Deutsches System und deutsche Kanonen.
Ein türkischer General über deutsche Offiziere und Krnppfche Geschütze.
General Mehemet Alt Nushet Pascha vom'türkischen „Großen Generalstab" hat jüngst Gelegenheit genommen, in der türkischen Militärzeitschrift „Natioualver- teiöigung" bei der Besprechung des Balkankrieges mit den französischen Gegnern des deutschen Systems und der deutschen Kanonen in der Türkei in scharfen Worten abzurechnen. Er erklärt, daß die deutschen Krupp-' scheu Kanonen im Kriege ihre gewaltige Ueberlegenheit bewiesen hätten. Zugleich gibt er zum ersten Male die Gründe dafür an, waruur die Türken trotzdem unterlegen wären.
So berichtet er z. B., daß in der Schlacht vom 1. Oktober das 1. Armeekorps 4 Tage lang ohne Lebensrnittel und Munition gewesen sei. Bezeichnend ist die Tatsache, daß bei Beginn der Schlacht die 3 Divisionen des 1. Armeekorps pro Geschütz nur 50 Granaten besessen hätten, während die Pflichtzahl — abgesehen von der Munitionsreserve — 512 Granaten ist. Natürlich war das Armeekorps bald außer stand, von seinem hervorragenden Artilleriematerial Gebrauch zu machen: und man wird jetzt begreifen, wieso es den Bulgaren so schnell gelang, die türkischen Kanonen — wie die Zeitungen damals berichteten — „zürn Schweigen zu bringen". Es war nur die schlechte türkische Verwaltung, die dies vermochte. Der General erklärt weiter, daß die Kruppkanonen ihre volle Schuldigkeit getan hätten, und die anderen Urteile einer „bestimnNen" Presse — gemeint ist die französische — dienten lediglich Reklamezwecken zu Gunsten einer anderen Fabrik.
Noch schärfer werden die Ausführungen des türkischen Generals,, wenn er sich mit offenem Visier unter Namensnennung gegen die französische Presse wendet, die damals den Mut hatte, die deutsche Ausbildung zu bemäkeln, sie für bankrott zu erklären. Er legt, wie er ausführt, den größten Wert darauf, festzustellen, daß das deutsche System, oweit es überhaupt bei den verworrenen Zuständen n Wirksamkeit treten konnte, die größten Erfolge aufzuweisen hatte. Zwar seien deutsche Instrukteure seit 30 Jahren in der Türkei tätig. Aber unter Abdul Hamid durfte niemand etwas lernen. Die Möglichkeit einer erfolgreichen Tätigkeit bestand für die deutschen Offiziere überhaupt erst seit 4 Jahren. Aber auch in dieser Zeit sind sie durch Wirren aller Art und durch Kriege, wie den tripolitanischen, in ihrer Wirksamkeit behindert worden. Es blieb also eigentlich nur das letzte Jahr übrig. Aber die Truppen, die in diesem Jahr von deutschen Offizieren ausgebildet wurden, haben Wunder an Tapferkeit verrichtet. Das deutsche System hat sich ebenso hervorragend bewährt, wie die deutschen Geschütze, wenn auch in Frankreich gern das Gegenteil behauptet wird.
Alle Einsichtigen, so ruft der General aus, sind sich darüber klar, daß die Notwendigkeit für die Türkei besteht, beim deutschen System zu bleiben. Tatsächlich hat bereits die türkische Regierung eine umfangreiche neue Verwendung deutscher Offiziere als Instrukteure im türkischen Heer in Aussicht genommen. Die Türkei denkt auch natürlich nicht daran, von den bewährten Krupp'schen Geschützen abzugehen. Es ist erfreulich, daß jetzt endlich eine autoritative Stimme, die als Beteiligte ein umso größeres Gewicht hat, zu den damaligen Verunglimpfungen der deutschen Instrukteure Stellung genommen hat.
Englische Aollenbewegungen.
Anzeichen besserer Gefühle für Deutschland.
Der deutsche Botschafter Fürst Lichnowsky weilt zur Zeit in der Heimat, und nach seinen Erfolgen an der Themse kann er seine Ferientage mit berechtigter Muse genießen. Die gemeinsamen Bestrebungen, die die britische Politik und die deutsche Politik auf der Londoner Botschafterkonferenz zeigten, haben nicht nur zur Erhaltung des europäischen Friedens beigetragen, sondern auch eine Besserung in den Beziehungen Englands zum Deutschen Reiche herbeigeführt, die augenblicklich zu besonders deutlichem Ausdruck kommt.
Wie von jenseits des Aermelmeeres berichtet wird, will die englsiche Regierung demnächst eine Flotte von mehr denn 50 Kriegsschiffen ins Mittelländische Meer entsenden. Man wird dort eine britische Seemacht erblicken, wie sie noch niemals auf den Europa und Afrika scheidenden Gewässern zu sehen war. Dieses Ereignis ist umso bemerkenswerter, weil England noch vor Jahresfrist die Wacht im Mittelmeer dem Verbandsgenossen Frankreich überließ, das schon in dem hohen Glücke schwelgte, nunmehr die Vorherrschaft zwischen den Säulen des Herkules und den Dardanellen zu besitzen. Die Zusammenziehung der britischen Streitkräfte in der Nordfee ging in den letzten Jahren so weit, daß man selbst eine diplomatische Niederlage wegen der Panamagebühren hinnahm und auch an den Westküsten Asiens
die Dinge treiben ließ, wie es nicht im britischen Interesse lag.
In London ist die Ueberzeugung gekommen, daß es so nicht weiter gehen könne, wenn man nicht an Ansehen und Einfluß auf dem Weltall verlieren wolle. Die englische Flotte soll ihre Bewegungsfreiheit wieder gewinnen, und das geht natürlich nicht anders, als wenn man mit dem deutschen Jnvasionsrummel aufräumt und volles Vertrauen auf die Friedfertigkeit des Deutschen Reiches setzt. Der Botschafter Lichnowsky hat offenbar verstanden, das englische Kabinett mit seinen Versicherungen zu öurchöringeu, daß ein Argwohn gegen deutsche Pläne unberechtigt sei. Wenn das britische Geschwader die Küsten Albions verläßt und in das Mittelmeer abdampft, so ist es mit der französischen Besorgung englischer Geschäfte im Mittelmeer vorbei. Auch den Italienern und den Griechen soll von englischer Seite klar gemacht werden, daß England keineswegs auf die Mitwirkung bei der Neuordnung der Dinge im Aegäischen Meere verzichtet. Eine Veränderung der Weltlage wird unter allen Umständen erfolgen, wenn England sein Auge von der deutschen Nordseeküste ab- wenöet, auf die es bis jetzt hypnotisch starrte.
Politische Rundschau.
Die Reisedispositionen des Kaisers. Der Kaiser verläßt am Freitag Rominten; er wird von dort aus die Rückreise über Königsberg nach Langfuhr antreten; an beiden Orten ist ein kürzerer Aufenthalt geplant. Am Sonnabend trifft der Kaiser in Potsdam ein und begibt sich am Sonntag nach Hubertusstock, wo er sich bis zum 13. Oktober aufhalten wird. Die Kaiserin wird ebenfalls in Hubertusstock anwesend sein. Am Nachmittag des 13. Oktober tritt der Kaiser von Potsdam aus die Reise nach Trier an. Am 15. begibt sich der Kaiser nach Gerol- stein und von dort nach Bonn, wo er sich bis zum 17. abends aufhält. Von Bonn aus fährt der Kaiser mit dem Hofzug nach Leipzig zur Einweihung des Völker- schlachtdenkmals und kehrt am 18. abends wieder nach Potsdam zurück.
Zur bevorstehenden Besoldnngsreform schreibt ein häufig offiziös bedientes Berliner Blatt: Ein Beamten- fachblatt glaubt schon jetzt in der Lage zu sein, den Umfang der kommenden Besoldungsreform im Reichstag beurteilen zu können. Hierbei scheint die Ansicht zu bestehen, daß die Reichsregierung schon über die Grundsätze der Vorlage, die dem Reichstag in der nächsten Tagung vorgelegt werden soll, vollständig im klaren wäre. Eine solche Annahme ist aber nicht berechtigt. Bekanntlich werden alle Besoldungsreformen im Reich Hand in Hand mit Preußen durchgeführt, um eine Differenzierung der Gehaltssätze innerhalb einer Beamtenklasse in den beiden Verwaltungen zu vermeiden. Es müssen daher auch für die kommende Vorlage zunächst gemem- same Grundsätze zwischen dem Reichsschatzamt und dem preußischen Finanzministerium vereinbart werden, ehe an die Aufstellung einer Vorlage herangegangen werden kann. So weit sind jedoch die Erwägungen in den einzelnen Ressorts noch nicht gediehen, daß schon ein Anlaß zu gemeinsamen Beratungen zwischen den Reichsund preußischen Ressorts vorliegt.
Keine weitere Einfuhr russischen Fleisches. Der preußische Landwirtschaftsminister wird den Antrag der Stadt Berlin, bis zum 1. April 1914 ausländisches Fleisch einführen zu können, ablehnend beantworten. Für die weitere Einführung ausländischen Fleisches, die seit Monaten geruht hat, liegt ein dringendes Bedürfnis nicht vor. Die einheimische Viehzucht wird in der Lage sein, die hauptsächlichen Bedürfnisse zu decken.
Erkrankung des Königs von Schweden. König Gustav von Schweden, der sich gegenwärtig in Schonen aufhält, ist nach einer Meldung aus Stockholm dieser Tage erkrankt. Der König hat nach der im Februar 1911 vor- genommenen Blinddarmoperation wiederholt an Schmerzen in der Bauchgegend gelitten. Da diese Krankheit in den letzten zwei Wochen sich wieder eingestellt' und in den letzten Tagen bedeutend zugenommen hat, muß sich der König einer besonderen Behandlung unterziehen, was erfordert, daß der König in der ersten Zeit das Bett hüten und sich bis auf weiteres aller Regie- rungsangelegenheiten enthalten muß.
Eine französische Statistik über die Fremdenlegion. Der „Matin" hat eine Umfrage über die Fremdenlegion veranstaltet, um auf diese Weise Material gegen die deutsche Pretzkampagne zu erhalten. Aus dem Orte Sidt el Abbes, wo das 1. Regiment der Fremdenlegion gegenwärtig steht, meldet nun das Blatt das Ergebnis seiner Umfrage. Danach bestand das Regiment am 1. August d. I. aus 5390 Mann. Davon waren 2580 Franzosen, 350 Elsatz-Lothringer, 870 Deutsche aus den anderen Teilen Deutschlands (die übliche französische Unterscheidung!), 384 Belgier. 184 Oesterreicher; der Rest setzt sich aus Weißen der anderen Staaten zusammen.
Kleine Hachridifen«
Zur Einweihung des Bölkerschlachtdenkmals bei Leipzig wurde auch der Reichstag eingeladen. An das Präsidium wurden 100 Teilnehmerkarten für eventuelle Teilnehmer gegeben.
Die Verhandlungen zwischen den Krankenkassenver- bänden nnd dem Deutschen Aerztevereinsbund sollen in der nächsten Woche zum Abschluß gelangen. Der von beiden Parteien aufgestellte Vertragsentwurf enthält 40 Paragraphen, darunter die Bestimmung, daß den einzelnen Kassen das System zu überlassen sei, nach welchem s sie die Aerzte anstellen und beschäftigen, und daß das Honorar für Kopf und Jahr 5 Mark betragen solle.
Eine wüste Szene spielte sich kürzlich in einem Pariser Cafee ab. Ein Damenschneider italienischer Abstammung geriet mit einer jungen Dame, die sich in seiner Begleitung befand, in Streit. Plötzlich stürzte sich der wütende Schneider auf die Frau und biß ihr die Nase vollständig ab. Die schrecklich Verstümmelte wurde sofort in ein Krankenhaus gebracht. Der Unhold wurde verhaftet.
Auf furchtbare Weise hat der Bergmann Maczak in Gelsenkirchen Selbstmord verübt. Maczak, der seit längerer Zeit schwermütig war, stürzte sich auf der Zeche Rheinelbe 600 Meter tief in den Schacht. Seine Leiche war furchtbar verstümmelt.
Bei Anfräumungsarbeiten auf der Brandstelle in Eutingen bei Pforzheim stürzte eine Decke ein und erschlug den dort arbeitenden 40 Jahre alten Maurer und Totengräber Karl Zahnlecker und den 18 Jahre alten Goldarbeiter Emil Nippel. Zahnlecker hinterläßt vier unversorgte Kinder.
Ein Knabe auf der Jagd erschossen. Bei einer Treibjagd in Kahren (Lausitz) entlud sich das Gewehr eines Jagögastes aus Berlin. Die Kugel tötete den 12jäh- rigen Knaben Rinza.
Der Durchstich des schweizer Mont d'Or-Tunnels, des wichtigsten Tunnels der Lmie Fresne-Ballorbe, erfolgte Donnerstag abend 7 Uhr 10 Min. genau an der vorgesehenen Stelle. Die Durchbohrung, für die 32 Monate angesetzt waren, beanspruchte infolge der im Dezember 1912 erfolgten Wassereinbrüche von 10 000 Litern in der Sekunde 34% Monate. Der Tunnel ist 6099 Meter lang.
Eine neue geheimnisvolle Juwelengeschichte hält die Pariser Finanzwelt in Atem. Diesmal ist allerdings nicht ein Halsband, sondern ein ganzer Juwelier verschwunden. Es handelt sich um einen in Juwelierkrei- fen sehr bekannten Mann, der seit einigen Tagen vermißt wird. Jetzt hat sich herausgestellt, daß er zuvor etwa 800 000 Francs erschwindelt hat, indem er teils falsche Wechsel in Umlauf brächte, teils ihm anvertraute Juwelen unterschlug.
Sensationelle Auffindung eiues verschollenen Seglers. In der Nähe vom Kap Horn wurde in einer Bucht nach 23 Jahren der Segler „Marlborough" aus Glasgow entdeckt, der im Januar 1890 von Neuseeland mit gefrorenem Hammelfleisch und Wolle an Bord abgefahren und dann spurlos verschwunden war. An Bord sollen 20 Skelette gefunden worden sein. Die Besatzung hatte 32 Mann betragen.
Las Urteil im Prozeh knillel.
2400 Mark Geldstrafe.
Die Strafkammer in Gleiwitz verurteilte am Donnerstag den Amtsrichter Knittel aus Rybnik wegen Beleidigung in vier Fällen zu einer Geldstrafe von 2400 Mark. Der Staatsanwalt hatte gegen den Angeklagtem wegen Beleidigung des Hauptmanns Kammler eine Gefängnisstrafe von drei Monaten, wegen Beleidigung der übrigen Herren eine Gefängnisstrafe von je zwei Monaten, zusammengezogen in sechs Monate Gefängnis, beantragt. Aus dem Plädoyer des Staatsanwalts ist folgendes hervorzuheben: Durfte der Angeklagte unter Berücksichtigung des Treuverhältnisses, das er freiwillig für den Kaiser eingegangen ist, für einen Kandidaten eintreten, von dem allgemein gesagt wurde, er sei ein Großpole? Knittel kann verlangen, daß seine Ueberzeugung geachtet wird. Ich verlange dann aber auch, daß er gerecht ist und die Berechtigung des entgegengesetzten Standpunktes aner- kennt, und er darf nicht sagen, daß er das Opfer einer politischen Hetze geworden sei. Die Eingabe an den Kriegsminister enthält die grandiosesten Verleumdungen und Beleidigungen. Der Angeklagte stellt sich als das Opfer eines bösartigen, heimtückischen und geisteskranken Mannes hin, als das Opfer eines Lügners und Verleumders, er unternimmt es, hochverdiente Offiziere der Lüge und Verleumdung zu zeihen, er unternimmt es, den Offizier an der Spitze eines Ehren- rates als Leiter einer Farce zu bezeichnen, lediglich, um sein Unrecht zu verdecken. Niemand kann zweifeln, daß der Beweis der Wahrheit dem Angeklagten nicht in einem einzigen Punkte gelungen ist. Ich bin sogar der Ueberzeugung, daß der Beweis der Unwahrheit ae=
Immer auf dem Posten.
Erzählung aus Frankreichs Vergangenheit von Klara Reichner.
10) (Nachdruck verboten.)
Der Kommissär schien es meisterhaft zu verstehen, sich zu beherrschen und seine wahren Empfindungen zu verbergen. — Er machte also nur eine würdevolle Handbewegung, die wohl das Zeichen der Entlassung vorstellen sollte.— „Ich werde selbstverständlich nicht verfehlen, die mir geeignet erscheinenden Schritte zur Prüfung Ihrer Meldung anzuordnen!" sprach er mit der Miene eines pflichttreuen, gerechten Beamten und zugleich der kühlen, leidenschaftslosen Zurückhaltung des großen Herrn einem Untergebenen gegenüber, aber Lambert glaubte in diesen unruhig flackernden Blicken etwas ganz anderes zu lesen, nämlich, daß er von Stund' an den Kommissär als einen ebenso gefährlichen wie unversöhnlichen Feind betrachten müsse, vor dem er sich zu hüten habe, weil derselbe, mit der Macht dazu in Händen, sicherlich alle Mittel anwenden werde, um — ihn unschädlich zu machen.
Trotzdem gab er seine Sache nicht verloren. — „Wohlan — wir sind noch nicht zu Ende, Herr Kommissär!" sprach er zu sich selber, als er das Haus des Kommissärs verließ, wie er gekommen war. — „Ich ruhe doch nicht eher, bis die verdammte Ladung dieses infamen Engländers endlich einmal zu Rauch und Asche WW*
Fünftes Kapitel.
Entdeckt.
Als der alte Lambert voll ohnmächtigen Grimms das Haus des Kommissärs verlassen hatte, um grollend und grübelnd wieder auf seinen Posten sich zu begeben, UMhrte V im Hafen eins ungewöhnliche Bewegung.
Näher kommend, wagte er seinen Augen kaum zu trauen! Fast hätte er einen lauten Jubelruf der Freude ausgestotzen. Reges Leben herrschte jetzt im Hafen, wo vorhin nur ein einziges schlechtes Fahrzeug lag. — Kein Zweifel! Die „Schwalbe", Raouls Fregatte, mußte unerwartet früh, und zwar mit ansehnlicher Beute, wieder eingelaufen sein.
Ja, Raoul war zurückgekehrt! — Die „Schwalbe" hatte, unter dem Kommando eines wackeren Kapitäns stehend, die stattliche, wertvolle Prise mehrerer englischer Schiffe gemacht. Im Kampfe aber und bei der Eroberung der feindlichen Fahrzeuge hatte auch der junge Offizier sich so tapfer ausgezeichnet, daß eine ehrenvolle Anerkennung und Beförderung ihm bevor- stand. Glückstrahlend über diese erste erfolgreiche Waffentat, wollte er eben in die Arme der Geliebten eilen, um zu dem Lorbeer des Ruhms die Rosen der Liebe sich zu pflücken, als plötzlich, wie aus der Erde gewachsen, eine dunkle Gestalt in dem früh herein- brechendcn Dämmerlicht des nebligen Herbsttages vor ihm auftauchte und ihm den Weg versperrte.
„Herr Raoul!" keuchte die atemlose Stimme des alten Lambert. „Gott sei gelobt — Sie sind's! — Kommen Sie — kommen Sie sofort mit wir! — Jetzt wird sich's zeigen, wer recht hat!"
Unwillig über diese unerwartete fatale Störung, die ihn mit rauher Hand grausam aus allen seinen Himmeln riß, wollte Raoul abwehrend an dem Alten vorüberschreiten, dessen lästige „Bevormundung" und „fixen Ideen" ihn ernstlich zu ärgern begannen, doch Lambert hielt ihn zurück.
„Um Gotteswillen — um der Ehre willen — bleiben Sie! Im Namen Ihrer Mutter — folgen Sie mir! Hören Sie auf mich, Herr von Brisson!"
Es war zum erstenmal, daß der alte Diener feinen I jungen Herrn mit dessen Familiennamen anredete, und 1 dies sowohl wie der feierliche Ton, in dem die beschwö
renden Worte gesprochen wurden, verfehlten nicht, Eindruck auf den jungen Edelmann zu machen.
„Uebrigens," fuhr der alte Soldat fort, „würden Sie die schöne junge Dame jetzt auch wohl vergebens im Hause ihres Vaters suchen- — ihr weißes Kleid wird — ich wette — bald genug am Strande, auf den Klippen wehen!"
Das entschied. — Mit unmutig gerunzelter Stirn folgte Raoul zweifelsvoll dem alten Diener seiner Eltern — fest entschlossen, daß er damit zum letztenmale dem Alten nachgebe. — Auf dessen Beobachtungsposten angelangt, genügte allerdings ein Blick des scharfen, jugendlichen Seemannsauges, um trotz des Nebels zu erkennen, daß da draußen etwas nicht in Ordnung sei. Der junge Offizier eitle also, wie es seine Pflicht gebot, an Bord zurück, um seinem Vorgesetzten Meldung zu erstatten. — Nicht lange, und die „Schwalbe" segelte der verhängnisvollen Stelle und dem verdächtigen Schiffe zu, das, wie es schien, schon sehr sicher sich gefühlt hatte.
Es war eine gefährliche Jagd, die nun begann. Hin und her lavierten und manövrierten die beiden Schiffe. Das Meer ging hoch, und der dämmrige Nebelschleier war dem Schmuggler günstig. Trotzdem gelang es der „Schwalbe", ihn zwischen das Land und die Fregatte zu bringen und so einzuschließen. Vergebens suchte der Schleichhändler nach einem Ausweg.
Fast schien keine Rettung mehr für ihn möglich, da ihm — ergab er sich nicht — nur die Wahl blieb, unter die Kanonen der Wälle zu geraten oder an den Klippen zu scheitern!
Freilich gab es für ihn noch einen Weg der Flucht, auf dem die schwere Fregatte ihm nicht folgen konnte.
(Fortsetzung folgt.)