Vallan-Zweibund gegen Salkan-Srelbund.
Noch keine Lösung des Balkanprobleurs.
Es besteht nach Auslassungen von diplomatischer Seite tatsächlich die Gefahr einer neuen Verschärfung oer balkanischen Frage durch einen Krieg zwischen Griechenland und der Türkei. Nach hierher gelangten Nachrichten haben sich die Verhältnisse zwischen den beiden Staaten m der Tat sehr zugespitzt, die wirkliche Gefahr besteht aber darin, daß wahrscheinlich auf Seiten der Türkei der Wille zu einer friedlichen Beilegung der Streitfragen nicht vorhanden ist, daß vielmehr eine Verschär- fung der Lage durchaus in der Richtung der türkischen Wünsche legt. Auf Grund guter Informationen steht es fest, daß zwischen Bulgarien und der Türkei Abmachungen getroffen sind, die einen Krieg gegen Griechenland ins Auge fassen, und diese Abmachungen sind es, die der Türkei den für das Auftreten gegenüber Griechenland nötigen Rückhalt geben.
Bulgarien, das gegen seine früheren Verbündeten von Rachedurst erfüllt ist, hat schließlich in den Verzicht auf Adrmnopel und in die übrigen Konzessionen beim Abschluß des Krieaes mit der Türkei nur so schnell gewilligt, weil es als Gegenleistung von der Türkei bindende Versprechungen erhielt, die ihm Aussicht auf Erfüllung seiner Rachepläne gewähren. Die Sachlage ist also jetzt so, daß auf dem Balkan ein bulgarisch-türkischer Zweibund dem serbisch-griechisch-montenegrinischen Dreibund gegenübersteht. Von dem letzten kommt Montenegro kaum in Betracht, und Serbien ist durch die Aktion gegen Albanien so bedeutend engagiert, daß es vorläufig mit sich selbst genug zu tun hat. Der Zeitpunkt für ein türkisches Vorgehen gegen Griechenland wäre also gerade jetzt sehr günstig, denn Bulgarien, das allein die türkischen Absichten stören könnte, wird vermutlich der Entwickelung der Dinge mit den Händen in den Taschen zusehen und später, wenn nötig zugunsten der Türkei emgreifen.
Ein kriegerisches Vorgehen Bulgariens kann man für den Augenblick nicht erwarten. Ein solches ist auch nicht notwendig, da die Türkei, wenn sie es allein mit Griechenland zu tun hat, nach den letzten Erfahrungen für stark genug gelten kann. Allein schon ein Sieg der Türkei über Griechenland würde aber diesen Gegner Bulgariens auch in dessen Interesse bedeutend schwächen. Wenn man auch bei den Balkananqelegenheiten nie so recht weiß, was der nächste Tag bringen wird, so steht die Welt doch augenscheinlich wieder vor einer neuen Verwickelung, deren Ausgang und Folgen nicht abzu- sehen sind. Angesichts des albanisch-serbischen Krieges und der neuen türkisch-griechischen Kriegsmöglichkeiten darf man wohl behaupten, daß die Lösung des Balkanproblems noch in weiter Ferne steht.
Elend und Hot in Dublin.
Folge» des Streiks.
Der große Streik in Dublin nimmt immer härtere Formen an, mit jedem Tag wächst die furchtbare Not, die über die ärmere Bevölkerung der irischen Hauptstadt hereingebrochen ist, und wenn es dem nun von der englischen Regierung in aller Eile nach der heimgesuchten Stadt entsandten Vermittler Asquith nicht gelingt, in kurzer Zeit Frieden zu stiften, stehen schlimme Ereignisse bevor.
Es ist ein trauriges Bild, das denBesucher empfängt, der heute durch die Straßen Dublins schreitet: und das Erschütterndste dabei ist wohl die grenzenlose Not der Kinder, die Leiden der bettelnden Kinder von Dublin. Nach Tausenden zählen sie, in Not und Entbehrung, in dumpfen, lichtlosen und ungesunden Räumen werden sie geboren, und ihre Kindheit ist nur ein einziger Kampf gegen Hunger und Armut, ein Kampf, zu dem sie fchon auf den Knien der Mutter erzogen werden und in dem sie doch niemals Sieger werden. Kaum, daß sie gehen können, wird die Straße ihr Reich und das Betteln ihr Tagesinhalt, denn es gibt wohl keine zweite Stadt, in der auch in ruhigeren Zeiten die Zahl der Aermsten und Besitzlosen größer ist als in Dublin.
Auf der Straße hängen sich die kleinen Mädchen und Jungen an den Paßanten, ihre so seltsam müden und so seltsam wissenden Züge verzerren sich zu einem Lächeln, sie flehen und schmeicheln, und wehe dem, der sofort gibt: er würde nie wieder ungestört ein paar Schritte auf der Straße gehen können. Das Traurigste aber ist, daß noch zu später Nachtstunde die kleinen Kinder dieser „Arbeit" obliegen, in später, kalter, regen- nasser Nachtstunde, wenn die Gasthöfe ihre Tore schließen und die Besucher heimwärts geben. „Ich sah um diese Zeit," so berichtet I. Dunn, „kleine 6- oder 7jäh- rige Mädchen auf dem nassen Straßenvslaster tanzen. Sie tanzten den ganzen Abend hindurch, nicht aus Freude: nur um ein Almosen. Nun sind sie müde, aber sie versuchen immer wieder zu lächeln, wenn auch das Leid dabei sichtbarer wird als alles andere. Die durchnäßten dünnen Lumpen kleben an den hageren
kindlichen Gliedern, hindern sie in der Bewegung, aber sie tanzen trotzdem, tanzen, so lange die Füße sie tragen. Bis sie dann im Dunkel der Nacht verschwinden. Gott weiß, wo sie Unterschlupf finden mögen.
Weiter drunten in der Straße stehen mitten im rieselnden Wasser des Rinnsteines zwei kleine Jungen und singen ein Couplet. Auch sie singen seit Stunden, ich sah sie schon, als die ersten Laternen aufflammten. Sie sind heiser und in ihrem Singen hat die Freude keinen Raum. Sie denken auch nicht an das öde Lied, das sie immer wieder beginnen: sie beobachten aufmerksam die Mienen der Vorübergehenden, sie hoffen auf einen Pcnuy: aber nur selten beobachtet sie lemand. Denn es sind ja nur Bettelkinder von Dublin: und ihrer gibt es Tausende. Ja, Tausende: die flehenden kleinen Schatten begleiten dich bis zur Türe deines Gasthofes, stolpern noch über die ersten Stufen, aber um wirklich zu betteln, sind sie nun schon zu erschöpft. Einige von ihnen tragen Babys in den Armen. Acht- oder neunjährige Mädchen, die nachts gegen Mitternacht noch ein Baby durch den Regen straßauf und straßab schleppen!
Und dazu kommen die bettelnden Frauen: auch sie tragen Kinder im Arme, bieten Streichhölzer, Lavendel und Blumen an: alles um den kostbaren, heißersehnten Penny. Man sagt, Dublin sei die Stadt der Armut, und dieser Jammer wäre durch den Streik nur gesteigert."
Politische Rundschau.
Die vermögensrechtlichen Abmachungen zwischen item Hohenzollernhanse und dem Hause Cumberland,
)ie der Thronbesteigung des Prinzen Ernst August von Cumberland in Braunschweig voranzugehen hätten, ollten nach der Meldung eines Berliner Blattes be- ondere Schwierigkeiten bereiten, deren Lösung noch chwerer sei als die Erledigung der politischen, in Bezug auf die Thronbesteigung aufgeworfenen Fragen. Diese Meldung wird von unterrichteter Seite als unzutreffend bezeichnet. Die vermögensrechtlichen Angelegenheiten feien in der Hauptsache vielmehr schon vor der Heirat des Prinzen Ernst August mit der Prinzessin Viktoria Luise erledigt worden, und von irgend welchen Schwierigkeiten für die Erledigung des Restes dieser Angelegenheiten sei keine Rede.
Die Ausländerfrage an den deutschen Universitäten. Da seit längerer Zeit in steigendem Maße ernste Klagen über das Ueberhanönehmen der Besucherzahl ausländischer Studenten geführt wird, die die Inländer an der zweckentsprechenden Benutzung der Universitätseinrich- tungen hindern, hat sich der preußische Kultusminister, wie die „Nordö. Allg. Ztg." meldet, veranlaßt gesehen, eine bestimmte Höchstziffer festzusetzen, die von den Studierenden fremder Nationen nicht überschritten werden darf. Die Maßregeln erstrecken sich nicht auf die bereits zugelassenen Studenten, sondern haben nur für künftig zu Immatrikulierende Bedeutung.
Aufruf zum dritten Arbeiterkongretz. Die neueste Nummer öes„Zentralblattes der christlichenGewerkschaf- ten Deutschlands" veröffentlicht einen Aufruf zum dritten deutschen Arbeiterkongreß, in dem hingewiesen wird auf die Notwendigkeit der Wetterführung der sozialen Politik, der freien Entfaltung der Selbsthilfeverbände, auf die Erleichterungen in der Lebensmittelversorgung und die Wohnungsnot.
Der österreichische Generalstabschef Frbr. v. Hötzeu- -orf hat endlich die Gerüchte über feinen Rücktritt selbst richtiggestellt. Auf eine Anfrage hat nämlich das „N. Wien. Tagbl." von dem Chef des Generalstabes folgendes Telegramm erhalten: „Die Gerüchte über meinen Rücktritt sind unrichtig." Jedenfalls wird Frhr. von Hötzendorf im Gefolge des Thronfolgers an den Ein- weihungsfeterlichkeiten des Völkerschlacht-Denkmals bet Leipzig teilnehmen.
Der Frieden zwischen der Türkei und Bulgarien ist Montag abend punkt 7 Uhr in Konstantinopel unterzeichnet worden. Die letzte Sitzung der Friedenskonferenz trug einen intimen Charakter. Ihr wohnte auch der Großwesir bei, der zum Schluß eine Ansprache hielt, in der er die Hoffnung aussprach, daß dieser Frieden ein dauernder sein möge.
Unglückliche Gefechte der Spanier in Marokko. Einen sehr schweren Kampf sollen die Spanier, wie aus Tanger gemeldet wird, nach Mitteilungen von Eingeborenen mit den aufständischen Marokkanern bei Lar- rasch gehabt Haben. Die Verluste auf beiden Seiten sollen sehr groß sein. Als besonders schwerwiegend wird hervorgehoben, daß von spanischer Seite nichts über einen Sieg verlautet, sondern über den Ausgang des Kampfes völliges Stillschweigen herrscht. Während des Kampfes foll ein Versehen eines spanischen Kriegsschiffes unter den eigenen Truppen großen Schaden angerichtet haben. Zahlreiche Granaten eines spanischen Kreuzers, der durch ein Feuer die spanischen Bewegungen unterstützen sollte, fielen infolge einer falsch berechneten Schutzkurve in die eigenen Reihen und töteten und verwundeten zahlreiche spanische Soldaten.
Expräsident Diaz soll Mexiko retten. Ein Tele- gramm aus Mexiko meldet, daß das mexikanische Krtegsmintsterium General Porfirio Diaz, den früheren Präsidenten, der jetzt in der Verbannung in Europa lebt, aufgefordet habe, zurückzukehren und den Befehl über das mexikanische Heer zu übernehmen.
Kleine üadiricfifen«
Prinzessin Viktoria Luise beabsichtigt, wie in Berlin verlautet, in Begleitung der Kaiserin zur völligen Wiederherstellung eine längere Reise zu unternehmen. Als Ziel der Reise ist Korfu oder die Riviera in Aussicht genommen.
Fehlbetrag beim 12. Deutschen Turnfest. Wie aus Leipzig gemeldet wird, hat sich bei einer Gesamtausgabe von über 800 000 Mark bei der Abrechnung über das 12. Deutsche Turnfest ein Fehlbetrag von etwa 46 000 Mark ergeben. Durch die Freigabe einer Tribüne für die Turner ist allein eine Mindereinnahme von etwa 25 000 Mark entstanden. Die endgültige Abrechnung liegt noch nicht vor.
Neue Untaten der Stimmrechtsweiber. Zwei städtische Golfspielplätze zu Yarmouth sind durch aufgeschüttete Säure zerstört worden. Bei dem Tatorte wurde eine Karte gefunden, auf der stand: „Kein Frauen- stimmrecht, kein Sport, kein Friede! Gebt den Frauen Stimmrecht!" Am Sonnabend wurde ferner ein Holzlager durch Feuer zerstört. Der Schaden wird auf 35 000 Pfund Sterling geschätzt. Auch in diesem Fall handelt es sich um eine Untat der Stimmrechtsweiber.
Znm Kommandeur der Marinelnftschiffabteilnng ist an Stelle des beim Untergang des Marineluftkreuzers „L 1" verunglückten Korvettenkapitäns Metzing nun» mehr Korvettenkapitän Stratzer ernannt worden, der bisher im Waffendepartement des Reichsmarineamtes tätig war.
Ein neuer Komet. Nach einer telegraphischen Mitteilung an die Heidelberg-Königstuhl-Sternwarte wurde am 26. September in La Plata westlich vom Stern Alpha im Wassermann ein neuer Komet aufgefunden. Der Komet ist neunter Größe und kann schon mit einem guten Feldstecher als nebelartiges Gebilde wahrgenommen werden.
Zwischen Aufzug und Schachtrand zerquetscht. Ein entsetzliches Unglück ereignete sich am Montag vormittag auf dem Wanner Hauptbahnhofe. Als der Güterboden- arbeiter Litz mit dem Gepäckaufzug des ersten Bahnsteigs in die Höhe fahren wollte, geriet er auf unerklärliche Weise zwischen Aufzug und Schachtrand. Der Unglückliche wurde buchstäblich zerquetscht und war sofort tot.
Russisches Fleisch für Berlin. Die Deputation der Berliner Stadtvertretung zur Beratung von Maßnahmen gegen die Fleischteuerung hat beschlossen, den Verkauf frischen russischen Fleisches wieder aufzunehmen und beim preußischen Landwirtschaftsminister zu beantragen, die Einfuhr frischen Fleisches bis zum 1. April 1914 zu gestatten.
Gefährlicher Sturz beim Schauturnen. Beim Schauturnen des Bocholter Turnvereins stürzten durch Ein- brechen einer Turmpyramide mehrere Turner aus beträchtlicher Höhe herab und wurden schwer verletzt.
Vom Wrack des gesunkenen L. 1. Der Fischdampfer „Katherina" fischte bei Helgoland einige Eisenteile und Drähte auf, die wahrscheinlich von dem untergegangenen Marineluftschiff „L. 1" herrühren.
Etsenvahnkatastrophe in Rußland. In der Nähe des Bahnhofes Sosvk-er entgleiste ein Personenzug, wodurch sechs Wagen völlig zertrümmert wurden. Vierzig Personen sind getötet und mehr als hundert verletzt worden. Der Unfall ist darauf zurückzuführen, daß Uebel- täter die Schienen gelockert hatten, um zu plündern.
6eridit und Recht«
Verurteilte Betrüger. Vor der 11. Strafkammer des Landgerichts 1 Berlin wurde am Montag wegen Urkundenfälschung und Betrügereien bei der Dresdner Bank, an deren Kasse sie sich auf eine gefälschte Quittung und entwendete Kontrollmarken 30 500 Mark aus- zahlen ließen, der Kaufmann Wreschner zu einem Jahre neun Monaten Gefängnis und der Kassenbote Thiel, dem auch der Diebstahl der Kontrollmarken zur Last fällt, zu zwei Jahren und einer Woche Gefängnis verurteilt. Der Mitangeklagte Handlungsgehilfe Hartlep, der sich durch Versprechen von 600 Mark verleiten ließ, die Quittung an der Kasse vorzuzeigen, und das Geld in Empfang genommen hatte, wurde freigefprochen, da er von dem Betrüge keine Kenntnis hatte.
Der neue KmNel-Prozeß.
Der Ende August vorigen Jahres unter allgemeinem großen Aufsehen vor der Strafkammer in Ratibvr verhandelte Beleidigungsprozetz gegen den Amtsrichter Knittel aus Rybnik in Oberschlesien wegen Beleidigung hoher militärischer Kommandostellen beschäftigt gegen-
Immer auf dem Posten.
Erzählung aus Frankreichs Vergangenheit von Klara ReiKner.
7)
(Nachdruck verboten.)
„Du hier, Lambert?" fragte Raoul erstaunt. „Was führt Dich her, mein braver Alter? Wartest Du auf mich?"
„Ah — gut, daß Sie endlich einmal da sind, Herr Raoul!" grollte der Diener. „Man muß Sie ja in diesem Hause aufsuchen, wenn man Sie treffen will, sonst sind Sie nicht zu finden! Diese Schlingel von Bedienten aber wollten mich nicht vorlassen, um die Herrschaft nicht bei Tisch zu stören — mich nicht vorlassen, den alten Lambert! Tausend noch mal!"
Der Alte brach mit diesem Ausruf so jählings seine Rede ab, daß der junge Marineoffizier ihn ganz verwundert ansah und dann der Richtung seiner Augen folgte. Lambert hatte an einem Fenster die schöne Tochter des Kommissärs entdeckt und starrte nun so unverwandten Blickes hinauf, daß Angelika verschwand, nachdem sie, Raouls Gruß erwidernd, ihm mit ihrer weißen Hand zum Abschied zugewinkt hatte.
„Herr Raoul!" sprach Lambert, noch immer auf das jetzt leere Fenster blickend. „Sagen Sie mir doch, wer war die schöne junge Dame da?"
Raoul lächelte über den tiefen Eindruck, den der Klotze Anblick Angelikas, wie es schien, auf den alten Brummbär hervorgebracht hatte, und mit dem alten Diener weiterschreitend, sagte er vertraulich: „Dir kann ich's ja gestehen, mein guter Alter! Unter uns: es war die künftige Frau von Brisson, die Du soeben dort gesehen hast!"
„Ei wirklich?" knurrte Lambert. „So sind wohl Sie es gar, Herr Raoul, dem zuliebe das schöne Fräulein so viel da draußen aus den Klippen herumklettert und berumminkt?"
„Ich verstehe Dich nicht, Lambert!" sprach Raoul, den Kopf schüttelnd. „Was willst Du damit sagen?"
„Nun, wenn Sie mich wirklich nicht verstehen, Herr Raoul," brummte mit gedämpfter Stimme der alte Seesoldat, „bann wär's am Ende besser, der künftigen Frau von Brisson von so langen einsamen Strandpromenaden abzuraten! Ihre zukünftige Gemahlin scheint eine fast zu große Vorliebe für das Meer und die Seeluft zu besitzen! Und — was das andere anbetrifft, weshalb ich eigentlich hierherkam, mein Herr? Kommen Sie nur morgen, bevor die Dämmerung anbricht, auf mein Felsennest! Da soll mein altes Fernrohr Ihnen etwas zeigen, das Sie interessieren wird. Bis dahin Gott befohlen, Herr Raoul!"
Der alte Seesoldat entfernte sich, ohne daß Raoul von Brisson Miene machte, ihn zurückzuhalten. Ihn rief der Dienst, und außerdem fühlte er etwas wie Aerger über den „übereifrigen" Alten und dessen geheimnisvolles „Geschwätz", das ihm wie lästige „Bevormundung" erschien, in sich aufsteigen.
Trotzdem fand er sich am nächsten Vormittag, ehe es zu dämmern begann, mit militärischer Pünktlichkeit draußen auf dem „Felsenneste" ein, denn die ganze Sache war ihm doch mehr im Kopfe herumgegangen, als er sich selber eingestehen mochte.
„Nun, da bin ich, alte Unke!" rief er halb ärgerlich, halb lachend dem alten Diener zu. „Heraus jetzt mit den Hirngespinsten!"
Der Alte betrachtete mit Stolz strahlenden Blickes die schlanke, jugendliche Gestalt seines Lieblings, den er als Kind einst in seinen Armen gewiegt, auf seinen Knien geschaukelt hatte, dem er als Knabe die ersten seemännischen und militärischen Kenntnisse beigebracht und der nun als blühend schöner Jüngling, ein Bild von Kraft und Kühnheit, vor ihm stand: dann begann er Ars und aewtssenhgft zu i«»
Leider aber schien sein Beweismittel: das Fernrohr sich heute gar nicht zu bewähren. Nichts Verdächtiges ließ sich ringsum blicken: weder die sonst täglich um diese Zeit sichtbare schöne junge Dame im blauen oder weißen Kleide wollte sich zeigen, noch irgend eine Spur von einem Schmugglerschiff, worauf der alte Seesolöat nach allen sonstigen Anzeichen fest gerechnet hatte.
Da derselbe Mißerfolg auch in den nächsten Tagen, bevor Raouls Fregatte absegelte, sich wiederholte, so schalt der junge Offizier den Alten einen törichten Geister- und Gespensterseher, der allerlei Grillen sich in den Kopf gesetzt hätte und durchaus mehr wissen wollte als andere, dazu berufene Leute. Uebrigens Hätte er selbst dem Kommissär Mitteilung von den vermeintlichen Schmugglerentdeckungen Lamberts gemacht: was aber die Tochter des Kommissionärs betreffe, so geschehe es auf ausdrücklichen Wunsch ihres Vaters, daß sie weit ausgedehnte Strandpromenaden bei jeder Witterung mache, um ihre Gesundheit zu stärken und an das rauhe Seeklima zu gewöhnen.
Es war zum erstenmal, daß Raoul dem alten treuen Diener seiner Eltern ernsthaft zürnte und unzufrieden und unfreundlich mit demselben sprach, und selbst der gute Knaster, den er ihm zum Abschied mitgebracht, vermochte kein Pflaster aus das gekränkte Ehrgefühl des alten Seesoldaten zu legen.
„Natürlich!" knurrte er in sich hinein, nachdem Raoul, dessen Fregatte am nächsten Tag absegelte, ihm Lebewohl gesagt, mit dem guten Rat, sich lieber nicht um Dinge zu kümmern, die nicht seine Sache würem „Der alte Lambert weiß nicht mehr, was er sieht und' spricht. Das Ei will klüger sein als die Henne! Werd', am Ende nächstens „Herr Marquis" noch zu ihm sagen müssen! Aber, Potztausend! zeigen wird sich's, ob den unbrauchbare alte Lambert nicht doch zu etwas wehn gut ist, als wie ein abgetakelter Invalide den Dampf Jtiiti£.Rtorii^.iöl^^ blau« Lult zu Lallet