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Hersfelder Tageblatt

Amtlicher Anzeiger ^A^ für den Kreis Hersfeld

Weiter Äreisblatt

Bezugspreis vierteljährlich für Hersfeld 1.50 Mark, durch die Post be­zogen 1.60 Mark. Druck und Verlag von Ludwig Funks Buchdruckerei Hersfeld. Für die Redaktion verantwortlich Franz Funk in Hersfeld.

Der Anzeigenpreis beträgt für die einspaltige Zeile 10 Pfennig, im amtlichen Teile 20 Pfennig, Reklamen die Zeile 25 Pfg. Bei Wieder­holungen wird Rabatt gewährt. Erscheint jeden Werktag nachmittags.

Gratisbeilagen:Illustriertes Sonntagsblatt" undIllustrierte Landwirtschaftliche Beilage" Zernsprech-Anschlutz Nr. 8

Nr. 137. Freitag, den 10. Oktober 1913.

Hus der Heimat.

Zur Neige der Sportsaison.

Von geschätzter Seite schreibt man uns:

Befriedigt von dem in unserer alten Lullusstadt bei den Rennen am letzten Sonntag Gebotenen können wir auf dieselben zurückblicken, wir wünschen und hoffen auch in Zukunft, daß es dem rührigen Reiterverein vergönnt sein möge, noch stärkere Felder an den Start zu bringen, um sich auch sernerhin ein zahlreiches und dankbares Publikum zu sichern. Alle Sportsfreunde des grünen Rasens wird es interessieren, daß auch am vergangenen Sonntag, wo an vielen Plätzen des Reiches Rennen stattfanden, es unserm Kronprinzen, dem eifrigsten Förderer jeglichen Sports, vergönnt war, zwei seiner Pferde in Magdeburg als Sieger hervorgehen zu sehen. Ferner fanden in Frankfurt a. M. die großen Jubiläums-Rennen statt, wo die einheimischen Farben des Stalles Weinberg, lebhaft begrüßt vom Frankfurter Publikum, mehrfach siegreich waren. Am günstigsten schneidet in diesem Jahre der Stall Oppenheim-Köln ab, welcher sich bis jetzt schon eine Summe von 850 000 Mark zusammen- gallopiert hat. Ist ihm noch das Glück hold, daß er den großen Austriapreis in Wien, wo der Stall Oppenheim mit der famosenKriegsgöttin" mit Archibald, unserm besten Jokey im Sattel, vertreten ist, mit 100 000 Mark gewinnen sollte, so würde die Million bald voll werden. Da außer diesem großen Rennen noch sonstige fette Bissen auf unsern Bahnen bis zum Schluß der Saison zu holen sind, so wäre diese Summe ein Rekord von ganz Europa, denn niemals vorher hat ein Stall derartige Gewinne zu verzeichnen gehabt.

Wie im vergangenen Jahr unter unseren Herren­reitern sich ein heißer Kampf um das Championat entspann, so wird es auch diesmal bis zum Schluß dasselbe sein. Im vorigen Jahre war es Egan Krieger (ber Preise-Krieger) von den Danziger Leib­husaren, bekannt durch seinen Husarenstreich, als er den Magdeburger Rennplatz, nachdem er soeben ein Rennen gewonnen hatte, im Flugapparat mit Leut­nant Stoll vom 112. Jnf.-Regt. verließ, auf der Grunewaldbahn bei Berlin landete, von neuem in den Sattel stieg und abermals siegte. Sein Saison­gegner war Leutnant von Berchem von den Garde- ulanen, der die gleiche Anzahl Siege zu verzeichnen hatte. In diesem Jahre ist es Leutnant von Moßner von den Darmstädter Dragonern und Leutnant Graf Holk von den Metzer Ulanen, welche sich um die Siegespalme streiten.

Und nun zum Schluß. Wäre es dem Vorstände des hiesigen Reitervereins nicht möglich, den Totalisator am Platz einzuführen? Gesetzt würde jedenfalls tüchtig, denn schneller kann man sein Geld nicht los werden. Auf dem Nachhausewege wird dann jeder seinen Pferdekennerblick und seinen Geheimtyp rühmen. Manch einer wird dann auch seiner teuren Ehehälfte ein Goldstück oder gar einenBlauen" in die zarte Hand drücken können, der vorher in der inneren Westentasche wohl verwahrt ruhte. Ein riesiger Fremöenstrom wird sich nach unserer Lullus­stadt ergießen. Also hoffentlich im nächsten Jahre! -Z-

* (Fahrpreisermäßigungen auf der Eisenbahn.) Die Fahrpreisermäßigungen für ver- sicherungspflichtige Mitglieder von Krankenkassen usw. ist im Gebiet der deutschen Eisenbahnen auch auf Reisen zum Besuch von Spezialärzten und zum Gebrauch medizinischer Bäder ausgedehnt worden. Bei den Eisenbahnfahrten zu wissenschaftlichen und belehrenden Zwecken, bei Schulfahrten und Fahrten von und nach Ferienkolonien werden fortan bei einer Beteiligung von 10 Personen 2 Lehrer oder Begleiter, bei einer größeren Teilnehmerzahl für je 10 weitere Personen, auch wenn diese Zahl nicht erreicht wird, ein Lehrer- oder Begleiter zugelassen. Die Beteiligung einer größeren Zahl von Lehrern oder Begleitern ist nur mit Genehmigung der Abgangsstation bezw. der Vor­gesetzten Verwaltung dieser Station zulässig.

*Der zehnte ordentliche Bundestag der technisch-industrieller: Beamten findet am 18. und 19. Oktober im Landesausstellungs- park in Berlin statt. Auf der Tagesordnung stehen neben Fragen der inneren Organisation folgende Punkte: Organisation der Werkmeister, Erfinderschutz der technischen Privatangestellten, Koalitionsrecht und Arbeitgeber, Erhöhung des Existenzminimums. Der Bund zählt zurzeit rund 23 000 Mitglieder.

-r- Hersfeld, 8. Oktober. Herrte tagte im Hotel Stern die H e r ö st v e r s a m m l u n g des evange­lischen P f a r r e r v e r e i n s f u r den Kon - sistorialbezirkCafsel. Der Vorsitzende desselben, Metropolitan Dithmar zu Schmalkalden, erstattete zunächst einen kurzen Bericht über die Tagung und

die Beschlüsse des deutschen Pfarrertags in Dessau und gab dann einen Ueberblick über die Arbeiten der Rechtsschutzkommission und der kirchengeschichtlichen Kommission des hessischen Pfarrervereins. Die Ver­sammlung beschließt an das königliche Konsistorium die Bitte zu richten, daß zwischen Ostern und Pfingsten 1914 ein Kursus zur Pflege kirchlicher Kunst veran- staltet werde. Sodann hielt Professor D. Bornhäuser einen höchst interressanten Vortrag über die Mitarbeit der hessischen Pfarrer an der von der Gesamtsynode beschlossenen hessischen Kirchenkunde, über die zu be­achtenden Gesichtspunkte, damit dieses wertvolle Sammelwerk ein zuverlässiges Bild von den kirch­lichen Verhältnissen unserer engeren Heimat bietet. Seine Bitte um gründliche Vorarbeit wurde von allen Anwesenden freudig ausgenommen. Nach einigen Mitteilungen des Vorsitzenden wurde die Versamm­lung geschlossen.

):( Hersfeld, 9. Oktober. In der Reihenfolge des am Sonnabend den 18. ö. Mts. stattfindenden Fackel­zuges ist noch nachzutragen, daß der hiesige Kriegerverein direkt hinter der Kriegsschule folgen wird. Der Vorstand hat in freigebigster Weise die Beschaffung von 100 Fackeln aus der Vereinskasse für die Mitglieder, die am Zuge teilnehmen, beschlossen.

-f- Hersfeld, 9. Oktober. (Geheimhaltung von Spareinlagen bei den Sparkassen.) Der Herr Minister des Innern hat unterm 20. Mai 1913 an die Herren Regierungspräsidenten folgende Verfügung gerichtet, die in Nr. 6 des Ministerialblatts für die innere Verwaltung veröffentlicht wird:Es ist mehrfach beobachtet worden, daß Verwaltungen von Kreis- und Gemeindesparkassen, um das Publikum zur Benutzung ihrer Spareinrichtungen anzuregen, in Bekanntmachungen, welche durch die Tagespresse ver­öffentlicht werden, oder durch Plakate, welche in den Kassenräumen ausgehängt werden, ausdrücklich darauf hinweisen, daß ihren Angestellten die Erteilung jeder Auskunft über Sparer und Spareinlagenauch gegen- über den Steuerbehörden" untersagt sei. Diese Mit­teilungen sind insofern irreführend, als zwar für die Zwecke der Veranlagung der Staatssteuer die Ein­sichtnahme in die Bücher der Sparkassen nach Vor­schrift des § 36 des Einkommensteuergesetzes den Steuerbehörden untersagt ist, dagegen kein Zweifel darüber besteht, daß die Beamten und Angestellten der Sparkassen weder im Rechtsmittelverfahren noch im gerichtlichen Strafverfahren wegen Steuerhinter­ziehung eine Verweigerung ihres Zeugnisses über Vorhandensein und Höhe von Spareinlagen auf jene Vorschrift des Einkommensteuergesetzes begründen dürfen. Es erscheint nicht ausgeschlossen, daß Steuer­pflichtige, im Vertrauen auf die ihnen zugesicherte absolute Geheimhaltung ihrer Spareinlagen bei den Sparkassen, sich dazu verleiten lassen, diese Ersparnisse in den Steuererklärungen oder sonst der Steuerbe­hörde gegenüber zu verschweigen und daß sie sich hier­durch Bestrafungen aussetzen, auch der Staatskasse Nachteile zugefügt werden. Aber auch hiervon abgesehen entsprechen derartige Hinweise nicht der behördlichen Stellung der Verwaltungen öffentlicher Sparkassen, wie sie denn von den angeseheneren Sparkassenverwal- tungen, soweit bekannt, auch durchwag verschmäht werden, da sie füglich nicht anders verstanden werden können, als daß nach Niederlegung der Ersparnisse in die Sparkasse deren Verschweigung gegenüber der Steuerbehörde bei der gewährleisteten Geheimhaltung für den Steuerpflichtigen ohne bedenkliche Folgen sein werde. Ich ersuche, den Sparkassen hiervon Mitteilung zu machen und darauf hinzuwirken, daß derartige Hinweise in Zukunft unterbleiben.

Hammelburg (Rhön), 7. Oktober. Der 78 Jahre alte Bauer I. Manger von Lauter geriet unter eine Holzfuhre und erlitt solch schwere Verletzungen, daß er verstarb.

Jossa (Kreis Schlüchtern), 7. Oktober. In Ober­sinn stürzte der Oekonom Wilhelm Weidner vom Scheunengebälk herab und erlitt einen Schädelbruch.

Fulda, 8. Oktober. Die bei dem Um- und Er- weiterunasbau des hiesigen Bahnhofs beschäftigten Arbeiterkolonnen der Frankfurter Firma Ways n. Freitag streiken, weil diese das Verlangen der Lohn­erhöhung (man spricht auf 70 Pfg. die Stunde) ab­geschlagen hat.

Cassel, 8. Oktober. Vor dem Schwurgericht hatte sich heute der am 14. Mai 1894 zu Quedlinburg ge­borene Fürsorgezögling und jetzige Knecht Karl Ebe- ling, der bei einem Landwirt im Kreise Fritzlar beschäftigt war, wegen Straßenraubes zu verantworten. Am 6. Juli war er in Obervorschütz zu einem Sommer­vergnügen gegangen. Da er nur 50 Pfennig bei sich hatte, überfiel er auf der Laudstraße von Merkel nach Obervorschütz ein Dienstmädchen und raubte ihm 40 Pfennig. Er wurde bald danach ergriffen und gestand

die Tat ein. Der Angeklagte wurde wegen Straßen­raubes unter Zubilligung mildernder Umstände zu einem Jahr und sechs Monaten Gefängnis verurteilt. Die polnische Arbeiterin Pajong aus Raöing, die sich in Erlenberg in Stellung befand, hatte ihr Kind gleich nach der Geburt erdrosselt. Die Angeklagte wurde zu 2 Jahren und 9 Monaten Gefängnis ver­urteilt.

Gaffel, 7.0 ktober. Die Schulspeisung armer Kinder soll auch in diesem Winter wieder durchgeführt werden. Im vorigen Winter sind insgesamt 470 Schulkinder, Mädchen und Knaben, ohne Unterschied des religiösen Bekenntnisses täglich gespeist worden, sodaß über 50000 Portionen warmes Essen gereicht wurden. Die Leiter der einzelnen Volksschulen sprechen sich lobend über diese Schulspeisung aus, da sie vielfach die einzigste Möglichkeit bildeten, den armen Kindern warme Nahrung zukommen zu lassen; besonders im ver­gangenen Winter, der im Zeichen einer allgemeinen Teuerung stand, hat sich die Schulspeisung überaus bewährt, sodaß man sich bemüht, für dieses Winter­halbjahr die Mittel gegen das Vorjahr noch zu ver­größern.

Hanau, 7. Oktober. Seit einigen Tagen macht sich in der Nidda ein massenhaftes Fischsterben bemerkbar. Bei Jlbenstaöt z. B. wurden etwa 10 Zentner tote Fische aus der Nidda herausgeholt, darunter Barben und Hechte im Gewichte von 15 und 18 Pfund. Bei Okarben treten die toten Fische in derartiger Menge auf, daß die ganze Gemeinde damit hätte versorgt werden können. Vielfach wird mit diesem Sterben der Fische der Wiederbeginn der Tätigkeit einer Zuckersabrik in Verbindung gebracht, und zwar die künstliche Reinigung der Abwässer.

Frankfurt a. M., 8. Oktober. In der chemischen Fabrik Elektron zu Griesheim erfolgte gestern nach­mittag eine Carbidexplosion, bei der drei Arbeiter schwere Verletzungen an den Augen erlitten. Die Verunglückten, der 19 Jahre alte Bäuerlein und der 40 Jahre alte Johannes Matuschek, beide von Schwan­heim, sowie der 28 Jahre alte Konraö Krieg von Griesheim mußten dem städtischen Krankenhause zu­geführt werden. Der Materialschaden ist gering.

Frankfurt a. M., 8. Oktober. Der G. A. schreibt: Gestern ging in Wiesbaden ein Gerücht um, das auch in verschiedenen Zeitungen Aufnahme fand. Es heißt da: Eine kürzlich in Wiesbaden verstorbene ältere Dame vermachte der Ehefrau des Schreinergehilfen Gibner, die jahrelang bei ihr Aufwartedienste ver­richtete, ihr Vermögen von 1V2 Millionen Mk. Das Testament ist nach dem Ausspruch von Juristen un­anfechtbar. Der Bruder der Erblasserin hat sich des­halb auch mit einer bereitwillig angebotenen Summe in Höhe von 300,000 Mk. zufriedengestellt. Leider ist die schöne Geschichte nicht wahr. Sie wär ja auch zu schön gewesen. Genaue Nachforschungen eines Wies­badener Blattes ergaben, daß es wieder einmal nichts war mit derUebermenschenfrenndlichkeit."

Zeulenroda, 8. Oktober. Die Untersuchung in dem Strafverfahren gegen den flüchtigen Bankdirektor Stock aus Zeulenroda hat ergeben, daß dieser sich tatsächlich bei der Fremdenlegion befindet. Er ist dem zweiten Regiment zugeteilt und hat an seine zurzeit in Erfurt wohnende Frau aus Saida in Oran, wo dieses Regiment liegt, bereits eine Reihe von Briefen geschrieben. Es ist anzunehmen, daß die Staats­anwaltschaft, nachdem der Aufenthalt Stocks bekannt ist, unverzüglich dessen Auslieferung beantragen wird. Die Veruntreuungen des Defrauöanten belaufen sich auf über 300,000 Mk. die er fast ausschließlich ver­spekuliert hat.

Kella, 8. Oktober. Ein übles Kirmesnachspiel er­eignete sich gestern abend in unserem Orte. Eine Anzahl Burschen und Mädchen hatten sich zu einer Abschiedsfeier eingefunden. Gegen 9 Uhr abends wurde es mit einem Male auf der Straße laut und es fielen Schüsse. Eine Frau öffnete das Fenster, um nach der Ursache zu sehen und in diesem Augen­blick erhielt sie einen Schuß in den Mund, der ihr die Kinnlade arg verletzte. Es mußte noch in der Nacht ärztliche Hilfe herbeigeholt werden.

Gudensberg, 7. Oktober. Ein bedauernswerter Unfall ereignete sich hier heute. Mehrere Kinder hatten aus umherliegenden Holzstücken einHäuschen" gebaut. Plötzlich siel dieses zusammen und ein Holz- stück traf das dreijährige Töchterchen des Landwirts S. so unglücklich, daß dasselbe einen schweren Schädel­bruch erlitt.

Wetteranssichten für Freitag den 10. Oktober.

Heiter, später erneute Trübung mit Regenfällen, keine Temperaturänderung, westliche Winde.