Hersfelder Tageblatt
Amtlicher Anzeiger ^A^ für den Kreis Hersfeld
Sersjelher Kreisblatt
Bezugspreis vierteljährlich für Hersfeld 1.50 Mark, durch die Post bezogen 1P0 Mark. Druck und Verlag von Ludwig Funks Buchdruckerei Hersfeld. Für die Redaktion verantwortlich Franz Funk in Hersfeld.
Der Anzeigenpreis beträgt für die einspaltige Zeile 10 Pfennig, im amtlichen Teile 20 Pfennig, Reklamen die Zeile 25 Pfg. Bei Wiederholungen wird Rabatt gewährt. Erfcheint jeden Werktag nachmittags.
Gratisbeilagen: „Illustriertes Sonntagsblatt" und „Illustrierte Landwirtschaftliche Beilage" Zernsprech-Knschlutz Nr. 8
Nr. 130. Dienstag, den 14. Oktober 1913.
Bus der Heimat.
):( Hersfeld, 13. Oktober.
„Bruder Solls"
ertönt es jetzt wieder in allen Straßen unserer alten Lullusstadt. Nach altem Brauche wurde heute mittag 12 Uhr auf dem Marktplatz das historische Lullus- feuerchen in Gegenwart einer großen Menschenmenge angezündet. Und als die Flammen gen Himmel züngelten, da erscholl aus Hunderten von Kehlen ein kräftiges „Bruder Lolls". Tagelang wird nun dieser Ruf das Straßenbild beherrschen und manchem wird ein nicht gerade willkommener Ohrenschmaus bereitet. Aber es ist alte Ueberlieferung und Hersfelds höchstes Fest, das „Lullusfest", hat seinen Anfang genommen. Wohl denen, die so treu an dem Althergebrachten hängen. Wer es von auswärts weilenden Hersfeldern irgendwie ermöglichen kann, der eilt zum Lollsfest nach seiner lieben Vaterstadt, um daselbst wieder einige fröhliche Stunden zu verleben und in frohen Jugenderinnerungen zu schwelgen. Alt und jung, groß und klein verschmäht es in diesen Tagen nicht, seinem Herzen in einem fröhlichen „Bruder Lolls"- Rufe Luft zu machen. Oft wird man ganze Trupps sehen, die nach einem mit „Enner, zwoon, drei" genommenen Anlauf begeistert mit voller Lungenkraft ihr „Bruder Lolls" herausschmettern. Das drückt dem Feste den Stempel der Eigentümlichkeit auf, und mancher Fremde, der das noch nicht mitgemacht hat, wird anfangs erstaunt den Kopf schütteln, um aber bereits nach noch nicht langer Zeit ebenfalls begeistert mitzurufen. In diesem Jahre erhält die Lulluswoche durch die anläßlich der Erinnerungsfeier der Schlacht bei Leipzig veranstalteten Feierlichkeiten ein besonders festliches Gepräge, und wenn am nächsten Sonnabend abend sich ein imposanter Fackelzug durch die mit taufenden von Lichtern illuminierten Straßen bewegen wird, so wird das diesjährige Lullusfest allen Hersfeldern ganz besonders in Erinnerung bleiben. Hoffen wir, daß das Wetter der Festwoche recht günstig wird, damit auf dem Marktplatz, auf dem wieder ringsum die zahlreichen Schau- und Spielbuden aufgestellt sind, und die verschiedensten Genüsse locken, ein echtes rechtes Volksfesttreiben sich entwickeln kann. Das Ideal jedes echten Hersfelöers ist es, in der Lulluswoche möglichst viel zu feiern und möglichst wenig zu arbeiten, wie auch am „Lolls"-Sonntag ein feistes Gänslein in der Pfanne zu haben. In diesem Sinne ein kräftiges
„Bruder Lolls".
* (Schonende Behandlung der Pakete mit O bst usw.) Das neueste Amtsblatt des Reichspostamtes enthält eine Verfügung, wonach Pakete mit lebenden Tieren, Obst, Eiern, Zigarren usw. sorgsam behandelt werden müssen, damit ihr Inhalt nicht beschädigt wird. Die schonende Behandlung derartiger Pakete wird den Postanstalten von neuem dringend zur Pflicht gemacht. Es ist darüber zu wachen, daß die Pakete nicht geworfen, sondern von Hand zu Hand gegeben und stets so verladen und gelagert werden, daß sie nicht zur Erde fallen können und keinem Druck ausgesetzt sind.
):( Hersfeld, 13. Oktober. Anläßlich des am nächsten Mittwoch hier stattfindenden Lullus - marktes hat die Verwaltung der Hersfelder Kreisbahn in dankenswerter Weise die Einlegung von zwei Extrazügen beschlossen. Der eine derselben wird vormittags um 9.38 hier ankommen, während der andere nachmittags um 5.15 Uhr von hier abgeht. Hierdurch ist wohl in jeder Weise den Wünschen unserer hiesigen Geschäftswelt Rechnung getragen, daß die Bewohner des Landeckeramts bequem nach und von Hersfeld kommen können. Denn gerade der Lullusmarkt bringt wie kein anderer Markt einen außerordentlich regen Verkehr hierher. Der Fahrplan der beiden Extrazüge ist wie folgt:
Schenklengsfeld ab 9.00
Schenksolz „ 9.10
Malkomes „ 9.14
Sorga „ 9.26
Hersfeld an 9.38
Hersfeld ab 5.15
Sorga „ 5.26
Malkomes „ 5.37 Schenksolz „ 5.42 Schenklengsfeld an 5.50 Schenklengsfeld ab 6.00 Wehrshaufen „ 6.13 Ransbach „ 6.19 Heimboldshausen an 6.34
§ Hersfeld, 13. Oktober. Am Sonnabend hatte sich der Karusselbesitzer Alexander E r d m a n n aus Hersfeld wegen wissentlichen Meineids vor dem Schwurgericht in Cassel zu verantworten. Der Angeklagte wird beschuldigt, am 15. November 1910 vor dem Amtsgericht in Hersfeld in einer Zivilprozeßsache wegen einer Forderung wissentlich seine Aussage falsch beschworen zu haben. Der Sachverhalt ist
kurz folgender: Im Herbst 1909 hatte ein Wagnermeister S. in Felsberg bei einer Würzburger Wein- aroßhandlung mehrere Flaschen Liköre und Wein im )esamtbetrage von 30,70 Mk. bestellt. Als die bestellten Waren auf dem Bahnhof in Felsberg ankamen und sie dem Besteller avisiert wurden, verweigerte der Wagnermeister die Annahme. Die Aviskarte blieb nun in einer Wirtschaft auf dem Tische liegen, wo sie sich der Angeklagte aneignete und feinem Angestellten, dem heute als Zeugen erschienenen Handlungsgehilfen Pf. zum Zwecke der Abholung der Bahnsendung übergab. Gleichzeitig behändigte der Angeklagte ihm 3,15 Mk. zur Begleichung der entstandenen Bahnspesen und beauftragte ihn mit der Unterzeichnung der Empfangsbescheinigung. Da aber der Bahnbeamte die Quittung mit der Unterschrift des Angeklagten zurückwies und dem jungen Mann bedeutete, daß der wirkliche Empfänger, nämlich der Wagnermeister S., unterzeichnen müßte, versah der Zeuge die Bescheinigung mit der Unterschrift des S. und strich gleichzeitig den Namen E. wieder durch. Der Zeuge bekam nunmehr auch die Weinsendung, er nahm sie mit nach dem Angeklagten, wo die Weine getrunken wurden. In dem nun folgenden Zivilprozeß der Weingroßhandlung gegen den Wagnermeister S. wurde der Angeklagte als Zeuge vernommen und hierbei leistete er den Meineid. Der Angeklagte bestritt das ihm zur Last gelegte Verbrechen, durch die Zeugenaussagen wird er jedoch überführt. Die Schuldfragen, die darauf formuliert wurden, lauteten auf wissentlichen Meineid und fahrlässigen Falscheid. Die Geschworenen bejahten nach den Plädoyers des Staatsanwalts und Verteidigers die erste Schuldfrage, worauf der Angeklagte zu 1 Jahr 3 Monaten Zuchthaus, und 3 Jahren Ehrverlust verurteilt wurde. Ferner wird ihm für dauernd die Fähigkeit aberkannt, jemals wieder als Zeuge oder Sachverständiger vernommen zu werden. Wegen der Höhe der erkannten Strafe wurde der Angeklagte, der sich bis heute auf freiem Fuße befand, in Haft genommen.
):( Hersfeld, 13. Oktober. Am gestrigen Sonntag herrschte hier ein überaus lebhafter Automobilbetrieb. Vom Gau 3b. des Allgemeinen Deutschen Automobilklubs war eine Sternfahrt veranstaltet worden, deren Ziel unsere Stadt war. Die zahlreichen Autos, die vom vormittag ab hier eintrafen, mußten am Hotel Deutsches Haus, wo die Kontrollstation errichtet war, halten. Die Fahrt mußte sich über eine Strecke von 200 Kilometer erstrecken, wobei die besten Resultate durch Preise ausgezeichnet wurden. — Von einem Unfall, der zum Glück noch verhältnismäßig gut ablief, wurde eins der Automobile, welches an der Sternfahrt teilgenommen hatte, kurz vor Bebra betroffen. Infolge der nassen Straße kam der Wagen ins Rutschen und wurde gegen den Bürgersteig geschleudert. Hierbei gingen zwei Räder sowie eine Achse in Brüche. Von den Insassen wurde niemand verletzt.
Hersfeld, 13. Oktober. Zur Wette rlage wird von der Weilburger Wetterdienststelle geschrieben: Der Tiefdruckwirbel, der uns den Regen der letzten Tage brächte, ist nach Rußland abgezogen. Auf seiner Rückseite scheint sich von Norden her ein Hochdruckgebiet vorzuschieben, so daß ein neuer, auf dem Ozeaü liegender Wirbel wohl nicht heranziehen wird. Im Bereiche jenes Hochdruckgebietes wäre dann jetzt eineZeit trockeneren, wenn auch meistn 0 ch wolkigen Wetters bei kalten nördlichen Winden zu erwarten, die uns in den nächsten Tagen an offenen Orten die ersten Nachtfröste bringen kann. Das Kennzeichen für das Eintreffen dieser Annahme ist das langsame Weitersteigen des Barometers.
):( Hersfeld, 13. Oktober. Anläßlich der Bannerweihe des Radfahrervereins „Adler 1908" in E s ch w e g e fand daselbst eine K 0 r s 0 w e t t f a h r t statt. Dem hiesigen R a d f a h r e r v e r e i n 18 8 6 gelang es bei außerordentlich starker Konkurrenz hierbei den dritten Preis, ein prächtiges Bild zu er=
gen 11 0 aus
langen.
):( Hersfeld. 13. Oktober. Ein junger Mann, welcher zum Militär jetzt einrücken sollte, wurde heute morgen verhaftet und dem hiesigen Amtsgericht zugeführt, weil er noch mehrere Haftstrafen zu verbüßen hat.
):( Hersfeld, 13. Oktober. Gestern abend gegen 11 Uhr entstanden zwischen mehreren hiesigen und auswärtigen jungen Leuten, welche zum Militär eingezogen sind, in der Meisebacher Straße Streitigkeiten. Hierbei gab einer der jungen Leute mit einem Revolver einen Schuß auf seinen Gegner ab, glücklicherweise ohne zu treffen.
Lauterbach, 11. Oktober. Ein Schmiedegeselle in Maar erhielt die Nachricht, daß er Erbe von drei Millionen Mark geworden sei, die ihm ein reicher Verwandter aus Holland, der ohne Erben gestorben
war, vermacht habe. Auch noch fünfzig Anverwandte des Mannes waren mit Erbschaften bedacht. Im Ort begegnete die Aufsehen erregende Erbschaftsgeschichte überall Zweifeln, sie soll aber der Wahrheit entsprechen.
Alsfeld, 11. Oktober. Der Maurer und Landwirt Ludwig Damm in Reiskirchen stürzte beim Obst- pflücken infolge eines Astbruches aus sieben Meter Höhe zur Erde. Dabei erlitt er schwere innere Verletzungen, sodaß er in die Klinik zu Gießen über- sührt werden mußte.
Marburg, 10. Oktober. Gestern fand der Forstlehrling Th. Lampe im Forstbezirk Marburg-Nord einen Menschenschädel mit blonden Haaren. Heute begaben sich nun einige Forstbeamte zu der Fundstelle, um mit Hunden im nahen Dickicht nach weiteren Körperteilen zu suchen. Hier fanden sie denn auch noch Reste des Körpers, sowie eine Weste mit silberner Uhr und Talmikette. (Die Uhr zeigte auf Vell), verschiedene Kleidungsstücke und ein Päckchen Briefe. Es dürfte sich um einen Selbstmörder handeln.
Wächtersbach, 10. Oktober. Verunglückt ist in der benachbarten „Kinzigmühle" das 2^2jährige Kind des Sägewerksbesitzers F. K. Das Kind hatte sich in einem unbewachten Augenblick in der Nähe der Transmissionswelle zu schaffen gemacht, wurde von derselben erfaßt und mehrmals so heftig herumgeschleudert, daß der Tod sofort eintrat.
Bad Orb, 11. Oktober. Vorn Reichsmilitärfiskus ist das Angebot der Stadt: Abtretung eines Teiles des prächtigen Stadtwaldes für Gewinnung eines Truppen-Uebungsplatzes für das 18. Armeekorps gegen Zahlung einer Summe von 2 580 000 Mk. angenommen worden.
Hanau, 10. Oktober. Ein schreckliches Unglück ereignete sich heute vormittag auf dem Bahnhöfe Friedberg der Strecke Hanau—Friedberg, woselbst beim Rangieren der 28 Jahre alte ledige Rangierer Th. Lauth aus Marköbel im Kreise Hanau zwischen die Puffer geriet. Es wurde ihm der Brustkorb eingedrückt: kurz nach der Einlieferung in das Hospital verschied er.
Frankfurt a. M., 10. Oktober. Der in Wiesbaden wohnhafte Schneidermeister Benjamin Levi glaubte Grund zu haben, auf die Treue seiner Ehehälfte nicht allzu fest zu bauen. Um sich von der Wahrheit dessen, was ihm gute Freunde erzählten, selbst zu überzeugen, reiste er seinem Weibchen hierher nach und mietete sich unter dem Namen eines Kaufmanns Meyer aus Köln in einem hiesigen Hotel ein. Er hatte erfahren, daß seine Frau mit ihrem Galan, einem ihm gut bekannten Tuchreisenden, hier verkehre. Und da die Gelegenheit so günstig war, beschloß der sonst so friedfertige Meister sich an' dem Freunde seiner Gattin schwer zu rächen. Er bestellte den Reisenden unter dem Namen „Meyer" in das Hotel, um eine Auswahl aus dessen Mustern treffen zu können und feuerte auf ihn, als er das Zimmer betrat, mehrere Schüsse ab. Da er seinen Feind nicht traf, wollte er sich selbst erschießen, aber auch da hatte er Pech: die Waffe versagte. Die Schutzmannschaft nahm ihn unter der Anklage des Mordversuchs fest.
Frankfurt, 12. Oktober. Heute morgen Vati Uhr stürzte die 13jährige Schülerin Anna Wilhelm, die sich zu weit aus dem Fenster hinausgebeugt hatte, aus dem zweiten Stockwerk eines Hauses, in der Nen- Hofstraße auf den zementierten Hof herab, wo sie regungslos liegen blieb. Die Rettungswache konnte nur noch den durch Genickbruch und schwere innere Verletzungen erfolgten Tod des Mädchens feststellen.
Gladenbach, 10. Oktober. Wie jetzt gemeldet wird ist bei dem Brande in Diedenhausen die etwa 30 Jahre alte Schwester des Landwirts Gehrhardt, in dessen Stallung das Feuer ausbrach, verbrannt. Man fand ihre verkohlten Reste. Der Brand soll durch eine umgefallene Laterne entstanden sein.
Röllecken (Sauerlanö), 12. Oktober. Im Borg- Hausener Steinbruch ging eine Dynamitladung zu früh los und traf den Schießmeister Springob von hier so schwer, daß er das Augenlicht einbüßte und gefährliche Verletzungen an der Schädeldecke und den Armen davontrug.
Herford, 12. Oktober. Ein 95jähriger Handwerksbursche suchte in Schötmar durch den Hinweis auf sein Alter das Mitleid der Leute in Anspruch zu nehmen. Da man den vom Greise angegebenen Zahlen nicht Glauben schenken wollte, ^wurden seine Papiere geprüft und es stellte sich heraus, daß der Mann tatsächlich 95 Jahre alt war.
Wetteransfichten für Dienstag den 14. Oktober.
Zunächst meist heiter und trocken, kalt, später Trübung und Erwärmung.