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Ses Kanzlers M«k an die Pforte.

Im eigenen Interesse der Türkei.

Die Sonderverträge der Hohen Pforte mit Eng­land und Frankreich über Verkehrsverhältnisse in Ana- tolien regen auch die deutsche Politik zur Entfaltung einer lebhaften Tätigkeit am Goldenen Horn an. Nach­dem der Vertreter des Deutschen Reiches in Konstanti­nopel auf Veranlassung des Reichskanzlers in nicht mißzuverstehender Weise kundgetan hat, daß die klein­asiatische Politik nicht über den Kopf Deutschlands hin­weg gemacht werden dürfe, und daß die Einwilligung in öre Sonöerabmachungen anderer Mächte mit der Türkei nicht ohne Sicherung der deutschen Rechte ge­geben werden könne, suchen sich die türkischen Macht­haber diesem Standpunkt anscheinend anzubequemen. Dschaviö Pascha stattete dem deutschen Botschafter einen einstündigen Besuch ab und war bemüht, die durch seine bekannten Pariser Interviews hervorgerufenen Miß­verständnisse auszuklären.

Die Situation der Türkei ist nicht so glänzend, daß sie alte Freunde vor den Kopf stoßen sollte, auf deren Hilfe sie auch in Zukunft angewiesen ist. Weit den Pa­riser Finanzverhandlungen DschavidS ist nämlich das Ziel noch keineswegs erreicht, die Türkei ist vielmehr in der Lage, auch mit der deutschen Finanz eine Ber- tändigung suchen zu müssen, und derselbe Dschaviö, der o unvorsichtig seine französischen Sympathien geäußert tat, soll demnächst nach Berlin gehen, um die VerhanS- ungen mit den deutschen Finanzleuten aufzunehmen. Uebrigens sind in diesen Tagen auch Vertreter der fran­zösischen Hochfinanz in Berlin eingetroffen, um mit den deutschen Interessenten die vertraulichen Besprechungen über die türkischen Bahnfragen wieder aufzunehmen. Ohne Deutschland geht es eben nicht. Die Stellung der Deutschen in den asiatischen Bahnfragen ist so fest, ihre Rechte und Interessen sind so sicher fundiert, daß alle Abmachungen zwischen dritten und der Türkei mit die­sen Rechten in Einklang gebracht werden müssen, wenn sie Wert erhalten sollen.

Das hätte sich auch ^Dschaviö Bey sagen müssen, ehe er sein Interview veröffentlichen ließ. Und dabei hätte er auch seine eigenen Erfahrungen darüber zu Rate zie­hen können, welche Bedeutung in Anleihefragen der deutsche Freund in kritischen Zeiten für die Türkei ge­habt hat und unter Umständen wieder haben könnte. Es sind jetzt drei Jahre her, da versuchte derselbe Dschaviö Bey — öamals als türkischer Finanzminister — eine Anleihe in Paris abzuschließen. Die Franzosen wollten das Geld nur zu Bedingungen gewähren, die auf eine finanzielle Tunisierung der Türkei herausgekommen wäre. Am 2. September wurden die Verhandlungen als ergebnislos abgebrochen, nnö Dschaviö Bey, der auch persönlich schlecht behandelt worden war, verließ eilends Paris. Ein Versuch, in London Geld zu erlangen, schlug am 22. September ebenfalls fehl. Die Verlegen- Heit ftieg in Konstantinopel angesichts der leeren Kassen aufs höchste. Da bot am 28. September öie deutsche Bank den Türken einen Vorschuß von 120 Millionen an, und der deutsche und österreichische Geldmarkt stellte sich der türkischen Regierung zur Verfügung. Die von Frankreich und England verweigerte Anleihe kam in Berlin und Wien zustande, und zwar ohne politische Be­dingungen, wie sie Frankreich verlangt hatte.

Es ist nützlich, hieran zu erinnern, nicht, um über türkische Undankbarkeit zu klagen, sondern um klar zu machen, daß ihre wohlverstandenen Interessen die Tür­kei immer wieder auf ein gutes Verhältnis zu Deutsch­land Hinweisen.

Die Ernährung Deutschlands im Kriege.

Unabhängig vom Auslande?

Die „Deutsche Tageszeitung" veröffentlicht einen aus Offizierskreisen stammenden bemerkenswerten Ar­tikel über Landwirtschaft und Volksernährung im Kriege. Darin ist die in der letzten Zeit häufig aufge­worfene Frage behandelt, ob sich das deutsche Volk während eines Krreges unabhängig vom Ausland er­nähren könne. Der Verfasser glaubt diese Frage beja­hen zu dürfen. Der Entgang an eingeführten Nahrungs­mitteln während eines Krieges, der nur 3 Prozent des Verbrauchs betrifft, sei mit Leichtigkeit zu ertragen. Wichtiger sei die Frage, ob die einheimische Landwirt­schaft durch genügende ArbeitskrWe ihre volle Produk­tion sicherstellen könnte. Eine Mobilisierung und die gleichzeitige Rückwanderung der ausländischen Arbeits­kräfte würde die deutsche Landwirtschaft um mehr als 2% Millionen Köpfe, also der Zahl nach fast um den vierten Teil ihrer Arbeiterschaft, berauben. Der Qua­lität nach wäre der Verlust aber bedeutend größer. Auf der anderen Seite aber würde ein Krieg das gesamte Wirtschaftsleben in ganz ungeahnter Weise lähmen, und der Verfasser schätzt, daß mindestens 50 Prozent der Ge- samtinöustrie darniederliegen würden. Dadurch ent­stünde ein Millionenheer von Arbeitslosen, die zur

Immer auf dem Posten.

Erzählung aus Frankreichs Vergangenheit von Klara Reichner.

4) (Nachdruck verboten.)

Wenn Sie auch fortwährend beharrlich darauf bestanden, die Stellung eines Dieners in meinem Hause einzunehmen, Sie hätten von Gott und Rechts wegen doch den ersten, den Ehrenplatz in meinem Hause, an meinem Tisch fordern können, obgleich Sie hartnäckig sich jedem Dank entzogen und auf Ihren ausdrücklichen Wunsch niemand, nicht einmal mein eigener Sohn, den ganzen Umfang unserer Schuld Ihnen gegenüber er­fahren Hat. Noch jetzt, Lambert, haben wir, ich weiß es, keinen besseren, treueren Freund als Sie auf Erden, und deshalb sage ich Ihnen, was ich keinem anderen sonst so offen fügen würde: Lambert, versprechen Sie mir, über meinen Sohn zu wachen statt meiner!"

Der alte Soldat legte die Hand beteuernd auf seine mit der Tapferkeitsmedaille geschmückte Brust, und in seinen dunklen Augen glänzte es verdächtig unter den buschigen Brauen, als er ehrfurchtsvoll zu seiner Herrin sagte: „Ich schwöre es Ihnen zu, Frau Marquise, bei meiner Ehre!"

In dieser Nacht schlief Frau von Brisson zum ersten Male wieder ruhig seit der Ankunft ihres Sohnes, ob­gleich er morgen sie verlassen mußte. Wußte sie doch, daß jetzt, außer dem Auge des allwissenden Gottes, zu hem sie vertrauend die Gebete eines angsterfüllten Mut­terherzens emporsendete, auch auf Erden statt ihrer der Blick eines wahren, treuM Mundes über ihM Sohne schützxnd wachen würde. '

Zweites Kapitel.

— Auf der Wacht.

W war ein großer Unterschied zMHeü bew Leben MMOäMtal W W Ä Zeit, das

Landwirtschaft hinitvergeleitet werden könnten. Der Artikel schlägt eine militärische Kontrolle aller nicht zum Heeresdienst heranzuziehenden männlichen Personen vor und verlangt, daß diese im Kriegsfall zur landwirt­schaftlichen Arbeit verpflichtet werben, wenn sie nicht nachweisbar eine andere Beschäftigung gefunden haben. Zur Lösung dieses wichtigen Problems für den Knegs- fall wird schließlich die Bildung eines wirtschaftlichen Kriegsrates gefordert.

Politische Rundschau.

Reisepläue des Kaisers. In der ersten Hälfte des Monats Oktober wird in Donaueschingen der Besuch des Kaisers beim Fürsten von Fürstenberg erwartet. Der Kaiser wird sich alsdann von hier nach Leipzig zur Einweihung des Völkerschlachtdenkmals begeben.

Telegrammwechsel zwischen Poincaree ttnd Kaiser Wilhelm. Wie erst nachträglich bekannt wird, sondte so­fort nach bem Unfall des Oberstleutnants von Winter- feldt der Präsident der französischen Republik, Poin­caree, ein Telegramm an den deutschen Kaiser, worin er diesen von oem Unfall verständigte. Wie nun in Paris verlautet, soll Kaiser Wilhelm noch am gleichen Tage dem Präsidenten der Repnblik in höchst liebens­würdiger Weise geantwortet haben.

Bereinfachungen im Heeres-Ersatzgeschäft. Das letzte Militär-Wochenblatt bringt einen interessanten Aufsatz über Vereinfachungen im Heeres-Ersatzgeschäft infolge der gesetzlichen Steuerungen. Daraus ist vor allem die Bestimmung hervorzuheben, nach der das Ver­fahren der Losung beseitigt ist. Künftig soll für die Reihenfolge, in der die Militärpflichtigen auszuheben sind, der Grad der Tauglichkeit zum Militärdienst maß­gebend sein. Nach den seitherigen Veröffentlichungen ist beabsichtigt, beim Ersatzgeschäft eine Sichtung der Taug­lichen in zwei Klassen vornehmen zu lassen. Die Taug­lichen 1 (zweifellos Taugliche) werden voll zur Einstel­lung kommen, die Tauglichen 2 nur so weit, wie sie zur Erreichung der Rekrutenquote benötigt sind. Eine Uebertragung von Tauglichen auf öas kommende Jahr gibt es nicht mehr, soöatz wohl anzunehmen ist, daß die auch als tauglich 2 Erklärten schon im gleichen Jahre ihre endgültige Entscheidung erhalten müssen.

Für eine Beteiligung der deutschen Industrie an der Weltausstellung in San Francisco tritt in einer längeren Zuschrift an Generaldirektor Ballin ein Deutschamerikaner ein, der seit 25 Jahren in der Neuen Welt lebt und „Land und Leute, Staats- und Munizipal-Beamte, Geschäftsmänner und -Methoden, die Reformbestrebungen, die Schwächen und Stärken der Vereinigten Staaten" kennt. Er weist nachdrücklich darauf hin, daß Deutschland an Amerika — das gewisser­maßen die größte deutsche Kolonie sei — jährlich für 700 Millionen Mark Waren verkaufe und Amerika an Deutschland ungefähr das Doppelte. Ein besonders reiches Gebell und Nehmen könne und solle gerade zwi­schen ihnen stattfinden, und jeder sei verpflichtet, an dem besseren Verständnis zwischen den beiden Nationen an seinem Teil mitzuarbeiten. Und das um so mehr, als England durch seine Absage die Union brüskiert habe.

Neue Riesengeschütze für die deutsche Marine. Bei der Firma Friedrich Krupp in Essen hat die Marine­verwaltung die ersten 38-Zentimeter-Geschtttze zur An­fertigung in Bestellung gegeben. Es handelt sich zunächst um die Konstruktion von sechzehn Geschützen dieses Ka­libers, die zur Installierung an Bord der beiden Groß- kampfschiffe Ersatz „Wörth" und „T" bestimmt worden sind, die die Schichauwerft in Danzig und die Howalöts- werke in Kiel zum Bau in Auftrag erhalten haben.

Der Evangelische Bund zur Wahrung der deutsch­protestantischen Interessen hat im letzten Jahr ein Wachstum von 180 Vereinen und 23 366 Mltglieöern zu verzeichnen. Im April 1912 waren vorhanden im ganzen 3209 Vereine mit 485 753 Mitgliedern, im April 1913 bestand der Bund aus 3389 Vereinen mit 510 000 Mitgliedern. An Unterstützungen wurden 1913 gewährt rund 30 000 Mark. Daneben wurden durch die Hilfs- ausschttsse der verschiedenen Hauptvereine noch bedeu­tende Beiträge zur Förderung der evangelischen Kirche in Oesterreich aufgebracht, etwa in Höhe von 300 000 Mark. Nimmt man hinzu, daß auch eine Fülle von Unterstützungen von den einzelnen Haupt- und Zweig- vereinen geleistet wird, so greift man sicherlich nicht zu hoch, wenn man die Unterstützungen sür praktische Auf­gaben auf mehr als 400 000 Mark angibt.

Der Ausschuß der deutschen (christlich - nationalen) Arbeiterkongresse, der in Cöln tagte, hat einstimmig den Entschluß gefaßt, auf den 30. November und die folgen­den Tage einen Kongreß einzuberufen, öer in Berlin stattfinden soll. Der Schwerpunkt des Kongresses liegt in der Stellungnahme zu den Strömungen, wie sie in dem sogenannten neuen Kartell der schaffenden Arbeit in Leipzig zum Ausdruck gekommen sind.

heißt im Herbste des Jahres 1810. Seit Frankreich mit England in offener Feindschaft lebte und der Kaiser die Demütigung der Briten um jeden Preis beschlossen hatte, war es still, sehr still und öde dort geworden. Die statt­lichen Schiffe, die sonst, mit Waren reich beladen, dort einliefen, durften nicht mehr landen, ohne als Feinde behandelt zu werden; Handel und Verkehr stockten, und verschwunden war das fröhliche Leben und Treiben, das sonst in den französischen Häfen überall geherrscht hatte.

Es war ein hoher Preis, den die Brachlegung der englischen Macht kostete. Man mußte schlechte französische Produkte übertrieben hoch bezahlen, während die eng­lischen zu halben Preise besser waren, gleichviel, ob es sich um Stoffe oder Genußmittel wie Kaffee, Zucker, Tabak usw. handelte. Die natürliche Folge davon war also, wie bererts erwähnt, sehr bald ein ebenso kühner als blühender Schmugglerverkehr und -Handel, so streng auch die Gesetze gegen Schleichhändler sich ge­stalteten. Hielten die meisten es doch für erlaubt, gegen die ihnen auferlegte unbequeme Tyrannerei sich im stillen aufzulehnen und diesem lästigen Zwang ein Schnippchen zu schlagen.

Auch in Raouls Kriegshafen war es ein öffent­liches Geheimnis, daß die Kaufleute dort imstande waren, gute und billige, also ausländische Waren ab- zugeben, und die Mehrzahl der Einwohner scheute sich auch nicht, ruhig davon zu profitieren. Nur einige Fa­natiker und Patrioten rauchten lieber den schlechten Knaster allergeringster Sorte, versagten sich lieber den Genuß des teueren Kaffees und Zuckers gänzlich, ehe sie die geschmuggelten Waren ihres Nationalfeindes, die­ser verhaßten Engländer, kauften.

Der alte invalide Seesolbat Jean Labert, der Bru­der des Dieners der Marquise von Brisson, war nicht wenig überrascht, als eines schönen Tages plötzlich sein Bruder bet ihm eintrat, den er so lange schon nicht mM LLlÄM. baß er bereits die Hosftmvg ülltüLgeLm

Kleine nachrichten.

Ein Rektor als Abiturient. Bei Seit Abiturienten- prüfungen für Auswärtige, die in Münster t. W. an der dortigen Oberrealschule stattfanden, befand sich auch der etwa 45 Jahre alte Rektor Kottenhoff von der Ham­burger Wilhelmsschule (Volksschule). Von den zwölf Prüflingen bestanden drei, darunter der Rektor.

Zwei Personen an Pilzvergiftung gestorben. In Zauckerode (Bez. Dresden) erkrankte die vielköpfige Familie des Bergarbeiters Reichelt nach dem Genusse des sogenannten Knollenblätterschwammes. Der 48 Jahre alte Vater, sowie ein siebzehnjähriger Sohn sind gestorben. Die Frau und ein anderer Sohn liegen noch bedenklich darnieder. Der Knollenblätterschwamm ist ei­ner der gefährlichsten Giftpilze. Er wird besonders in jugendlichem Zustande meist mit dem Champignon ver­wechselt.

Raubmord au einem Mittellosen. Auf dem Guts­hofe Niederheid in der Nähe von Essen wurde der Ar­beiter Bläser ermordet ausgefunden. Der mutmaßliche Täter, der Viehwärter Neuburger wurde verhaftet. Es liegt Raubmord vor. Der Ermordete hatte geäußert, er trage 800 Mark Ersparnisse bei sich. In Wirklichkeit besaß er nichts.

Französische Zeppelinjäger? Auf dem Flugplatz Chalons soll jetzt der Versuch mit einem neuen Panzer­flugzeug gemacht werden, welches mit einem starkkalib- rigen Geschütz ausgerüstet ist, das sich in einem kleinen drehbaren Turm befindet. Man hofft, durch dieses Fahrzeug den Zeppelinen gefährlich werden zu können, da sie sich den deutschen Luftkreuzern zu nähern und ihr Feuer zu erwidern vermögen. — Das Zugeständnis, daß Frankreich zu solcher Abwehr gegen die Zeppeline bis­her nicht in der Lage ist, wird also hier gemacht.

Großer Juwelenschwindel. Als der Vertreter einer Pariser Juwelierfirma in einem Brüsseler großen Hotel auf den Fahrstuhl wartete, wurde ihm eine große Hand­tasche, in der sich Juwelen im Werte von 165 000 Francs befanden, gegen eine leere ähnliche vertauscht.

Der Prozeß gegen den Frauenmörder Schmidt wird am 6. Oktober vor den großen Geschworenen in Neuyork beginnen.

Millionenschaden durch Ueberschwemmungen. Nach amtlichen Schätzungen richteten die Frühjahrsüber- schwemmungen im Ohiotale (Nordamerika) einen Ge­samtschaden von 163 Millionen Dollars an. Der Ernte­schaden allein beziffert sich auf 11 Millionen.

Auf der Bahn beraubt wurde ein russischer Bahn- beamter, der auf der Transbaikalbahn mit mehr als 200 000 Mark zur Entlohnung der Bahnarbeiter fuhr. Räuber, die im Zuge fuhren, brachten den Zug zum Stehen, fesselten oen Maschinisten auf der Lokomotive und schössen zwei Bahnwächter nieder. Sie konnten sich dann unbehmdert entfernen.

Gayuors Töchter enterbt. Das Vermögen des ver­storbenen Bürgermeisters von Neuyork, Gaynor, ist endgültig auf 1^ Millionen Dollar abgeschätzt worden. Von dieser Summe erhalten seine beiden ältesten Töch­ter Edith und Gertrud nur je 1000 Dollar. Beide ha­ben gegen den Willen ihres Vaters geheiratet. Eine von ihnen wurde sogar vor der Ehe von einem Chauf­feur entführt. Diesen Verstoß gegen seinen Willen hat der verstorbene Bürgermeister seinen Töchtern niemals verziehen.

Per Spion in Uniform.

Ein Landesverratsprozetz vor dem Berliner Overkriegsgericht.

DaS Oberkriegsgericht des 3. Armeekorps in Ber­lin trat am Donnerstag zusammen, um noch einmal über deß Landesverräter Wölkerling zu Gericht zu sitzen. Wölkerling, der Sergeant in Thorn war, ist wohl der gefährlichste Spion in Uniform, den die deutsche Mi- litärgerichtsbarkeit kennt. Er hat es fertig gebracht, sein Vaterland an Rußland zu verraten und dein Nachbar­staat Dokumente zu übergeben, die für die Landesver­teidigung nach dem Osten von der allergrößten Bedeu­tung waren.

Der Angeklagte war bis Anfang vorigen Jahres im Gouvernement in Tborn als Schreiber tätig. Als er dann plötzlich seinen Posten verließ und Geloausgaben machte, die keineswegs im Einklang mit seinen Gehalts­sätzen waren, schöpfte man Verdacht. Noch merkwürdiger aber wurde die Sache, als festgestellt wurde, daß Wöl­kerling größere Summen auf der Sparkasse niedergelegt und auch Hypotheken in größerem Umfange angekauft hatte. Die politische Polizei in Berlin ließ W. beob­achten, und es sollte sich dann balö herausstellen, wo die Geldquelle des Verdächtigen zu suchen war. Wölker­ling hatte die hohen Summen von Rußland erhalten. Und Rußland hatte dafür von ihm Schriftstücke und Aufzeichnungen erhalten, die für das Nachbarland von bedeutendem Wert waren. Die Dokumente hatten im Gouvernement im Gewahrsam gelegen. Versiegelt la­gen sie in Schränken, und Wölkerling war bei seinem verbrecherischen Treiben so raffiniert und vorsichtig zu

hatte, ihm in diesem Leben noch einmal wieder zu be­gegnen. Die beiden alten Knaben fanden bald ihr Hauptvergnügen darin, sich gegenseitig wacker auszu- knurren und ihre Herzen auszuschütten über diese „ver­maledeite Schmugglerwirtschaft" und taten heilige Ge­lübde, für ihre Person entweder nur einheimische Wa­ren zu kaufen oder auf alles, — bis auf die ihnen un­entbehrliche Pfeife — Verzicht zu leisten, diese aber lieber mit dem allerschlechtesten Tabak zu bedienen, ehe sie dieses geschmuggelte Teufelskraut der Engländer in die französischen Lüfte bafften. Während aber der phlegmatischere Jean Lambert sich damit begnügte, durch einen reichhaltigen Vorrat an möglichst kräftigen Kernflüchen seinen inneren Grimm zu erleichtern, ver­legte der zähere und intelligentere Justin sich aufs Be­obachten. — Das Häuschen seines Bruders paßte ganz vortrefflich dazu! Es klebte, wie ein Schwalbennest hoch und frei gelegen, dicht am Meer, oben an einer der fel­sigen Klippen und war durch diese günstige Lage mit Hilfe eines Fernrohrs zum Beobachtungspoften wie geschaffen.

Justin Lambert hegte eine tief eingewurzelte na- twnale Abneigung, und zwar mit aller Leidenschaftlich­keit eines entzündbaren Franzosen, gegen alles, was England, Engländer und englisch hieß! — Die ganze Nation war ihm um so gründlicher verhaßt, als er ein spezielles, altes, doch nicht veraltetes Revanchegelüst gegen diese stolzen Briten hatte, die seinen Vater töte­ten, ihn selbst aber verwundeten und gefangen nahmen und nicht allzu glimpflich mit ihm dabei verfuhren.

Da Justin Lampert jetzt nichts weiter zu tun hatte, als den untätigen Beobachter zu spiesen, so brächte der scharfe Falkenblick und natüriche Verstand des alten Wl SM allerlei heraus, was ihm zu denken gab!