Set englische „Zeppelin" fertig.
Die Lehren von Lnneville für die Engländer und Franzosen.
Nach einer Londoner Meldung ist auf der Luftschiffwerft in Fernborought ein starres Luftschiff fertiggestellt, das dem deutschen Zeppelinluftschiff recht ähnlich sieht. Das Luftschiff ist in Bezug auf die Form, Gondel- anlage usw. ganz ähnlich wie der deutsche „Zeppelin" ausgestaltet worden. Damit hat die englische Heeresverwaltung sich also zum zweiten Male an einen Versuch begeben, den man für endgültig eingestellt halten mußte, da seit längerer Zeit von den früher viel be- sprochenen starren Luftschiffarbeiten alles still geworden war. Mit einem Wort: England bemüht sich zum zweiten Male, unseren „Zeppelin" nachzubauen.
Vielleicht ist es etwas voreilig, zu prophezeien, aber man hat heute doch bereits ein gewisses Recht, allen solchen Versuchen mit einer sehr großen Dosis von Skeptizismus entgegenzusehen. Es ist nicht so einfach, den „Zeppelin" nachzubauen. Es genügt ganz gewiß nicht, seine Photographie ins Große zu übertragen und in die ihm abgesehene äußere Hülle ein Luftschiff hineinzu- bauen. Auch die Franzosen haben in ihrem starren Luftschiff „Spieß" den „Zeppelin" nachgebaut. Besonders nach der Landung des Zeppelin bei Lnneville hatte, wie man aus jüngsten Bildern feststellen konnte, der „Spieß" eine solche Aehnlichkeit mit unseren „Z-Luft- schiffen", daß selbst Graf Zeppelin bei Anblick dieser Photographien erklärte, er glaubte das Bild einer seiner eigenen Luftschiffe zu sehen. Trotzdem fliegt der „Spieß" nicht. Er hat, das weiß man, Fiasko gemacht. Es konnte sich zwar eine kurze Zeit in der Luft halten, aber er mußte wieder in die Halle gebracht werden und wird umgebaut, denn er hatte kein Gleichgewicht und die Steuer arbeiteten nicht.
Lnneville war eine Lehre aber ... für die Franzosen und Engländer. Der „Zeppelin" Hat's in sich. Und ehe nicht einer der französischen und englischen Spione, die gewiß in Hamburg, Frankfurt und Fried- richshafen alles Mögliche anstellen, um hinter die „Konstruktionsgeheimnisse" der Zeppelin zu kommen, in so ein Luftschiff hineingekrochen fein und alle Einzelheiten
»genau abgezeichnet haben werden, wird ihnen das auen nicht viel nützen. Das Fiasko des ersten englischen „nachgemachten Zeppelin", der auf den Bildern der englischen Wochenschriften von außen fast wie ein echter aussah, ist noch in Erinnerung. Vielleicht wird der zweite Bau kein solcher Mißerfolg. Es ist ja nicht unmöglich, denn schließlich könnte sich ja inzwischen ein genialer Ingenieur gefunden haben, der dem Grafen Zeppelin sein Luftschiff auch innerlich nachempfunden hat.
Nun, wir werden auch dann noch beruhigt sein können: wir haben den Vorsprung einer 12jährigen unschätzbar reichhaltigen Erfahrung. Und selbst, wenn heute eine brauchbare englische Nachbildung des „Zeppelin" herauskäme und ihre Kinderkrankheiten schneller über- wänöe, als ihr Vorbild, auch dann wäre keine Befürchtung nötig, denn unser Vorsprung ist schwer einzuholern zumal Zeppelin noch ganz und gar nicht am Ende ist, sondern vielleicht jetzt erst beginnt, aus feinem Luftschiff das herauszuholen, was wirklich in ihm steckt. Erheblich gesteigerte Leistungen aller letzten Neubauten zwingen geradezu zu diesem Schluß.
Das Elend der Armdeulegionüre.
' Die Leiden eines Sechzehnjährigen.
In einer Cölner Versammlung gegen die Fremdenlegion hat ein ehemaliger Fremdenlegronär Hasselmann die in der Legion vorkommenden Grausamkeiten geschildert. Als Sechzehnjähriger auf der Wanderschaft begriffen, fiel Hasselmann in Nancy einem Werber in die Hände, der ihn betrunken gemacht hatte und zur Unterschrift verleitete. Hasselmann schilderte im besonderen die sittlichen Gefahren, denen besonders junge Deutsche ausgesetzt seien, die von älteren Leuten und Vorgesetzten zu unsittlichen Zwecken mißbraucht würden. Wer sich weigere, fliege ins Gefängnis.
Hafselmann erhielt seine erste Strafe, als er einen jungen Landsmann gegen unsittliche Zumutungen schützen wollte. Da er sich der Gefangenschaft widersetzte, erhielt er mehrmals Strafen, und zwar solche zu 10, 15 und 25 Jahren. Er unternahm 11 Fluchtversuche, wobei er zehnmal gefaßt wurde und alsdann furchtbare Qualen zu erdulden Hatte. An Händen und Füßen gefesselt, wurde er im Sommer acht Tage dem Sonnenbrände ausgesetzt, während er zu anderen Jahreszeiten mit nacktem Körper gefesselt aus kalten Steinen liegen mußte. Drei Jahre mußte er in Eisenfesseln schlafen. Zweimal wurde er zum Tode verurteilt, auf entsprechende Gnadengesuche der Eltern aber zu lebenslänglicher Verbannung auf die Teufelsinsel geschickt. Schließlich gelang Hasselmann die Flucht in die westindischen Urwälder.
In Hamburg sind wieder fünf Deserteure der Fremdenlegion eingetroffen. Vier von ihnen sind auf dem ■ Transport von Oran nach Tonking von Bord eines französischen Schiffes ins Meer gesprungen und an Land geschwommen. Sie erhielten von Engländern Geldmittel und begaben sich nach Alexandrien, von wo sie sich nach
Deutschland einschifften. Einer der Flüchtlinge, ein Amerikaner namens Hülsmann, hat eine abenteuerliche Flucht hinter sich. Er desertierte mit nenn Kameraden, die sämtlich von Beduinen angegriffen und ntederge- metzelt wurden. Hülsmann entging dem Tode angeblich nur dadurch, daß er dem Häuptling des Stammes gegenüber sich als deutscher Reichsangehöriger ausgab. Der Häuptling nahm Hülsmann in seinen persönlichen Schutz und führte ihn dem deutschen Konsul in Tanger zu. In Hamburg wurde Hülsmann festgenommen, weil er angeblich sich seiner Militärpflicht entzogen hatte: als sich jedoch herausstellte, daß er amerikanischer Staatsangehöriger ist, wurde er weiter in Haft behalten, weil er sich dem deutschen Konsul gegenüber als deutscher Staatsangehöriger ausgegeben hat, obgleich er amerikanischer Staatsbürger ist.
Politische Rundschau«
Der Kanzler als Gast in München. Reichskanzler von Bethmann Hollweg, begleitet vom Unterstaatssekre- tär Wahnschaffe, ist Sonntag vormittag 9% Uhr aus Berlin in München eingetroffen. Er begab sich in das preußische Gesandtschaftspalais, wo er für die Dauer seines Aufenthaltes Wohnung nimmt. Abends folgte der Reichskanzler einer Einladung des Staatsministers Freiherrn von Hertling zum Diner. Das Frühstück am Montag nahm er beim Staatsminister des Innern Dr. Freiherrn von Soden ein. Am Dienstag vormittag wird sich der Reichskanzler auf Einladung des Prinz- regenten auf Schloß Linderhof begeben, wo er einige Tage der Hochgebirgsjagd obliegen wird.
Die deutschen Volksschulen tu der Welt voran. Die letzten Erhebungen haben ergeben, daß in Deutschland rund 12 000 Analphabeten leben. Es sind also nur noch 0,02 Prozent Analphabeten vorhanden. Diese befinden sich in den Gegenden, in denen viele Ausländer, besonders Russen, zugezogen sind. Man kann annehmen, daß kein einziger Deutscher mehr als Analphabet bezeichnet werden kann. Zum Vergleich diene die Tatsache, daß selbst Frankreich noch 4,6 Prozent und Oesterreich 3,4 Prozent Analphabeten aufzuweisen haben. Deutschland marschiert also an der Spitze der Welt.
Die Zollpolitik der Nationalliberalen. Auf dem Be- grüßungsabenü der in Wiesbaden zusammengetretenen nationalliberalen Reichstagsfraktion streifte der Abgeordnete Bassermann bei feiner die Ziele der äußeren und inneren Politik berührenden Ansprache auf die Zolltarifrevision und die Handelsvertragsentwürfe und betonte ausdrücklich, daß bei deren Beratung im Reichstage die Partei sie in demselben Geiste zu lösen versuchen werde, der sie im Jahre 1902 dem Zolltarif des Fürsten Bülow zustimmen ließ.
Der Prozeß Knittel wird sicher ein parlamentarisches Nachspiel haben. Die „Germania" erklärt: „Es ist nicht nur für den Amtsrichter Knittel als Zentrumsmann, sondern für die ganze Zentrumspartei eine schwere Beleidigung, wenn ein Reserveoffizier dafür bestraft wird, daß er als Mitglied der Zentrumspartei Parteiöisziplin übt und dementsprechend sein Wahlrecht ausübt, indem man wider seinen Willen und ohne irgendwelches militärisches Verschulden, das seine Offiziersehre tangieren könnte, zur Landwehr versetzt. Es kann deshalb nicht ausbleiben, daß dieser neue Prozeß Knittel im Reichstage zu einer Interpellation führen wird, die den neuen Kriegsminister von Falkenhayn in eine wenig angenehme Lage bringt und vielleicht weitere Folgen nach sich ziehen wird."
Eine Englandreise des österreichischen Thronfolgers. Der Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand wird sich Anfang November d. Js. in Begleitung feiner Gemahlin, einer Einladung des Königs von England Folge leistend, zum Besuche des Königs und der Königin von England nach Windsor begeben. Bei dieser Gelegenheit werden Jagdausflüge stattfinöen. Von einer Teilnahme des Thronfolgers und seiner Gemahlin an den Jagden des Deutschen Kaisers ist nichts bekannt.
Frankreich verproviantiert sich. Schon vor einiger Zeit wurde darauf hingewiesen, daß im ersten Halbjahr 1913 eine überraschend große Menge von Getreide und Mehl nach Frankreich ausgeführt wurde, wie sie tn früheren Jahren niemals auch nur in ähnlichem Umfange bestanden hat. Die Vermutung lag deshalb nahe, daß diese umfangreichen Bezüge deutscher Agrarprodukte durch Frankreich nicht aus wirtschaftlichen Gründen, sondern nur aus politischen zu erklären waren, und daß es sich um eine Verproviantierung für den Fall eines Krieges Handelt. In den beiden letzten Monaten hat diese starke Ausfuhr an Getreide und Mehl angehalten, und ist sogar teilweise noch weiter gestiegen.
Kleine Radiriditen«
Ei« Zeitgenosse von 1813 lebt, oberschlesischen Blättern zufolge, in Kallina (Kreis Lüblinitz): er heißt Johann Kiczinsky. Er ist im Jahre 1808 geboren und kann sich der damaligen Kriegswirren, die er als Knabe erlebte, erinnern. Kiczinsky hat später beim Kaiser Alexander-Regiment gedient und an mehreren Gefechten in Bayern und Spanien teilgenommen. Er ist Schmiedemeister und lebt in recht dürftigen Verhältnissen.
Ein Pfennig zu viel! Erhielt da dieser Tage ein angesehener Bürger von Klingenthal in Sachsen durch
einen Schutzmann die Aufforderung, er möge in Steuer- angelegenheiten an Gemeinöeamtsstelle erscheinen. Der Wackere, der nicht ahnte, was ihm bevorstand, leistete der Aufforderung Folge, und siehe da: er wurde belohnt. Man zahlte ihm einen Pfennig zu viel vereinnahmter Steuern zurück!
Eine Erinnerung an den Heinze-Prozetz. Im Krankenhause zu Burg bet Magdeburg starb der Schlosser Carl Heinze, dessen Name durch den großen Mord- prozeß im Jahre 1891 sowie den Gesetzentwurf, der seinen Namen führte, die bemannte Lex Heinze, weit über Deutschland hinaus bekannt wurde. Heinze war seinerzeit wegen Ermordung des Nachtwächters Braun zu 15 Jahren Zuchthaus trotz ständigen Leugnens verurteilt worden. Kurz vor seinem jetzigen Tode gestand er der behandelnden Schwester, daß er nun, wo er bald vor Gott stehen würde, noch einmal beteuern wolle, daß er unschuldig verurteilt worden sei.
Familieudrama aus Not. Nach einer Meldung aus Silberbach an der sächsischen Grenze spielte sich dort ein furchtbares Familiendrama ab. Es stürzte sich aus Not die Bäckersgattin Teimann mit ihrem Kind in einen Teich. Die Frau konnte gerettet werden, das Kind aber blieb tot. Aus Verzweiflung darüber erhängte sich der Mann.
Ein Weltradiummonopol. Wie die „Bohemia" erfährt, ist in London eine Gesellschaft in der Bildung begriffen, welche die Ausbeutung der bereits bestehenden und vielleicht noch zu erwartenden Raöiumvorräte den ganzen Welt zu monopolisieren bezweckt. Die Ge- Sft, die in London ihren Sitz haben soll, wird ein kapital von 15 Millionen Mark besitzen.
Tödlicher Fliegerabsturz im Wirbelwind. Ein französisches Militärflugzeug, das von einem Unteroffizier gelenkt wurde, ist bei Reims infolge eines Wirbelwin- des abgestürzt. Der Unteroffizier wurde getötet, fein Fluggast, ein Soldat, schwer verwundet. — Der Flieger Ssvel wurde bei der Landung aus seinem sich überschlagenden Flugzeug dreißig Meter weit herausge- schleudert, erlitt einen Schädelbruch und war auf der Stelle tot.
Dampferzusammenstotz im Kanal. Auf der Höhe von Yarmouth stießen der Londoner Dampfer „Corn- wooö" und der Dampfer „Gardenia" zusammen. Es herrschte dichter Nebel und die „Gardenia" fank in vier Minuten, ehe die Rettungsboote herabgelassen werden konnten. Die Kessel explodierten und das Schiff wurde in zwei Teile gerissen. 17 Mann der Besatzung werden vermißt. Sie sind anscheinend ertrunken.
Lohnbewegung der englischen Postbeamten. Das vereinigte Nationalkomitee der Post- und Telegraphenangestellten Englands beschloß, für die Mitglieder aller an das Nationalkomitee angeschlossenen Körperschaften eine unverzügliche Lohnerhöhung auf der Basis von 15 Prozent zu verlangen. Es sollen im ganzen Lande Massenversammlungen organisiert werden.
Durch einen schweren Hagelschlag und Wolkenbruch, die Sonntag abend über Cöln und Umgebung niedergingen, wurden die nahe dem Rhein gelegenen Straßen überschwemmt.
Internationale Einbrecher durchbrachen Sonntag abend den Fußboden über den Räumen der Depositenkasse der Deutschen Bank in der Wtlsörufer Straße zu Dresden. Alle Versuche der Spitzbuben, die Tresore und Kassenschränke zu öffnen, scheiterten, ebenso alle Anstrengungen, die Panzerwände zu durchbohren.
Tooessturz vom Dache. Der Kapellmeister einer in Rüstringen bei Wilhelmshaven gastierenden Kapelle verübte Selbstmord, indem er sich vom Dache eines Etablissements auf die Straße stürzte. Er war sofort tot.
Eine Tragödie im Freiballon. Beim Aufstieg eines Freiballons in Barcelona wurde Sonntag nachmittag ein Mann am Leitseil mit in die Höhe gerissen. Der Ballonführer stürzte bei dem Versuche, den Mann in die Gondel zu ziehen, aus zehn Metern Höhe auf die Erde und war sofort tot. Der am Seil Hängende fetzte die Reise in seiner gefährlichen Lage noch einige Kilometer fort. Dann landete der Ballon, ohne daß der Erschöpfte Schaden genommen hatte.
Gericht und Recht.
Todesurteil und lebenslängliches Zuchthaus. Das Schwurgericht in Zweibrücken verurteilte den Taglöhner Karl Spohn, der in Rimschweiler ein Mädchen ermordete, das seine Liebeswerbung abwies, zum Tode. — Das Münchener Schwurgericht verurteilte den Taglöhner Danzer, der im Februar einen Gastwirt, der ihn bei einem Einbruch überrascht hatte, durch einen Messerstich in das Herz getötet hatte, zu lebenslänglichem Zuchthaus.
Ein neuer Freispruch französischer Geschworener ist diesmal sogar einem Vatermörder und einer ebenso schuldigen Gattin gegenüber erfolgt. Vor den Geschworenen der Oise in Beauvis standen am Donnerstag der 20jährige Arbeiter Portier und seine 42 Jahre alte Mutter unter der Anklage, den Gatten und Vater ermordet zu haben. Der alte Portier war ein unverbesserlicher Tunkenbold, der seine Frau mißhandelte und sich sogar an seinen beiden Töchtern vergehen wollte. Eines Tages sagte die Mutter zu ihrem Sohn: „Wenn ich nur Courage hätte!" „Was würdest Du dann tun?" fragte der Sohn. „Dann würde ich Deinen Vater ermorden!"
Immer aus dem Posten.
Erzählung aus Frankreichs Vergangenheit von
Klara Reichner.
Schluß) (Nachdruck verboten.)
„Es lebe der Kaiser!" Indem er mit Begeisterung diese Worte rief, ergriff der Kommissär eine Handvoll aus den aufgestapelten, der Zerstörung geweihten Waren heraus, um sie dem Volke zu zeigen und dann selbst in die Flammen zu werfen. Nichts war in seinem ernsten Gesicht zu lesen als Beamtenpflicht und Treue, Patriotismus und Gehorsam. Was dabei im Innern dieses unglückseligen Mannes vorging, in dessen nun verödetem Hause sein einziges Kind auf der Totenbahre lag, dahingerafft in der Schönheit und Jugend durch — wie jedermann annahm — einen „Unglücksfall" — das freilich konnte nur Gott im Himmel wissen, außer zwei Personen vielleicht, die zugegen waren. Was Raoul von Brisson empfand, vermag keine Feder zu schildern. Dumpf und stumpf wohnte er mechanisch dem ganzen Vorgänge mit bei, heimlich beobachtet von den tiefbewegten Blicken des alten treuen Dieners.
Die Ehre der Briyons war um hohen Preis gerettet.
Auf das Gebot des Kommissärs wurden nun die Kisten, mit Stoffen und roher Seide angefüllt, die großen Tabaks- und anderen Fässer geöffnet, und bald hatte die gierige Glut den Wert von Hunderttausenden verzehrt zu Banch und M&
Jubelnd sah die erregte Menge zu: auch der Ma- riuekommifsär und sein Gefolge blieben zur Stelle, bis die ganze Ladung des Schmugglerschiffs ein Raub der Flammen geworden war. Dann erst verließen sie den Platz, begleitet von den begeisterten Rufen des Volkes: „Es lebe der Kaiser! Es lebe die Kontinentalsperre! Es lebe der Marinekommissär l"
Einer freilich rief letzteres nicht mit: es war der alte Lampert. „Ihr blinden Maulwürfe!" murmelte er in sich hinein. „Das war eine teure Zeche, Herr Kom- missär. Doch — der Tod löscht jede Schuld. O, mein armer junger Herr! Und dennoch — dem Himmel sei Dank! Der Name Brisson ist rein geblieben. Die Frau Marquise wird mit mir zufrieden sein!" —
In dem prächtigen Hause des Marinekommissärs aber lag bleich und still, auf Blumen reich gebettet, mit Blumen zugedeckt, selbst einer vom Sturm geknickten Blume gleichend, die schöne Angelika, „das Opfer eines traurigen Zerfalls", wie die Menschen meinten, indem sie den unglücklichen Vater beklagten, dem es sehr hoch angerechnet wurde, trotzdem so gewissenhaft der heutigen schweren Pflicht genügt zu haben. Der Kaiser belohnte auch den treuen Beamten mit dem Kreuz der Ehrenlegion. Es war die letzte kaiserliche Ehrenbezeigung für ihn, denn bald darauf nahm er seinen Abschied, um nach dem fernen Indien zurückzukehren, wo er nicht lange danach bei einer Tigertag- fein — vielleicht freiwilliges — Ende fand.
Der kaiserliche Beamte, mit dem Kreuz der Ehrenlegion auf der Brust, war ein ehrloser Mensch, dem
das schmutzige Gold aus der Hand des Feindes lieber war als das reine Gold eines edlen Charakters. Aber der Preis, um den er sich hatte bestechen lassen, war doch nicht hoch genug: er kostete auch das Leben des einzigen, mit seiner Unschuld ins schwarze Komplott gezogenen Kindes, er kostete sein eigenes Leben — das Leben eines vor feinem Gewissen und seinem Gott geschlagenen Mannes.
Raoul von Brisson — durch eine Tapferkeitsme- öaille dekoriert und zum Kapitän ernannt — schloß sich einer langen Expedition ins Ausland an, ohne daß seine Mutter dagegen protestierte. Als er nach einigen Jahren — ein ernster und gereifter Mann — wieder in die Heimat kam, erfüllte er den Herzenswunsch der geliebten Mutter, indem er mit Gabriele von Solanges sich vermählte und, im Besitz einer wahrhaft edlen Frau, sein eigenes Glück und das seines Hauses begründete. Der alte Lampert, als treuer Freund und Diener von allen geliebt und verehrt, erlebte noch die Wonne, die Kinder seines Lieblings Raoul, wie einst diesen, in den Armen zu wiegen und auf den Knieen zu schaukeln und ihnen den ersten Grundsatz eines braven Soldaten ein- zuprägen: „Immer aus dem Postens
Ende.