Hersfelder Tageblatt
Amtlicher Anzeiger ^^^ für den Kreis Hersfeld
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Zernsprech-Nnschlutz Nr. 8
Nr. 136.
Dienstag, den 21. Oktober
1913.
Hus der Heimat.
Die Feier des Bölterlchlacht- gedenttages.
):( Hersfeld, 20. Oktober.
Während am Sonnabend morgen ein dichter Nebel alles grau einhüllte, brach im Laufe des Vormittags die goldene Sonne siegreich durch und übergoß mit ihren Strahlen die mit Fahnen geschmückten Häuser unserer Stadt. Ueberall waren fleißige Hände beschäftigt, um die letzten Vorbereitungen zu der am Abend stattfindenden Illumination zu treffen. In sämtlichen Schulen fanden im Laufe des Vormittags Feiern statt, in denen des großen Tages der Völkerschlacht von Leipzig gedacht wurde. Um die Mittagszeit kündete der eherne Mund der Glocken von der Bedeutung des Tages, an dem es gelang, das drückende Joch Napoleons abzuschütteln. Nie wieder in den vergangenen 100 Jahren ist es einem Feinde gelungen, deutschen Boden zu betreten. Am Nachmittag versammelten sich die Schulen auf dem Spielplatz am Kurpark zu einem fröhlichen Spielfest.
Zu einer gewaltigen Kundgebung des patriotischen Geistes unserer Bevölkerung gestaltete sich der
Fackelzug,
der Punkt 6 Uhr sich durch die im Lichterglanz erstrahlenden Straßen bewegte. Noch nie hat wohl Hersfeld einen solchen imposanten Zug gesehen, an dem einmütig alle Kreise der Stadt teilnahmen. Begeistert schwang sowohl die Jugend wie auch manch graues Haupt die Fackel. Unvergeßlich wird diese Veranstaltung allen Teilnehmern bleiben, unvergeßlich der Anblick all den zahlreichen Zuschauern, die die Straßen dicht besetzt hielten. Die staatlichen und städtischen Behörden, das Offizierkorps der Kriegsschule und des Bezirkskommandos, die gesamte Kriegsschule und das sonstige hiesige Militär, Schulen, Vereine und die Feuerwehr hatten sich zu diesem Zuge vereinigt, der in seiner Länge mehrere Straßen- züge ausfüllte. Feierlich klang das Geläute der Glocken, während des Zuges vom Turm unserer Stadtkirche. Als der Zug in der Stiftsruine anlangte, da drängte die Menge in unzähligen Scharen nach, doch konnten nicht alle in dem großen Raume der Ruine Platz finden, wo noch eine erhebende Feier stattfand. Ergreifend klangen in dem altehrwürdigen Raume die von den hiesigen vereinigten Männerchören vorgetragenen Lieder. In packenden Worten wies der Vorsitzende des Kriegervereins, Herr Hauptmann d. L. A u e l, auf den Tag von Leipzig hin und endete mit einem begeistert aufgenommenen Hoch auf das deutsche Vaterland.
Einen prächtigen Anblick bot öre tm Buntfeuer erstrahlende Stiftsruine und bildete hier gleichsam den Abschluß der
großartigen Illumination
unserer Stadt. Alle öffentlichen und Privatgebäude, besonders in den Straßen, die der Zug passierte, waren in ein glänzendes buntes Lichtermeer getaucht. Jeder hatte sich nach besten Kräften bemüht, ine Illumination so glanzvoll wie nur möglich zu gestalten und es würde zu weit führen, die besonders wirkungsvollen Bilder hier zu schildern. Der Eindruck der Straßen wirkte überwältigend tn ferner Lrchterfulle. i Auf den höher gelegenen Punkten der Umgebung loderten Freudenfeuer auf, die von den Krreger- vereinen der betreffenden Ortschaften angezundet rocrtett.
Punkt i/29 Uhr begann dann in der bis auf den letzten Platz gefüllten Turnhalle der
Festkommers,
an dem alle Schichten der Bevölkerung teilnahmen. Herr Bürgermeister Strauß hieß dre Erschrenenen im Namen der Stadt willkommen. Er dankte zunächst der Bürgerschaft, den Behörden, Beremen, Schulen und Sängern für die Mitwirkung bei der Feier des Tages, und warf dann einen Rückblick aus die Geschichte von Deutschlands Niederlage und Erhebung. Mit einem Kaiserhoch, das begeisterten Wiederhall fand, schloß die Ansprache. Hierauf folgte die Aufführung des historischen Volksstückes
„Heldentreue"
oder „Der Spion von Möckern", das ausgezeichnet gespielt wurde und reichen Beifall erntete. Die Mitwirkenden, größtenteils schon von der Theodor Körner- Aufführung her bewährte Kräfte, zeigten auch diesmal wieder, daß sie mit Liebe und Begeisterung sich in den Dienst der guten Sache stellten. Das Stück behandelt das Schicksal eines preußischen Soldaten, der bei einer verwegenen Erkundigung als Spion verfolgt wird und sich in das Vaterhaus rettet. Um ihn vor den das Haus durchsuchenden Feinden zu retten,
legt der Geselle die Uniform des Sohnes seines Meisters an und gibt sich für den Gesuchten aus. Dieser soll nun füsiliert werden, aber im letzten Augenblicke erfährt dies der Sohn und wirft sich zwischen den Retter und seine Henker. Jetzt sollen nun beide erschossen werden. Als gerade das Kommando zum Feuern ertönen soll, sind die inzwischen herangestürmten Preußen erschienen und befreien beide. Der opfermutige Geselle erhält als Lohn die Hand der Meisterstochter.
Gemeinschaftlich gesungene Lieder und Musik- vörträge der Otterschen Kapelle bildeten einen weiteren Teil des Programms. Nach Erledigung des offiziellen Teiles fand ein allgemeiner fröhlicher Kommers statt, dessen Leitung in den schon oft bewährten Händen des Herrn Magistratsaffeffors Dr. S ch e f f e r ruhte, der den gemütlichen Teil mit einem kräftigen „Bruder Lolls" einleitete. Noch manch vergnügte Stunde folgte und es war bereits recht früh, als sich auch die Seßhaftesten zur Heimkehr entschlossen.
Den gestrigen Sonntag läuteten früh um 6 Uhr die Glocken feierlichst ein. Um 8 Uhr klangen Choräle vom Turme unserer Stadtkirche über die stille Stadt. In der evangelischen uttd katholischen Kirche fanden Festgottesdienste statt, an denen die gesamte Garnison, die Behörden und die Bevölkerung teilnahmen.
Infolge des hier gerade stattfindenden Lullusfestes war von weiteren Veranstaltungen abgesehen worden.
* (D i e Einjährigenbei der Fußartillerie.) Eine wesentliche Neuerung ist mit dem 1. Oktober im Dienste der Einjährig-Freiwilligen bei der Fußartillerie eingetreten. Bisher ward gerade diese Truppengattung von den Einjährigen besonders bevorzugt, da sie als Artilleriewaffe in hohem Grade interessant war und gleichzeitig auch der Dienst bei ihr für den Einjährigen nicht höhere Kosten wie der Dienst bei der Infanterie verursachte, denn der Einjährige bei der Fußartillerie galt bisher lediglich als Fußsoldat. Jetzt ist hierin jedoch eine einschneidende Aenderung vorgenommen worden. Jeder bei der Fußartillerie dienende Einjährige muß sich nämlich zukünftig auf eigene Kosten beritten machen.
* (Deutsche Turnerschaft.) Vom 1. April bis zum 1. Juni d. J. sind der Deutschen Turnerschaft 198 neue Vereine beigetreten. Den größten Zuwachs hat der Mittelrheinkreis mit 28 zu verzeichnen. Ein- gegangen oder ausgetreten sind in demselben Zeitraum nur 14 Vereine, so daß das zweite Vierteljahr der Deutschen Turnerschaft eine Zunahme von 184 neuen Vereinen gebracht hat. Unter ihnen befinden stch mehrere Frauenturnvereine, Turnabteilungen von Jugendvereinen, der Unteroffizier-Turnverein des 1. Geschwaders in Wilhelrüshaven, der Turnverein der höheren Maschinenbauschule in Posen, ein Real- gymnasialturnverein, ein Taubstummenturnverein und mehrere Spielvereine. Die Zahl der Vereine, die schon im 1. Vierteljahr das 11. Tausend überschritten hatte, ist nunmehr schon stark in das 12. Tausend hineingewachsen.
):( Hersfeld, 20. Oktober. Der gestrige Lullus - s o n n t a g brächte bei schönstem Herbstwetter einen außerordentlich starken Verkehr. In Scharen traten die Bewohner der Umgegend sowohl zu Fußwie mit den Bahnen hier ein. Auf dem Marktplatze herrschte ein Leben und Treiben, daß kaum durchzukommen war, sodaß der gestrige Tag für die Budenbesitzer wohl noch eine recht hübsche Einnahme gebracht haben dürfte. Heute geht nun das Lullusfest zu Ende und alles kehrt in seine gewohnten Bahnen zurück. Das Fest war meist von schönem Wetter begünstigt und verlief ohne Störung.
):( Hersfeld, 20. Oktober. Am Mittwoch den 29. Oktober, nachmittags 2 Uhr, findet im Saale des Hotel zum SterndieHauptvereins-Versamm- lung des Hersfelder Landwirtschaftlich e n K r e i s v e r e i n s statt. Aus der reichhaltigen Taaesordnung ist besonders ein Vortrag über die Anwendung der Elektrizität im landwirtschaftlichen Betriebe hervorzuheben. Da der Kreis Hersfeld voraussichtlich im nächsten Jahre ebenfalls an eine Ueberlandzentrale angeschloffen wird, so durste inefer Vortraa das Interesse aller Landwirte unseres Kreises erregen. Lichtbilder werden die praktische Anwendung der Elektrizität im Landwirtschaftlichen Betriebe vor Augen führen, sodaß jedermann ein genaues Bild der Vorteile, die der Landwirtschaft durch die Elektrizität erwachsen, bekommt. Möge daher niemand versäumen, dieser Versammlung beizu- wohnen, zumal der Vorstand des Landwirtschaftlichen Kreisvereins keine Mühe gescheut hat, seinen Mi - gliedern auch hierin wieder hilfreich zur Hand zu gehen.
- h- Meuashausen, 19. Oktober. Der hundertjährige Gedenktag der Völkerschlacht bei Leipzig wurde auch
in unserer Gemeinde in recht würdiger Weise gefeiert. Auf einem Hügel, der sogenannten Schweden- schanze, wurde ein Feuer angezündetz das man besonders im Fuldatal weithin sehen konnte. Die Schulkinder, Feuerwehrleute und fast alle Ortsbewohner hatten sich abends gegen 7 Uhr auf der genannten Anhöhe versammelt. Sobald die Flammen emporstiegen, erscholl das Lied: Nun danket alle Gott! Hierauf sprach Kantor Horn einige Worte, in denen er darauf hinwies, daß dies Feuer uns an die großen Taten erinnern solle, die unsere Väter vor 100 Jahren mit Gottes Hilfe vollbracht hätten. Groß wären die Errungenschaften. Wir hätten unser Deutschland wieder bekommen, Hessen wäre befreit worden und alle Stände hätten Freiheiten erhalten. Daran schloß sich die Bitte: Gott möge die Gesinnungen und Begeisterung, die unsere Väter gezeigt hätten, in unserem deutschen Volke erhalten, damit alle Stände treu zu Kaiser und Reich hielten. Dann würde das Wort seine Geltung behalten: Deutschland, Deutschland über alles, über alles in der Welt! Nachdem noch ein Hoch auf Se. Majestät ausgebracht, das Kaiserlied gesungen und Salven abgegeben worden waren, bewegte sich der Zug, der durch die vielen Lampions ein schönes Bild bot, den Hügel herunter. Es wurde dann noch ein Zug durch das Dorf gemacht und zum Schluß vor der Schule noch das Lied gesungen: „Ein feste Burg ist unser Gott." Erhebend war wohl die Feier in allen Orten Deutschlands. Möchten auch alle Bürger dieses großen mächtigen Reiches in späteren Zeiten ihren Vätern gleichen und zu ähnlichen Opfern, wie diese vor 100 Jahren gebracht, bereit sein.
- e- Heenes, 20. Oktober. Ein Gedenkstein hat sich Herr Hegemeister Buge hierselbst in unserer Schule gesetzt, denn derselbe übergab dem bei den Kindern so schnell beliebten Lehrer H o f m a n n zur Erinnerung am 18. Oktober drei Kaiserbilder in schön geschnitztem Nußbaum-Rahmen, welche dann sofort von Herrn Lehrer Hofmann in der Schulstube ihren geeigneten Platz bekamen. — Auch hat hier die Kirmes begonnen und hat dieselbe den schönsten Ver- laufgenommen, obwohl viele fremde junge Leute, um das Tanzbein zu schwingen, nach hier kamen.
- m- Breitenbach am Herzberg, 19. Oktober. Eine stimmungsvolle Erinnerungsfeier an die Völkerschlacht bei Leipzig 1813 fand gestern abend durch den Krieger-, Turn- und Gesangverein hier statt. Um 1/27 Uhr bewegte sich ein Fackelzug, an dem auch die Schuljugend teilnahm, unter Musikklängen der hiesigen Kapelle durch das Dorf, um sich sodann auf eine beim Dorf befindliche Anhöhe zu begeben, wo ein von den Kindern aufgeschichteter Holzstoß entzündet wurde. Nach dem Singen einiger Lieder durch die Schulkinder und des Gesangvereins und Abschießen einer Salve durch den Kriegerverein hielt Herr Lehrer Zimmermann eine kernige Ansprache, worin er in kurzen Zügen die geschichtlichen Begebenheiten der Völkerschlacht schilderte. Nach einem begeistert aufgenommenen Hoch auf den Kaiser und dem Singen von „Heil dir im Siegerkranz und Deutschland, Deutschland über alles" begaben sich die Teilnehmer des Zuges ins Dorf zurück, um sodann in der Schaake'schen Wirtschaft in geselligem Beisammensein den Abend zu verbringen.
Birstein, 16. Oktober. Zwei hiesige Knaben spielten mit einem Flobert-Gewehr, wobei der eine auf den anderen zielte, weil er nicht wußte, daß fein älterer Bruder kurz vorher das Gewehr mit Schrot geladen hatte. So bekam der Kamerad die Schrot- ladung ins Gesicht. Nachdem ein Notverband angelegt worden war, wurde der Verunglückte ins Krankenhaus gebracht.
Göttingen, 17. Oktober. Der Göttinger Student der Mathematik und Physik H. stürzte am Dienstag auf einer Radtour im Harz von der, Plessenburg nach Jlenburg in einer scharfen Kurve so unglücklich, daß er einen Schädelbruch erlitt, der seinen sofortigen Tod herbeiführte.
Frankfurt a. M., 20. Oktober. Die Voruntersuchung gegen den Giftmörder Artisten Hops, der seit dem April d. Js. wegen sechsfachen Giftmordes in Untersuchungshaft gehalten wird, wurde nunmehr, den B. T. zufolge jetzt abgeschlossen. Die Untersuchung der sechs ausgegrabenen Leichen habe ergeben, daß alle stark arsenikgehaltig sind.
planten
Luise" haben wegen
Frankfurt a. M., 19. Oktober. Die für heute ge- ' tten Aufstiege des Zeppelinluftschiffes „Viktoria e" haben wegen des den ganzen Tag anhaltenden starken Nebels nicht stattfinöen können. Als ein erfreuliches Zeichen des Vertrauens, das das Publikum zur Sicherheit der Zeppelinluftschiffe hat, ist, daß trotz des Unglückes in Johannisthal keine der etwa 60 betragenden Anmeldungen zu den heutigen Aufstiegen zurückgezogen worden ist.