Hersfelder Tageblatt
Amtlicher Anzeiger ^^l für den Kreis Hersfeld Wlb« SreisMatt
Bezugspreis vierteljährlich für Hersfeld 1.50 Mark, durch die Post bezogen 1.60 Mark. Druck und Verlag von Ludwig Funks Buchdruckerei Hersfeld. Für die Redaktion verantwortlich Franz Funk in Hersfeld.
Der Anzeigenpreis beträgt für die einspaltige Zeile 10 Pfennig, im amtlichen Teile 20 Pfennig, Reklamen die Zeile 25 Pfg. Bei Wiederholungen wird Rabatt gewährt. Erscheint jeden Werktag nachmittags.
Gratisbeilagen: „Illustriertes Sonntagsblatt" und „Illustrierte Landwirtschaftliche Beilage" Kernsprech-Nnschlutz Nr. 8
Nr. 141. lErftes Blatt). Sonntag, den Ä6. Oktober — - - 1919
Hus der Heimat«
Millionen, die an der Jagd verdient werden.
Es gibt bei uns, so plaudert ein Mitarbeiter der „N. G. C.", etwa 300 000 Jäger, deren Jagdvergnügen vielen Leuten willkommenen Verdienst bringt, wie den betreffenden Gemeinden eine schöne Einnahme. Man hat ausgerechnet, daß der Ertrag der Landgemeinden aus den Jagdverpachtungen jährlich 40 Mill. Mark in runder Summe beträgt; außerdem belaufen sich die Kosten von Jagdverwaltung und Betrieb, Jagdschutz und Wildpflege auf weitere 15 Millionen Mark, die ebenfalls anf irgend eine Weife dem Volke zugute kommen. Mit dem Aufschwung der weidgerechten modernen Jagd wurde der Zucht und Dressur der Jagdhunde, besonders in den letzten Jahrzehnten, die größte Aufmerksamkeit geschenkt. Heute besitzen die deutschen Jäger mindestens 200,000 im allgemeinen gute Jagdhunde, deren Fütterung, Dressur und Pflege jährlich etwa 16 Millionen Mark erfordern, wozu man den Betrag der Hundesteuer in Höhe von einer Million Mark rechnen muß. Berücksichtigt man noch die bedeutende Fabrikation von Gewehren, Munition, Jagdgeräten und Jagdkleidung, ferner die Reisekosten der Jäger und die Transportkosten des Wildes, so ergibt sich, wie Sachkundige berechnet haben, daß die Jagd allein in Deutschland einen Geldumsatz von 130 Millionen Mark im Jahre erzeugt. Hiervon entfallen etwa 30 Millionen auf die Verwertung des erbeuteten Wildes, nämlich 25 Millionen für die rund 25 Millionen Kilogramm Wildbret, 4 Millionen für die Felle und 1 Million für die Geweihe von Rot- und Da-nhirschen und Rehböcken. Daraus läßt sich die große volkswirtschaftliche Bedeutung der Jagd für unser Land erkennen. Der Wert des gesamten deutschen Wildstandes wird auf etwa 100 Millionen geschätzt und bildet also einen nicht zu verachtenden Bestandteif des Nationalvermögens.
* (Schonzeit für Rehkälber.) Die Schonzeit für Rehkälber ist bis auf weiteres im Regierungsbezirk Caffel mit Ausnahme des Bezirks der Oberförsterei Haste in der Grafschaft Schaumburg auf das ganze Jahr ausgedehnt, was von dem Bezirksausschüsse für den Regierungsbezirk Caffel den Jagdpächtern und Jagdliebhabern in Erinnerung gebracht wird.
* Eine neue Art von Triebwagen stellt die preußische Eisenbahnverwaltung neuerdings em. Die bisherigen Wagen dieser Art, die mit Akkumulatoren betrieben werden, bestanden aus zwei .Teilen. Die neue Type ist dreiteilig. Sie ist besonders für den größeren und weiteren Verkehr bestimmt. Der mittlere Teil enthält das Triebgestell und Abterle für Post- und Reisegepäck. Die dreiteiligen Wagen ermöglichen auch die Einrichtung von Waschraumen für längere Strecken. Nur zum kleineren Teil wird der mittlere Teil für Fahrgäste eingerichtet. Außer der dritten und vierten Klaffe führen diese Wagen auch Abteile zweiter Klaffe. Die Fahrerstände befinden sich an den beiden Enden des Zuges. Der erste derartige Wagen ist zwischen Aurrch und Adelitz eingestellt. Weitere derartige Wagen sind im Bau und zunächst für die Bezirke Posen, Frankfurt a. M. usw. bestimmt.
w Hersfeld, 25. Oktober. (Bei der heute vormittag im Sitzungssaale des hiesigen Landratsamtes stattgefundenen Wahl eines M
tattgefundenen W ah l e in e s Mi tg l i e d e s d e s K r e i s a u s s ch u s s e s anstelle des verstorbenen Herrn Bürgermeisters Döring in Sieglos wurde Herr Bürgermeister Großkurth aus Unterhaun einstimmig gewählt.
-r- Hersfeld, 25. Oktober. Dem Vernehmen nach beabsichtigt der Turnverein Hersfeld c. V. im Laufe dieses Winterhalbjahres mehrere V o l k s - unterhaltungsabende zu veranstalteu, die m erster Linie der Fürsorge für die Ust^ntlaffene Jugend dienen sollen. Der Besuch dieser Abende soll für jedermann frei sein, nur wird fur das Programm ein geringer Betrag erhoben. Gesangliche, deklamatorische, musikalische Darbietungen, Vorführung von turnerischen Gruppen und theatralische Aufführungen werden den Inhalt der Abende bilden und sind die Vorbereitungen bereits im besten Gange. Es ist zu hoffen, daß auch dme Veranstaltungen des rührigen Turnvereins bei ^ung und Alt den verdienten Beifall finden . unddarmt eine Sache gefördert wird, die im vaterländischen und im allgemeinen Interesse jede Unterstützung verdient. Der erste dieser Abende findet am Sonntag den November statt. Wir wünschen der Veranstaltung besten Erfolg.
):( Hersfeld, 25. Oktober. Als eine Naturseltenheit ist es zu bezeichnen, daß im Garten des Herrn Malermeisters Brandau jetzt reise Erdbeeren im freien Land geerntet wurden.
§ Hersfeld, 25. Oktober. PaulBelzersOri- ginal-Leipziger Sänger geben am Sonntag den 9. November in der Turnhalle einen humoristischen Abend. Bei den vielen Gesellschaften, die jetzt unter ähnlicher Flagge im deutschen Reiche herumsegeln, ist das Publikum oft enttäuscht und daher mißtrauisch geworden. Bei den Original-Leipziger Sängern, unter Belzers Leitung, ist dieses nicht zu befürchten, da derselbe stets seinen Ankündigungen und Versprechungen (das Beste zu leisten, urkomisch und doch streng dezent zu sein) voll und ganz nachgekommen ist. Daher strömt auch Alt und Jung, sobald das gesetzlich geschützte Emblem (der kleine dicke Nante mit seiner langen Tante) in den Zeitungsannoncen und auf den Plakaten erscheint, zu den beliebten Konzerten dieser Gesellschaft, was wir der rührigen Direktion auch am nächsten Sonntag wünschen.
Caffel, 24. Oktober. Sehr schnell zu Gelde zu kommen, dachte der „Filmverleiher" Wilhelm T. aus Dortmund. In Gemeinschaft mit einer 19jährigen Kellnerin kam der Angeklagte im November vorigen Jahres nach Caffel, stieg mit ihr in einem Hotel ab, wo sie sich als Ehepaar Holtmann in das Fremdenbuch eintrugen. Von hier aus bestellte der Angeklagte mittels Postkarten und Telegrammen bei verschiedenen deutschen Filmverleihgeschäften Kinematographenfilms zur leihweisen Ueberlassung und gab dabei einen falschen Namen an. Die Leihgebühren bezahlte er, wenn die Films ankamen und ließ dann nichts mehr von sich hören. Nachdem er ^ine Anzahl Films im Werte von einigen tausend Mark auf diese Weise in seinen Besitz gebracht hatte, dampfte er von Caffel ab undj verkaufte die Films in anderen Städten an Kinematographenbesitzer zu seinem Vorteil. Für diese Methode der Geldbeschaffung erhielt der Angeklagte 1 Jahr Gefängnis.
Caffel, 24. Oktober. Gestern abend kam auf dem Oberstadtbahnhof der Gastwirt U. schwerverletzt an und wurde mit der Räderbahre nach seiner Wohnung gebracht. U. hatte mit einem Freunde der Denkmalseinweihung in Leipzig beigewohnt und beide kamen unverhofft zwischen die ausgerissenen Löwen. U. nahm in seiner Aufregung seine Stockflinte zur Hand und schoß auf einen Löwen. Dieser wurde dadurch gereizt und riß U. die linke Wade auf. Lebensgefahr besteht bei U. nicht. Sein Freund hatte sich in Sicherheit bringen können.
Homberg, 23. Oktober. Dieser Tage wurde in der hiesigen Taubstummenanstalt die Prüfung für Taubstummenlehrer zum letzten Male nach der seitherigen Prüfungsordnung abgehalten. Die Prüfung bestanden die Lehrer Rittmeyer-Homberg und Peher-Frankfurt am Main. In Zukunft wird diese Prüfung in Berlin abgehalten, nachdem ihr ein zweijähriger Ausbildungs- kursus an einer Taubstummenanstalt vorausgegangen ist.
Niederhone, 23. Oktober. In der Nacht von Dienstag zum Mittwoch passierte die hiesige Station ein eigenartiger Sonderzug, der eine Pulversendung enthielt. Der explosionsgefährliche Stoff füllte elf Eisenbahnwaggons. Zwischen je zwei mit Pulver gefüllten Wagen befand sich ein leerer Wagen, und am Anfang und Schluß des Zuges befanden sich noch je vier leere Waggons, um die Explosionsgefahr zu vermindern. Die ganze Sendung stammte aus einer Pulverfabrik in der Lüneburger Heide und ist für Militärzwecke bestimmt.
Hedemünden, 25. Oktober. Das Attentat auf den früheren Reichstagsabgeordneten unseres Wahlkreises Baron Karl Götz von Olenhusen wurde nicht von einem Polen, sondern von einem auf Bahnhof Eichen- berg beschäftigten galizischen Arbeiter ausgeübt, welcher mit Arbeitskollegen sich zu den auf Rittergut Olenhusen beschäftigten Polenmädchen begeben hatten und einen furchtbaren Skandal im Arbeitshause machten. Als O. von seinem Hofmeister darauf aufmerksam gemacht war, begab er sich dorthin und forderte die Radaubrüder auf, seinen Hof zu verlaßen. Diese aber widersetzten sich und ein besonders roher Bursche schoß fünfmal seinen Revolver auf v. O. ab, ohne jedoch diesen zu verletzen. Nur mit Muhe gelang es, die Galizier zu vertreiben.
Ostheim, 24. Oktober. Ein uneigennütziger Bürgermeister ist der Bürgermeister Streng in Ost- heim Ihm wurde vom Bezirksausschuß das Gehalt erneut auf 2600 Mk. jährlich festgesetzt. Damit ist Bürgermeister Streng nicht zufrieden, denn er will sich mit 2200 Mk. begnügen, verlangt, daß die restlichen 400 Mk seinem Stellvertreter sowie den Beamten und Bediensteten der Gemeinde prozentualiter zugute
kommen. Der Gemeinderat beriet darüber und erklärte sich mit dem Vorschlag einverstanden.
Eisenach, 23. Oktober. Auf einer Bank in der Bahnhofstraße in der Nähe des Bahnhofes wurde gestern nachmittag ein älterer Mann, anscheinend ein Landbewohner, aufgefunden, der sich mit einem Rasiermesser die Pulsadern ausgeschnitten hatte. Der sofort herbeigerufene Stadtarzt Dr. Kürbs ordnete die Ueberführung des Verletzten mittels Droschke nach dem städtischen Krankenhaus an.
Gießen, 23. Oktober. Das 17jährige Dienstmädchen des Pastors in Bleichenbach bei Büöingen ist infolge einer Explosion der Petroleumlampe heute nacht völlig verbrannt.
Göttingen, 23. Oktober. Im benachbarten Bils- hausen fiel gestern nachmittag der 48 Jahre alte Arbeiter M. so unglücklich die Treppe hinunter, daß ihm der Schädel zertrümmert wurde. Der Tod trat auf der Stelle ein.
Darmstadt, 25. Oktober. Hier ist gestern früh der Bürgermeister Kohl von Heppenheim verhaftet worden. Er ist vor einigen Tagen aus Heppenheim verschwunden, nachdem in der Gemeindekasse große Unregelmäßigkeiten entdeckt worden waren. Kohl wollte nach der Schweiz entfliehen.
Frankfurt a. M., 23. Oktober. Leutnant v. Hoppe, der heute nachmittag auf dem Niederrader Flugplatz seine Pilotenprüfung ablegen sollte, erlitt beim Landen am Rebstöcker Hof einen Unfall. Der Apparat wurde zertrümmert. Der Flieger kam ohne Verletzung davon.
Uslar (Sttdhannover), 23. Oktober. Vor dem hiesigen Amtsgericht fand heute in dem Konkurs des Glashütten- und Gutsbesitzers Bippart, früher in Amelith, die Zwangsversteigerung des gesamten Grundbesitzes, bestehend aus der Glashütte und den Dörfern Polier und Amelith, umfassend die Fabrikgebäude, den großen Gutshof zu Amelith, 34 Gehöfte und Arbeiterwohnungen, statt. Der Besitz ist mit insgesamt 579 000 Mk. Hypotheken belastet. In dem Termin bot der Fabrikbesitzer Kommerzienrat Löwenherz (Lauenförde) 339100 Mk. als Höchstgebot und erhielt darauf auch den Zuschlag, sodaß also das gesamte Besitztum in dessen Besitz übergeht. An Hypotheken und rückständigen Zinsen fallen über 350 000 Mk. aus. Außerdem verlieren die meisten Angestellten und Arbeiter der Glashütte und der Gutswirtschaft ihre gesamten Ersparnisse, da sie gegen entsprechende Verzinsung an dem Unternehmen stehen hatten. An rückständigen Gehältern und Löhnen sind außerdem 45000 Mk. ausgefallen. Die Glashütte soll wieder in Betrieb gesetzt werden, auch wird beabsichtigt,die Wasserkraft zur Anlage einer Holzwarenfabrik aus- zunützen. — Der in Deutschland einzig dastehende Fall, daß zwei Dörfer und ein ausgedehnter Fabrikbetrieb unter den Hammer kommen, hat nunmehr durch die Zuschlagserteilung an den Kommerzienrat Löwenherz seine enögiltige Lösung gefunden.
Eine neue Gefahr für den deutschen Obstbau.
Ein Obstzüchter schreibt uns: Zu den größten Konkurrenten unseres deutschen Obstbaues gehören bekanntlich heute schon die Obstfarmer der west- amerikanischen Unionsstaaten. Die in jedem Winter einsetzende Masseneinfuhr amerikanischer Aepfel besonders, erschwert schon heute den Absatz deutschen Dauerobstes zu lohnenden Preisen. Diese Konkurrenz wird, worauf u. a. in der Zeitschrift „Die Landarbeit" hingewiesen wurde, eine wesentliche Begünstigung erfahren durch die bevorstehende Eröffnung des Panamakanals. Heute kann das Obst aus Kalifornien, Arizona usw. nur unter Benutzung des teuren Schienenweges quer durch den ganzen amerikanischen Kontinent zu uns gelangen. Durch den Panamakanal wird der Seeweg um mehr als die Hälfte verkürzt, die Amerikaner können dann ihr Obst direkt, ohne Umladung zu Schiff von den pazifischen Häfen nach Deutschland schaffen und dürften dadurch an Transportkosten bis zu 25 Prozent ersparen. Das wird sich nicht nur in entsprechend verbilligtem, sondern auch in noch weiter stark vermehrtem Angebot amerikanischen Obstes auf unserm Markt bemerkbar machen. Um so dringender muß ein wirksamer Schutz für den Obstbau unserer deutschen Bauern gefordert werden, der noch einer großen Ausdehnung ohne Beeinträchtigung der übrigen Agrarproduktion fähig ist. Wenn unsere Liberalen fortfahren sollten, der vergrößerten Konkurrenzgesahr zum Trotz gegen die Ausfüllung dieser Lücke in unserm Schutzzolltarif zu eifern, dann werden sie damit aufs neue beweisen, was ihre angebliche „Bauernfreundschaft" wert ist.