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Hersselder Tageblatt

Amtlicher Anzeiger

Bezugspreis vierteljährlich für Hersfeld 1.50 Mark, durch die Post be­zogen 1.60 Mark. Druck und Verlag von Ludwig Funks Buchdruckerei Hersfeld. Für die Redaktion verantwortlich Franz Funk in Hersfeld.

Hersselder

für den Kreis Hersfeld

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Sernsprech-Anschlutz Nr. 8

Nr. 139. (Zweiter Matt).

Sonntag, den 13. Oktober

1913.

Meidet die EroWadt.

Die alten Deutschen nannten die großen Städte lebendige Gräber, und die Ergebnisse der neuesten statistischen Studien auf allen Gebieten des groß­städtischen Lebens lassen sich nicht kürzer und tref­fender formulieren, als die Alten es getan haben. Der Absterbungs- und Verwesungsprozeß eines Volkes tritt nirgends deutlicher hervor, als in der Großstadt. Und doch drängen sich jährlich Tausende nach diesen lebenden Gräbern in der irrtümlichen Vorstellung, in der Großstadt ein bequemeres und glücklicheres Leben führen zu können als in der Klein­stadt oder auf dem Lande. Wie ist es in Wirklichkeit?

In der Großstadt wohnen die Menschen dicht bei­sammen. Ja, es sind der Menschen so viele, daß die Wohnungen die Minderbemittelten nicht mehr aufzu- nehmen vermögen. In der Ackerstraße in Berlin kenne ich ein Haus, in dem 3000 Menschen wohnen. Das sind mehr Einwohner, wie manches Städtchen im Osten Deutschlands hat. Die einzelnen Familien in solchen Häusern wohnen in wenigen kleinen Räumen. Viele Familien nehmen noch Schlafgänger bei sich auf, um die Miete erschwingen zu können. Schlaf­gänger sind Leute, die keine Wohnung haben, sondern nur nachts gegen Entgelt in einer Familie eine Schlafgelegenheit benutzen dürfen. Schon 1890 gab es in Berlin 100 000 Schlafgänger in 60 000 Haus­haltungen. 1895 wohnten in 4700 unheizbaren Wohn­ungen in Berlin 14 000 Personen Sommer und Winter, 200 000 Wohnungen mit 710 000 Einwohner hatten je nur ein heizbares Zimmer. Diese Zustände be­stehen keineswegs nur in den Arbeitervierteln. Auch in den vornehmen Stadtvierteln sind die Minder­bemittelten entsetzlich eng zusammengepfercht.

Die traurigen Wohnungsverhältnisse hängen aufs engste mit der Arbeitslosigkeit zusammen. Im Januar 1913 gab es in Berlin 4043 Holzarbeiter, 4220 Metall­arbeiter, 1272 Transportarbeiter, 992 Zimmerer, 870 Buchdrucker usw. Zu manchen Zeiten hat Berlin 50 000 Arbeitslose. Die Scharen von Arbeitslosen, die sich eine Beschäftigung durch den „Arbeitsmarkt" der Zeitungen suchen, der an 62 Stellen verteilt wird, sind statistisch nicht genau zu fassen, lassen aber noch größere Zahlen als die amtlichen Statistiken vermuten. Manchmal stürzen nach einer freien Hausdienerstelle 10 bis 20 Personen, die zum Teil höhere Schulen besucht haben oder gute kaufmännische Bildung nach­

weisen können.

Die Arbeitslosigkeit und die Wohnungsnot finden ihre Steigerung in der Obdachlosigkeit. Obdachlose sind Mittellose, die sich für die Nacht keine Schlaf­gelegenheit gegen Entgelt erlauben können. Für diese hat die Stadt im Nordosten ein etwa 7000 Per­sonen fassendes Asyl für Obdachlose geschaffen, das in den Winternächten bis auf das letzte Plätzchen und darüber hinaus gefüllt ist. Leider verkehren in diesem Asyl in erster Linie die Vagabunden und Ver­brecher und üben auf Neulinge bei der engen Zu- sammenpferchung einen unheilbaren Einfluß aus.

Wer diese Not der Großstädte kennt, vermag auch den Verlust physischer und sittlicher Volkskraft zu verstehen. Von 100 wehrpflichtigen jungen Männern waren vor einigen Jahren in Berlin nur 8 wehr­fähig, in Ostpreußen waren es unter 100 nicht weniger als 64. Von 100 geborenen Kindern waren im Jahre cht weniger als 21 Kinder unehelich, tistik lehrt ferner, daß nur etwa 44

ITC

1911 in Berlin itL, ------.

Die kirchliche Statistik lehrt ferner, daß nur etwa 44 Proz. aller Kinder getauft werden. Jährlich treten etwa 10 000 Personen aus der Landeskirche aus. Ueber 3000 Ehen werden jährlich geschieden. Die Kriminali­tät der Jugend wächst bedenklich. Die Trunksucht und ihre Pfleger sorgen dafür, daß der Armenetat der Stadt — er beträgt fchon 28 000 000 Mk., immer höher anschwillt. Sollen wir noch andere Seuchen nennen? Wer will den Großstadtjammer ausmessen?

Vor dem leichtfertigen Zuzug nach Berlin kann nicht genug gewarnt werden. Wenn aber sorgende Eltern, die ihre Kinder nach Berlin schicken müssen, das beste für die jungen Leute wollen, so mögen ste sich an die Gesellschaft znr Fürsorge für ine zu­ziehende männliche Jugend, Berlin, Sophrenstraße 19, wenden. Diese nimmt sich ihrer gern an.

NnvitLn Scotts UM Hilfe tot.

Neues aus seinem Polartagebuche.

Unter den schwierigsten Bedingungen, vom Blizzard umtobt und von den scharfen Eiskrusten wie mit Messern geschnitten, dringen Skott uitb seine vier tapferen Begleiter unaufhaltsam vorwärts dem Pole zu. Die körperliche Verfassung ist verhältnismäßig gut. Dr. Wilson leidet zwar an Schneeblindheit und Evans hat sich bei der Reparatur eines Schlittens eine Wunde an der Hand beigebracht, die nicht zu- heilen will, aber der Wille ist ungebrochen und der

Mut vorzüglich. Am 7. Januar schreibt Scott in sein Tagebuch: „Ich hoffe, es wird keine weiteren Schwierigkeiten mehr machen. Unsere Vorräte reichen völlig aus. Welches Glück für uns, daß wir uns so reichlich versehen haben. Wir sind in der Tat eine ausgezeichnet ausgerüstete Expedition." Am folgenden Tage wird der Rekord Shackletons gedrückt. Nur noch 35 Meilen vom Pole! Durchschnittlich werden 12 Stunden marschiert, was bei dem schweren Ge­wicht des Schlittens, den sie nach sich ziehen, eine überaus tüchtige Leistung ist, vor der man allen Respekt haben muß. Der munterste von allen ist der kleine Bowers. Er verliert den Humor nicht und ist stets bereit, den anderen zu helfen. Mitte Januar wird das Wetter etwas besser. Die Sonne tritt hervor. Wind und Kälte lassen etwas nach. Am 14. Januar berichtet das Tagebuch: „Nur noch 27 Meilen vom Pol entfernt und Vorräte für 9 Tage. Wir werden es jetzt machen können!" Sie machten es — aber nicht, wie sie es gehofft hatten. Ihre Flagge war nicht die erste, die am Pole flatterte. Am Morgen des 16., nachdem sie bereits 2 Stunden marschiert sind, entdecken die scharfen Augen Bowers einen Gegen­stand in der Ferne, den er noch nicht recht bestimmen kann, den er aber für einen Steinhügel hält. Eine besondere Unruhe bemächtigt sich seiner und treibt auch die anderen rascher vorwärts. Eine halbe Stunde später entdeckt er sogar einen schwarzen beweglichen Punkt über dem Hügel, und jetzt sehen sie auch auf dem Boden Spuren: Schlittengleise, Skispuren und neben ihnen ganz deutlich Hnnöe- fährten. Das können nur die Norweger gewesen sein. Sie sind ihnen zuvorgekommen. Scott schreibt in sein Tagebuch nur die trostlosen Zeilen: „Es ist eine schreckliche Enttäuschung. Ich bin traurig, namentlich meiner tapferen Gefährten wegen." Trotz dieser Entdeckung beschlossen sie doch noch weiter vorzudringen und den Pol aufzusuchen. Am 17. Januar schlagen sie ihr 69. Lager in der Nähe des Poles auf. Bei einem überaus heftigen Wind und einer Temperatur von — 22 Grad ist es ein besonders schlechter Tag. „Es ist", wie Skott schreibt, „diese eigenartige feuchte Kälte in der Luft, die einem das Mark in den Knochen erschauern macht. . ." Sie folgen den norwegischen Spuren und kommen nach ungefähr 3 Meilen zu 2 kleinen Eishügeln.

Am folgenden Tage unternahmen sie wissen­schaftliche Beobachtungen und bestimmen, daß sie immer noch drei und eine halbe Meile vom Pole entfernt sind. Eine Meile weiter entdecken sie ein Zelt, auf dem die norwegische Flagge weht. In dem Zelt finden sie die Namen der fünf Norweger: Amunösen, Bjaaland, Hanssen, Wisting und Hassel, die am 16. Dezember 1911 den Pol erreicht hatten. Mehrere Gegenstände sind in dem Zelt, das nur von einem einzigen Bambusstab gehalten wird, zurückgelassen. Es scheint, als ob das Wetter damals wärmer ge­wesen ist. Auch eine Notiz von Amunösen an Scott liegt dabei, der ihn bittet, einen Brief an König Haakon zu befördern. Am Pol selbst errichten sie einen Eis­hügel, in den sie die englische Flagge stecken, und photographieren sich. Zwei Tage blieben sie am Pol, mit ernsten wissenschaftlichen Untersuchungen be­schäftigt. Am 19. Januar geht es zurück. Ein neuer, fürchterlicher Kampf beginnt, der Kampf mit den eigenen Spuren. Sie müssen ihnen folgen, wenn sie die einzelnen Nahrungsdepots, die sie unterwegs an­gelegt haben, erreichen wollen. Die Witterung ist zunächst erträglich. Der Wind weht im Rücken, und gelegentlich tritt sogar die Sonne hervor. Dann aber setzt das Unwetter schreckhaft ein. Der Kampf gegen die Elemente muß mit Aufbietung aller Kräfte ge­führt werden. Mehrmals haben sie die Spuren ver­loren und werden zu Umwegen gezwungen. Der Hunger wächst und mit ihm die entsetzliche Angst. Aber immer finden Bowers scharfe Augen sich zurecht und retten die kleine Kolonne. Anfangs Februar be­ginnt der Rückmarsch über den schwierigen Gletscher. Er dauert 13 Tage. Trotz der schwierigen Beding­ungen nnd der drohenden Nahrungssorge wird noch ein Tag auf dem Gletscher Angebracht mit geologischen Studien. So wird unter anderem ein Kohlenflötz ge­funden. x

Der 11. Februar wird als „der schlechteste Tag, den wir auf unserer bisherigen Reise gehabt haben", verzeichnet. Tee und Biskuits müssen genau be­rechnet und auf das Minimum beschränkt werden. Das schrecklichste aber ist, daß einer der Gefährten, Evans, zusammenbricht. Er, der kräftigste und tapferste von allen, ist bei dem Marsch über den Gletscher zweimal in Gletscherspalten gefallen und hat dabei eine innere Erschütterung erlitten. Er muß lang- samer gehen und verschleppt so das Tempo der anderen. Dann bleibt er plötzlich zurück. Als er nach einiger Zeit nicht wiederkehrt, suchen sie ihn auf und finden ihn zusammengebrochen. Am 17. Februar gegen Mitternacht stirbt er. Und dann beginnt auch Oates

zu wanken. Er leidet entsetzlich an erfrorenen Füßen und schleppt sich mit letzter Kraft vorwärts. Acht Tage lang kämpft er sich, von den Freunden aufge- muntert, durch. Am 10. März trägt Scott in das Tagebuch ein: „Wir haben noch Nahrung für sieben Tage und sollten 45 geographische Meilen vom Lager entfernt sein. 6 mal 7 gleich 42. Wir sind dreizehn Meilen zurück, sogar wenn die Ereignisse nicht schlimmer werden. Ich zweifle, ob wir es vielleicht machen werden." Der Wind setzt mit unerhörter Wucht ein. Das Thermometer fällt bis auf — 43 Grad und das Tagebuch verzeichnet: „Wir müssen es durchkämpfen bis zum letzten Biskuit". Am 16. März bricht Oates zusammeu. Scott schreibt unterm 17: „Er war eine brave Seele. Dies war das Ende. Er schlief die Nacht, in der Hoffnung nicht mehr zu erwachen. Aber am Morgen wachte er auf. Es wehte ein entsetzlicher Blizzard. Dann sagte er: „Ich gehe auf einige Zeit hinaus". Dann ging er in den Schneesturm hinein, und wir haben ihn nie mehr gesehen." Die drei Ueberlebenden, Scott, Bowers und Wilson, leiden alle an erfrorenen Gliedern und Schneeblindheit, aber sie wanken nicht und klagen nicht. Ein unerhört starker Schneesturm, bei dem es absolut unmöglich ist, vorwärts zu kommen, hält sie zurück. Und dann kam auch für sie das Ende. Am 29. März schreibt Scott mit fester, sicherer Hand seinen letzten Willen und seinen Aufruf an das Volk nieder. Darauf legen sie sich in ihre Schlafsäcke, um zu sterben. Die Tapferkeit und der Heroismus dieser Männer erschüttert einen bis ins tiefste Innere.

Durch die Lupe.

Etwas von jungen Ehen in Versen.

Im Oktober, wie bekannt, — sieht im ganzen deutschen Land — man die allermeisten Ehen — vor dem Standesamt entstehen, — mehr noch als im Monat Mai — und der Grund, daß es so sei, — sagt man, wäre zu erblicken — darin, daß vor allen Stücken — niemand länger warten mag, — wird allmählich Tag für Tag — kälter die Natur und trüber, — jeder einzeln setzt dann lieber — schleunigst sich ins warme Nest, — das die Frau ihm schaffen läßt. — Freilich, in den ersten Tagen, — Kinder es ist nicht zu sagen — was ein junger Ehemann alles da noch lernen kann. — Blusen haken, Kleider schließen, — Blumen sachgemäß begießen, — wöchentlich am Sonntag morgen — alle Uhren zu besorgen, — in dem Ofen, wenn er raucht, — stochern, bis man Brusttee braucht,- — mittags ohne alle Klagen — in den längst verwöhnten Magen — alles still herabzuschlingeu — was der Gattin zu mißlingen — in den ersten Wochen pflegt, — ohne daß sich Reue regt: — täglich Dutzend von Agenten — anzuhören bis zum Ende, — die vor Feuer, Unfall, Dieben — zn versichern uns belieben, — dies und ähnliche Genüsse — sind die ersten Bitternisse, — die der junge Ehemann — nicht so rasch verdauen kann. — Geht er morgens aus dem Haus — reckt er fast den Hals sich aus, — um zum Fenster hochzuschicken — einen Gruß mit süßen Blicken — und um einen zu erhäschen, — unfrisiert und halb- gewaschen — wirft die Gattin oben dann — eine Kuß­hand nach dem Mann. — Rings an jedem Fenster sieht — ein mitfühlendes Gemüt — diese Szene voll Behagen, — denn daß zwei sich s o vertragen, — hält, das weiß ein jedermann, — bloß im ersten Jahre an. — Mittags mit gespitztem Munde — steht schon eine halbe Stunde, — eh' der Ehemann sich naht, — seine Frau zum Kuß parat. — Sollte unsre Junggesellen — dies uicht vor die Frage stellen, — daß sie sich ein Weibchen auch — nehmen, wie es einmal Brauch? — Jeder, der noch ganz alleine — jetzt sich mopst beim Lampenscheine, — höre drum auf das Gebot — — „Heirate, Mensch, D u l a ch st Dir d o t!"

Walter-Walter.

ManoN cigarbiten: montebello GIB/ON GIRL OPTIMA/DIVA DANDY