Amtlicher Anzeiger
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Sersielder
für den Kreis Hersfeld
Kreisblatt
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Zernsprech-slnschlutz Nr. 8
Nr^ 1S3. (Elftes Matt.) Sonntag, den 5. Oktober 1913^
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Hus der Heimat.
Die Kaisermanöver 1914
Am nächsten Kaisermanöver nehmen, wie bereits geschrieben, vier preußische und zwei bayerische Armeekorps teil, ferner werden dazu herangezogen zahlreiche Kavallerie-Regimenter, reitende Feldartillerie- Abteilungen, schwere Artillerie des Feldheeres, technische Truppen und Abgaben von Train-Bataillonen anderer Korps. Da der Kaiser in den letzten Jahren öfters große Teile des 11. und 18. Armeekorps in Parade gesehen hat, fo bleiben die Herbst-Truppenschauen von 1914, abgesehen vom Garöekorps, auf das 7. (westfälische) und 8. (rheinische) Armeekorps beschränkt, die 1907 und 1905 zuletzt vor dem Obersten Kriegsherrn paradiert haben. Voraussichtlich wird die Manöveranlage in ihren zeitlichen Bestimmungen derjenigen von 1912 nachgebildet sein, ö. h. mit größeren Reiterzusammenstößen am 8. und 9. September einsetzen, denen sich in kriegsmäßiger Entwicklung das eigentliche Kaisermanöver vom 10. bis 12. September n. I. anschließen dürfte.
* (R e i ch s st e m p e l für Versicherungen.) Am 1. Oktober tritt das Reichsstempelgesetz vom 8. Juli 1913 in Kraft. Dieses Gesetz enthält die gesetzliche Vorschrift, daß die Versicherungsnehmer für ihre Feuerversicherung eine Stempelabgabe für das Reich bezahlen müssen. Die bisherigen Stempel, Sporteln usw., welche für einzelne Bundesstaaten erhöben wurden, fallen dagegen weg. Der neue Reichsstempel, der nach gesetzlicher Vorschrift von den Versicherungsnehmern vom 1. Oktober an bezahlt werden muß, beträgt bei der Feuerversicherung: 1. für bewegliche Gegenstände bei Versicherungen a) von einjähriger oder mehr als einjähriger Dauer für das Jahr 15 Pfennig für je 1000 Mark Versicherungssumme oder einen Bruchteil von 1000 Mark, b) von kürzerer Dauer für jeden Monat IV2 Pfennig für je 1000 Mark Versicherungssumme oder einen Bruchteil von 1000 Mark, 2. für unbewegliche Gegenstände bei Versicherungen a) von einjähriger oder mehr als einjähriger Dauer für jedes Jahr 5 Pfennig für je 1000 Mark Versicherungssumme oder einen Bruchteil von 1000 Mark, b) von kürzerer Dauer für jeden Monat 5 Pfennig für je 10,000 Mark Versicherungssumme oder einen Bruchteil von 10,000 Mark. Befreit von der Stempelpflicht bleiben Feuerversicherungen mit einer Versicherungssumme bis zu 3000 Mark. Von dem Reichstag ist diese Besteuerung der Versicherungsnehmer als Beitrag zu den Kosten der Verstärkung der deutschen Heeresmacht beschlossen worden. Die Versicherungsgesellschaften haben die gesetzliche Pflicht, die Steuer mit der Prämienzahlung von den Versicherungsnehmern für das Reich einzuziehen und den Steuerbetrag an die Steuerbehörde abzuliefern.
* (Die Entschädigung fttr Schöffen un ö Geschworene.) Das neue Reichsgesetz über die Entschädigung der Schöffen und Geschworenen ist am 23. August 1913 bereits in Kraft getreten. Nach den neuen Bestimmungen erhalten die Schöffen und Geschworenen für jeden Tag der Dienstleistung außer den Reisekosten auch Tagegelder. Diese sind auf fünf Mk. für jeden Kalendertag festgesetzt worden, an dem der Schöffe oder Geschworene mit Rücksicht auf sein Amt am Sitzungsort anwesend sein muß. Außer dem Tagegeld erhält er für jedes durch die Dienstleistung notwendig gewordene Nachtquartier eine Zulage von drei Mk. An Reiseentschädigung für einen außerhalb des Wohnortes zurückgelegten Weg von mehr als zwei Kilometer werden für jedes angefangene Kilometer bei Fahrten auf Eisenbahnen, Kleinbahnen oder Schiffen 6 Pfennig, bei anderen Wegen 20 Pfennig gezahlt, ausnahmsweise auch aus besonderen Gründen höhere notwendige Auslagen.
):( Hersfeld, 4. Oktober. (Kirchliche s.) Es wird auch an dieser Stelle darauf hingewiesen, daß vom 1. Oktober ab der Nebengottesdienst in der Stadtkirche für die Dauer der Wintermonate nicht mehr Morgensum8Uhr, sondern Nachmittags W Uhr, beginnen wird.
):( Hersfeld. 4, Oktober. Sicherem Vernehmen nach ist es auf vielseitigen Wunsch des Publikums
der Leitung des hiesigen Lichtschauspielhauses gelungen, den großen sensationellen Film „Q u 0 v a d i s", welcher hier bei seiner Erstaufführung kollosales Aufsehen erregte, nochmals und zwar Ende Oktober für Hersfeld zu gewinnen. Ferner wird uns mitgeteilt, daß im Laufe der Wintersaison weitere große Filmsensationen vorgesehen sind, und zwar das welterschütternde Werk im Film von Gerhard Hauptmann „Atlantis", die größte Sensation, die die Welt je gesehen, vielleicht sehen wird. — Ein weiteres wunderbares Film-Kunstwerk ist „Die Herrin des Nils", welches dem Quo vadis-Film ebenbürtig sein soll. Schließlich ist noch „Die letzten Tage von Pompeji" zur Aufführung gewonnen worden. Es ist dies die einzig authentische Aufnahme des weltbekannten Meisterwerks von Eduard Bulwer. Anerkannte Fachleute waren bei der Vorführung dieses Kunstwerkes überwältigt von der Schönheit des Sujets und dem Spiel der Darsteller. Dieser Film ist von der Berliner Zensur als größtes Meisterwerk der Filmkunst bezeichnet worden. Die in diesem Stück geschickt aufgebauten Massen-Szenen, ein Riesenaufgebot von über 10 000 Mitwirkenden, ein römisches Wagenrennen und der tollkühne Kampf mit den Löwen wirken sehr wuchtig. Der Höhepunkt der Effekte bildet der nach der Natur aufgenommene Ausbruch des Vesuvs, der Brand der Stadt und die wilde Flucht des Volkes. Die pitoreske italienische Landschaft Abt dem Film einen malerischen Hintergrund. — Die betr. Romane, nach denen diese Stücke bearbeitet worden sind, sind in den hiesigen Buchhandlungen leihweise zu haben. — Wir möchten der Leitung des Lichtschauspielhauses jedoch empfehlen, bei Vorführung derartiger Stücke nur n u m m e r - i e r t e Plätze im Vorverkauf abzugeben, damit ^er Verkehr sich geregelter und glatter abwickelt wre seiner Zeit bei der Vorführung von „Quo vadis". Zu wünschen ist es, daß vom Publikum das Bemühen des Hersfelder Lichtschauspielhauses, nur erstklassige Films vorzuführen, auch durch einen zahlreichen Besuch unterstützt wird, damit dieses Unternehmen für Hersfeld erhalten bleibt.
-s- Kathns, 3. Oktober. Unsere Wasserleitung, welche mit einem Kostenaufwand von 23 000 Mk. durch die Firma W. K. Rosenberg, Hersfeld hergestellt wurde, funktioniert tadellos und liefert ein vorzügliches, kriftallklares Wasser, welches der Quelle des Breits- baches, der sogenannten „Sieben Börner," entnommen wird. Die Quelle fließt so stark, daß außer unserer Nachbargemeinde Sorga, welche das Wasser ebenfalls von hier aus erhält, noch weitere zwei Gemeinden damit versorgt werden könnten. Den Mitgliedern der Gemeindevertretung, welche für das Projekt gestimmt hatten, wurden von einigen Ortsbürgern die schwersten Vorwürfe gemacht und Worte wie: Die ganze Gemeinde geht bankerott, falls die Wasserleitung gebaut wird, konnte man des öfteren hören. Und jetzt, wo man den Segen einer Wasserleitung recht angenehm spürt, da sind dieselben auf einmal ruhig geworden. Möge die Wasserleitung zur weiteren gesundheitlichen Entwickelung der Gemeinde beitragen. — Der Arbeiter Gg. Heimroth von hier geriet auf dem Wege nach dem Bahnhof Sorga in einen tiefen Graben und verletzte sich derart, daß er dem Krankenhaus zugeführt werden mußte.
Aus dem Kreis Hünfeld, 3. Oktober. Hier treten immer noch verschiedene Fälle von der gefürchteten Kinderlähmung auf. Laut Anordnung des Landrats von Hünfeld ist den Eltern anbefohlen worden, sofort einen Arzt zu Rate zu ziehen.
Caffel, 3. Oktober. Beim Jnf.-Regt. Nr. 83 sind 84 Einjährig-Freiwillige, beim Jnf.-Regt. Nr. 167 gegen 70, beim Feld-Art.-Regt. Nr. 11 sind 30 und beim Husaren-Regt. Nr. 14 10 Einjährige eingestellt worden.
Caffel, 3. Oktober. Die Strafkammer verurteilte üenArbeiterSeeber aus Reichensachsen wegenBetruges im Rückfalle und wegen Heiratsschwindels zu drei Jahren Zuchthaus und 5 Jahren Ehrverlust. Seeber, der verheiratet ist, hatte mit einer Köchin ein Verhältnis angeknüpft und ihr dann das Sparkassenbuch entwendet, worauf er 700 Mark abhob. 500 Mark hatte er für sich verbraucht, als er verhaftet werden konnte. Mit Rücksicht auf die Verwerflichkeit seiner Handlung wurde auf Zuchthausstrafe und Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte erkannt.
Caffel, 3. Oktober. Wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt, Beleidigung und ruhestörenden Lärms hatte sich der Arbeiter Heinrich Sch. aus H e r s f e l d zu verantworten. Sch. hatte in der Nacht zum 10. Mai auf offenem Markt mehrere Polizeibeamte öffentlich beleidigt und als er in Haft genommen werden sollte, mit Gewalt Widerstand geleistet und solchen Lärm hierbei verübt, daß ein großer Volksauflauf entstand. Das Schöffengericht verurteilte Sch.
zu 3 Wochen Gefängnis und 3 Tagen Haft,' die hiergegen eingelegte Berufung wurde heute verworfen, da die Strafkammer der Auffassung des Schöffengerichts Hersfeld in allen Punkten beitrat.
Caffel, 3. Oktober. Unter großer Anteilnahme der Bürgerschaft feierte heute der Generalmajor z. D. Eisentraut, der Vorsitzende des Vereins für hessische Geschichte und Altertumskunde, sein fünfzigjähriges Dienstjubiläum. Er war im Jahre 1863 in Preußen in ein Artillerieregiment als Offizier eingetreten und wurde 1866 in das neu formierte preußische Artillerieregiment 11 versetzt. Im Feldzuge gegen Frankreich wurde er schwer verwundet. Mit dem Eisernen Kreuz geschmückt, kam er als Hauptmann aus dem Feldzug zurück und blieb dann bis zu seiner Berufung als Oberst im Artillerieregiment Nr. 11. Später wurde er mit dem Charakter als Generalmajor zur Disposition gestellt,' seitdem lebt er in Cassel.
Marburg, 2. Oktober. Einemoderne Entführungsgeschichte, die sich hier abgespielt hat, wird für die beteiligten jungen Leute recht unangenehme Folgen haben. Mehrere hiesige Herren' Patten vormittags mit einem gemieteten Auto £j>he Vergnügungsfahrt nach Frankfurt unternommen, wo sie gegen 11 Uhr an langten. In der K aiserstraße redeten sie zwei Mädchen an und luden sie ein, ihnen im Auto bei der Fahrt durch die Stadt Gesellschaft zu leisten. Die unerfahrenen Dinger ließen sich überreden und stiegen ein, worauf das Fahrzeug in schnellem Tempo die Stadt verließ. Alles Bitten der Mädchen, sie nicht zu verschleppen, war vergebens,' erst als das Auto in Gießen anlangte, wo die Entführer ein Eingreifen der Straßenpassanten fürchten mußten, wurde den Mädchen versprochen, daß man sie nunmehr auf einem anderen Wege wieder nach Frankfurt zurückbringen würde. Die Mädchen beruhigten sich bei dieser Zu- sicherung, sahen sich j-doch bitter getäuscht, als das Auto statt nach Frankfurt morgens gegen 4 Uhr in Marburg ankam. Die „Kavaliere" entledigten sich der Mädchen, indem sie diese am Pilgrimstein aus- setzten.
Friedberg, 3. Okt. Heute morgen gegen 6 Uhr stürzte in der hiesigen Zuckerfabrik der verheiratete Arbeiter Jean Volp in den etwa 15 Meter tiefen Rübenschacht, er brach das Genick und war sofort tot. Das Unglück ist auf die eigene Schuld des Volp zurückzuführen.
Dnderstadt, 3. Oktober. In diesem Jahre ist der Tabak schon früh reif geworden. Schon in voriger Woche ist in den tabakbauenden Ortschaften des Untereichsfeldes mit dem Abblatten des Tabaks begonnen worden.
Durch die Lupe.
Ein Stückchen vom Oktober in Versen.
Weil die Weltgeschichte wieder — wenig neues uns kredenzt, — ist der Stoff für diese Zeilen — heute leider arg begrenzt, — meinen Lesern vorzuschwinöeln — Dinge, welche nicht passiert, — ist und bleibt ein Unterfangen, — das auch gar zu sehr geniert. — Laßt mich darum ausnahmsweise — heute von der Jahreszeit — einiges Euch vorerzählen, — das Euch sicher auch erfreut. — Stets berühmt ist der Oktober, — weil in seinem Regiment — man den Wein, den reifen, keltert — und ihn d'rum Weinmonat nennt; — abends bei der Lampe Schimmer — sitzt man ursidel zu Haus, — Vaters lauge Meerschaumpfeife — geht die halbe Nacht nicht aus. — An dem Stammtisch, der nun wieder — ziemlich reichlich frequentiert, — wird mit kühnem Fäusteschlagen — und Radau politisiert, — keiner weiß die Sache besser, — als der richt'ge Stammtischgast, — er allein hat Deutschlands Zukunft — schon von jeher recht erfaßt. — Wollten nur mal die Minister — auch auf andre Leute hören, — würde viel in Deutschland anders, — Kinder, das kann ich Euch schwören! — So und ähnlich hört man's schwirren — und die Kellnerin indessen — hat die Zufuhr neuen Bieres — keine Spur dabei vergessen, — denn gerad' bei solchem Zetern - kriegt der Mensch 'nen Riesendurst, — für den Wirt ist das die Hauptfach', — alles andre ist ihm Wurst. — — — Mutter unterdes zu Hause — wühlt in Pflaumen, Pflaumen, Pflaumen, — schon zwei Zentner sind zu Mus jetzt — eingekocht, 's ist kaum zir glauben, — in der ganzen Wohnung riecht es — süß und warm nach Pflaumenmuß, — der Geruch allein verdirbt schon — auf drei Jahre den Genuß. — — Draußen auf den Stoppelfeldern — steigt der Drachen himmelan, — so daß ihn das schärfste Auge — bald nicht mehr erkennen kann, — bis der scharfe Herbstwind endlich — den Gesellen unterkriegt — und der Drache matt am Boden — mit zerbroch'nem Rückgrat liegt.
Walter-Walter.