Sersselder Tageblatt
Amtlicher Anzeiger
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Zernsprech-Knschlutz Nr. 8
Nr. 138.
Donnerstag, den 33. Oktober
1913.
Zum Geburtstage der Kaiserin.
es vermag".
Bedeutungsvoll wie kaum je zuvor naht diesmal unserer erhabenen Landesmutter die Feier ihres Geburtstages, denn er schließt ein Lebensjahr ab, das der Himmel noch reicher als sonst mit seinem Segen erfüllt hat, und er öffnet den Ausblick auf ein neues, in dessen Beginn eine weitere, ganz besondere Freude das Herz der hohen Frau beglücken soll.
Im verflossenen Jahre war es unserer Kaiserin vor allem vergönnt, an der Seite ihres erlauchten Gemahls das fünfundzwanzigjährige Regierungsjubiläum Kaiser Wilhelms ii. mitzufeiern und teil- zunehmen an Lben überwältigenden Kundgebungen von inniger Liebe und dankbarer Verehrung, die das ganze deutsche Volk seinem erhabenen Herrscherhause auch aus diesem Anlässe wieder entgegenbrachte. Sie durfte trotz bat ihr eigenen bescheidenen Zurückhaltung sich mit berechtigtem Stolze erfüllt fühlen, denn ein gut Teil all dieser Ehrungen und Huldigungen vor dem Kaiser bezog sich auch auf sie, den „Edelstein, der an seiner Seite glänzt", auf sie, von der er selbst gesagt hat: „ . . . ihr danke ich es, wenn ich imstande bin, die schweren Pflichten meines Berufes mit dem freudigen Geiste zu führen und ihnen obzuliegen, wie ich es vermag".
Aller Welt ist es ja bekannt,, daß unsere Kaiserin es verstanden hat, ihrem hohen Gemahl ein Familienleben von so reinem Glück und so friedlichem, freundlichem Einklang zu bereiten, daß er aus den stillen Freuden dieses Familienglücks immer wieder Erholung von den Regierungssorgen und frische, fröhliche Kraft zu neuem Schaffen gewinnen konnte. Gerade in ihrem engeren Familienleben hat die Kaiserin während des vergangenen Lebensjahres eine weitere große Freude erfahren, vielleicht die größte bisher: ihre einzige Tochter, der Liebling ihrer Eltern, „unsere Prinzessin" Viktoria Luise hat die Wahl ihres Herzens getroffen und ist dem Prinzen Ernst August, Herzog zu Braunschweig und Lüneburg, vermählt worden. Die jubelnde Anteilnahme der weitesten Kreise an diesem Ehrentage der Hohenzollern- tochter, die innigen Gebete, die im ganzen deutschen Volke den Segen des Himmels für ein ungetrübtes Glück der Prinzessin heiß erflehten, der würdige Glanz und die fürstliche Pracht, mit der diese Hochzeft begangen wurde, hat die Kaiserin für ihre Tochter als wohlverdient empfinden dürfen, und all diese Zeichen der Liebe und Treue haben ihrem Mutterherzen wohlgetan. _ r,
In kurzer Zeit soll nun die Kaisertochter mit ihrem hohen Gemahl den braunschweigischen Thron besteigen und somit eine ihrer Abstammung würdige Rangerhöhung erfahren. Gewiß, das Glück des Herzens bedürfte einer solchen Aeußerlichkeit nicht mehr, und doch wird die Kaiserin auch die bevorstehende Thronbesteigung ihrer Tochter als eine besondere Freude empfinden. Ist doch die Prinzessin erst aw regierende Fürstin in der Lage, über den engen Rahmen der Hausfrauenpflichten hinaus einem ganzen Volke als Landesmutter zum Vorbilde echt weiblicher Tugenden zu dienen, getreu dem glänzenden Beispiele, das ihr auch in dieser Beziehung ihre erlauchte Mutter ge- geben 6<xt.
Unsere Kaiserin hat ja doch seit jeher ihre Lebensaufgabe nicht darauf beschränkt, in ihrem Familienleben das Muster einer echt deutschen Hausfrau ^und
leben das Muster einer echt deutschen Hausfrau und Mutter zu geben, sie hat vielmehr ihren Pflichtenkreis dahin erweitert, all den Millionen ihres deutschen Volkes eine treusorgende Landesmutter zu sein. Wohltätigkeit und Glaubenspflege das find die beiden ungeheuren und hochwichtigen Gebiete, auf denen die Kaiserin durch unermüdliche, hingebende Arbeit Seyen über Segen gestiftet hat. Unnötig, b^r etwa erst ins einzelne gehen zu wollen! Der Evangelisch-Kirchliche Hilfsverein, die Frauenhilfe und das Kaiserin AuAlsta-Viktoriahaus zur Bekämpfung der Säuglingssterblichkeit im Deutschen Reiche seien als einige Marksteine auf dem Ruhmeswege der Kaiserin
genannt. Q
Fürwahr, ein Ruhmesweg ist der Lebensgang unserer Landesmutter, wenngleich er naturgemäß sernab vom politischen Gleise sich in den Bahnen stillen Wohltuns und selbstloser Glaubensarbert hinzieht, und er wird ein Ruhmesweg bleiben bis fernerhin zu seinem himmlischen Ziele. Möge rhn die Kaiserin noch lange, lange Jahre in lebensvoller Kraft und Frische wandeln zur Freude und zum Segen ihrem Hause und ihrem Volke.
Bus der Heimat.
* (Was ein Kurpfuscher a u r t ch t e n kau n.) Ein Kurpfuscherprozeß, der insbesondere die ärmere Landbevölkerung zur Vorsicht mahnen sollte, wurde gestern vor der Darmstädter Strafkammer verhandelt.
Angeklagt war der etwa 65 Jahre alte frühere Buchdrucker und jetzige „Heilkundige" Julius Egeling aus Gotha, zuletzt wohnhaft in Walldorf bei Gr.-Gerau. Er ist beschuldigt, den im Januar d. J. erfolgten Tod des 15 Jahre alten Peter Klein in Walldorf durch fahrlässige Behandlung verursacht zu haben. Der Angeklagte übte vorher seine Praxis in Koblenz aus und wurde von der dortigen Strafkammer im Jahre 1911 ebenfalls wegen fahrlässiger Tötung eines jungen Mädchens in Verbindung mit Betrug zu neun Monaten Gefängnis verurteilt. Der 15 Jahre alte Sohn eines Landwirtes in Walldorf, Peter Klein, der an einer Armgefchwulst litt, kam zu Egeling in Behandlung. Der „Heilkundige" vereinbarte als erste Verordnung ein ärztliches Honorar von 2.50 Mk. pro Tag, schimpfte auf den prakt. Arzt, der die Diagnose richtig aus Knochentuberkulose gestellt hatte, während Egeling die Krankheit als Blutschwamm bezeichnete, und begann nun mit allen möglichen Mittelchen, insbesondere Salben und Tränkchen, den Jungen zu „behandeln", sodaß die Wunde immer schlimmer wurde. Die schrecklichen Schmerzen des Knaben veranlaßten dann die Eltern, Dr. Kopp aus Frankfurt herbeizurufen, doch konnten sie sich auch jetzt noch nicht entschließen, die als Knochenerkrankung festgestellte Krankheit von ihm operieren zu lassen. Erst als es gar nicht mehr ging, wurde ein approbierter Heilkundiger herbeigezogen, der die Operation vornahm, während Egeling die Wunde weiterhin in der leichtfertigsten Weise behandelte, sodaß eine vollständige Vergiftung eintrat, die den raschen Tod des Jungen herbeiführte. Der Staatsanwalt beantragte 1 Jahr 6 Monate Gefängnis wegen Gemeingeführlich- keit und der Vorstrafe des Angeklagten, doch fetzte das Gericht die Strafe auf 10 Monate fest, da es annahm, Egeling sei bei der Erteilung seiner Ratschläge von der festen Ueberzeugung ausgegangen, daß seine Mittel helfen. In Anbetracht feiner Vorstrafen wurde er zu 10 Monaten Gefängnis verurteilt.
* Die ersten Münzen mit dem neuen Kaiserbilönis — es sind Kronen und Doppelkronen — sind jetzt im allgemeinen Verkehr ausgegeben worden. Während die alten Münzen nur den Kopf des Herrschers zeigen, ist auf den neuen Münzen ein Brustbild des Kaisers in Uniform wiedergegeben, das sehr gut getroffen ist. Der Kopf selbst ist naturgemäß kleiner als auf den alten Münzen. Demnächst werden auch Silbermünzen mit dem neuen Bilde ausgegeben werden.
Hersfeld, 22. Oktober. Der „Reichsanzeiger" veröffentlicht einen Erlaß des Königs, durch welchen den Kreisen Caffel (Land), Eschwege, Frankenberg, Fritzlar, H e r s f e l d, Hofgeismar, Homberg, Kirchhain, Marburg, Melsungen, Rotenburg, Witzenhausen, Wolfhagen und Ziegenhain das Recht verliehen wird, das Grundeigentum, das zu den Anlagen für die Fortleitung und Verteilung des zur Versorgung des eigenen Kreisgebietes aus den staatlichen Kraftwerken im oberen Quellgebiet der Weser bezogenen elektrischen Stromes in Anspruch zu nehmen ist, nötigenfalls im Wege der Enteignung zu erwerben oder, soweit es ausreicht, mit einer dauernden Beschränkung zu belasten.
Hersfeld, 22. Oktober. Zur Wetterlage wird von der Wetterdienststelle Weilburg unter dem gestrigen Tage geschrieben: Es scheint sich jetzt ein Witterungsumschlag vorzubereiten. Die auf dem Ozean westlich und nordwestlich von Europa ständig vorüberziehenden Tiefdruckwirbel kommen uns in den letzten Tagen immer näher. Wahrscheinlich werden ihre Randgebilde uns bald stärker beeinflussen, so daß wir jeM wohl einen allmählichen Uebergang zu länger anhaltender, regnerischer Witterung erwarten können.
):( Hersfeld, 22. Oktober. Aus Anlaß des G e - b u r t s t a g e s I h r e r M a j e st ä t d e r K a i s e r i n hatten die öffentlichen Gebäude geflaggt.
)•( Hersfeld, 22. Oktober. Am 1. Dezember d. Js. findet im Deutschen Reiche eine allgemeine Viehzählung statt, mit welcher für Preußen eine Obstbaumzählung verbunden ist.
H Hersfeld, 22. Oktober. Die diesjährigen Herbstkon trollv ersammlungen für die Stadt und den Kreij Hersfeld finden wie folg statt1 Zu Hersfeld I (Bewohner der Stadt Hersfeld) am Montag den 3. November, vormittags 9-/2 Uhr, für Hersfeld II (Bewohner der benachbarten Ortschaften) an demselben Tage vormittags 11 Uhr. Zu Friedlos am 4. November, vormittags 10 Uhr, ,u Oberg-,s am 4. November, nachmittags 3 Uhr, Su Heimbolds- gausen am 10. November, vormittags 9.15 Uhr, zu Heringen am 10. November vormittags 10 20 Uhr zu Friedewald am 11. November, vormittags 11 2 Uhr, zu Schenklengsfeld am 11. November, nachmittags
3 Uhr, zu Oberhaun am 15. November, vormittags 3/dO Uhr, zu Kirchheim am 17. November, mittags 12 Uhr, zu Niederaula am 17. November, nachmittags 3 Uhr. Die näheren Bestimmungen sowie die zu den einzelnen Kontrollorten gehörigen Gemeinden sind in dem morgen erscheinenden amtlichen Anzeiger enthalten.
Hammelburg (Rhön), 20. Oktober. Beim Aepfel- braten gerietenöieKleiöerdesMädchensdesOekonomen Kilian Marx in Diebach in Flammen. Die Bedauernswerte trug lebensgefährliche Verletzungen davon.
Hedemünden, 21. Oktober. Als gestern abend der frühere Reichstagsabgeordnete Karl Götz von Olen- Husen auf RittergutOleuhusen das Tor schließen wollte, mußte er einen Polen von einem benachbarten Gut auffordern, sein Grundstück zu verlassen. Diese Aufforderung erwiderte der Pole mitdrei Revolverschüssen, welche glücklicherweise fehl gingen. Der Landschasts- rat benachrichtigte sofort die Staatsanwaltschaft von dem Vorfall.
Hann.-Münden, 21. Oktober., Im vorigen Sommer stürzte bekanntlich während eines Ausflugs der Deutsch.-Hannoverschen Partei in Hann.-Münden die Landungsbrücke ein, wodurch viele der auf der Brücke stehenden Festteilnehmer, die mit einem Extradampfer abfahren wollten, ins Wasser fielen. Einer von ihnen, der Ingenieur M. aus Blankenburg, der durch seinen Fall ins Wasser einen schweren Nervenchok erlitt, verklagte die Stadt Münden auf Schadenersatz, weil der Zusammenbruch der der Stadt gehörenden Brücke auf einen Konstruktionsfehler und mangelhafte Unterhaltung durch die Stadt zurückzuführen fei. Das Landgericht Göttingen erklärte den Klageanspruch auch dem Grunde nach für gerechtfertigt. Gegen dieses Urteil hatte die Stadt Berufung eingelegt, die jedoch vom Oberlandesgericht Celle zurückgewiesen wurde. Hiermit ist der Prozeß definitiv erledigt. (Die Stadt ist allerdings gegen den Schaden versichert, so daß für sie kein Verlust entsteht.)
Göttingen, 20. Oktober. Von einem Unglücksfall wurde am Sonnabend der 8 Jahre alte Sohn des Landwirts Bertram im nahegelegenen Orte Bühren ereilt. Durch einen Fehlgriff bei der Drillmaschine geriet er mit der Hand in das Zahnradgetriebe, wobei ihm drei Finger abgequetscht wurden. Nachdem ein Arzt einen Notverband angelegt, wurde der Knabe sofort zur Klinik nach Göttingen überführt.
Frankfurt a. M., 20. Oktober. Der Tagelöhner Max Schremmel, der am 31. August an einem Sonntag abend in der Trunkenheit seine zank- und trunksüchtige Frau uach voraugegangenem Streit mit einem dolch- artigen Brieföffner erstochen hatte, wurde von den Geschworenen freigesprochen.
Frankfurt a. M., 21. Oktober. Montag abend gegen 11 Uhr geriet in Kalbach bei Bonames der Wohnwagen des Schirmflickers Fahnenflicker in Brand. Fahnenflicker und seine Frau befanden sich zur Zeit des Brandes in einer Wirtschaft. Die vier Kinder des Ehepaares erlitten so schwere Brandwunden, daß eins von ibnen bereits gestorben ist, während die drei anderen ebenfalls kaum mit dem Leben davon- kommen dürften.
Diez a. d. Lahn, 20. Oktober. In Hadamar wurden die bejahrten Eheleute Siebert infolge Kohlenoxydvergiftung bewußtlos aufgefunden. Die Frau kounte mittels eines Sauerstoffapparates wieder ins Bewußtsein zurückgerufen werden, bei dem Mann war der Tod schon eingetreten. Das Gas scheint durch den Ofen ins Zimmer gedrungen zu sein.
Coburg, 21. Oktober. In vergangener Nacht versuchten zwei junge Leute aus Sonneberg, die hier die Schule besuchen, durch das Fenster in das Zimmer einer Kellnerin in einem hiesigen Gasthause einzu- dringen. Dem einen von ihnen glückte das Unternehmen, der andere siel aus zwei Stockwerken Höhe herab und erlitt einen schweren Schädelbruch sowie eine Rückgratverletzung. Er wurde besinnungslos in höffnungslosem Zustande ins Krankenhaus eingeliefert.
Deifeld (Sauerland), 21. Oktober. Der zwölfjährige Sohn eines hiesigen Landwirtes fiel auf einem Gange in der Dunkelheit in den offenstehenden Brunnen, wo er erst am nächsten Morgen tot aufge- funden wurde.
Helbra, 19. Oktober. Am Donnerstag nachmittag stürzte die achtjährige Tochter des Bergmanns Karl Benkenstein durch die Bodenluke auf den Hof hinunter. Sie wurde sofort in das Eisleber Krankenhaus gebracht, wo sie jetzt ihren schweren Verletzungen erlag.
Wetteranssichten für Donnerstag den 23. Oktober.
Wolkig, meist trocken, keine Temperaturveränderung, südwestliche Winde.