Hersfelder Tageblatt
Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld
Arslelder
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Zernsprech-Knschlutz Nr. 8
Nr. 153. (Zweites Blatt).
Sonntag, den 9. November
1913.
Kilt neue Attcilmiz im SritoSminiStriom.
Mit dem Anwachsen der Armee haben sich natürlich auch die dem Kriegsministerium obliegenden Geschäfte wesentlich vermehrt. Die einzelnen Departements: das Zentral-Departement, das Allgemeine Kriegs- Departement, das Armee-Verwaltungs-Departement, das Versorgungs- und Justiz-Departement — haben zum Teil in ihren Unterabteilungen im Laufe der Jahre eine fortgesetzte Vermehrung erfahren. Die neueste Schöpfung ist die 8. Abteilung des Allgemeinen Kriegs-Departements, die Fabriken-Abteilung, deren jetziger Geschäftskreis bisher unter die 5. Abteilung desselben Departements, die Fußartillerie-Abteilung, fiel. Diese war aber nachgerade derart überlastet, daß eine Teilung dringend notwendig geworden war. Die Fußartillerie-Abteilung bleibt in Zukunft in der Hauptsache auf eigene Angelegenheiten beschränkt,- außerdem auf die Armierung, die Fragen der allgemeinen Landesverteidigung, den Kampf um Festungen in artilleristischer Beziehung und die Verwaltung verschiedener Behörden und Institute. Abgezweigt von ihr, und der neuen Fabrikenabteilung unterstellt, sind alle Angelegenheiten und Einrichtungen, die durch die Sozialpolitik der letzten Jahrzehnte notwendig geworden sind. Dazu gehören die allgemeinen Arbeitsangelegenheiten für den Gesamtbereich der Heeresverwaltung, ferner die Angelegenheiten, die unter das Versicherungsgesetz für Angestellte und unter die Gewerbeordnung fallen. Sie bearbeitet weiter die Angelegenheiten der Arbeiterwohnungen, sowie alle Angelegenheiten, die mit der Reichsver- sicherungsorönung im Zusammenhänge stehen, wie die Verwaltung der Beiträge zur Invaliden-, Kranken- und Unfallversicherung, ferner die Unterstützungen an das nicht pensionsberechtigte Betriebsund Arbeiterpersonal, für das keine Unterstützungsfonds vorhanden sind. Auch Zuschüsse zu den Gemeindeausgaben auf Grund des Reichsbesteuerungsgesetzes werden von ihr verwaltet.
Ferner unterstehen der neuen Abteilung die besonderen Anlegenheiten der Arbeiter im Bereiche der Feldzeugmeisterei, soweit die FragenüberOrganisation, Dienstbetrieb und Verwaltung im Rechnungswesen usw. in den technischen Instituten der Armee. Schließlich sind der Fabriken-Abteilung allgemeine Angelegenheiten der Inspektionen der technischen Institute der Infanterie und Artillerie, sowie persönlichen Angelegenheiten der Offiziere des technischen Offizierkorps, der höheren, mittleren und Unterbeamten, sowre der im privatrechtlichen Vertragsverhältnis stehenden Personen bei den technischen Instituten unterstellt. Man sieht, ein weites Feld der Tätigkeit, das die Neubildung der Fabriken-Abteilung ohne weiteres erklärlich macht. Mit dieser Neubildung ist aber die Neueinteilung der Geschäfte des Kriegsministers nicht abgeschlossen. So verlangt die Heeresverwaltung für das Rechnungsjahr 1914 die Stelle seines Pressedezernenten, der den Verkehr mit der Preße unterhalten soll, eine Tätigkeit, die bisher von den Herren der Mrnisterialabteilung des Zentral-Departements mit wahrgenommen wurde. Ebenso wird schon für 1914 das nötige Personal für eine Abteilung angefordert, der das gesamte Ersatzwesen unterstellt werden soll, und die schon jetzt vorläufig eingerichtet worden ist. Somit wird wohl das durch diese neue Abteilung übermäßig angeschwollene Allgemeine Kriegs-Depar- tement in absehbarer Zeit geteilt werden müssen, besonders, wenn auch die in Aussicht genommene Nachrichtenabteilung ins Leben getreten sein wird.
Zur Frage des Eeburtenriiilganges.
Man schreibt uns: t
Das „Berliner Tageblatt" stellt m:t hoher Genugtuung fest, daß die liberale Anschauung über die Ursachen des Geburtenrückganges doch üje richtige gewesen sei. Und warum? — Weil ein Konservativer, der Oberverwaltungsgerichtsrat a. D. Dr. v. Horn in seinem Buche „Die Ostmarkenfrage" sich zu der liberalen Anschauung bekennt, daß an der Verminderung der Geburten die unausgesetzt zunehmende Lebensverteuerung schuld sei. Ferner weist das „Berliner Tageblatt" darauf hin, daß Dr. v. Horn in seinen Ausführungen betont, daß eine Hebung der Geburtenziffer erst dann möglich ist, wenn etwas geschieht, was geeignet ist, die allgemeine Lebensverteuerung erfolgreich zu bekämpfen. Dieses „etwas" ist nach Ansicht des liberalen Organs natürlich Ermäßigung der Lebensmittelzölle, der die völlige Aufhebung der Zölle baldmöglichst zu folgen hätte. Es ist ja zur Genüge bekannt, daß die freisinnige Presse alles Mögliche und Unmögliche dazu benutzt, für die Aufhebung der Zölle Propaganda zu machen. Es ist noch garnicht allzulange her, da machte in dem erwähnten Blatt auch der Abgeordnete Gothein den
Versuch, den Geburtenrückgang auf die Wirtschaftspolitik zurückzuführen.
In diesem Falle können weder die Ansichten des Dr. von Horn noch die des freisinnigen Politikers maßgebend sein, sondern lediglich die begründeten Urteile von gründlichen Statistikern und Fachgelehrten. Bisher haben es diese aber strikt zurückgewiesen, Lebensmittelteuerung oder überhaupt unsere bewährte Wirtschaftspolitik und Geburtenrückgang in Beziehung miteinander zu setzen. Es läßt sich statistisch feststellen, und das ist von der rechtsstehenden Presse auch immer wieder betont worden, daß der Geburtenrückgang nicht in den Bevölkerungskreisen eingesetzt hat, die am wenigsten bemittelt waren, sondern gerade in den wohlhabenden Schichten der Bevölkerung, die von der allgemeinen wirtschaftlichen Notlage garnicht betroffen wurden. Jeder, der das Leben kennt, wird bestätigen müssen, daß in diesen Kreisen oft eine recht laxe Lebensauffassung herrscht, daß die Frau mehr Wert auf ihre Figur legt, als auf eine stattliche Schar blühender Kinder, welche sie zudem, besonders in der Großstadt, noch hindern würde, von Fest zu Fest zu eilen, im Flitterglanz zu flirten. Die laxe Auffassung einzelner Gesellschaftskreise verbreitet sich in rasender Geschwindigkeit. Das Beispiel der„Grotzen" steckt die „Kleinen" an. Auch sie wollen „etwas vom Leben haben" und betrachten die Kinder als lästig. Wenn also ernsthaft etwas gegen den Geburtenrückgang getan werden soll, so ist es nötig, gegen diese moralische Erkrankung in unserm Volke einzuschreiten.
Dazu ist es vor allen Dingen nötig, die Religiosität in unserem Volke aufs neue zu heben. Jeder einzelne, der noch von wahrer Religiosität erfüllt ist, muß es als eine heilige Pflicht erachten, an seinem Teil soviel als möglich die christliche Weltanschauung, und fei es auch im engsten Kreise, zu fördern. Um so mehr ist die Mitarbeit jedes einzelnen erforderlich, als die Leute von dem „Komitee Konfessionslos" umherziehen und zum Austritt aus der Landeskirche auffordern. Die Tatsache, daß in Berlin an einem Tage mehr als 1300 Menschen diesem Rufe gefolgt sind, darf nur erneut dazu anspornen, alles zu versuchen diese Strömung aufzuhalten. Denn erst, wenn auf Grund wahrer Religiosität wieder Charakterfestigkeit und gute Sitte in unser Volk eingezogen sind, dann wird die Folge davon sein, daß Skandalprozesse wie der Sittlichkeitsprozeß in Breslau verschwinden, dann wird mit der wachsenden sittlichen Ertüchtigung auch die Zahl der Geburten wieder zunehmen zum Segen für unser Vaterland."
Galante unb
Von E. Steuer.
Sprichwörter.
Wenn tatsächlich „Volksstimme Gottes Stimme" wäre, dann kämen die Frauen schlecht weg, denn die Volksstimme, die das Sprichwort zum weithin tönenden Sprachrohr ihrer Meinung macht, ist zumeist nichts weniger als galant — leider.
Am ungalantesten ist merkwürdigerweise der Franzose: er verspottet die Liebe der Fran und ihre Treue, ihre gesellschaftlichen und häuslichen Tugenden: „Die Idioten und die Frauen verzerhen niemals" heißt es in einem provenzalischen Sprichwort,- „die Frau lacht wann sie will und weint wann sie will", damit will man die Oberflächlichkeit der Frau geißeln, und am schlimmsten wird in dieser Gegend — nur dort ? ? — über die Treue der Frau geurteilt, in einer derben, bäuerifchen und deshalb so brutalen Manier: „Auf die Treue deines Hundes kannst du bis zum letzten Augenblick rechnen, auf die Treue einer Frau nur bis zur nächsten Gelegenheit" nnd aus diesem Pessimismus heraus kommt die Volksphisolophie zu dem düsteren Ergebnis: „Der Mann hat zwei gute Tage in seinem Leben: wenn er eine Frau nimmt und wenn er sie beerdigt."
Denken alle Franzosen so? Zuweilen, zuweilen aber auch anders. „Die Frau hat das im Kopfe, was sie nicht im Herzen hat", sagt man in der Bretagne, und der Picarde gesteht es ein: „Was ohne Seele ein Leib, ist ein Haus ohne Weib". Doch mit einiger Vorsicht fügt er hinzu, daß man sich die Schwiegermutter nicht ins Haus nehmen darf, denn: „Schwiegermutter und Schwiegertochter sind.ein Sturm und
Hagelwetter."
Das Heiraten wird bei allen Völkern als eine schwierige 'Sache angesehen, wovor im Sprichwort oft und in der verschiedensten Form gewarnt wird. „Wer Schererei in seinem Leben haben will, muß sich ein Schiff kaufen oder ein Weib nehmen." Ein Mädchen und ein Pferd darf man nur von feinem nächsten Nachbar übernehmen, sonst wird man betrogen. „Der Wert der Fran wird ja nicht verkannt, aber „das Weib schuf Gott. Ihm aber zum Spott der Teufel erfand Mode, Putz und Tand." Wer kennt übrigens nicht das beinahe zum Sprichwort gewordene
Lied aus Rigoletto': „Ach wie so trügerisch sind Frauenherzen, mögen sie klagen,Hmögen sie fcherzen. Oft spielt ein Lächeln um ihre 'Züge, [ofh fließen Tränen — alles ist Lüge." tzLWMMWW W
Der Mangel an Wahrheitsliebe^wirü^am'.häufigsten im Sprichwort gegeißelt. „Wer eine Frau beim Wort und einen Aal beim Schwanz nimmt, kann wohl sagen, daß er nichts hat" sagt der Spanier und fügt noch hinzu: „Hinken beim Hunde und Tränen bei Frauen — wer will denen trauen" und das deutsche Sprichwort meint grimmig: „Weibertränen sind Wasser auf eines Narren Mühle."
In der Liebe treulos, im Sinne flatterhaft, als Hausfrau verschwenderisch, unordentlich und unzuverlässig, so läßt besonders das deutsche Sprichwort die Frau erscheinen. „Die Frau kann mehr mit der Schürze eintragen, als der Mann einfahren mit dem Leiterwagen." Die Oberflächlichkeit wird gebrand- markt — und dennoch will man nicht, daß die Frau denke. „Eine Frau die denkt, denkt schlecht" sagte schon Publius Syrius und der Spanier drückt sich praktisch aus, indem er meint: „Eine Frau die denkt, nimm nicht mal geschenkt."
Mit Recht philosophiert der Orientale: „Die Männer werfen den Frauen Mangel an Verstand vor — und wenn eine klug ist, gehts ihnen wider den Strich", wie es im Persischen heißt. Der Araber möchte ohne Frau nicht leben. „Wenn im Hause kein Weib ist, muß man aus Holz eines machen", denn „eine gnte Frau ist eine goldene Krone." Schöne Frauen sind nur eine Woche gut, gute Frauen ihr Lebelang schön." Deshalb „wer eine schöne Frau hat, altert nie — und wenn es möglich wäre, lebte er ewig", aber — aber, „eine gute Frau ist eben so selten, wie ein Mann, der nicht bereut, geheiratet zu haben."
Im Orient, in dem die Frau keine und deshalb die größte Rolle spielt, beschäftigt sich das Sprichwort am häufigsten mit der Frau. In der altorientalischen Literatur finden sich zahlreiche Aussprüche über das Weib, die der Volksmund zu geflügelten Worten gemacht hat. In den Sprüchen Salomonis kann man das höchste Lob des edlen Weibes finden. „Wem ein tugendhaftes Weib beschieden ist, das ist dem Manne köstlicher als Perlen", heißt es Kap. 81, V. 10—12: „Ihres Mannes Herz darf sich auf sie verlassen, nichts wird ihm mangeln und nur Liebes und nie Leid wird er durch sie haben sein Lebelang." Kränze der Verehrung werden dem guten Weibe gewoben, während sich über das böse die Schale bitteren Zornes und ätzenden Spottes ergießt.
Ziemlich ungalant ist der Apostel Paulus, der ja bekanntlich an die Corinther (I. 7. 38) schrieb: „Heiraten ist gut, nicht heiraten besser".
Und was tut die Frau angesichts all der unga- lanten oder auch der galanten Aussprüche, Redensarten und Sprichwörter, so sie aus dem Munde frommer, gelehrter oder ungelehrter Leute kommen? Sie läßt alle reden . . .
Durch die Lupe.
Ein Stückchen Herbstfreuden in Versen.
Herbstgenüsse aller Arten — haben wieder angefangen — und die Jungen sieht man zwitschern, — ganz so, wie die Alten sangen, — Bälle und Vereins- vergnügen, — gibt es jede Woche drei, — selbst der allerstärkste Tänzer — findet seinen Schnitt dabei. — Freilich Walzer, Polka, Ländler — sind der Jugend nicht genug, — nur in Questep, Twostep, Boston — dreht sie sich in raschem Flug, — Tango auch vor allen Dingen — ist der Mode letztes Ziel — und wer den nicht weiß zu tanzen — bleibe fort vom Tanzgewühl, — Tangotanzen, spricht die Jugend, — ist allein modern und chic, — Leute, die nicht Tangotanzen — greifen besser gleich zum Strick, weil sie doch bald einseh'n werden, — daß sie nutzlos sind auf Erden.--Dennnoch gibt's für solche Armen — noch ein and'res Freudenfeld, — wenn man sich zum Eisbeinessen — jede Woche froh gesellt, ist auch das nicht zu verachten, — denn es trinkt sich dabei gut, — ja, man sagt, ein Eisbeinabend — heizt ganz sonderlich das Blut, — so, daß wenn man früh um vier — sich sorgsam auf die Beine pflanzt, — man beim Heimweg nachher schließlich — ganz von selber Tango tanzt.--Auch der Skat hat seine Freunde rings versammelt jetzt aufs neu', — Solo, Grand und Tournee spielt man — mit der altgewohnten Treu, — und wie früher streicht man schmunzelnd — in die Hand den Skatgewinn, — hat man aber mal verloren, — dann lag nie was rechtes drin! Walter-Walter.