Hersfelder Tageblatt
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Nr. 135. Sonntag, den 19. Oktober 1913.
Das Leipziger Völkerschlacht-Denkmal.
Zum 18. Oktober 1913.
Ms hatte den Anschein gehabt, als wenn Deutschland aufs neue das Schicksal des dreißigjährigen Krieges erleben müßte. So vernichtet lag es vor den Füßen des Korsen. Da fand dessen größtes Heer, dem Deutschlands Söhne widerwillig Gefolgschaft leisten mußten, seinen Untergang in Eis und Schnee. Und kaum war der Alp von Deutschlands Brust genommen, so erhob es sich, um das Joch des Auslandes abzuschütteln. Sieg folgte auf Sieg, und Leipzig entschied Deutschlands Befreiung. Von hier an war Napoleons Spiel hoffnungslos verloren. Preußen * Deutschland, Oesterreich, Rußland und Schwedens tapferes Heer kämpften gemeinsam und rangen den mächtigen Gegner nieder.
Was die Väter bei Leipzig begannen, was Belle -Alliance fortsetzte, fand feine Vollendung bei Sedan. Darum feiern wir Leipzig nicht nur als Jubeltag des Sieges über den Korsen, sondem als Grundlegung der Einheit des Vaterlandes, die 1870 sich vollendete.
Schon Ernst Moritz Arndt drang darauf an der durch das Blut der Vaterlandsbefreier geheiligten Stätte eine Turminsel zu errichten. Aber erst fünfzig Jahre später begann man diesen Gedanken zu verwirk- lichm. 214 deutsche Städte legten am 19. Oktober 1863 den Grundstein zu einem Nationaldenkmal. Aber dann geriet der Gedanke in Vergessenheit. Die eingemauerten Urkunden des Grundsteins moberten in der Erde.
Da trat am 26. April 1894 der von dem Architekten Clemens Thieme in Leipzig gegründete Deutsche Patriotenbund auf den Plan. Er wandte sich an alle Kreise des deutschen Volkes. Als einer der ersten sandte der Kaiser dem deutschen Patriotenbunde 10000 Mark. Leipzig gab 70000 Mark und den Bauplatz. Die übrigen deutschen Städte spendeten zusammen 50000 Mark und die Landgemeinden 20000. Eine Pfennigssammlung unter den Schulkindern in Sachsen, Braunschweig und Anhalt ergab 25500 Mk., Büchsensammlungen und
Volksspenden 100000, Mitgliederbeiträge 300000. Femer stifteten 800 Städte, Landgemeinden, Einzelpersonen und Vereine je 100 Mk. Sie erwarben damit das Anrecht, daß ihr Name im Innern des Denkmals auf unvergäm- lichem Material der Nachwelt überliefert wird. Geldlotterien haben weitere Summen herbeigeschafft.
Die Kosten des Denkmals betragen alles in allem etwa 5V2 bis 6 Millionen Mark, wovon rund 3,2 Millionen für Bauarbeiten verbraucht worden find.
Der erste Spatenstich zum Denkmal erfolgte am 18. Oktober 1898. Die Feier der Grundsteinlegnng zwei Jahre später. Der Schlußstein wurde gelegt in feierlicher Form am 13. Mai 1913. Nun wird, wieder am 18. Oktober, die Einweihung des Völkerschlachtdenkmals erfolgen. Der Kaiser und die deutschen Bundesfürsten geben dem Festakt die Weihe. Oesterreichs Thronfolger, der Großfürst Kyrill als Vertreter des Zaren, die heutigen Träger der großen Namen aus der Völkerschlacht — ein Pork, ein Blücher, ein Bülow von Dennewitz, Fürst Schwarzenberg, ein Radetzky Bianchi, Folliot de Crenne- ville, Nostiz-Rieneck und Hardegg — vereinen sich, um
in ihren Personen die Vergangenheit wieder lebendig werden zu lassen. Dazu kommen Vertreter des österreichischen Heeres, die Kommandanten der Regimenter, die vor hundert Jahren vor Leipzig mitkämpften. Die deutschen General- feldmarschälle und kommandierenden Generale, die Generalinspekteure, der Ehef des Generalstabes und der deutsche Kriegsminister repräsentieren das heutige deutsche Heer. Russische und schwedische hohe Würdenträger der dorti.ei Heere mit dem Kronprinzen von Schweden vervollständigen
den erlauchten Kreis der Festteilnehmer. Außerdem bietet der Festplatz Raum für 60000 Personen, die Tribünen für weitere 4000. Hier werden die Vereine und Einzelpersonen Platz sinden, um dem Festakt der feierlichen Denkmalsweihe beizuwohnen.
Das Denkmal selber ist ein mächtiger pyramiden- artiger Turmkuppelbau, der zu der Höhe von 80 Meter em- porragt. Bruno Schmitz, der bewährte Denkmalsarchitekt, ist sein Schöpfer. Markig und trotzig steht der Turm im Süden der Stadt Leipzig da. Er erhebt sich auf der Stelle, von wo aus Napoleon am 18. Oktober die Schlacht leitete und dann den Befehl zum Rückzug gab, in der Nähe des Napoleonsteines.
Nach der Idee von Clemens Thieme sollen drei Gedanken symbolisch in dem Bau zum Ausdruck kommen. Es soll sein: ein Ehrendenkmal für die gefallenen Helden, ein Ruhmesmal für das deutsche Volk und ein Mahn- zeichen für kommende Geschlechter. So gliedert sich der Bau in eine Krypta, die dem Andenken der Toten geweiht ist, in eine 60 Meter hohe Kuppel, die Ruhmeshalle, und in einen Oberbau, dessen bildlicher Schmuck die Leben
den mahnt, den Toten nachzueisem und ihre Tugenden zu pflegen.
In der Krypta halten zwei leidtragende Krieger die Totenwacht. Acht Pfeiler, die in Schicksalsmasken endi- gen, geben ihr Gestalt und ernste, düstere Würde. Dorthin steigt man über die Freitreppe empor, um weihevolle Stimmung in sich aufzunehmen. Darüber wölbt sich eine 60 Meter hohe Kuppel, die eigentliche Denkmalshalle, in deren vier Ecken vier große Figuren aufgestellt sind, die sitzend 9,5 Meter hoch sind. Sie verkörpern die Tugenden: Opferwilligkeit, Tapferkeit, Glaubensstärke und Volksbewußtsein. Skulpturen und Malerei vereinigen sich hier zu stimmungsvoller Gesamtwirkung. Die Modelle zu sämtlichen Figuren stammen von dem Bildhauer Professor Metzner in Berlin, die Ausführung in Stein vom Bildhauer Cöllen in Leipzig. Der Oberbau zeigt an der Außenseite zwölf Kriegergestalten, von denen jede 12 Meter hoch ist. Sie sollen Deutschlands Mahner sein, das Erkämpfte festzuhalten und zu bewahren. Im Inneren ist der obere Teil der Kuppel mit 324 Reiterreliefs geschmückt, und Glasmosaiken auf Goldgrund verkünden die Ruhmestaten der Väter. Galerien in 60 und 80 Meter Höhe gewähren Fernblicke weit über Leipzigs Gefilde hinaus ins deutsche Vaterland.
Vome aber, vor der nach oben führenden Freitreppe, zieht sich ein ungeheures Reliefbild hin, das 18 Meter hoch und 60 Meter breit ist, eine symbolische Darstellung der Leipziger Völkerschlacht. Die Idee dazu stammt von Bruno Schmitz, die plastische Ausführung von demdahingegangenenBres- lauer Bildhauer Professor Behrens. Zehn Bildhauer haben drei Jahre lang daran gearbeitet. Die mittlere Figur, der Erzengel Michael, hat die Höhe eines dreistöckigen Hauses und überragt das Ganze, sein Schild ist 5 Meter hoch und 2 Meter breit. Auf seinen beiden Seiten jagen Turner über das Schlachtfeld, deren gespreizte Arme etwa 8 Meter Länge haben. Bei der Inschrift „Gott mit uns" war zu jedem Buchstaben
ein Granitblock von 100 Zentnem notwendig.
Erwähnt sei noch, daß in der oberen Kuppel ein Museum der Völkerschlacht eingerichtet werden wird. Die Glasfenster für den Kuppelraum, die diesem würdig angepaßt sind, entstammen der Werkstätte von Gottfried Heitersdorff in Berlin, dem als Künstler der Maler August Unger zur Seite gestanden hat.
Vor der Hauptfront des Denkmals ist ein See ausgegraben worden, in dessen Wasser sich der Riesenbau spiegelt. Von Bäumen beschattete Dämme scheiden diesen landschaftlichen Vorraum von dem Getriebe der Welt ab und geben ihm feierliche Weihe.
So wird das Denkmal, dem gegenüber selbst das Kyffhäuserdenkmal ein Zwerg ist, fernen Geschlechtern künden, wie Deuffchland seine Helden ehrt und ihr Andenken hochhält.
Wenn aber die Stunde des Festes da ist, dann werden 37755 deutsche Tumer aus allen Gauen des Vaterlandes dort eintreffen, um Zeugnis abzulegep von der allgemeinen Teilnahme des Volkes.