Hersfeld er Tageblatt
Amtlicher Anzeiger ^^^^ für den Kreis Hersfeld SmWn Kreisblatt
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Gratisbeilagen: „Illustriertes Sonntagsblatt" und „Illustrierte Landwirtschaftliche Beilage" Zernsprech-Knschlutz Nr. 8
Nr. 138. Sonnabend, den 11. Oktober 1913.
Hus der Heimat«
* (Der Wein kommt wieder zu Ehren.) Man hat in neuerer Zeit oft den Alkohol befehdet und vielfach auch den Wein vom Tische verbannt, aber man erfährt jetzt nach einem Artikel der Pariser „Presse meedicale", daß man ihm bitter unrecht tat, denn der Wein verhütet die Blinddarmentzündung, die das Wasser als Tischgetränk befördert, ja oft her- vorruft. Die Zeitschrift behauptet, daß das Wasser, das wir bei Tisch trinken, auch wenn es sterilisiert ist, einen ungünstigen Einfluß auf den Blinddarm äußern kann. Bon den Beispielen, die für diese Hypothese zum Beweise angeführt werden, greifen wir zunächst das Folgende heraus: Von einer Familie, die aus 16 Personen bestand, mußten im vergangenen Monat 6 wegen Blinddarmbeschwerden operiert werden. Die übrigen Mitglieder der Familie hatten einen vollständig gesunden Blinddarm: die 6 Kranken waren ausschließlich Wassertrinker. Nach einer weiter ausgestellten Statistik trifft bei Weintrinkern erst eine Blinddarmentzündung auf 200, bei Wassertrinkern auf 10. Natürlich kann nicht angenommen werden, daß das Wasser etwa den Darm Mikroben vermittelt und daß hierdurch die Entzündung entsteht, es muß vielmehr davon ausgegangen werden, daß eben dem Wasser etwas fehlt, was dem Wein und in beschränkterem Maße allen alkoholhaltigen Getränken innewohnt und günstig auf den Darm einwirkt. Versuche haben ergeben, daß der Naturwein ein vorzügliches Antiseptikum ist, ohne daß die Mikroben sich im Darm ausbreiten und vermehren könnten. Dies ist die neueste Theorie.
* Die monatlichen Durchschnittseinheitspreise für Fleisch an den Normalmarktorten des Regierungsbezirks Cassel betrugen in der ersten Hälfte des Monats September 1913: für je 1 Kg. Rindfleisch 1,84 M., Kalbfleisch 1,90 M., Hammelfleisch 1,90 M., Schweinefleisch 2,02 M., Schinken 2,60 M., Speck 2,40 M.
-oc- Hersfeld, 10. Oktober. (Herbstliches Sterben.) Das allgemeine Sterben in der Natur hat nun eingesetzt. Durch die sanften Mollklänge der letzten schönen Herbsttage klingen, an schrille Dissonanzen gemahnend, die ersten rauhen Akkorde des Winters. Rascher fällt nun Blatt um Blatt von den Bäumen, fegt im scharfen Oktoberwind durch die kahler werdenden Straßen und sammelt sich an wind- geschützten Ecken zu melancholisch und verwelkt blickenden Laubhäufchen. Dürr und vielgeästet blicken die kahlen Bäume der Straßen in den kalten, klaren Himmel hinauf, während in den Morgenstunden leichte Nebelfetzen um die blattlosen Aeste hängen und die letzten Fäden des Altweibersommers im ersten Nachtfrost, der uns nun jederzeit überraschen kann, wie brillantenbesetztes Geschmeide glitzern. Auch des Menschen Gemüt macht diese plötzliche Veränderung der Natur mit durch. Die lustige, leichtsinnige Sommerstimmung ist verflogen.
):( Hersfeld, 10. Oktober. Von feiten der Ortsgruppe Hersfeld des deutschnationalen Handlungs- gehilfen-Verbandes ist mit der Bitte an den Magistrat hier herangetreten worden, darauf hinzuwirken, daß am Sonnabend den 18. Oktober die Geschäfte früher geschlossen werden, um den Angestellten die Teilnahme an den beabsichtigten Veranstaltungen ebenfalls zu ermöglichen.
):( Hersfeld, 9. Oktober. (Schöffengericht.) Ein hiesiger Schüler wurde wegen mehrfachen Diebstahls zu 5 Tagen Gefängnis verurteilt. — Zwei junge Burschen aus Rohrbach erhielten wegen Dieb- stahls je einen Verweis. — Eine Ehefrau aus Bieöe- bach wurde wegen Diebstahls mit 3 Tagen Gefängnis bestraft. — Außerdem wurden noch drei Privatklage- fachen verhandelt.
* (Die erledigten Schulstellen.) Man schreibt: Zurzeit sind 48 Schulstellen zur Neubesetzung ausgeschrieben. Nun darf man aber nicht glauben, daß all diese Stellen unbesetzt seien. Vielmehr sind die meisten derselben mit einstweilen angestellten Lehrern besetzt, die aber vor der definitiven Bestallung erst dem neuen Wahlmodus sich unterwerfen müssen, d. h. sie haben sich um die von ihnen verwalteten Stellen vorschriftsmäßig zu bewerben, um demnächst gewählt zu werden.
Melsungen, 9. Oktober. Die Unsitte des Spielens mit Schußwaffen hat sich bei einem halbwüchsigen Schüler der Stadtschule bitter gerächt. Der Junge wurde auf dem Marktplatz von einem seiner Kameraden mittels eines Teschings in das Bein geschossen, so daß ärztliche Hilfe in Anspruch genommen werden mußte.
Cassel, 9. Oktober. Ein tragikomisches, nächtliches
Reiseabenteuer hat Anfang der laufenden Woche ein hiesiger Herr, ein Kaufmann K., erlebt. Er saß in einer Restauration und feiertemitmehreren Bekannten die Tausendjahrfeier nach. Dabei wurde vom Nachmittag bis zum späten Abend ein gehöriger Dauer- „Schafskopf" gespielt. Ob er selbst „Hans im Glück" dabei war, wollen wir nicht verraten, jedenfalls war die Stimmung eine äußerst feucht-fröhliche geworden und als der Herr, welcher im Laufe des abends stets die ersten „Damen" (Trümpfe) ausgespielt hatte, nach beendigter Kartenschlacht in der Mitternachtstunde den Spieltisch verließ, da befand er sich in einem so aufgeräumten Zustande, daß er beschloß, nicht gleich nach „Muttern" zu gehen, sondern erst noch einen Spaziergang nach „Mutter Grün" zu machen. Er pilgerte deshalb zum Hauptbahnhofe und trat in der Absicht, eine Fahrkarte nach Jhringshausen zu lösen, um von dort nach seiner vor dem Wesertore gelegenen Wohnung allmählig zu wandern. Durch ein Mißverständnis erhielt er aber eine Fahrkarte nach Berlin, was ihm aber weiter nicht auffiel, weil er statt eines vermeintlichen Zehnmarkstückes eine Doppelkrone auf das Zahlbrett gelegt hatte und er noch eine ganze Hand voll Silber herausbekam, sodaß er im Glauben war, nur wenige Groschen bezahlt zu haben. Er gelangte dann auch zum richtigen Bahnsteig und stieg in den links stehenden D-Zug 75, welcher 12 Uhr 29 Minuten abfährt, während der rechts stehende Personen- zug nach Hann. Münden um 12 Uhr 35 Minuten den Bahnhof verläßt. Er legte sich in eine Kupee-Ecke — und schlief sehr bald den festesten Schlaf des Gerechten. Als er gegen 8 Uhr morgens aufwachte, rief der Schaffner: „Berlin, aussteigen!" Der Herr traute seinen Augen nicht, aber es war gewißlich war, er befand sich in der Reichshauptstaöt. — Natürlich benutzte er den nächsten Zug zurück nach Cassel, wo er nachmittags — erheblich herabgestimmt — landete.
Frielendorf, 9. Oktober. Der Maurergeselle I. hier wurde heute durch die telegraphische Mitteilung aus Frankfurt dadurch freudig überrascht, daß sein in der dortigen Pferdemarktlotterie gespieltes Los mit einem Hauptgewinn, bestehend aus einem Einspännerwagen, mit Pferd, gezogen sei.
Cassel, 10. Oktober. Der wegen Mordes an dem Förster Romanus seit zwei Jahren gesuchte Zigeuner Ebender soll wieder einmal festgenommen worden sein. In einer Wirtschaft in der Mühlengasse waren vorgestern abend zwei fremde Gäste in Streit geraten, in dessen Verlauf der eine dem anderen, seinem angeblichen Schwager, vorwarf, der lange gesuchte Ebender zu sein. Dieser bearbeitete darauf feinen Gegner mit einem Messer und einem Schlagring, bis die zu Hilfe gerufene Polizei dem Kampfe ein Ende machte. Der Täter wnrde festgenommen, und der Verletzte auf einer Sanitätswache verbunden. Er bleibt bei seiner Behauptung, daß der andere sein Schwager, der steckbrieflich verfolgte Ebender oder Steinbach sei, auf dessen Ergreifung 5000 Mark Belohnung ausgesetzt sind. Die Richtigkeit dieser Behauptung war zur Stunde noch nicht nachzuprüfen. Wahrscheinlich ist es wohl auch diesmal wieder nicht der Richtige. — Eine spätere Meldung des „Casseler Tageblatts" besagt: Gestern abend wurde in der Müllergasse ein Zigeuner verhaftet, der von einem anderen Stammesgenosfen als der vielgesuchte Mörder des Försters Romanus, Ebender, bezeichnet wurde. Der Verräter, der übrigens ein Schwager des Ebender ist, scheint es jedoch nur auf die, wie er wohl glaubte, sofortige Auszahlung der ausgesetzten Belohnung von 5000 Mark abgesehen zu haben, denn die Kriminalpolizei stellte als absolut sicher fest, daß man es hier mit dem Zigeuner Wiegand und nicht mit Ebender zu tun hat. W. wird jedoch wegen Betrugs noch in Untersuchungshaft behalten werden, da er vor kurzem einen goldenen Ring für 50 Mark versetzte, wobei er den Wert des Ringes auf 250 Mark angab. Später stellte es sich heraus, daß der Ring von Silber und stark vergoldet war.
Cassel, 9. Oktober. Im hiesigen Diakoniffenhause verstarb vorgestern nach nur zweitägigem Kranksein an den Folgen einer Blutvergiftung der Tonhacker Karl Heine aus dem Dorfe Uengsteroöe im Kreise Witzenhausen. Der bedauernswerte Mann hatte int Gesicht zwischen Unterlippe und Kinn sich bei der Arbeit eine kleine Wunde zugezogen und dieser unbedeutenden Verletzung keine Beachtung geschenkt. Beim Selbstrasieren war aber anscheinend Schmutz in die Wunde gekommen, das Gesicht schwoll unter großen Schmerzen an und der herbeigerufene Arzt stellte Blutvergiftung fest. Auch ordnete er die sofortige Ueberführung des lebensgefährlich Verletzten in das Diakonissenhaus zu Wehlheiüen an. Indessen alle Kunst und Pflege der Aerzte vermochten bei der schon sehr vorgeschrittenen Blutvergiftung das fliehende Leben nicht mehr zu retten und H. mußte seine Unvorsichtigkeit mit dem Tode büßen. Er war erst 38 Jahre alt und hinterläßt Frau und 5 Kinder.
Cassel, 9. Okt. Am Abend des 18. Oktobers d. I., dem Jubeltage der Völkerschlacht bei Leipzig, werden bekanntlich auf Anregung des Kurhessischen Krieger- bundes auf höheren Punkten in allen Ortschaften Hessens Freudenfeuer angezündet werden. Wenn auch die Krieger- und Militärvereine die Ausführung dieser patriotischen Feuer übernommen haben, so ist doch an die Bürgermeister und Gemeindevorsteher neuerlich durch die Landräte des Ersuchen gerichtet worden, ihre Unterstützung bei diesem Vorhaben zu leihen. So hat der Eschweger Landrat den Gemeinden anheimgegeben, nötigenfalls die Oberförster um Bereitstellung von Feuerholz aus den Staatswalöungen anzugehen.
Marburg, 9. Oktober. In der letzten Nacht gegen 12 Uhr wurde in der Lutherstraße mit einer tiefen Stichwunde im Leibe ein Dr. Spieß aufgefunden, der kurz zuvor an einer studentischen Kneipe teilgenommen hatte. Mit einem Automobil wurde der Verletzte nach der Klinik gebracht. Ob ein Unfall oder ein Verbrechen vorliegt, konnte noch nicht festgestellt werden.
Waufried, 9. Oktober. In einer unweit von hier gelegenen Ortschaft steht ein Landwirt mit einigen Arbeitern in der Scheune und drischt. Seine Gedanken weilen daheim: sechs Kinder sitzen bereits um den Tisch herum, und schon hat sich Freund Langbein wiederum angekündigt. Die „Eller" (Hebamme) ist schon über eine Stunde in der Wohnung. Da tritt sie heraus und ruft dem Landwirt zu: „Soeben ist ein kleiner Junge angekommen!" „Vor meinetwegen zehn!" antwortet der Mann, und schlägt mit dem Dreschflegel auf, daß es nur so dröhnt. Da tritt die Hebamme nach kurzer Zeit wieder aus dem Haus heraus und ruft dem Manne zu: ,„Soeben ist noch ein Junge angekommen!" Erschrocken läßt der Mann den Dreschflegel fallen und ruft ganz bestürzt aus: „Der liebe Gott wird doch Spaß verstehen!"
Niedereisenhansen, 8. Oktober. Durch Spielen mit Streichhölzern gerieten gestern die Kleider eines Kindes in Brand. Die erlittenen Brandwunden waren derart, daß die Ueberführung desselben in die Marburger Klinik erforderlich wurde.
Pömbsen, 9. Oktober. Auf den Feldern der hiesigen Gutsverwaltung geriet ein Arbeiter beim Säen unter die Sämaschine. Durch die Samentrichter wurde ihm der Hinterkopf aufgerissen. Der gefährlich Verletzte befindet sich in ärztlicher Behandlung.
Frankfurt a. M., 9. Oktober. In dem Eheschei- öungsprozeß, den die Frau des Fechtlehrers Hopf angestrengt hatte, wurde heute das Urteil gefällt. Die Ehe wurde geschieden, weil Hopf der Frau nach dem Leben getrachtet habe, indem er ihr zweimal Arsenik in Getränke geschüttet und Typhus- und andere Bazillen in rohes Fleisch gemischt hatte. Hopf trachtete der Frau seit April 1912 nach dem Leben, um die Lebensversicherungssumme im Betrage von 80 000 Mk. zu erhalten.
Frankfurt a. M., 8. Oktober. Eine 45jährige Frau in der Nibelungen-Allee, die schon seit längerer Zeit nervös leidend ist, begoß sich mit Benzin und steckte dann ihre Kleider in Brand. Trotz sofortiger Hilfe trug die Frau so schwere Brandwunden davon, daß sie in hoffnungslosem Zustande ins Marienkranken- Haus geschafft wurde. — Kurz nach 3 Uhr ereignete sich in der Bauschlosserei von Christian Aldus in der Bendergasse eine Explosion. Der 41jährige Schlossergeselle Paul Schecker war gerade bei der Reinigung eines mit Acetylen gefüllten Kessels beschäftigt, als plötzlich die Explosion desselben erfolgte. Schrecker, dem das Hinterhaupt zertrümmert wurde, war auf der Stelle tot. Ein fünfzehnjähriger Lehrling erlitt eine unbedeutende Quetschung des Handgelenks.
Erfurt, 9. Oktober. Nach dem Genuß von Spick- gans erkrankte ein in der Arnstädter Straße wohn- haftes Ehepaar schwer unter Vergiftungserscheinungen. Bei den Erkrankten stellten sich sofort Ohnmachtsanfälle ein. Die behördliche Untersuchung wurde sogleich eingeleitet. Das bakteriologische Institut der Universität Halle wurde mit der Untersuchung der Speisereste beauftragt.
Westig (Sauerland), 9. Okt. Der auf dem Heimweg von der Schule befindliche achtjährige Knabe Schröder kam beim Ueberqueren des Fahrdammes unter die Rüder einer elektrischen Straßenbahn, wurde überfahren, gräßlich zerfleischt und sofort getötet.
Deturold, 8. Oktober. Bei dem Gewitter am Sonntag wurden vom Blitz in Lückhausen drei Kühe erschlagen. Sämtliche Telephonleitungen der Gegend wurden zerstört.
Wetteraussichten für Sonnabend den 11. Oktober.
Zunächst heiter, später erneute Trübung, trocken, keine Temperaturänderung, Westwinde.