Hersfelder Tageblatt
für den Kreis Hersfeld
Amtlicher Anzeiger
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Zernsprech-slnschlutz Nr. 8
Nr. 143.
Mittwoch, den 29. Oktober
1913.
Nur 1 Mark
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Allen denjenigen, die sich von dem anerkannt reichhaltigen interessanten Inhalt des Hersfelder Tageblatts, der sich auf alle Gebiete erstreckt, überzeugen wollen, ist für November und Dezember die beste Gelegenheit zu einem Probeabonnement gegeben.
In der kurzen Zeit seines Erscheinens hat sich das Hersselder Tageblatt stets als gut unterrichtet erwiesen. Die politischen und nicht politischen Berichte werden täglich aus Grund neuster Nachrichten zusammengestellt. Alle bis zum Nachmittag vorliegenden wichtigen Telegramme finden an demselben Tage noch Ausnahme.
Bus der Heimat.
Eingabe des Bürgervereins für stöbt, legenheiten wegen Einführung der Hersfeld—Homberg—Wabern.
Ange- Bahn
):( Hersfeld, 28. Oktober.
Bekanntlich hatte der Bürgerverein für städtische Angelegenheiten in seiner letzten Sitzung im September gegen die geplante Einführung der Bahn Hersfeld- Nomberg-Wabern in der Nähe des alten Bezirkskommandos Stellung genommen und beschlossen, den Kreisausschuß sowie den Magistrat zu bitten, gegen dieses Projekt ganz energisch anzukämpfen. Die Eingabe, die jetzt zur Sammlung von Unterschriften in der ganzen Bürgerschaft zirkulieren wird, hat folgenden Wortlaut:
Die unterzeichneten Bürger der Stadt Hersfeld bitten den Magistrat (den Kreisausschuß), mit allen durch das Gesetz erlaubten Mitteln dahin zu wirken, daß der dem Herrn Minister zur Ausführung vorgeschlagene Plan, die Bahn Wabern-Homberg-Hersfeld von Süden her am Fuße der „Alpen" (des Tageberges) entlang und durch den der Stadt gehörigen Spielplatz neben dem Kurpark in den Bahnhof Hersfeld em- zuführen, nicht ausgeführt werde, und zwar aus folgenden Gründen:
1. DiebaulicheEntwicklung der Stadt wird durch diese Bahnlinie, wenn auch nicht unterbunden, so doch aufs nachteiligste gehemmt, da durch sie ein großer Teil des besten Baugeländes vom Geisgrunde bis zur Fulda weggenommen oder unbenutzbar gemacht wird; und das ist von um so größerer Bedeutung, da Hersfeld Mangel an Baugrund hat, weil es sich wegen ferner besonderen Lage zwischen Bergen und rm Ueber- schwemmungsgebiet der Fulda im wesentlichen nur nach Süden ausbreiten kann;
2. das Bad, das von der Bürgerschaft (von einzelnen und von der Gesamtheit) schon die größten Opfer gefordert hat, wird ebenso in seinem Fortschritt, in seiner äußeren Ausgestaltung, wie nach der finanziellen Seite hin, im höchsten Maße beeinträchtigt, wenn es eng zwischen zwei Bahnlinien eingeschlossen wird;
3. eine große Anzahl von Bürgern wird überaus geschädigt, da ihre Grundstücke zweifellos sehr entwertet werden;
4. die G r u n d e r w e r b s k o st e n sind unverhältnismäßig hoch, da es sich um das beste Baugelände handelt; dadurch werden dem Kreise und in erster Linie wieder der Stadt, welche die Hauptlasten des Kreises zu tragen hat, neue hohe Auswendungen auferlegt. _ . , K.
Die Unterzeichneten sind sich voll bewußt, daß die Wahl einer anderen Einführungslime, z. B. von Norden, den Bahnbau verteuert und die Ueberwindung gewisser technischer und Verkehrsschwierigkeiten erfordert, sie sind aber ebensosehr überzeugt, daß diese Hindernisse überwunden und die höheren Baukosten von der Allgemeinheit getragen werden müssen, weil das Opfer, das die Stadt Hersfeld, deren Steuerlast bereits hoch ist (185 Prozent, bezw. 200 Prozent) und in nächster Zeit noch steigen wird, nicht nur nach der finanziellen Seite hin, sondern besonders auch durch die Einschränkung ihrer Entwicklungsfähigkeit nach außen für immer bringen müßte, zu groß wäre, und daß sich Mittel und Wege finden lassen müssen, die vollständige beengende Einschnürung der im schönsten Aufblühen begriffenen Stadt durch Bahnlinien nach 3 Seiten hin (nach Osten, Westen und Süden) zu ver
hindern. Die durch den Bau einer anderen Einführungslinie für den Staat entstehenden höheren Baukosten können nicht sehr ins Gewicht fallen, da die Bahn Wabern-Homberg-Hersfeld nicht nur örtliche Bedeutung hat, sondern auch für weitere Bezirke und vor allen. Dingen für den Staat selbst hochwichtig ist. Zugleich gestatten sich die Unterzeichneten den Magistrat zu bitten, die Kgl. Eisenbahnbehörde darauf hinzuweisen, ob nicht die Bahn weiter im Süden der Stadt (nördlich oder südlich von der Bätzaschen Ziegelei) in die Linie Treysa-Hersfeld eingeführt werden kann, indem die neue Bahn den Geisgrund schon früher verläßt, und in der Nähe des Ritterguts Meisebach den Meisebachgrund überbrückt.
* (Offene Koksfeuer in Neubauten verboten!) Nach den gemachten Erfahrungen ist die Anwendung offener Koksfeuer zur Austrocknung von Neubauten auch bei Beachtung der vorgeschriebenen Vorsichtsmaßregeln mit Gefahren für die Gesundheit der Arbeiter verbunden. Der Minister für Handel und Gewerbe hat daher an die Regierungspräsidenten einen Erlaß gerichtet, daß die Verwendung dieser Feuerungen im Innern eines Baues weiterhin nicht mehr zugelassen werden könne. Koksöfen, die zum Austrocknen von Bauten dienen sollen, müssen mit Dunstklappen und Rohren zur Ableitung versehen sein.
):( Hersfeld, 28. Oktober. Auf Veranlassung des hiesigen Gewerbevereins wird am kommenden Freitag abend im Saale des Hotel zum Stern Herr Theodor Hermann Lange aus Posen einen, Vortrag über die Türkei und die Balkan staaten halten. Herr Lange, ein Kenner der russischen und slavischen Sprache, hat schon mehrmals die Türkei und die Balkanstaaten bereist und ist infolge eigner Anschauungen in der Lage, über diese noch immer im Vordergründe des politischen Interesses stehenden Staaten recht interessante Angaben zu machen. Herr Lange, der bereits in früheren Jahren hier Vorträge gehalten hat, spricht in diesen Tagen im Kaufmännischen Verein in Eisenach und im Gewerbeverein in Arnstadt. Zu dem hiesigen Vorträge haben auch Nichtmitglieder des Gewerbevereins Zutritt.
Hünfeld, 28. Oktober. Morgen jährt sich zum 25. Male der Tag da die Stadt Hünfeld von einem entsetzlichen Brandunglück heimgesucht wurde. Am Morgen des 29. Oktober 1888 brach gegen 7 Uhr beim Kronenwirt Feuer aus. Mit rasender Schnelligkeit griff es um sich. Am Abend lagen zwei Dritteile der Stadt in Schutt und Asche. Von den etwa 270 Häusern der Stadt fielen 117 Wohnhäuser und die entsprechende Anzahl Nebengebäude den verheerende Elementen zum Opfer. Die General-Brandkasse in Cassel hatte zirka 800 000 Mark Entschädigung zu zahlen. Ebenso hoch war der Verlust an Mobiliar.
Fulda, 28. Oktober. Nach einem Telegramm an das hiesige Amtsgericht ist der vor zirka 4 Wochen aus dem hiesigenAmtsgerichts-Gefängnis ausgebrochene Kirchenräuber von Oberbimbach, der auch im Dezember v. I. auf dem Bahnhof Fulda auf den Schutzmann Crost scharfe Schüsse abgab, wofür er 4 Jahre Zuchthaus erhielt, in Halle a. S. bei einem Einbruchs- diebstahl verhaftet worden. Im nächsten Monat wird M. sich wegen des Kirchenraubes in Oberbimbach, wegen Mißhandlung des hiesigen Gefangenen-Auf- sehers und wegen seiner Flucht in die Freiheit zu verantworten haben. r
Cassel, 27. Oktober. Eine außerordentliche Schwurgerichtsperiode verhandelte bis Sonnabend eine volle Woche gegen den am 23. Dezember 1869 geborenen Ingenieur Alfons Fell aus Cassel wegen Konkursverbrechens. Dem Angeklagten wird zur Last gelegt, in seiner Eigenschaft als Geschäftsführer einer Gesellschaft mit beschränkter Haftung die rechtzeitige Konkursanmeldung unterlassen, ferner die Bücher schlecht oder garnicht geführt und endlich sich zu ungunsten seiner Gläubiger Vermögenswerte und bares Geld zugeeignet zu haben. Die ganze Verhandlungswoche wurde damit ausgefüllt, festzustellen, welche Hypothekentransaktionen vor sich gegangen waren innerhalb der Gesellschaft Funkenhauser u. Co. in Wittdün; die speziellen Casseler Verhältnisse sollen in dieser Woche von heute ab zur Erörterung gelangen.
Cassel, 25. Oktober. In Niederkaufungen hat ein fünfzehnjähriger Lehrling aus Uebermut mit einer Bolzenbüchse auf Mer.Arbeiterinnen der Papierfabrik gezielt. Dabei ging der Bolzenschuß los und drang in das linke Auge einer der Arbeiterinnen ein, dieses zerstörend. Die Verletzte mußte tn das Casseler Krankenhaus gebracht werden. Gegen den fahrlässigen Schützen ist Anklage wegen schwerer Körperverletzung erhoben worden.
Eschwege, 27. Oktober. Durch einen schweren Unglücksfall wurde soeben die Familie des Wollgarn
fabrikanten Ernst Hüter in tiefe Trauer versetzt. Als gegen 6 Uhr die Arbeiter einer neben der Hüterschen Wohnung befindlichen Baumaterialienhandlung Stroh von der Straße wegräumen wollten, fanden sie unter demselben den Sohn der Familie Hüter, den achtjährigen Schüler Heinz, mit einer schweren Kopfverletzung. Die Schädeldecke war zertrümmert. Rasch herbeigeholte ärztliche Hilfe kam leider zu spät. Die Aerzte konnten nur den vor kurzer Zeit eingetretenen Tod feststellen. Wie und wodurch das Unglück entstanden ist, konnte bis jetzt noch nicht festgestellt werden. Es wird vermutet, daß der bedauernswerte Junge, der gegen 5 Uhr noch auf der Straße beim Spiel gesehen worden war, überfahren worden ist.
Großalmerode, 27. Oktober. Am Sonnabend nachmittag hantierte der siebzehnjährige Arbeiter Sch. auf dem Mühlengraben mit einem Revolver. Die Waffe entlud sich und das Geschoß traf das vorübergehende achtzehnjährige Mädchen A. in die Hüfte. Die Bedauernswerte mußte sich in ärztliche Behandlung begeben. Die Kugel konnte bis jetzt noch nicht entfernt werden.
Gelnhausen, 26. Oktober. Wie in landwirtschaftlichen Kreisen konstatiert wird, ist im Vogelsberge die diesjährige Ernte so gut ausgefallen, wie man sie seit Menschengedenken nicht erlebt hat.
Hanau, 24. Oktober. Beim Ulanenregiment Nr. 6 stürzte der Leutnant Dollya von Kocierowsky vom Pferde und erlitt schwere Verletzungen.
Hanau, 27. Oktober. Vor der Strafkammer in Hanau hatte sich der Bürgermeister Peter Schultheiß aus Völzberg, Kreis Gelnhausen, wegen Urkundenfälschung zu verantworten. Er schuldete einem verstorbenen Verwandten noch 394 Mk. und legte den Erben, die das Geld forderten, eine Quittung mit der Namensunterschrift des Verstorbenen vor, wonach das Geld bereits zurückgezahlt sein sollte. Durch zwei Sachverständige wurde vor Gericht nachgewiesen, daß die Quittung gefälscht war. Schultheiß wurde daraufhin zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt.
Frankfurt a. M., 27. Oktober. Heute nachmittag 3 Uhr 36 Min. sind auf der Blockstelle Hellerhof die aus entgegengesetzter Richtung kommenden Güterzüge 8603 und 7707 zusammengestoßen. Verletzt sind fünf Eisenbahnbedienstete, unter ihnen zwei schwer. Der Materialschaden ist unerheblich. Eine Untersuchung ist eingeleitet.
Wiesbaden, 25. Oktober. Der Koch Emil Petri von hier schoß sich gestern abend im Restaurant „Waldhäuschen" mit einem Revolver zweimal in die linke Brustseite. Als der Wirt und dessen Sohn zu Hilfe kamen, feuerte Petri auf diese, ohne jedoch zu treffen. Der Lebensmüde kam ins Krankenhaus, wo er in bedenklichem Zustande dantederliegt.
Eddersheim a. M., 27. Oktober. Als heute nacht der Arbeiter Reinhardt, dessen Frau zurzeit in Höchst im Wöchnerinnenheim liegt, nach Hause wollte, fand er das Tor verschlossen. Er kletterte schließlich über den Zaun. Hierdurch wurde der Hausherr, der Heizer Jakob Spengler, geweckt. Er trat in den Hof, um zu sehen, was los sei. Zwischen Reinhardt und Spengler entspann sich nun ein Streit. Im Verlauf desselben stieß Reinhardt seinem Gegner mit dem Regenschirm so unglücklich ins Auge, daß das Gehirn verletzt wurde. Spengler starb noch in der Nacht. Der Täter wurde heute früh auf seiner Baustelle in Höchst verhaftet und ins Amtsgerichtsgefängnis eingeliefert.
Bodenfelde (Weser), 24. Oktober. Hier treibt ein Brandstifter sein unheimliches Wesen. Innerhalb acht Tagen hat es heute zum dritten Male gebrannt. Heute gingen die erst vor kurzem neugebauten Scheunen und Stallungen des Landwirts August Kasse in Flammen auf. Zum Glück hielt die Brandmauer stand, sodaß das Wohnhaus gerettet werden konnte. Dieses Feuer war noch nicht gelöscht, als an anderer Stelle nahe der Bahn Ottberger-Bodenfelde- Northeim-Nordhausen drei Getreidediemen eingeäschert wurden. Die Züge mußten mit großer Geschwindigkeit mit geschlossenen Fenstern an der Brandstelle vorbeifahren. Und nach kurzer Zeit ging noch ein vierter von der letzten Brandstelle über 1000 Meter entfernter Diemen in Flammen auf. Weithin war das gewaltige Feuer am Himmel sichtbar. Zweifellos liegt Brandstiftung vor.
Coburg, 25. Oktober. Heute Nacht wurde hier der 17jährige Hotellehrling Walter Seßner aus Statz- furt mit abgefahrenen Beinen tot auf dem Eisenbahndamm liegend aufgefunden. Es handelt sich um einen Selbstmord. Der junge Mann trug in letzter Zeit ein sehr aufgeregtes Wesen zur Schau; er soll viel Schundliteratur gelesen haben.