaf wollte zwischen einigen Leuten, die auf der Straße randalierten, Ruhe stiften. Dabei wurde der alte Mann von ihnen mit einer Ziehharmonika erschlagen. Die Täter, fünf Tagelöhner und Arbeiter aus Hanau, sind ermittelt und verhaftet.

Von der Diemel, 12. November. An den Kirmes­freuden in Werdohl nahmen viele auswärtige Burschen, darunter auch der auf Urlaub befindliche Matrose Karl Kühling, teil. Nach reichlichem Alkoholgenuß kam es zwischen den einheimischen Burschen und den auswärtigen jungen Leuten zu einer wüsten Schlägerei, bei welcher der Matrose Kühling einen Dolchstich in die Brust erhielt. Die Spitze des Dolches hatte das Herz durchbohrt. Trotz sofortiger Hilfe eines Arztes trat der Tod des jungen kräftigen Mannes nach wenigen Minuten ein. Zwei Monteure, welche hier auf Montage beschäftigt waren, wurden wegen dringenden Verdachts der Täterschaft verhaftet,' sie haben nach anfänglichem Leugnen ihre Untat auch bereits eingestanden.

Salzuugeu, 11. Nov. Der Drechslerlehrling F. Lämmerhirt in Schweina ist nach Genuß eines Brat­herings unter heftigen Schmerzen und Krämpfen ge­storben. Die Leichenöffnung wird ergeben, ob Ver­giftung vorliegt.

Herleshausen, 12. November. Das etwa sieben­jährige Mädchen des hiesigen Bürgers Sch. wurde von einem Schulkameraden mit einer Rute, au der sich Dornen befanden, über den nackten Arm geschlagen. Nach einigen Tagen zeigte sich ein kleines Geschwürchen an der verwundeten Stelle, das aber keine weitere Beachtung fand. Als jedoch die Schmerzen größer wurden und der Arm anschwoll, wurde der Arzt be­fragt, der Blutvergiftung feststellte. Trotz der sofort angewandten Gegenmittel starb das Kind unter großen Schmerzen.

Gießen, 12. November. Zwischen den Stationen Mücke und Niederohmen stürzte gestern abend ein Passagier aus dem um 7.10 Uhr von Niederohmen ab­gegangenen Zuge. Er kam unter die Räder und wurste sofort getötet. Die Leiche wurde nach hier ge­bracht. Sie ist noch nicht agnosziert worden.