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Erscheint wöchentlich dreimal und gelangt Montag, Mittwoch und Freitag nachmittag zur Ausgabe. Der Bezugspreis beträgt für Hersfeld vierteljährlich

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kerrselder Kreisblatt

Gratisbeilagen: „Illustriertes Sonntagsblatt" und „Illustrierte Landwirtschaftliche Beilage"

Fernsprech-Nnschlutz Nr. 8

Nr. 111.

Sonnabend, den 30. September

1913.

Zweites Blatt.

Zwei Beiden.

Preisgekrönter Roman aus der Zeit vor hundert Jahren von M. TrommerShausen.

(Schluß.)

Ermentrud umklammerte Georgs Arm. „Ich beschwöre dich, Georg, gehorche mir diesmal, diesmal nur! Glaube mir, eS ist zu unser aller Bestem. Wir retten euer und unser Leben, wenn ihr flieht. Denn sicherlich, sie werden unS nicht töten.“

„Ermentrud, ich kann nicht tun, waS du willst."

„Nicht? Du kannst eS nicht? Warum kannst du eS nicht, Georg?“

Er nahm sie fest in die Arme und hob mit beiden Händen ihr süßes junges Gesicht zu sich empor.

„Liebling, eS wäre feige von mir. Willst du einen feigen Mann?"

Sie schloß die Augen unter dem heißen Kusse seiner Lippen. Sie zitterte an allen Gliedern. Nein, einen feigen Geliebten konnte sie nicht brauchen.

Er laS ihr die Gedanken aus ihrem Schweigen ab.

„Nicht wahr, eine Frau wie du liebt und ehrt keinen Mann, der fein Leben erhält auf Kosten eines anderen? Du willst lieber deine Treue einem Toten wahren, — o ja, ich weiß, daS tut Ermentrud von Wilhelmi, aber niemals einem Manne, der feige feinen Posten verließ."

„ES ist nicht Feigheit, eS ist Klugheit," widersprach sie matt.

„Du bist schon überwunden, Liebling," sagte er und strich liebkosend über ihre nasse Wange; denn unaufhalt­sam rollten Tränen darauf nieder. „Laß unS nicht davon sprechen und die letzten Minuten unseres Beisammenseins auSkosten."

Ja, Ermentrud hatte sich ergeben. Bis jetzt war all ihr Sinnen auf die Rettung des Gatten gerichtet gewesen. Jetzt ging sie einen Schritt weiter. Sie brächte eS in der Selbst­losigkeit ihres reinen, tapseren Herzens und in dem feinen Anpassungsvermögen, daS ihr eigen war, fertig, sich völlig in die Seele ihres Mannes zu versetzen und so einS mit ihm zu werden, daß sie verstand, so und nicht anders mußte er handeln. Aber in dieser Stunde brach etwa- in ihr. Eine Seite zerriß sür immer.

Hilda aber war noch nicht so weit. Sie drang weiter in Ftiedrich von Saher.

„Du mußt, du mußt!" wiederholte sie. „Ich will eS, Friedrich. Du darfst mir daS nicht antun, daß ich dich verliere. Ich dulde eS nicht. ES ist so leicht zu ändern, so spielend leicht. Schlüpfe in meine Kleider und geh. Ach geh doch, Friedrich! Morgen folge ich dir, ich verspreche eS dir. Ganz gewiß, morgen bin ich bei dir."

Sie wußte nicht mehr, waS sie redete. Tödliche Angst und leidenschaftliche Liebe stritten in ihr und raubten ihr fast den Verstand.

Und Friedrich von Saher lauschte den wilden, heißen Worten und ruhte einige Augenblicke wohlig in dem un­ermeßlichen Reichtum solcher Liebe, aber dann ermannte er sich.

„Genug," sagte er und machte sich frei auS der Um­klammerung ihrer Hände. „Ich danke dir für deine Auf­opferung, aber annehmen kann ich sie nicht."

„Du sollst sie aber annehmen, Friedrich! Ich verstehe nicht, warum du eS nicht tun willst," rief sie mit Tränen des Zorns. . _ „ . ,

„DaS verstehst du nicht? Antworte um: achtest du noch den Mann, der die Flucht ergreist und läßt an seiner Stelle ein Weib im Kerker zurück? Antworte nur: achtest du den?"

„Darüber will ich nicht nachdenken!" rief sie mit wilden Augen. „Ich will dein Leben. AlleS andere gilt mir gleich."

„Aber mir nicht," antwortete er ruhig und stolz.

„Willst du, mein Weib, nicht dafür sorgen, daß demeS Gatten Ehre über daS Grab hinaus fleckenlos bleibe, so muß ich eS tun."

Sie stürzte auf die Erde und umfaßte seine Knie.

„Gestern habe ich vor deinem Feinde am Boden gelegen, schluchzte sie heiser. „Ich hätte nur schlecht zu sein brauchen, nur schlecht, und ich wäre erhört worden. Und du willst mich abweisen?"

„Ich dank« dir, daß du nicht schwach warst unserem Feinde gegenüber, selbst um mein Leben zu retten. Verlange aber auch du nicht, daß ich meine Ehre preiSgebe, um mein Leben zu erhalten."

Er nahm sie in die Arme und hob sie auf.

Vom Turme der Friedenskirche hob die Uhr an zu schlagen in festen, harten Tönen, laut und dröhnend. Sechs Uhr. Markdurchdringend trafen die Schläge daS Ohr der Gefangenen und ihrer Frauen. Sie horten den schweren Schritt deS Wächters. Die Schlüssel klirrten

aneinander, während er den richtigen herauSsuchte. Die Tür sprang aus.

„Sechs Uhr. Die Stunde ist um," sagte die rauhe Stimme.

Stumm drückten die Männer ihre Frauen an sich und winkten ihnen, zu gehen.

Ermentrud gehorchte sofort. Sie schlug den Arm um ihre Schwester und sührte die völlig Gebrochene mit sich hinaus.

Neunzehnter Kapitel.

Die Lösung.

Grau zog der Morgen heraus. Es lag Schnee in der Luft, sagten die Leute.

Früh schon brächte die rundliche Frau Simon ihren Mieterinnen die Morgensuppe hinauf. Sie hatte viel zu erzählen, und wenn sie auch spärliche Antwort erhielt, so war ihr daS gerade recht. Desto mehr konnte sie die Brünnlein ihrer Beredsamkeit fließen lassen.

Natürlich wurde in Küstrin nur von den Gefangenen gesprochen.

„Heute morgen um 10 Uhr werden sie inS Rathaus gebracht," berichtete sie. „Da wird daS Kriegsgericht über sie abgehalten. General d'Agoult ist eigens deswegen herüber» gekommen, um den Vorsitz zu jühren. Unser armer Prediger Giesel muß dolmetschen. DaS wird ihm sauer genug werden. Aber er kann nichts machen, er muß gehorchen. Jetzt will ich mal sehen waS eS Neues gibt. Später komme ich wieder und erzähle Ihnen. Oder wollen sie nicht selber aus die Straße treten und ein bißchen plaudern? ES ist ganz hübsch da unten."

„O nein, nein!" antwortete Hilda zusammenschauernd.

„Danke, gute Frau Simon. Wir bleiben lieber hier," sagte Ermentrud.

„Wie Sie wollen. Essen Sie auch Ihre Suppe, ich bin bald wieder da."

Flink huschten die kleinen Füße die Treppe hinab.

Ermentrud und Hilda hatten wieder ihre Bauerntracht an, um alles Aussehen zu vermeiden. Sie sprachen nicht. DaS Frühstück stand unberührt zwischen ihnen.

Die Stunden zogen bleischwer dahin.

Zwischen 9 und 10 Uhr mehrte sich daS Volk in den Straßen. Heute hielt sich nicht nur daS Volk draußen auf, daS bei allen kleinen Anlässen gaffte, sondern auch die besseren Bürgersleute, viele seingekleidete Herren und Damen mischten sich darunter.

Soldaten in großer Zahl ritten und marschierten nach dem Marktplatz. ES war ein beständiger Hin- und Her- wogen. Je mehr die Stunde vorrückte, desto stärker wurde der Zulaus.

Auf dem Marktplatz stand die Menge Kops an Kopf gedrängt. Erwartungsvoll richteten aller Augen sich auf daS RathauS, obgleich man wußte, daß die Gesangenen durch eine Seitentür hereingesührt werden sollten und niemand sie zu sehen bekam.

Zehn Uhr!

Hilda schrie laut auf, als sie den harten Klang hörte. Im Geiste folgte sie den Gefangenen. Jetzt standen sie vor den Richtern, jetzt mußten sie zum dritten Male den peinigenden Fragen standhalten, um dann dem Tode überliefert zu werden. ~

Aber war vielleicht doch nicht alleS auS? Beim KrregS- gericht wurde nach Stimmenmehrheit entschieden. Wenn nun mehr Stimmen gegen den Tod stimmten? Oder eine einzige Stimme mehr?

Hilda stockte der Atem.

Tann blieben sie am Leben.

Die Unruhe draußen mehrte sich. Hilda verhüllte ihre Ohren vor den Tönen, die hereindrangen. Zusammenge­kauert saß sie in einer Ecke.

Ermentrud aber kniete an dem runden Fenster. Auch sie sah nichts von dem Menschengewühl, hörte nicht- von dem Stimmengewirr. Sie drückte ihr Gesicht gegen die kleinen Scheiben und hob Augen und Hände zum Himmel

empor.

„O Gott, der du bist, Gott, zu dem wir in der höchsten HerzenSnot kommen sollen, steh du neben ihnen, steh du neben unS; denn wir sind ganz verlassen. Wo ist die Kraft, die du unS versprochen hast, wenn die Last deS Unglück- über unserem Haupte sich entlädt und unS zerbricht? Gib sie unS. Trage du, waS wir nicht tragen können. Sende deine Engel,

unS zu stärken."

Hilda- Seele aber schrie in dieser Stunde noch hinaus zu Gott um Rettung.

ES schlug elf. ES schlug zwöls.

HildaS Unruhe wuchs.

„Wenn ich nur nicht den Verstand verliere," dachte sie schaudernd. „Aber vielleicht hört dann der wühlende Schmerz aus, und Grabesruhe kehrt ein."

Der Zeiger zeigte ’A 1 Uhr.

Da ward eS draußen lebendig. Menschen strömten auS dem Rathaus und gesellten sich zu den Wartenden. Erregte Reden folgten hin und her. Einige schlugen die Hände über dem Kopse zusammen. Zorn und Schmerz malte sich in den

Gesichtern. Frauen zogen ihre Tücher hervor und wischten sich die Augen.

Langsam glitten Ermentrud- Augen hinunter auS der Höhe. Sie sah die bewegten Mienen, die Verstörtheit der Gesichter, und sie begann zu zittern.

Da stürzte Frau Simon herein.

„DaS Urteil ist gesprochen und wird sogleich vollzogen werden," rief sie atemlos.

Hilda flog auS ihrer Ecke auf, brach aber sogleich zusammen.

„Nein, nein, nein!" schrie sie und breitete abwehrend die Hände auS.

Frau Simon beachtete den erschütternden Wehruf kaum.

„Doch, doch, eS ist so," suhr sie aufgeregt fort. „Die Leute, die im Rathause waren, erzählen eS, Sie find durch Stimmenmehrheit zum Tode verurteilt und werden jetzt hinauS- gesührt auf den Gohrin, wo sie erschossen werben sollen. Von hieraus können Sie den ganzen Zug sehen, Fräulein. Die Gesangenen müssen durch die Berliner Straße. Schade, jammerschade um da- junge, tapfere Blut! Man könnte sich die Augen auS dem Kopse weinen, daß wir daS ansehen müssen. DaS sagen sie alle."

Eilsertig lies sie wieder hinaus. Wenn man hier oben auch gut sehen konnte, so war eS doch unten weit interessanter als bei den stummen, bleichen Mädchen, die- so starr und gleichgültig waren und kaum Anteil an den Ereignissen zeigten.

Noch lag Hilda Hingestreckt am Boden.

Ermentrud schlich zu ihr, unhörbar wie ein Geist. Geister- bleich auch ihr Gesicht. Still kniete sie neben der Schwester und hob ihren Kops auf ihren Schoß.

Dann betete ihre Seele wiederum.

„Gott, der du bist, hilf unS auS dieser Stunde. Steh du neben ihnen und steh du neben uns. Trage, waS wir nicht tragen können!"

Trommelwirbel draußen — das taktmäßige Marschieren von Soldaten, daneben daS Hin- und Herlausen einer auf» geregten Volksmenge.

Ermentrud zuckte zusammen und verhüllte ihr Gesicht.

Sie kamen — gleich kamen sie hier vorüber. Nur nicht» sehen — nur still! —

„Gott, der du bist, trage, waS wir nicht tragen können."

Lauter schallte der Trommelwirbel, näher klang der regel­mäßige Tritt, stärker wurde daS Getöse der Menge,

Da schlug Hilda die Augen aus. Verstört sah sie umher.

„WaS ist?" fragte sie verwirrt. „WaS hören wir?"

Ermentrud antwortete nicht. Mit kalten Fingern strich sie über HildaS Wange.

Auf einmal stieß diese sie wild zurück.

„Sie kommen!" schrie sie mit markerschütternder Stimme. „Ich weiß, wer kommt, ich weiß, wer kommt! Ermentrud, und du meinst, ich wollte hier liegen? Sehen muß ich ihn, sehen, sehen, sehen!"

Sie schnellte mit einer Kraft in die Höhe, daß Ermentrud staunte, rannte zum Fenster und riß eS aus.

Und wie von einer inneren Macht getrieben, folgte ihr Ermentrud. Nebeneinander standen sie, weit vorgebeugt.

Sie kamen. Zwei todesmutige, todgeweihte Helden in der Mitte einer französischen Kompagnie, umringt von erregten Männern, von weinenden Frauen.

Sie kamen, hochausgerichtet, mit festen Schritten. Ihre Blicke flogen wie selbstverständlich hinaus und grüßten die Frauen. Sie schwenkten die Mützen, und daS köstliche Aus­leuchten ihrer Augen trug für alle Zeiten Frieden in die todwunden Herzen der Schwestern.

Vorüber. —

Vorüber der Trommelwirbel, vorüber der gleiche Schritt und Tritt, vorüber die begleitende Menge.

Aus dem Gohrin wurde haltgemacht. Eine Sektion französischer Soldaten trat in eine Linie mit geladenen Ge­wehren und erwartete daS Zeichen deS Kommandierenden.

Giesel, der den Zug begleitet hatte, trat zu den Gesangenen.

„Haben Sie noch etwa- auSzurichten?" fragte er mit bewegter Stimme.

„Einen Gruß an unsere Frauen," antwortete Georg von Wilhelmi. „Sagen Sie ihnen, daß wir gern für König und Vaterland sterben."

Sie knieten nieder und entblößten die Häupter zu kurzem Gebet.

Dann erhoben sie sich.

„Wir find bereit," sagte Georg.

„Macht'- kurz und schließt ordentlich," rief Friedrich von Saher. „Augen verbinden? Nein, wir haben manche Kugel mit offenen Augen kommen sehen. Wir halten stille."

Georg sagte nichts, er wies nur ruhig die Hand zurück, die ihm die Binde anlegen wollte.

Nun standen sie da und grüßten zum letzten Male bis Gottessonne.

„ES lebe der König! Preußen hoch!" riefen sie mit starker Stimme.

Die Salve krachte. Ohne einen Laut sanken die beiden

zu Boden. —

Auf dem Garmsonkirchhof