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Hersfelder Tageblatt

Amtlicher Anzeiger ^^^^ für den Kreis Hersfeld

Wlber Steisblatt

Bezugspreis vierteljährlich für Hersfeld 1.50 Mark, durch die Post be­zogen 1.60 Mark. Druck und Verlag von Ludwig Funks Buchdruckerei Hersfeld. Für die Redaktion verantwortlich Franz Funk in Hersfeld.

Der Anzeigenpreis beträgt für die einspaltige Zelle 10 Pfennig, im amtlichen Teile 20 Pfennig, Reklamen die Zeile 25 Pfg. Bei Wieder­holungen wird Rabatt gewährt. Erscheint jeden Werktag nachmittags.

Gratisbeilagen: .Illustriertes Sonntagsblatt' und Illustrierte Landwirtschaftliche Beilage"

Zernsprech-Anschlutz Nr. 8

Nr. 147. (Erstes Blatt).

Sonntag, den 2. November

1913.

Bus der Heimat

* (Eine teure Zigarette im Nicht­rauchercoupe e.) Der Kellner Gottfried Daniel von Wiesbaden fuhr in der Nacht zum 26. Juni von Wiesbaden nach Rüdesheim. Er fetzte sich mit einer brennenden Zigarette in ein Nichtraucherabteil, drehte das SchildNichtraucher" herum und weigerte sich beharrlich und renitent, das Rauchen einzustellen oder eines der leeren Raucherabteile aufzusuchen. Infolgedessen sollte er, nachdem bereits auf den Stationen Wiesbaden und Biebrich-West erregte Auf­tritte stattgefunden hatten, die eine Verspätung des Zuges verursachten, in Schierstein von der Weiter­fahrt ausgeschlossen werden. Zwei Schaffner und ein Zugführer konnten den dabei von Daniel geleisteten Widerstand kaum brechen. Wegen dieses Widerstandes nahmen ihn heute die Schöffen in 100 Mark Geld­strafe. Der Amtsanwalt hatte 14 Tage Gefängnis beantragt.

* (Sammlung f ür die Opfer der M a r i n e l u f t s ch i f f e.) Unter dem Protektorat des Prinzen Adalbert von Preußen hat sich in Berlin unter dem Vorsitz der Witwe des früheren Staats­sekretärs des Reichsmarineamts, Frau Admiral von Hollmann, ein Damenkomitee gebildet, das zur Zeichnung von Spenden für die Witwen und Waisen der bei den Marineluftschiffkatastrophen Verunglückten auffordert. Spenden nimmt entgegen Frau Admiral von Hollmann, Berlin W., Fasanenstraße 49 und Hauptmann Dr. Röper, Berlin W. 35, Schöneberger- Ufer 30 i. Ueber die eingegangenen Spenden wird in den Tageszeitungen s. Zt. quittiert werden.

-oc- Hersfeld, 1. November. (R e f o r m a t i o n s- f e st.) Fast vierhundert Jahre sind ins Land gegangen, seit Martin Luther, derMönch von Wittenberg" am 31. Oktober 1517 seine Thesen an der Wittenberger Schloßkirche anschlug. Man datiert die Reformations­bewegung von jenem denkwürdigen Tage ab, obwohl vielleicht Luther damals sich selbst noch kaum seines Abfalls von Rom bewußt geworden. Erst die hohe Bedeutung, die Luthers altgläubige Widersacher diesem Vorgänge beimaßen, mag das reformatorische Feuer richtig angefacht und gefchürt^ haben. Tatsache rst, daß von diesem Tage ab der Gedanke der Reformatron mit Windeseile Verbreitung fand. Der Grundge­danke dieser neuen Bestrebung, Freimachung des wissenschaftlichen Fortschritts und Wahrheitsöranges von kirchlicher Einengung und Bevormundung war allzu zündend, um unbeachtet zu verrauschen; und hohe Sympathie erweckte daneben Luthers Bemühen, die reine christliche Glaubenslehre zum Dogma zu erheben. Mit der schlichten Geradheit und starren Zähigkeit, die große Charaktere auszeichnet, hat Martin Luther diese seine hohe Aufgabe zu Ende geführt. Kampf und Hader sind ihm auf fernem Wege nicht erspart geblieben: manches schwächere Gemüt wäre an ihnen zerschellt oder hätte ohnmächtig verzichtet. Ihm, dem Glaubensstarken und Zielbe­wußten war es jedoch möglich, das große Werk der Reformation zu vollenden, deren innere Berechtigung vielleicht erstmalig an jenem Tage selbst seinen Widersachern aufdämmerte, als er, von Feinden und Verfolgern aufs äußerste bedrängt, gleichwohl nur das starre Bekenntnis fand:Hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir, Amen!"

8 Hersfeld, 1. November. (Allerseelen.) Der 2. November ist der Allerseelentag, das Totenfest der Katholiken. Im Jahre 998 hat es der berühmte Cluniaceuserabt Adilo für seinen Mönchsorden em- geführt, und später wurde es allgemein gefeiert. Luther erklärte sich wegen mancherlei Mißbrauche, die sich im Laufe der Zeit eingeschllchen hatten, gegen dre Beibehaltung; trotzdem hat man das Fest auch bei Lebzeiten Luthers in ganz Kursachsen ruhig weiter gefeiert. In katholischen Gegenden ist Allerseelen ein Tag von großer Volkstümlichkeit. Man bekränzt die Gräber der Verstorbenen und besteckt ste, in symbolische Beziehung auf das ewige Licht, mit brennenden Kerzen. Allgemein ist der Glaube im Volke, daß dre Geister der Abgeschiedenen in der Allerseelennacht auf ein paar Stunden an die frühere Erdenstickte zurückkehren dürfen, was zugleich als eine .kleine Er­holung von den Fegefeuerqualen gedacht wird. Daher kommt der Brauch, daß man ihnen Milch, Kuchen und dergleichen bereit stellt. Im Volke sagt man, das gehöre den armen Seelen. Damit hängt auch das be­sondere Allerseelengebäck zusammen, das man, je nach der Gegend, Seelen, Seelenbrätzen, Seelstücke, Seelen- wecken, Seelenzöpfe, heilige Stritzel usw. nennt. Auch als Spendetag ist Allerseelen beim Volke beliebt: so werden Kuchen, Brot und Semmeln unter die Armen verteilt. Endlich ist Allerseelen auch einer von den Lostagen, an denen die jungen Dorfschönen durch allerhand verzwickte Orakel Namen und Stand ihres Zukünftigen Herauszubekommen suchen.

):( Hersfeld, 1. November. Auf Grund von geitungsnonzen über eine Kaiserspende für riegsveteranen anläßlich der Jahrhundert­feier hatten sich auch hier aus unserm Kreise mehrere Veteranen um eine derartige Unterstützung beworben. Wie der Herr Landrat jetzt amtlich bekannt macht, ist von einer derartigen Spende amtlich nichts bekannt.

):( Hersfeld, 1. November. (Bunter Abend des Liederkranz.) Wir machen auch an dieser Stelle noch einmal auf die morgige Veranstaltung des Gesangvereins Liederkranz aufmerksam. Es dürfte weite Kreise des hiesigen Publikums inte­ressieren, daß Herr Rezitator Bock, ein geborener Hersfelder, auch Karl EngelhardtsOberstleutnant Lingg" zum Vortrag bringen wird. Möchte der mit großen Unkosten arrangierte Abend auch ein volles Haus bringen und damit den anerkannt tüchtigen Verein zu weiterem Vorwärtsstreben an­spornen.

):( Hersfeld, 1. November. Eine hochherzige Uebergabe nahm gestern abend der Vorstand des alten Evangelischen Arbeitervereins im Vereinslokal im Kaiserhof vor. Nachdem sich der Verein laut Beschluß einer außerordentlichen General­versammlung am Montag aufgelöst, hatte er gleich­zeitig beschlossen, das Inventar, die Fahne und einen Teil des baren Kassenbestandes an den neuen Evangelischen Arbeiterverein zu übergeben. Der andere Teil des Kassenbestandes geht an die Anstalt Hephata über. Die noch sehr gut erhaltene Fahne (Standartenform) wurde im Jahre 1894 von dem damaligen Vorsitzenden des Vereins, Herrn Fabrikant Jacob Seelig, gestiftet und * »on den Mitgliedern Herren F. Richter und P. Brandau angefertigt. Möge nun der neue Verein ebenfalls zu solcher Blüte kommen, wie dies in den neunziger Jahren bei dem alten der Fall war. Zu wünschen wäre es, wenn möglichst viele Einwohner unserer Stadt, gleich­viel welchen Standes, dem neuen Evangelischen Arbeiterverein als Mitglied beitreten würden und damit eine Sache unterstützten, die es in weitestem Maße gerade in der heutigen Zeit verdient.

):( Hersfeld, 1. November. Vor zahlreichem Publikum hielt gestern abend Herr Lange aus Posen auf Veranlassung des hiesigen Gewerbe­vereins im Saale des Hotel zum Stern einen Vortrag über die Türkei und die Balkanstaaten. 'In fesselnder Weise verstand Herr Lange die Sitten und Gebräuche von Land und Leuten dort zu schildern und besprach auch die Ursachen der militärischen Niederlagen der Türkei in dem letzten Kriege. Da der Vortragende selbst lange Jahre die Balkanländer bereift hatte, so konnte er in anschaulichster Weise von eigenen Erlebnissen dort berichten. Der interes­sante Vortrag fand bei allen Zuhörern lebhaften Beifall.

):( Hersfeld, 1. November. Die Zahl der Fremden, welche im Monat Oktober hier in den Gasthäusern übernachteten, betrug 661.

):( Hersfeld, 1. November. Im Hersfelder Lichtschauspielhaus wird heute, morgen und Montag der große 4000 Meter lange historische Film von derK ö n i g i n L u i s e" in allen drei Abtei­lungen vorgeführt. Bereits bei den hier gezeigten einzelnen Teilen konnte man feststellen, daß es sich um ein großartiges Kunstwerk handelte, an dessen Verstellung berühmte Schauspielerinnen mitgewirkt haben. Selbst an Allerhöchster Stelle brächte man s. Zt. den Aufnahmen das größte Interesse entgegen und unterstützte die Aufnahmen durch Bereitstellung historischer Wagen rc. Diesmal wird uns nun im Zu­sammenhang alles das gezeigt, was sich an Bemer­kenswertem in der Zeit von Königin Luisens Jugend bis 8it ihrem Tode in unserm Vaterland abgespielt hat, ergreifende Bilder von getreu historischer Dar­stellung sind darunter. Um auch unserer Jugend den Besuch dieser Vorführungen zu ermöglichen, findet an jedem der genannten Tage nachmittags von 3 Uhr ab eine Schülervorstcllnng statt.

-h- Gershansen, 31. Oktober. Eine ehrende Aus­zeichnung wurde heute unserm langjährigen allbe­liebten Bürgermeister Herrn Faulhab er zuteil. Durch Herrn Landrat von G r u n e l i u s wurde ihm heute nachmittag das Allgemeine Ehrenzeichen überbracht und mit anerkennenden Worten für seine seitherige Tätigkeit in Gegenwart der Gemeindever­tretung überreicht.

-n- Hillartshausen, 31. Oktober. In Gegenwart der Gemeindevertretung wurde heute mittag unserm Herrn Bürgermeister Hahn das Allgemeine Ehrenzeichen durch den Herrn Landrat überreicht. Dieser gedachte dabei der langjährigen Tätigkeit des HerrnVürgermeisters, der stets seine ganze Kraft für fein Amt eingesetzt hat.

-h- Zwesten, 30. Okt. Das elfjährige Töchterchen des hier mit seiner Schaukel anwesenden Karusell- besitzers Eckel aus Jesberg wollte, da seine Mutter gerade abwesend war, heißes Wasser von den Kartoffeln abschütten. Dabei kam es seinem 1jährigen Schwesterchen zu nahe und der heiße Inhalt ergoß sich dem bedauerns­werten Geschöpf über den Kopf. Das Kind wurde arg verbrannt und man fürchtet allgemein für sein Leben.

-h- Zwesten, 30. Oktober. Das Lastauto eines Casseler Geschäftshauses stürzte hier in einen Graben. Der Monteur wollte es wieder herauswinden, doch die Winde glitt ab. Durch die Wucht wurde der Monteur so gegen einen Staketenzaun gedrückt, daß er im Ge­sicht ziemlich starke Verletzungen davon trug.

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Mansbach, 29. Oktober. In einem Prozesse des Kommerzienrates Wenzel gegen Frau Vogel, die Gattin des ehemaligen Pächters des hiesigen Gutes wegen Rückgabe der gestellten Kaution resp, wegen Entschädigung wegen angeblich nicht rationeller B wirtschaftung des Gutes, der bei dem Landgericht Dessau schwebt, fanden gestern und heute hier Zeugen­vernehmungen statt. Zu diesem Zweck sind ein Land­gerichtsrat und mehrere Rechtsanwälte hier anwesend. Die Höhe der strittigen Summe beläuft sich auf 60 000 Mark.

Cassel, 1. November. Dem Berliner Vertreter der Franks. Ztg. wird im Kriegsministerium folgendes mitgeteilt: Die Meldung, daß Generalleutnant Liman von Sanders an der Spitze einer deutschen Militär­kommission in die Türkei gehen werde, trifft zu. Die Zahl der beteiligten Offiziere steht aber noch nicht fest. Die in einer Konstantinopeler Nachricht ange­gebene Höhe von 12 rmrj sie schwerlich erreichen. Die bereits in der Türkei tätigen Offiziere werden gleich­falls der Militärmission zugeteilt. Wir hätten dem­nach mit einem in Kürze bevorstehenden Wechsel im Kommando der 22. Division zu rechnen. General­leutnant Liman von Sanders gilt als einer unserer befähigsten Generale. Als alter Generalstäbler ist er nicht nur ein vorzüglicher und energischer Truppen- sührer, sondern ihm wird auch, was für türkische Ver­hältnisse besonders wichtig ist, großes organisatorisches Talent nachgerühmt. Er steht im 59. Lebensjahre.

Cassel, 31. Oktober. Trotz der vielfachen Warnungen vor dem Eintritt in die Fremdenlegion scheint die Legion immer noch Deutschland als ein geeignetes Feld ihrer Werbetätigkeit zu betrachten. Auch bis hier nach Cassel hat die Agitation ihre Netze gesponnen, denn laut Polizeibericht wurde hier ein 22jähriger Fabrikarbeiter festgenommen, weil er mehrere seiner Kollegen, welche noch militärpflichtig sind, zum Dienst in der französischen Fremdenlegion anwerben wollte.

Weilburg, 30. Oktober. Gestern morgen wurde auf dem Bahndamm in der Nähe des Grävenecker Tunnels die Leiche des Schmiedemeisters Sartorius aus Gräveneck aufgefunden. Die Untersuchung ergab, daß Sartorius sich in selbstmörderischer Absicht von dem gegen 1/26 Uhr die Strecke passierenden Personen- zug hat überfahren lassen.

Hanan, 30. Oktober. Hier kam gestern abend ein Postwertstück abhanden, das 4500 Mk. bares Geld ent­hielt. In dem Paket befand sich die Tagespostkasse des Postamtes Groß-Auheim, die jeden Abend an das Postamt Hanau abzuliefern ist. Das Paket traf mit einem aus Bayern kommenden Zug am Ostbahnhof Hanau ein. Verschwunden ist es bereits am Ost­bahnhof, und zwar nimmt man an, daß bei der Ueber­nahme der Postsachen der Wagen einen Moment un­beaufsichtigt geblieben ist und das Paket, auf dem der Inhalt durch Aufschrift verzeichnet war, inzwischen von jemand hinweggenommen wurde.

Neustadt, 31. Oktober. Mit welcher Sehnsucht von mancher Heiratsfähigen dem Tage der Eheschließung entgegen gesehen wird, möge folgender Vorfall zeigen: Ein Brautpaar erschien auf dem hiesigen Standesamte, um den Bund fürs Leben zu schließen. Nachdem die vorgeschriebenen Formalitäten erfüllt und der Bräutigam dem fragenden Standesbeamten sein Ja abgegeben hatte, erging auch an die Braut die Frage, ob sie bereit sei, mit ihrem Verlobten die Ehe einzu- gehen. Freudig erklang es von den Lippen der Ge­fragten:Zehnmal für einmal." Diese Antwort entspricht jedoch nicht dem Wortlaut des Gesetzes, viel­mehr wird eine klare, unzweideutige Erklärung ver­langt. Und da das Gesetz unerbittlich ist, mußte eine nochmalige Frage an die Braut ergehen, worauf dann das verlangte WortJa" gesprochen wurde.

Wetteraussichten für Sonntag den 2. November.

Wolkig, meist trocken, kühler, vielfach Nebel, ruhig.