Hersfelder Tageblatt
Amtlicher Anzeiger ^Di^ für den Kreis Hersfeld
Weiber ÄreisMatt
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Zernsprech-Knschlutz Nr. 8
Nr. 129. (erstes Matt).
Sonntag, den 12. Oktober
1913.
Bus der Heimat.
* (Gute Turner im Heer.) Zu der vom Reichstag in Aussicht gestellten Erleichterung des Militärdienstes für gute Turner hat der Turnausschuß der Deutschen Turnerschaft folgende Stellungnahme beschlossen. Bei der Beurteilung der Angelegenheit kommen militärpflichtige Leute in Betracht, die ihren Berechtigungsschein von einer höheren Lehranstalt oder durch ein vor einer Prüfungskommission abgelegtes Examen besitzen, und solche, die nur Volksschulbildung erhalten haben. Von den ersteren ist zu verlangen, daß sie neben der allgemeinen wissenschaftlichen Bildung auch eine entsprechende körperliche Ausbildung für den Heeresdienst besitzen, die durch eine Note im Berechtigungsschein zum Ausdruck zu bringen ist. Haben während der Schulzeit Gründe vorgelegen, die eine ausreichende körperliche Durchbildung unmöglich machten (Befreiung vom Turnen aus gesundheitlichen Rücksichten), so kann der Nachweis körperlicher Tüchtigkeit bei der Gestellung durch ein besonderes Examen vor einer Prüfungskommission erbracht werden. In gleicher Weise haben sich alle einer Prüfung in körperlicherAusbildungzu unterziehen, die auf Grund gewerblicher oder künstlerischer Leistungen den Berechtigungsschein zum einjährigen Dienst erhalten. Der Turnausschuß begrüßt den Beschluß des Reichstags aufs freudigste und erklärt sich zu weiterer Mitarbeit in der Angelegenheit bereit. Er hofft, daß er bei Festsetzung des Maßes der turnerischen Ausbildung, die Erleichterung bringen soll, mit herangezogen wird, und ist der Ansicht, daß die Berechtigung zum einjährigen Dienst bei hervorragenden turnerischen Leistungen nach Ablegung einer erleichterten wissenschaftlichen Prüfung ausgesprochen werden könnte. Die ganze Angelegenheit soll vom Vorsitzenden des Turnausschusses in Form einer Denkschrift bearbeitet werden.
):( Hersfeld, 11. Oktober. Herr Peter Wolfs verkaufte seine in der Neustadt belegene Gast - wirtschaft an Herrn Gastwirt Hähne zum Preise von 74000 Mark.
§ Hersfeld, 11. Oktober. (Unsere Rekruten.) Jetzt gehts ans Abschiednehmen. Die Einberufung der Rekruten ist im Gange. Einer nach dem andern erhält seinen Gestellungsbefehl, empfängt bei der Ortsbehörde Fahrschein und Zehrpfennig und dampft nach dem Orte seiner Bestimmung ab. Mehr als ein Elternherz wird wehmütig und weich gestimmt in diesen Tagen, die plötzliche Entfernung eines Kindes, von dem man sich bisher höchstens auf Tage trennen mochte, und die jetzt jahrelang dauern soll, wird mancher Mutter schwer aufs Herz fallen. Aber was hilfts, wenn der Staat ruft, fo tritt Wunsch und Wille des einzelnen zurück. Einer muß sich mit dem andern trösten. Infolge der Heeresvermehrung muß von jetzt ab gar mancher junge Mann den bunten Rock anziehen, der sonst zu Hause geblieben wäre. Aber es schadet nichts. Die Militärjahre geben der Heranbildung der Persönlichkeit die letzte Reife, man lernt da gar mancherlei, was man sonst nie gelernt hätte. Und wenn manche Frau zu ihrem Mann, der nicht gedient hat und sich bei häuslichen Arbeiten unbeholfen anstellt, sagt: „Man sieht, daß du kein Soldat gewesen bist!", so hat sie nicht ganz unrecht."
am
8 Hersfeld, 11. Oktober. Wegen Rückfalldiebstahls und fahrlässiger Brandstiftung hatte sich in gestriger Strafkammersitzung zu Cassel der Gelegenheitsarbeiter Karl Orth von hier zu verantworten. Wie die Beweisaufnahme ergab, hatte er in der Nacht zum 12. Januar einem Arbeiter aus dem verschlossenen Kaninchenstall zwei Kaninchen im Werte von 6 Mk., 26. Januar einem Schuhmachermeister, ber dem er angeblich ein Paar Arbeitsschuhe kaufen wollte, in einem unbeobachteten Augenblick ein Paar hohe Lackstiefel im Werte von 46 Mk. entwendet. Der Diebstahl wurde bald entdeckt, und bei der vorgenommenen Haussuchung wurde das gestohlene Gut aufgefunden und beschlagnahmt. Mit ihm aber fand man noch eine Anzahl anderer Gegenstände, die der Angeklagte zu anderer Zeit gestohlen hatte und zwar einen Gummischlauch im Werte von 6 Mk., der einem Gartenbesitzer gehörte, einen elektrischen Zähler, Umschalter, Sicherungen und Lampen im Werte von etwa 50 Mk., die er aus den verschlossenen Kellerräumen der Hersfelder Bürgerschule geholt hatte. Die fahrlässige Brandstiftung hatte er dadurch verübt, daß er eine gestillte Petroleumkanne auf dem Flur des von seiner Mutter bewohnten Logis am 13. Februar d. J. aus Unvorsichtigkeit fallen ließ, das ausfließende Oel anzündete, in der Meinung, damit den Oelflecken zu beseitigen und dann seines Weges ging, ohne sich weiter um die Sache zu kümmern. Er glaubte, das Feuer erlösche, wenn das Oel auf
den Dielen aufgezehrt sei. Glücklicherweise kam der Hauswirt noch zeitig an die Brandstelle und löschte die brennenden Dielenbretter durch einige Eimer Wasser ab. Der Angeklagte gestand seine Straftaten ein, meinte aber, er sei für dieselben nicht verantwortlich zu machen, da er, wenn er betrunken sei, nicht wisse, was er tue, dann nehme er eben alles mit, was er erwischen könne. Es stellten sich dann Anfälle von Geistesstörung ein. Festgestellt wurde, daß der Angeklagte Alkoholist ist. Im September 1911 wurde er wegen seines sonderbaren Verhaltens der Landesheilanstalt Marburg überliefert, von dieser aber nach einigen Monaten als geheilt entlassen. Die Entziehungskur hatte ihn gesund gemacht. Der medizinische Sachverständige begutachtete, daß der Angeklagte ein geistig minderwertiger Mensch, aber kein Geisteskranker sei, der nach § 51 für seine Handlungen nicht verantwortlich gemacht werden könne. Die Strafkammer war auf Grund der Beweisaufnahme mit dem Sachverständigen der Ansicht, daß der Strafausschließungsparagraph 51 dem Angeklagten nicht zugute kommen kann. Er wird wegen vier einfachen, wegen einem schweren Diebstahl und wegen fahrlässiger Brandstiftung zu einer Gesamtstrafe von 1 Jahr 6 Monaten Gefängnis verurteilt.
-f- Gershausen, 10. Oktober. Heute wurden die zur Ausführung der Wasserleitung eingegangenen Angebote eröffnet. Es lagen nur drei Offerten vor und zwar für Los I Quellfassung und Hochbehälter: Hrch. Gesing-Hersfeld 2846,70 Mk., W. K. Rosenberg-Hersfeld 3039,10 Mk., Hornstein-Kirchheim 3075,56 Mk. Los II Or - netz ^ und Hansanschlüsse: Hrch. Gesing-Hersfeld 7834,80 M., W. K. Rosenberg- Hersfeld 8095,00 Mx. Die Arbeiten für Los I und II sowie die Lieferung sämtlicher Materialien und Ausführung der Hausanschlüffe wurden der Firma W. K. Rosenberg in Hersfeld übertragen. Mit den Arbeiten wird sofort begonnen.
Mönchehof bei Cassel, 10. Oktober. Eine Feuersbrunst legte heute früh gegen 8 Uhr das Wohnhaus des Einwohners Könis und fünf weitere Anwesen in Asche. Da die Gebäude mit großen Mengen Heu und Stroh gefüllt waren, fand das Feuer reiche Nahrung und nahm einen immer größeren Umfang an. Die Feuerwehren aus Cassel und der Umgegend von Cassel sind an die Brandstelle geeilt. Nach einer späteren Meldung hat das Feuer einen großen Umfang angenommen. Die Häuser der Landwirte Wilhelm Kreis, Georg Goßmann, Konrad Moll, Heinrich Goß- mann, Wilhelm Kurzeknabe und Moritz Peter sind mit Stallungen und wohlgefüllten Scheunen dem verheerenden Element zum Opfer gefallen. Die zahlreich herbeigeeilten Feuerwehren hatten mit großen Schwierigkeiten infolge Wassermangels zu kämpfen. Insgesamt sind fünfzehn Gebäude niedergebrannt. Feuerwehren und Nachbarn arbeiteten heldenmütig, um das Vieh und das zum Teil wertvolle alte Mobiliar zu retten, was auch gelang. Der Schaden wird bereits auf 300 000 Mark geschätzt. Leider ist das Feuer noch immer nicht zum Stillstand gekommen. Am Nachmittag war die Gefahr einer weiteren Verbreitung endlich beseitigt. Der Brandherd nimmt eine Fläche von 1200 Quadratmetern ein. Vier der abgebrannten Familien sind nicht versichert.
Cassel, 11. Oktober. Es steht nunmehr fest, daß auch der nächstjährige Prinz-Hcinrich-Flug über Cassel führt. Das Programm für die nächstjährige klassische Flugzeugprüfung der Südwestgruppe des D. L. B. ist nun vorläufig festgelegt worden. Im Gegensatz zu den Veranstaltungen dieses und der vorhergehenden Jahre, bei denen nur Städte im Südwesten Deutschlands berührt wurden, wird sich der Flug 1914 bis nach Hamburg ausdehnen. Geplant ist, daß der Flug in Darmstadt beginnt; die erste Etappe soll über Straßburg nach Mainz führen. Es folgen die Etappen Mainz-Köln-Frankfurt, Frankfurt-Cassel-Hamburg. Nach Erledigung eines Rundflnges ohne Zwischenlandung über Bremen, Minden, Osnabrück, Hannover, Braunschweig und zurück nach Hamburg folgen zwei militärische Ausklürnngsübungen. Als Termin ist die Woche vorn 17. bis 24. Mai in Aussicht genommen.
Wilhelmshausen, 10. Oktober. Einen schweren Verlust erlitt der Landwirt Bernhard Sommer in Nolzhausen; zehn wertvolle Schweine verendeten ihm in einer Stacht. Da die Tiere vorher keinerlei Krankheitserscheinungen zeigten, muß man vielleicht das plötzliche Verenden der Tiere auf das Futter zurück- führen.
Hönebach, 9. Oktober. Der hiesige Bergmann Heinrich Führer, welcher an dem benachbarten Schacht Herfa beschäftigt ist, stürzte gestern auf dem Heimwege so unglücklich vorn Rad, daß er schwere Verletzungen am Kopf und im Gesicht davon trug. Er nutzte sich in ärztliche Hülfe begeben.
Marburg, 10. Oktober. Bei einem Brandunglück in Diedenshausen wurde die 33jähr. Tochter des Landwirts Gerhardt so schwer verbrannt, daß sie kurz darauf starb.
Marburg, 10. Oktober. Beim Florettfechten ereignete sich in einem hiesigen Restaurant ein bedauerlicher Unglückssall. Ein junger Mann wurde durch einen Florettstich schwer verletzt, sodaß er in die Klinik verbracht werden mußte. Bis zur Stunde ist der junge Mann noch nicht vernehmungsfähig.
Frankfurt a. M., 10. Oktober. Ein 13jähriger Zögling des Kadettenhauses Bensberg a. Rh. wurde seit einiger Zeit vermißt. Er war nicht von Urlaub zurückgekehrt und es war bereits ein Ausschreiben hinter ihm erlassen worden. Heute früh lief der Kadett, der sich hier in Uniform herumtrieb, am Hauptbahnhof einem Kriminalbeamten in die Hände, der ihn nach dem Steckbrief erkannte und gleich mitnahm. Der Ausreißer gab an, es habe ihm im Kadettenhaus nicht mehr gefallen.
Dransfeld, 10. Oktober. Heute vormittag entstand in einem Hause des Schuhmachers Baake an der alten Marktstraße Feuer, das reiche Nahrung an den auf dem Boden lagernden Heu- und Strohvorräten fand. Bei dem herrschenden Winde griff das Feuer mit rasender Schnelligkeit um sich, sodaß bald auch das benachbarte Haus des Landwirts Adolf Mielenhausen in Flammen stand. Auch das Haus des Briefträgers a. D. Hinze wurde von den Flammen ergriffen. Den Brand haben Kinder verursacht. Ein 8jähriger Junge war auf der Suche nach einer kleinen Katze. Auf dem Baake'schen Boden "ind-'te er 'in Streichholz an, um zu leuchten. Das brennende Streichholz entfiel seiner Hand und setzte Heu und Stroh in Brand.
Gotha, 8. Oktober. In zweitägiger Verhandlung wurde der Kaufmann Ernst Lehmann, ein berüchtigter Spieler, wegen fortgesetzten, gemeinschaftlich mit einer Frauensperson, Frieda Schrater, gewerbsmäßig ausgeführten Glücksspiels und wegen Betrugs zu einer Gefängnisstrafe von 12 Monaten Gefängnis und einer Geldstrafe von 600 Mark oder 60 Tage Gefängnis, sowie zweijährigen Ehrverlust verurteilt. Die Angeklagte Schrater wurde zu 5 Monaten Gefängnis verurteilt, die verbüßt erachtet werden.
Eisleben, 10. Oktober. In Hedersleben geriet bei der Bedienung des Motors auf dem Wittlerschcn Gute der siebzigjährige Arbeiter Fischer in die Transmission. Der Greis wurde zu Tode gedrückt.
Hameln, 8. Oktober. Ein schwerer Automobilunfall ereignete sich gestern nachmittag in der Nähe von Emmertal auf der durch den Regen der letzten Tage aufgeweichten Fahrstraße. Der Kraftwagen eines Kaufmanns aus Bonn geriet ins Schleudern und fuhr, nachdem er gegen einen Baum gerannt war, in einen Graben. Der Lenker des Wagens erlitt dabei Rippenbrüche und einen Bruch des Schlüsselbeins. Er wurde dem hiesigen Krankenhaus zugeführt. Sein Zustand gibt zu Besorgnissen keinen Anlaß.
Eisleben, 10. Oktober. In Unter-Rischdorf stürzte auf dem der Mansfelder Kupfer-Schieferbau-Gewerk- fchaft gehörigen Kalischacht der etwa 30jährige Bergmann Köhler-Eisleben ab und war sofort tot.
Wernigerode, 9. Oktober. In der Nacht zum Mittwoch erschoß sich im Zuge Braunschweig-Harz- burg zwischen Schladen und Vienenburg der 17jährige Seminarist Martin Hach vom Seminar Elbingen. Seit Montag hatte er sich von dort aus mit selbstmörderischer Absicht entfernt. Der junge Mann, der gemütskrank zu sein scheint, ist der Sohn eines Musikdirektors aus Marienwerder in Westpreußen.
Selters, 9. Oktober. In dem Basaltsteinbruch zwischen hier und Ortenberg wurde der verheiratete Arbeiter F. Schaffet getötet. Ein mächtiger Stein löste sich am oberen Rande des Steinbruches los, fiel in eine Gruppe Arbeiter und zerschmetterte Schaffet den Kopf. Der Getötete hinterläßt eine Witwe mit 8 Kindern.
Bad Käsen, 9. Oktober. Gestern stürzte sich ein 17jähriges Mädchen aus Zeitz vom Felsen der Rudelsburg herab und wurde schwer verletzt am Bergfuße aufgefunden. Sie wurde ins hiesige Krankenhaus eingeliefert.
Ufingen. 10. Oktober. Der 22jährige Arbeiter Robert Nöll aus Merzhausen im Taunus hat sich gestern nachmittag im Walde die Kehle durchschnitten und die Pulsadern geöffnet. Die Leiche des jungen Mannes, der erst vor einigen Tagen vom Militär abgegangen ist, konnte erst gegen Abend gefunden werden.
Wetteranssichten für Sonntag den 12. Oktober.
Oestliche Winde, kalt, stellenweise Nachtfrost, heiter und trocken.