Hers seid er Tageblatt
Amtlicher Anzeiger ^7^^, für den Kreis Hersfeld
Weiber fireisblntt
Bezugspreis vierteljährlich für Hersfeld 1.50 Mark, durch die Post bezogen 1.60 Mark. Druck und Verlag von Ludwig Funks Buchdruckerei Hersfeld. Für die Redaktion verantwortlich Franz Funk in Hersfeld.
Der Anzeigenpreis beträgt für die einspaltige Zeile 10 Pfennig, im amtlichen Teile 20 Pfennig, Reklamen die Zeile 25 Pfg. Bei Wiederholungen wird Rabatt gewährt. Erscheint jeden Werktag nachmittags.
Gratisbeilagen: .Illustriertes Sonntagsblatt" und Illustrierte Landwirtschaftliche Beilage"
Zernsprech-Knschlutz Nr. 8
Nr. 113.
Mittwoch, den 34. September
1818.
Der amtliche Teil befindet sich von jetzt ab auf der vierten Seite.
Hus der Heimat«
§ Hersfeld, 23. September. Eine für Iäge r beachtliche Entscheidung, die soeben mit ausführlicher Begründung bekannt wird, hat in höchster Instanz das Oberverwaltungsgericht getroffen. Ein Jäger hatte den Jagdschein entzogen bekommen und er klagte, mit dem Anträge, die Verfügung der Polizei für ungerechtfertigt zu erklären. Von der Jagd kommend, hatte er in einer Wirtschaft sein Gewehr geladen auf dem Rücken getragen. Darin erblickte der Gerichtshof unter allen Umständen eine große Unvorsichtigkeit in der Führung des Schießgewehrs. Der Kläger behauptete, daß er auf dem Wege zur Wirtschaft einen Ueberfall befürchtete und deshalb sein Gewehr geladen habe; in der Wirtschaft sei es von einem Mit- anwesenden aus Mutwillen entladen worden. Die Richtigkeit dieser Angaben kann nach der Ansicht des Senats dahingestellt bleiben. Es stehe fest, daß das Gewehr während des Verweilens des Klägers in dem Schankraum geladen und daß der Kläger sich dessen bewußt war. Ein Losgehen des Schusses durch Anhaken, Bücken, Zerren des Jagdhundes an der Leine oder andere Ursachen habe — auch wenn die Hähne in Ruhrast waren — keineswegs außer jeder Berechnung gelegen. In der Wirtschaft hätten sich Menschen befunden, die durch das Losgehen des Schusses gefährdet worden seien. Wenn der Kläger Vorsicht hätte walten lassen, hätte er das Gewehr entladen, bevor er den Schankranm betrat. Daß ein solches Verhalten geboten gewesen sei, habe er aus den auf dem Jagdschein ab- gedruckten „Hauptregeln für das Verhalteu von Schützen auf Treibjagden" entnehmen können. Bei seiner Außerachtlassung der notwendigsten Vorsichtsmaßregeln könne sich der Kläger nicht mit Unkenntnis entschuldigen, da er seit langen Jahren die Jagd ausübe. Die Entziehung des Jagdscheines sei zu
Recht erfolgt.
* Hersfeld, 23. September. (R e s e r v e h a t R u h') Die Manöver sind zu Ende, und die einzelnen Regimenter kehren wieder in ihre Garnisonen zurück. Mit festem Händedruck und lustigen Liedern trennen sich nun die lieben Kameraden, die ein paar Jahre zusammen das Königs Rock getragen und gar manche Strapaze miteinander überwunden haben. „Und wenn Reserve Ruhe hat, so hat Reserve Ruh", so hört man es jetzt wieder auf öeu Straßen erklingen. Der Abschied von seinem stolzen Regiment wird wohl manchem schmucken Krieger schwer werden. Ungewiß blickt er in die Zukunft. Die bunte Waffengarnitur wird abgegeben und der schlichte Rock des Bürgers angetan. Zunächst geht es mit Reservestock und Reservepaß in die Heimat. Da wartet vielleicht der Vater auf seinen Sohn, der nun im Geschäft als rechte Stütze gelten soll, oder die Mutter harrt ihres Einzigen. Dann geht es ans Erzählen, und neugierig umstehen die anderen den jungen Reservisten, den man nach diesem und jenem fragt. Die Soldatenzeit hat dem Jüngling vorzügliche Dienste getan. Dre stramme Haltung und das gesundfarbige und wetter- gebräunte Gesicht sind ein Beweis dafür, daß der schwere Dienst seinem Körper nichts geschadet hat. Vor allem aber hat der Soldat Gehorsam, Pünktlichkeit und Sauberkeit kennen gelernt, und diese 3 wichtigen Eigenschaften sind es, die der Reservist ins bürgerliche Leben mitbrsngt. Einerlei, welchem Beruf er nachgeht, sie kommen ihm immer und überall zustatten. Wer immer treu seine Pflicht getan hat, dem bleibt die Zeit, als er des Königs Rock trug, eine freudige Erinnerung für das ganze Leben.
8 Hersfeld, 23. Sept. Zur Lage des Schuh- w a r e n m a r k t e s wird geschrieben: Obgleich der Absatz in Schuhwaren aller Art lebhaft und die Beschäftigung in den Schuhfabriken wieder gut ist, muß die gegenwärtige Geschäftslage doch als recht schwierig bezeichnet werden. Die Produktionskosten stehen zu den zu erzielenden Verkaufspreisen in vollem Widerspruch. Die fortgesetzte Lederteuerung hat die Produktionskosten auf eine außerordentliche Hohe getrieben. Im Verkauf der Erzeugnisse ist aber nur wenig mehr zu erzielen. Da nun auch dre alten Abschlüsse in Ledern zu Ende sind u^ man mit neuen Abschlüssen bei den Gerbern auf Widerstand stößt, so drohen weitere Schwierigkeiten ^^r den Schuh- fabrikanten. Eine gesunde Preisentwicklung wird durch die Einheitspreisgeschäfte .aufgehalten. Die letzteren haben jetzt wohl eine Zwischenpreislage von 14,50 Mk. eingeführt, aber weder M diesem Preist, noch zu dem höheren Satze von 16,a0 11. irt ein Stiefel in gleich guter Qualität, wie er vor der Lederteuerung geliefert werden konnte, herzufielhu. Es schweben infolge dieser Schwierigkeit^ Verhandlungen wegen einer gemeinschaftlichen Heraussetzung der Preise.
m wieder gut ist, muß doch als recht schwierig
):( Hersfeld, 23. September. Die gestern nachmittag 5 Uhr im Rathaussaale abgehaltene Sitzung der Stadtverordneten-Versammlungwarnur von 13 Stadtverordneten besucht, eine ganze Anzahl Stadtverordneter fehlte mit Entschuldigung. Vom Magistrat waren anwesend, die Herren Beigeordneter A u e l, Stadtrat Roll und Mag. Ass. Dr. S ch e f f e r. Herr Stadtverordneten-Vorsteher Becker eröffnete um v<6 Uhr die Sitzung. Vor Eintritt in die Tagesordnung legte er ein ihm vom Magistrat mitgeteiltes Druckexemplar der Verhandlungen der 23. Jahresversammlung des hessischen Städtetages zu Roten- burg a. F. am 30. und 31. Mai d. I. zur Einsichtnahme vor. Der erste Punkt der Tagesordnung betraf die Bewilligung eines höheren Kostenbeitrages für die Unterbringung des städtischen Lyzeums im Stadtschulgebäude am Neumarkt und die Ausstattung der einzelnen Klassenräume der Schule. Das Töchter-
e
schulgebäude an der Hainstraße ist bekanntlich zur Aufnahme sämtlicher Klassen des städt. Lyzeums zu klein und es haben deshalb schon seit Jahren drei Klassen desselben anderweit untergebracht werden müssen. Das Kgl. Provinzialschulkollegium zu Caffel verlangt nun, daß alle Klassen in einem Gebäude vereinigt und daß dieselben vorschriftsmäßig ausgestattet werden. Hierzu ist Gelegeuheit geboten, da das alte Schulgebäude am Neumarkt frei geworden ist. Der Magistrat hat deshalb beschlossen, das Lyzeum in das Schulgebäude am Neumarkt zu verlegen und ihm den ganzen Mittelbau sowie die oberen Etagen zur Benutzung zu überweisen. Die Einrichtung der Räume sowie die Beschaffung der erforderlichen Lehrmittel für das Physikzimmer pp. erfordert einen Kostenaufwand in Höhe von 5300 Mk. Der Magistrat hat diesen Betrag bewilligt und die Stadtverordneten- Versammlung erteilte ihre Zustimmung. Da die Erledigung der Sache dringlich ist, sollen die Arbeiten alsbald^ ausgeführt und die Kosten vorschußweise gezahlt, der Betrag von 5300 Mk. soll aber in den nächsten Etat eingestellt werden, die freiwerdenden Räume des Töchterschulgebäudes beabsichtigt der Magistrat der Heeresverwaltung zur Aufnahme einer verstärkten Anzahl von Kriegsschülern gegen angemessene Miete zur Verfügung zu stellen. — Für öi im städtischen Hause vor dem Stift unterzubringende Hülfsklasse der evangelischen Bürgerschule hat der Magistrat eine Jahresvergütung von 80 Mk. für Bedienung bewilligt. Die Staötverordneten-Ver- sammlung erklärte sich hiermit einverstanden. — Infolge der im nächsten Monat bevorstehenden Ueber- siedelung des stüdt. Lyzeums in das Schulgebäude am Neumarkt ist die Annahme eines zweiten Schuldieners notwendig geworden. Der Magistrat hat die Stelle zur Bewerbung für Militäranwärter ausgeschrieben und es sind eine größere Zahl von Bewerbungen eingegangen. Aus diesen hat der Magistrat einen hiesigen Bewerber ausgewählt und beschlossen, ihm die Stelle zu übertragen. Dotiert ist die Stelle mit 1200 Mk. Jahresgehalt sowie mit freier Wohnung und Feuerung im Schulhaus. Mit Bewilligung dieser Vergütung erklärte öieStadtverordneten-Versammlung sich einverstanden. Zur würdigen Feier der 100jährigen Wiederkehr öesTages der großen Völkerschlacht beiLeip- zig am 18. Oktober d.Js. hat der Magistrat einen Verlag in Höhe bis zu 1000 Mk. bewilligt und der Stadtver- ordneten-Versammlung ein vorläufiges Programm für die Festfeier vorgelegt. Die Stadtverordneten erklärten sich damit einverstanden, daß der Gedenktag an die Leipziger Völkerschlacht hier festlich begangen wird, sie hielten jedoch, da der Festtag in die Lullus- woche fällt, für angemessen, daß die Feier in engeren Grenzen gehalten wird als vom Magistrat beabsichtigt ist, und bewilligten deshalb unter dem Vorbehalt demnächstiger Abrechnung einen Verlag in Höhe von nur 700 Mk. — Durch den Anschluß des Grundstücks des städt. Wasserwerks an der Friedloser Landstraße an die Stadtkanalisation ist ein Kanalbaukosten
beitrag von 1680 Mk. 75 Pfg. fällig geworden. Die Stadtverordneten genehmigten, daß dieser Betrag aus dem Bestaud des Baufonds des Wasserwerks bestritten wird. Auf Antrag der Handelsleute Hugo und Hirsch Blumenstiel dahier hat der Kreisausschuß eine Be- schlußfaffung des Magistrats über die Abtrennung einiger kleinen Parzellen von dem Gemeindebezirk Kalkvbes und die Zuteilung derselben zum Gemeiude- bezirk Hersfeld gewünscht. Diese Parzellen, sowie das dahinter liegende, zur Gemarkung von Hersfeld gehörige Gelände sollen bebaut werden. Da für den vorliegenden Fall aber nicht die Bestimmungen der Landgemeindeordnung, sondern die Vorschriften der Städteordnung der Provinz Hessen-Nassau maßgebend sind, so setzte die Stadtverordneten-Versammlung ihre Beschlußfassung zunächst noch aus. — Mit der Niederschlagung und Abnotierung eines nicht im Grundbuch eingetragenen Grundzinses erklärte die Versammlung sich einverstanden. — In der Sitzung der Stadtverordneten vom 30. Juni d. J. hatte
Herr Stadtverordneter Heinrich L u p p beantragt, den Magistrat zu ersuchen, der Herrichtung eines Bedürfnishäuschens auf dem städt. Friedhof näher zu treten. Der Magistrat hat auf diesen Antrag geantwortet, daß die Aufstellung eines Bedürfnishäuschens 4000 Mk. kosten werde und daß der Friedhof nicht an die Kanalisation angeschlossen sei: aus diesen Gründen könne er sich zur Zeit nicht für die Herrichtung eines Bedürfnishäuschens auf dem Friedhof aussprechen. Die Versammlung nahm Kenntnis hiervon. Damit war die Tagesordnung für die öffentliche Sitzung erledigt und die Stadtverordneten traten in eine vertrauliche Beratung und Beschlußfassung ein. —
):( Hersfeld, 23. September. Um den Landwirten Gelegenheit zu geben, sich in ihrem Fache, so wie dies der Handwerker schon seit langer Zeit bereits tut, auch theoretisch auszubilden, hat die Landwirtschaftskammer die landwirtschaftlichen Winter- schulen errichtet. Während früher, als die Frucht noch mit der Hand gedroschen wurde, unsere Landwirte auch im Winter reichlich Arbeit hatten, so ist das heute infolge Benutzung der Dreschmaschine anders geworden. Mit Beginn des Winters ist die meiste Arbeit erledigt und da bietet sich Gelegenheit, daß die Söhne unserer Landwirte in der so gewonnenen freien Zeit die landwirtschaftliche Winterschule besuchen. Kein einsichtsvoller Vater sollte die Gelegenheit versäumen, feinen Sohn dorthin zu senden, wo demselben die beste Gelegenheit gegeben ist, seine Kenntnisse für den Beruf, der heute mehr wie früher erhöhte Anforderungen stellt, zu bereichern.
Homberg, 19. September. Ein schwerer Unfall ereignete sich heute auf dem benachbarten Dörnishof. Der Gutsbesitzer Weinrich wollte ein sonst sehr zahmes Pferd anschirren. Dasselbe schlug beim Ueberwerfen des Geschirres von der Hinteren Seite aus und zerschlug seinem Herrn die Kniescheibe. Nach der ersten ärztlichen Hilfe wurde der Schwerverletzte dem Krankenhaus Hephata zugeführt.
Fulda, 22. September. Die drahtlose Sendestation in Kämmerzell bei Fulda ist, wie die „F. G.-A." schreibt, soweit fertiggestellt, daß die drahtlosen Telegramme bei derEmpfangsstation des Ingenieurs Ferd. Schneider in Fulda tadellos empfangen werden können. Die Zeitzeichen erfolgen mit einer Wellenlänge von 1000 Metern. Obwohl die Kämmerzeller Station sehr ungünstig gelegen und vollständig von Bergen und Wäldern eingeschlossen ist, so überwinden die 1000 Meterwellen trotzdem diese Hindernisse einwandfrei. Für die Station Kämmerzell ist jedoch inzwischen von der deutschen Reichspostbehörde eine Wellenlänge von 2300 Metern vorgeschrieben worden,' infolgedessen ist es notwendig geworden, die Senöeleitungen um 90 Meter zu verlängern. Zu diesem Zweck wird ein zweiter Sendeturm von 38 Metern Höhe aufgestellt. Sobald diese Arbeite» beendet sind, werden die Stationen Kämmerzell und Fulda durch eine Kommission der Reichspostbehörde abgenommen werden. Dann wird der Ingenieur Ferd. Schneider Empfangsversuche mit einer transportablen Station am Kreuzberg, auf der Wasserkuppe, sowie in den Rhöntälern anstellen und den Beweis erbringen, daß in technischer Beziehung für die Errichtung einer Großstation in Fulda die umgebenden kupierten Gelände für die Fortpflanzung der elektrischen Wellen auf 700 bis 800 Kilometer kein Hindernis bieten.
Frankfurt a. M., 22. September. Zu einer aufregenden Revolveraffäre kam es heute abend kurz vor 8 Uhr in der Alten Mainzer Gasse. Dort war seit einigen Tagen bei einem Bäckermeister der 23= jährige Johann Bastian in Stellung. Bastian wollte mit dem ebendort bediensteten Mädchen Katharina Schau ein Verhältnis anknüpfen, wurde aber zurückgewiesen, da er bereits 2^ Jahre Gefängnis wegen Körperverletzung verbüßt hat. Als heute Bastian und die Schau allein im Haus war, und Bastian mit seinen Werbungen wiederum abgewiesen wurde, zog er einen Revolver und feuerte etwa 10 Schüsse auf das Mädchen ab. Zwei Kugeln drangen diesem in den Kopf, eine in die linke Seite und eine ins linke Bein. Durch das Schießen sammelte sich eine Menschenmasse vor dem Haus, auf die Bastian ebenfalls mehrmals schoß, ohne aber jemand zu treffen. Die Rettungswache und die Polizei waren machtlos, da die Haustür verschlossen und die Rolläden herabgelassen waren. Schließlich mußte die Feuerwehr mit A exten die Tür einschlagen. Im Hausganä fand man die Schau liegend, Bastian durch zwei Schüsse in den Kopf verletzt auf dem Hofe vor. Das Mädchen verstarb bald nach der Einlieferung ins Krankenhaus.
Wiesbaden, 22. September. In einer Wirtschaft im Vorort Dotzheim erschoß gestern beim Spielen mit einem Jagdgewehr, das der Wirt einen Augenblick in den Garten gestellt hatte, ein 15jähriger Junge die 24jährige Nichte des Wirtes.