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Amtlicher Anzeiger ^^^ für den Kreis Hersfeld
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Zernsprech-Nnschluh Nr. 8
Nr. 133. (Zweites Blatt.)
Sonntag, den 5. Oktober
1913.
Schlechte und gute Mittet gegen Fleischteuerung.
Man schreibt uns: Immer lauter erheben sich schon wieder die Stimmen der falschen liberalen „Bauernfreunde" aus allen Ecken, um eine erneute oder erweiterte Zulassung ausländischen Viehs oder Fleisches auf den deutschen Markt zu fordern. In diesem Augenblick ist es interessant, daß die „Kölnische Zeitung" auf den verfehlten Versuch hinweist, mit Hilfe der in Saßnitz errichteten Quarantänestation den „Ueberschuß schwedischer Rinder" nach Deutschland zu leiten. Ganze
500 Schlachttiere sind im ersten Quartal aus Schweden über diese Station auf den deutschen Markt gekommen. Diese Zufuhr von 5—6 Rindern pro Tag ist in ihrer Wirkung auf die Versorgung dieses große Marktes gleich Null. In dem auch mit R
dünn besetzten Schweden hat dieser schwunghafte Export nach Angaben des liberalen Blattes selber
en deutschen
indvieh sehr
schon einen so starken Fleischmangel erzeugt, daß die dortige Regierung zu dem verzweifelten Mittel greifen mußte, einen sachverständigen Professor nach Argentinien zu senden, der die Zufuhr von Eisgebeinen zur Linderung der brennenden Fleischnot in die Wege leiten soll. Die schwedische Regierung scheint die falschen Leubeschen Schilderungen über die angeblich unerschöpflichen Fleischquellen dieses Landes zu ihrer Information benutzt zu haben, sonst hätte sie das teuere Reisegeld für den Fleischsucher sparen können. In Deutschland wenigstens ist es außer diesem Herrn Leube jedem Sachkundigen bekannt geworden, daß auch in Argentinien Fleischteuerung herrscht und daß man bereits mit gesetzlicher Einschränkung der Export- Schlachtungen dagegen vorgehen will. Für uns sind die Mitteilungen der liberalen Kölnerin über die Fleischnot in Schweden nur als Beispiel dafür interessant, daß es kein Land auf der Welt gibt, welches den großen Fleischbedarf Deutschlands längere Zeit hindurch auch nur zu einem ins Gewicht fallenden Teile decken könnte. Sowie die so kräftig wirkende deutsche Säugpumpe irgendwo angesetzt wurde (Rußland, Frankreich, Holland usw.) trat bald Ebbe in dem Viehüberschuß der betreffenden Länder ein und ließ die Preise so emporschnellen, daß das Importgeschäft unrentabel wurde. Wir tun daher am besten, uns nur auf unsere inländische Viehproduktion zu verlassen und diese nicht durch Einfuhrversuche in ihrer Entwickelung zu stören, statt sie mit allen Mitteln zu fördern.
. Ein solches Mittel, für Produzenten und Konsumenten gleich vorteilhaft, wäre der Abschluß langfristiger Lieferungsverträge zwischen Stadtverwaltungen und landwirtschaftlichen Korporationen. Solche Verträge aber haben die vom Hanfabunde mit Agrarierhaß erfüllten Großstädter fast überall abgelehnt. Wie schlecht sie dabei beraten waren, das hält ihnen auch die liberale „Köln. Ztg." vor. Die schleswig-hol- steinische Landwirtschaftskammer hatte vor einem Jahre den Städten Kiel und Altona einen fünfjährigen Lieferungsvertrag über je 50 000, Hamburg über 100 000 Schweine pro Jahr zu dem zivilen Preise von 50,70—51,35 M. angeboten. Diese Offerte wurde als zu teuer oder auch aus prinzipiellen Gründen abgelehnt. Nun hat sich aber herausgestellt, daß der Preis für Schweine in Kiel sich nur 2 Wochen um P-—1M. unter, die übrigen 50 Wochen des Jahres weit über (bis 15 M.) dem vertraglich offerierten Lieferungspreise gehalten hat. Wieviel Geld also hätten die Großstädter sparen können, wenn sie den Lieferungsvertrag mit den Agrariern abgeschlossen hätten? Welchen Aufschwung würde auf der anderen Seite die deutsche Schlachtviehproduktion nehmen, wenn sie mit jahrelang stabilen Preisen rechnen könnte? Hier haben wir tatsächlich ein gutes Mittel gegen die Fleischteuerung, aber dieliberal-demokratischenStäöterweisen es aus Agrarierhaß zurück und schreien laut nach dem schlechten, trügerischen Mittel der Auslandszufuhr.
Jäger zu Bserde.
Bekanntlich werden am 1. Oktober d. Js. sieben Kavallerie-Regimenter, davon vier an der Westgrenze in Trier, St. Avold und Saarlouis, und drei an der Ostgrenze in Jnsterburg, Angerburg und Goldap, Tarnowitz und Lublinitz als' Jägerregimenter zu Pferde, neu aufgestellt. Der Ursprung dieser in den letzten Jahren so schnell gewachsenen Gattung unserer Kavallerie, einer ureigenen Schöpfung des Kaisers liegt noch nicht zwanzig Jahre zurück. Am 1. Oktober 1895, wurden drei Melöereiteröetachements gebildet, die dem Garde-, dem 1. und 15. Armee-Korps zugeteilt wurden. Schon 1897 wurden zwei weitere Detache- ments bei dem 14. und 17. Armee-Korps aufgestellt, und nunmehr erhielten alle fünf den Namen: Detache- ments Jäger zu Pferde. Nachdem 1899 die Benennung in „Eskadrons Jäger zu Pferde" umgeändert worden
war, wurden am 1. Oktober 1900 drei weitere Eskadrons, eine beim 12. und zwei beim 11. Armeekorps aufgestellt. 1901 erhielt die dem Garde-Corps zugeteilte Eskadron die Bezeichnung „Eskadron-Garde-Jäger zu Pferde"" und die den Provinzial-Armee-Korps zugeteilten, deren Nummer; nur die bei dem 11. Armee- Korps vorhandenen beiden Eskadrons wurden mit den Nummern 10 und 11 als „Kombiniertes Detache- ment Jäger zu Pferde" zusammengefaßt. Am 1. Oktober 1901 wurden dann fünf neue Eskadrons aufgestellt und zu einem Regimente vereinigt, das seit dem 8. August 1905 „Regiment Königs-Jäger zu Pferde No. 1" heißt, da sich am genannten Tage der Kaiser zu seinem Chef erklärt hatte. Die bei den verschiedenen Armeekorps noch bestehenden einzelnen Eskadrons wurden dann in rascher Folge zu Regimentern zusammgefügt. So entstanden am 1. Oktober 1905 das 2. und 3. Regiment, im Jahre später das 4. Regiment. Am 1. Oktober 1908 wurde das 5. Regiment an demselben Tage 1910 das 6. Regiment aus Ausgaben geschlossener Eskadrons aus schon bestehenden Kavallerie-Regimentern gebildet. Auf dieselbe Weise werden nunmehr am 1. Oktober d. Js. die Regimenter 7—13 gebildet werden. Preußen hat somit nach dem genannten Zeitpunkte 23 Kavallerie-Regimenter: 10 Kürassier-, 26 Dragoner-, 18 Husaren-, 19 Ulanen- und 13 Jäger-Regimenter. Aus dieser kurzen geschichtlichen Skizze ist zu ersehen, daß alle Neuformationen an Kavallerie feit dem Kriege von 1870-71 als Jäger zu Pferde aufgestellt worden sind. Es konnte daher garnicht auffallend sein, daß auch die jetzt aufzustellenden sieben Regimenter Jäger-Regimenter zu Pferde werden sollen. Trotzdem haben einige Leute, die an allem nörgeln und mäkeln müssen, die Frage ausgeworfen, warum die neuen Regimenter gerade als Jäger zu Pferde aufgestellt werden. Nach echt demagogischer Art haben sie keine andere Erklärung dafür zu finden gewußt, als daß diese neue Truppengattung eine persönliche Liebhaberei des Kaisers sei. Diesen Unsinn widerlegen zu wollen, heiße ihm wirklich zu viel Ehre antun, aber es dürfte doch nicht uninteressant sein zu erfahren, aus welchen Gründen man zu den schon bestehenden vier Gattungen von Kavallerie noch eine fünfte ins Leben gerufen hat. Die preußische Kavallerie ist bekanntlich eine Einheits-Kavallerie, die einheitlich bewaffnet ist und durchweg nach denselben Vorschriften ausgebildet wird. Man unterscheidet zwar in ihr Kürassiere, Dragoner, Husaren und Ulanen, das kommt aber nur daher, daß die Bezeichnungen und die Uniformen dieser verschiedenen Gattungen als Ueberlieferungen aus alten, ruhmvollen Zeiten auch heute noch in Ehren gehalten werden. Nun hat sich nach den Erfahrungen der letzten Kriege die Notwendigkeit herausgestellt, dem Soldaten eine Uniform zu geben, die sich möglichst wenig im Felde sichtbar macht. Wenn schon unsere einfache blaue Infanterie-Uniform diesen Anforderungen nicht entspricht, so ist das bei den oft recht bunten, Hellen und leuchtenden Uniformen der Kavallerie noch viel weniger der Fall. Man hat sich daher zur Einführung einer felützrauen Uniform für das gesamte Heer entschließen müssen, was den nicht zu umgehenden Nachteil hat, daß noch für lange Jahre eine Friedens- und eine Felduniform in Gebrauch ist.
Bei Aufstellung neuer Kavallerie-Truppenteile mit ihrer immerhin teueren Uniform mußte man auf diese Verhältnisse Rücksicht nehmen, und gab daher der neugeschaffenen Gattung von vornherein eine Uniform, die sie unverändert auch im Kriege, nur unter Ablegung einiger Zierrate tragen kann. Also gerade die Rücksicht auf die Sparsamkeit, die von allen Seiten der Armee so eindringlich empfohlen wird, hat bei diesen Erwägungen den Ausschlag gegeben. Aber zu der Eiufachheit und daher Billigkeit der Uniform kommt noch hinzu, daß die Jäger zu Pferde keine großen, starken Leute brauchen, die bei der Fußartillerie, der Matrosenartillerie und nach altem Brauch bei deu Kürassieren viel nötiger sind. Der Mannschaftsersatz wird daher keine Schwierigkeiten machen, ebensowenig die Beschaffung der Re- monteu, wobei noch der Vorteil besteht, daß für die kleineren und leichteren Leute, auch leichtere und daher billigere Pferde genügen. — Diese so einfachen und selbstverständlichen Gründe hätte eigentlich jeder von selbst finden können, der von militärischen Dingen auch nur eine kleine Ahnung hat und nicht etwa von der Absicht ausgeht, Mißtrauen zwischen Heer und Volk zu säen. Aber es ist leider ein Zeichen der Zeit, daß die Leute sich gerade in die Dinge einzumischen berufen fühlen, von denen fte herzlich wenig oder nichts verstehen. Das klassischste Beispiel ist die große Menge von Entschließungen zum Heereshaushalt, die der Reichstag bei der Beratung der lohten Heeresvorlage angenommen hat. Sie zeigen fast durchweg eine Unbekanntschaft mit militärischen Dingen, die im Lande der allgemeinen Wehrpflicht direkt beschämend ist.
Die deutsche Auswanderung.
Die Erschwerung der Lebensbeöingungen in einem Lande zeigt sich nirgends so deutlich, als in den wachsenden Ziffern über seine Auswanderungen. Hätte also die linksstehende Presse mit ihren Behauptungen von der „Auspowerung" unseres deutschen Vaterlandes recht, so müßte, da ja die Verhältnisse sich angeblich immer mehr noch verschlechtern sollen, die Zahl der Auswanderer von Jahr zu Jahr zunehmen. . Die Statistik sagt allerdings gerade das Gegenteil. Danach wanderten aus Deutschland aus:
im Jahre 1893 insgesamt 87 677 oder 1,73 pro Mille „ „ 1903 „ 26 221 „ 0,62 „ „
„ „ 1912 „ 18 645 „ 0,28 „ „
In 20 Jahren ist also die Prozentzahl der Auswanderer zur Einwohnerzahl von 1,73 auf 0,28 gesunken, ein sprechender Beweis dafür, daß heute nur noch wenige Leute der Meinung sind, im Ausland das ersehnte Dorado, das ihnen für leichte Mühe große Schätze zu schenken vermag, zu finden. Gewiß, dazu hat die allgemeine Aufklärung namentlich durch die Presse über die ausländischen Verhältnisse ihr gut Teil beigetragen, indem sie allzu utopistische Hoffnungen und Erwartungen nicht mehr aufkommen ließ. Allein den gewaltigen Rückgang der Auswanderung ganz ihr zu gute rechnen zu wollen, ist nicht angängig. Die zahllosen Agenten der ausländischen Staaten, besonders Brasiliens, mit ihren glänzenden Prospekten bildeten der Aufklärung der Treffe gegenüber ein zu starkes Gegengewicht. Es muß demnach in der Hauptsache eine andere Ursache gewesen sein, welche die deutsche Bevölkerung von der Auswanderung abgehalten hat. Diese zu finden, braucht man nicht weit zu gehen. Nicht die Tatsache, daß es dem Arbeiter in Deutschland nicht schlechter geht, als im Auslande, sondern daß es ihm überhaupt „gut geht", ist die Ursache. Man betrachte nur — allerdings nicht durch eine Parteibrille — die allgemeine Lebenshaltung der unteren Stände, die für die Auswanderung besonders in Frage kommen, von heute mit der vor zwanzig, fünfundzwanzig Jahren.
Man berücksichtige die ganz gewaltige Steigerung der Löhne, welche die der Lebensmittel prozentual weit übertrifft. Man beobachte endlich, was heute für iöeele Genüsse, vom „Kientopf" angefangen bis zu Konzerten und Theatervorstellungen, von diesen Ständen vertan wird, und man wird es begreiflich finden, wenn sie sich unter diesen Verhältnissen recht wohl befinden und mit ihrer augenblicklichen Lage sehr znfrieden sind. Diese allgemein günstige Lebenshaltung im Deutschen Reich, die sich natürlich am deutlichsten immer in den untersten Ständen zeigt, ist die Hauptursache für den starken Rückgang der Auswanderung. Ist doch sogar die Auswanderung nach den Vereinigten Staaten, dem Hauptziel der deutschen Auswanderer in den vergangenen zwanzig Jahren auf ein knappes Sechstel zurückgegangen, von 78 249 im Jahre 1893 auf 13 706 im Jahre 1912. Der deutsche Arbeiter weiß eben jetzt auch, daß es ihm einstweilen in dem „Klassenstaat" Deutschland mit seiner stark entwickelten sozialpolitischen Gesetzgebung recht gut geht, sicher viel, viel besser als in dem „freien" Amerika.
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MANOLI
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