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Hersfelder Tageblatt

Amtlicher Anzeiger ^5 für den Kreis Hersfeld

Bezugspreis vierteljährlich für Hersfeld 1.50 Mark, durch die Post be- - , zogen 1.60 Mark. Druck und Verlag von Ludwig Funks Buchdruckerei DCtSluOCt Hersfeld. Für die Redaktion verantwortlich Franz Funk in Hersfeld.

Der Anzeigenpreis beträgt für die einfpaltige Zelle 10 Pfennig, im amtlichen Teile 20 Pfennig, Reklamen die Zelle 25 Pfg. Bei Wieder­holungen wird Rabatt gewährt. Erscheint jeden Werktag nachmittags.

Gratisbeilagen:Illustriertes Sonntagsblatt" undIllustrierte Landwirtschaftliche Beilage"

Zernsprech-Nnschluß Nr. 8

Nr. 11S. Mittwoch, den 1. Oktober 1913.

Noch fortwährend

können Bestellungen aus dasHersfelder Tageblatt" bei der Geschäftsstelle, bei den Austrägern, Briefträgern und der zuständigen Poststelle gemacht werden.

Bezugspreis vierteljährlich 1.40 Mk. bei Abholung, 1.50 Mk. bei freier Zustellung ins Haus, 1,60 Mk. bei

Bezug durch die Post.

Hus der Heimat«

Die Versorgung der Milttaranwarter.

Die Versorgung der Militäranwärter ist augen­blicklich in günstiger Entwicklung begriffen. Nachdem in den letzten Jahren im Abgang der versorgungs- berechtigten Unteroffiziere von der Truppe eine fühl­bare Stockung eingetreten war und auch die Warte­zeiten für die Einberufung zu den verschiedenen Dienstzweigen übermäßig lang geworden waren, hat sich in jüngster Zeit eine Besserung in dieser Be­ziehung angebahnt, die, wie man annehmen kann, noch ständig zunehmen wird. Der Grund liegt wohl hauptsächlich in der erheblichen Stellenvermehrung, zu der sich die meisten Anstellungsbehörden nach jahrelanger Zurückhaltung genötigt sahen, und die auch in den nächsten Jahren noch nicht abgeschlossen sein wird. Der Anteil der Militäranwärter an dieser Stellenvermehrung im Reichs- und preußischen Staats­dienst beträgt für das Jahr 1912 über 1800 und für 1913 über 8200 Stellen allein bei den mittleren und Kanzleibeamten. Der Abgang der Militäranwärter von der Truppe betrug im Rechnungsjahre 1911 etwa 4800, 1912 bereits über 6200 und wird noch erheblich steigen, da sich augenblicklich in den meisten neu­geschaffenen Stellen zur Probedienstleistpng beurlaubte Militäranwärter befinden werden, die zwar noch zur Truppe rechnen, aber bald ausscheiden. Auch die Wartezeiten haben sich in den letzten drei Jahren erheblich verringert, z. B. bei der Post von etwa 21 auf 13 Monate, bei der Eisenbahn sogar von 27 auf 34 Monate.

Diese Entwicklung ist mit Rücksicht auf den durch die Wehrvorlage erhöhten Bedarf an Unteroffizieren besonders erfreulich. Sie wird noch begünstigt durch verschiedene Maßnahmen der Heeresverwaltung. So wurden in der letzten Zeit bei der Truppe Auskunfts­und Beratungsstellen geschaffen, die, mit neuem, reich­haltigem Material ausgestattet, die Unteroffiziere in die richtigen Bahnen bringen sollen. Die Urlaubs­bestimmungen für Militäranwärter wurden günstiger gestaltet, die dabei zuständigen Gebührnisse erhöht. Am 1. April 1914 tritt außerdem noch eine Erhöhung der Dienstprämie von 1000 auf 1500 Mk. sowie eine Erhöhung der einmaligen Geldabfindung für den Zivilversorgungsschein von 1500 auf 3000 Mk. und der monatlichen Zivilversorgungsentschädigung von 12 Mk. auf 20 Mk. hinzu. Wie wir hören, sind jedoch die Erörterungen darüber, ob ein Anstellungsschein für den Unterbeamtendienst und eine kleinere Dienst­prämie nach kürzerer als 12jähriger Dienstzeit an Unteroffiziere (Kapitulanten) gewährt werden kann, bei der Bedeutung der Frage zu umfangreich, als daß sie schon für 1914 zum Abschluß gebracht werden könnten. Gleichwohl ist anzunehmen, daß die günstige Entwicklung des Versorgungswesens schon jetzt einen verstärkten Andrang zur Unteroffizierslaufbahn zur Folge haben wird. Das wäre um so erfreulicher, als am 1. Oktober zahlreiche neugeschaffene Unteroffiziers­stellen zu besetzen sind.

* Eine größere Einberufung der R e s e r v i st e n und Landwehrleute ist auch für das nächste Jahr festgesetzt. Vorn 1. Aprrl 1914 an werden stufenweise zu den 12 brs 57 Tage dauernden Uebungen einberufen: im Gebiet ber preußischen Truppenteile 19 000 Unteroffiziere und 385 000 Mann, im übrigen Reichsgebiet (Bayern, Sachsen, Württem­berg) 105 000 Mann. Hierzu treten noch die Kranken­wärter und Ersatzreservisten, die 10 Wochen üben müssen.

* (W i s s e n sch a f t li ch e B a l lon au fsti e g e.) Am Donnerstag den 2. Oktober 1913 finden in den Morgenstunden Internationale wissenschaftliche Ballon­aufstiege statt. Es steigen Drachen, bemannte oder unbemannte Ballons in den meisten Hauptstädten Europas auf. Der Finder eines jeden unbemannten Ballons erhält eine Belohnung, wenn er der jedem Ballon beigegebenen Instruktion gemäß den Ballon und die Instrumente sorgfältig birgt und an die angegebene Adresse sofort telegraphisch Nachricht sendet.

):( Hersfeld, 30. September. Vorn 1. Oktober ab werden die P0stschalter morgens erst um 8 Uhr

geöffnet. Ebenso beginnt der Dienst auf dem Fernsprechamt während des Winterhalbjahres um 8 Uhr.

):( Hersfeld, 30. September. Die offenen Ver­kaufsstellen werden von morgen, den 1. Oktober ab, um 3a7 Uhr morgens geöffnet.

):( Hersfeld. 30. September. In der Nacht vom Sonntag zum Montag wurde in einer hiesigen Villa ein Einbruchsdiebstahl verübt. Die Bewohner, welche verreist waren, fanden bei ihrer Rückkehr nachts in den Stuben Behälter erbrochen. In einem Schranke wurde noch ein Meisel steckend vorgefunden, ein Zeichen, daß der Dieb gestört worden ist. Soweit festgestellt werden konnte, wurde eine Damenuhr mit Kette entwendet.

):( Hersfeld, 30. September. Die Rennen ant nächstenSo nnt a g versprechen se h r int er e ss ant zu werden. Zahlreiche Nennungen sind eingelaufen. Besonders wurden viele Pferde von den Offizieren des Königs Ulanen-Regiments in Hannover genannt. Leutnant von Moßner von den Darmstädter Garde- Dragonern, der zur Zeit erfolgreichste deutsche Herren- Reiter, hat ebenfalls mehrere Pferde genannt, scheint demnach in Hersfeld im Sattel tätig sein zu wollen. Auch Leutnant von Raven hat genannt. Herr von Raven war vor zwei Jahren mit 67 Siegen der er­folgreichste deutsche Reiter. Niemals vor- oder nach­her hat ein Offizier eine gleiche Anzahl Rennen in einem Sommer gewonnen. Ein Zusammentreffen zwischen den Leutnants von Moßner und von Raven würde für Hersfeld eine Sensation sein. Der Kom­mandierende General des 11. Armeekorps Excellenz Freiherr von Scheffer-Boyaöel hat für das Kurpark- Jagdrennen einen wertvollen Ehrenpreis gegeben.

Fulda, 29. September. Die Jagd nach dem Kirchen- räuber Müller ist bis jetzt ergebnislos verlaufen, trotzdem sie mit Autos und Fahrrädern nach ver­schiedenen Seiten hin sofort ausgenommen wurde. Müller muß seinen Plan schon seit mehreren Tagen vorbereitet haben, denn man fand in seiner Zelle auch noch ein Eisenstück, dessen er sich wahrscheinlich als Waffe gegen den Gefangenen-Aufseher bedienen wollte. Müller ist etwa siebenundzwanzig Jahre alt, mittel­groß und hat ein langes blasses Gesicht

Taun i. ö. Rhön, 29. September. Zur Errichtung eines Krankenhauses und Erholungsheimes in unserem Städtchen stiftete die Generalin Rudolf von und zu der Tann die Summe von 100 000 Mk. mit der Be­stimmung, daß 80 000 Mk. zum Krankenhaus und 20 000 Mk. zum Stift Verwendung finden sollen. Geeignete Grundstücke hierzu wurden bereits in der Annenstraße, neben dem Kinderheim dazu bestimmt. Sobald einige Formalitäten mit dem Krankenhaus in Fulda erfüllt sind, dürfte der Bau in Angriff genommen werden.

Caffel, 29. September. Der heutige Festtag der Tausendjahrfeier galt vornehmlich dem Sport. Ein­geleitet wurde er durch Turn- und Spielveranstal­tungen der Casseler Mittel- und Bürgerschulen, wobei 1700 Knaben und Mädchen Freiübungen und Turn- spiele vorführten. Mittags gab die Stadt den Künstlern, die sich um den gestrigen Festzug verdient gemacht hatten, und den Vertretern der hiesigen und auswärtigen Presse im Rathause ein Frühstück, wobei Oberbürgermeister Dr. Scholz der Verdienste der Presse um das Zustandekommen der Tausendjahrfeier gedachte. Den Teilnehmern wurden goldene Erinne­rungsmedaillen überreicht. Den Nachmittag füllten Veranstaltungen der deutschen Turnerschaft aus. Das hervorragendste Ergebnis des Tages war eine pracht­volle Huldigungsfahrt der Casseler Ruöervereine auf der Fulda. Alle Boote waren festlich geschmückt und fuhren in Paradeformation die Fulda hinab, von der vieltausendköpfigen Menge, die die Ufer säumte, stürmisch bejubelt. Morgen schließen die Festtage mit Jugendspielen und einer hessischen Kirmes in der Karlsaue ab.

Satzungen, 29. September. Der 8,27 Uhr früh in Vacha fällige Personenzug 2003 stieß heute auf eine Rangiermaschine im Bahnhof Vacha auf. Die beiden Lokomotiven wurden stark beschädigt. Personen wurden nicht verletzt.

Salzungen, 29. September. In der Nacht von Sonnabend zum Sonntag brach hier in dem Tenner- schen Anwesen in der oberen Bahnhofsstraße Feuer aus. Der schnell herbei geeilten Feuerwehr gelang es sehr bald, des Feuers Herr zu werden. Bei dem Brande kam jedoch ein etwa acht Wochen altes Kind durch Ersticken ums Leben. Die Eltern hatten das Kind allein in der Behausung zurückgelassen. Der Vater, der das Kind noch retten wollte, brach ohn­mächtig zusammen und liegt an Rauchvergiftung im Krankenhause darnieder.

Frankfurt a. M., 29. Sept. Zu tumultuarischen Szenen kam es gestern bei der ersten Amtshandlung des früheren Mitgliedes des katholischen Obladen- Ordens und jetzigen altkatholischen Pfarrers Dr. Christian Alberti. Während er in der Nikolaikirche Gottesdienst abhielt, versammelten sich vor der Kirche Tausende von Menschen, die aus sein Erscheinen warteten. Als Dr. Alberti mit mehreren Herren das Gotteshaus verließ, ertönten aus der Menge Rufe wieJudas, Verräter, Lump, Schuft." Nur mit Mühe gelang es den Begleitern Dr. Albertis, ihm einen Weg durch die Massen zu bahnen, die öfters Miene machte, ihn zu mißhandeln. Erst als Dr. Alberti und seine Freunde in ein Automobil stiegen und fortsuhren, erreichten die wüsten Szenen ein Ende.

Hadamar, 29. September. Auf furchtbare Weise ist hier ein ostpreußischer Arbeiter ums Leben ge­kommen. Er fiel in dem Hofgute während der Arbeit von dem Gerüst über der Tenne in die Trommel der Dreschmaschine, so daß ihm der Kopf, Hals und ein Teil des Oberkörpers zermalmt wurde.

Motorlose Sturmsliige.

Von einem Fachmann wird geschrieben:

Allem Anscheine nach stehen wir vor einer ver­blüffenden Wendung im Flugbetriebe, die alles über den Haufen wirft, was die Physiologen bisher er­rechnet haben. Es hieß bisher, der Mensch brauche 5va Pferdekräfte, um vogelgleich sich in den Lüften behaupten zu können; mithin sei ein anderer, als der Maschinenflug, undenkbar. Und da die Maschine neues Gewicht hinzubringt, ist unter 12 Pferdekräften überhauptnichts zn machen". Dagegen wendet sich ein Berliner Ingenieur, der soeben ein paar Menschen­flügel zum Patent angemeldet hat, mit denen ein Fliegen ohne jeden Motor möglich sei, und mit einem Minimum an Kraftanstrengung.

Die Brüder Wright haben schon seit Jahren prak­tische Versuche gemacht, um in motorlosem Gleitflug etwas zu erreichen. Aber es blieb immer ein Gleit­flug, der sehr schnell ein Ende nahm,- eine Minute und wenige Sekunden war die längste Zeit, die man oben blieb. Zunächst rein theoretisch hat auf demselben Gebiet der Baumeister Gustav Lilienthal, Otto Lilien- thals Bruder, den Vogelflug erforscht. Er meint, die Lösung der Frage werde allerdings ohne Motor sich ermöglichen lassen, aber nicht im sogenannten Drachen­flug, sondern wirklich nach Art der Vögel, von denen einige besonders schwere so der Albatros mit seinen 20 Pfund Lebendgewicht tagelang den Schiffen zu folgen vermögen, ohne merklich ihre Muskeln zu be­wegen. Der Albatros ist etwa elfmal so schwer wie die Silbermöve und hat dabei doch nur dreimal so große Flügel) der Mensch muß also mit verhältnis­mäßig noch kleineren Tragflächen mehr erreichen können, sobald er nur überhaupt die erste Vorwärtsbe­wegung hat.

Das Sensationelle an dem'neu angemeldeten Patent Dörr ist lediglich die Entdeckung, woher es kommt, daß große Vögel in der Luft ohne jeden Flügelschlag nicht nur gleiten, sondern auch steigen können. Alle bisherigen Erklärungen seien falsch. Der Flug be­ruhe auf weiter nichts, als auf dem verschiedenen Luftdruck unterhalb und oberhalb der Flügel, und zum Fliegen sei nur nötig, daß ihre Oberseite ge­wölbt sei.

Die Erklärung klingt verblüffend einfach. Wenn ein schwerer Vogel Vorwärtsbewegung hat, etwa sich vornübergeneigt in eine Art Sturzflug übergehen läßt, so wird der Luftstrom an der gewölbten Flügel­fläche aufwärts gewirbelt und gleitet nicht etwa an ihrem abwärts gebogenen Teile parallel entlang. Hier bildet sich also ein luftverdünnter Raum. Der hat eine ziehende, hebende Wirkung, da gleichzeitig von unten der normale Luftdruck bestehen bleibt. So wechselt bei der Möve und erst recht beim Albatros, ohne daß diese Tiere mit den Flügeln zu schlagen brauchen, kurzer Sturzflug mit langem allmählichen Aufwärtsschweben. Der Unterschied zwischen dem Luftdruck an der unteren und oberen Flügelfläche braucht nur minimal zu fein; das genügt schon. Je schwerer und größer der Flieger, umso leichter das Fliegen. Das letzte Rätsel im Luftmeer wäre damit gelöst.

Daß es dem Menschen möglich ist, sich ebenso zu tummeln, wie die Schwalben, hat der Franzose Peegoud ja bewiesen, der sich seitwärts und rücklings abstürzen läßt, wie ein Kreisel auf der einen Flügelspitze her- umwirbelt, mit dem Kopf nach unten einhergleitet und doch immer wieder in die normale Lage zurück- kehrt. Vielleicht ist es jetzt einem Deutschen beschieden, auch noch die Maschine auszuschalten) und nach einem Jahrzehnt wird man dann ganze Schwärme von Ausflüglern" Sonntags daherschwirren sehen.