Kiel hatte, als die Marine dort einzog, vielleicht 18 000 Einwohner, heute wohnen an der Kieler Föhrde etwa 250 000 Menschen, Wilhelmshasen und feine Vororte mit etwa 70000 Einwohnern sind durch die Marine erst geschaffen worden, und daS Jadegebiet war ein einsamer Erdenwinkel, wo nur wenige Bauern aus ihren Höfen hausten. Unsere großen Schiffswerften sind in der Hauptsache erst durch die Aufträge der Marine zu ihren gegenwärtigen Leistungen angespornt und herangezogen worden, und erst im Dienste der Marine lernten sie die Schiffe bauen, die als Schiffe des No.ddeutfchcn Lloyd und der Hamburg—Amercka-Linie heute den in englischen Werkstätten erbauten Schiffen den Rang ablausen.
Den größten Anteil an den Kosten aber, die von der Marineverwaltung Jahr aus Jahr ein aufgewandt werden, haben unzweifelhaft die Arbeitslöhne. Ganz abgesehen von der Urproduktion bedingen die Arbeitslöhne selbst vom Halbfabrikate biS zur gebrauchsfähigen Herstellung des fertigen Gegenstandes vielfach noch 50 v. H. deS Geldaufwandes. Wenn die Sozialdemokratie daher fortgesitzt gegen die Marine- auSgaben Sturm läuft, so arbeitet sie damit direkt den Arbeiterinteressen entgegen und beweist damit nur wieder aufs neue, daß sie im Grunde deS Herzens die geschworene Feindin der Arbeiterklasse ist.
Dar Zugabe-Unwesen.
Von allen staatSerhalünden Parteien und von der Regierung selbst ist längst erkannt worden, daß alles geschehen müsse, um die Säule deS StaateS, einen gesunden Mittelstand, im weitesten Sinne des Wortes, zu erhalten. Einen Hauptbestandteil dieses Mittelstandes bilden die große Menge der Inhaber offener Detailgeschäfte aller Branchen. Gerade diese Kleinhändler führen einen so schweren Kampf umS Dasein, wie kaum ein anderer Stand! Zunächst ist es die schwere Konkurrenz der Großen unter diesen Detaillisten, dcr ihren minder begüterten Kollegen daS Leben sauer machen und die beste Kundschaft wegschnappen, da die meisten Leute lieber in einem großen Geschäst kaufen, als einen kleinen Laden aufsuchen. Gegen die Konkurrenz deS Großen der eigenen Branche ist der Kleine kaum zu schützen. Dieses Uebel tritt überall in die Erscheinung: bei den Großhändlern, bei den Fabrikanten, bei den Handwerkern und allen anderen Erwerbsständen. Ebenso drückend für den Kleinhändler ist die Konkurrenz der Warenhäuser. Auf Betreiben des Abgeordnetenhauses und auS eigener Jntiative hat die Regierung — die die Gefahr der Warenhäuser für die kleinen Ladengeschäfte durchaus nicht unterschätzt — alle möglichen Mittel angewandt, um die schädigenden Wirkungen dieser Ricsengeschäste abzuschwächen. Die großen Ladengeschäfte haben durch die verschiedenen den Handel der Warenhäuser einschränkenden Gesetze wohl etwas Luft bekommen, die große Menge der kleinen Ladeninhaber aber seufzt nach wie vor unter der Konkurrenz der Großbetriebe, kann sich kaum noch über Wasser halten und greift zu allen möglichen Mitteln, die oft recht zweifelhafter Natur sind, um ihren kargen Verdienst zu erhöhen und die Kundschast anzu- locken. EinS der beliebtesten Lockmittel der Detaillisten ist die Zugabe. Jeder Käufer, der für eine bestimmte Summe Geldes Ware nimmt, erhält irgend einen Gegenstand von geringerem Wert neben dem gesorderten Gegenstand.
DaS gedankenlose Publikum, welches sich nicht sagt, daß eS indirekt die Zugabe durch den Kauf der anderen Waren mit bezahlen muß, rennt am liebsten dorthin, wo eS die schönsten und „wertvollsten" Zugaben erhält. Je wertvoller eine solche Zugabe ist, desto höher ist der Preis, oder desto geringer ist hie Qualität der gekauften Ware! Der ehrliche und reelle Geschäftsmann aber, der diesen Zugabenschwindel nicht mitmachen will, spürt sehr bald, daß er nun zu der Konkurrenz der größeren Kollegen seiner Branche und der Warenhäuser, als dritten — nicht minder gefährlichen Konkurrenten — seine Zugabckollegen bekommen hat. Dem preußischen Abgeordnetenhause sind eine ganze Reihe von Petitionen zugegangen, die Schutzmaßregeln gegen daS immer mehr um sich greisende Zugabe - Unwesen fordern. Die Abgeordneten Hammer und Gen haben einen Antrag eingebracht, wonach die Regierung ersucht werden soll, bei den verbündeten Regierungen dahin zu wirken, daß baldtunlichst ein Gesetz- entwurs vorgelegt wird, durch den das Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb vom 7. Juni 1909 durch folgende Bestimmung ergänzt wird: „Wer im Einzelverkehr für sich selbst oder als Vermittler den Käufern von Waren Zugaben oder in Waren bestehende Geschenke gewährt oder in öffentlichen Bekanntmachungen oder in Mitteilungen, die für einen größeren KreiS von Personen bestimmt sind, in AuSsicht stellt, wird mit Geldstrafe bis zu Einhundertsünszig Mk. oder mit Haft bestraft. Wertlose Kleinigkeiten, deren Gewährung allgemein üblich ist, sowie der übliche Rabatt werden nicht alS Zugaben und Geschenke im Sinne dieser Vorschriften angesehen." Im Interesse unseres reellen Kleinhandels kann man nur wünschen, daß die Petitionen und der Antrag Hammer den erhofften Erfolg haben.
Durch die Lupe.
Ein Stückchen Zeitgeschichte in Versen.
Manches hat sich jüngst ereignet, — das der Draht unS kundgetan, — furchtbar wohl ist daS Ereignis, — daS wir sich vollziehen fa^n — in dem kleinen Dorf Mühlhaufen, — wo ein Irrer, wie man glaubt, — fast ein Dutzend Menschenleben — rücksichtslos der Welt geraubt. — Weib und Kinder, Freund und Feinde — waren Opfer seiner Wut, — so kann nur ein Irrer handeln, — der nicht weiß, waS selbst er tut. — Sollte mit gesunden Sinnen — diese Tat begangen sein, — müßte dieses Mannes Seele — abgrundtief verdorben sein, — ihn als Mensch dann noch bezeichnen — hieße Sünde an uns allen, — denn noch nimmer war bisher wohl — derart tief ein Mensch gefallen. — Zu der Menschheit Ehre hoffen — müssen wir, — daß er im Wahn — diese fürchterlichen Morde — krank und unbewußt getan. — Weiüre große Neuigkeiten — meldet man von überall, — wieder einmal scheinr's zu gähren — fern im schönen Portugal, — Manuel, der kaltgestellte, — zeigt sich hinter den Kulissen — immer noch als Erzverschwörer — auf den alten Thron besitzen, — aber Portugals Regierung — ist gehörig informiert — und versteht dafür zu sorgen, — daß dem Lande nichts passiert. — Fern in Schlesiens Gefilden — zieht man zum Manöver auf — und ein lust'ger „Krieg im Frieden" — nimmt nunmehr dort seinen Lauf, — unter unsres Kaisers Augen — daS
Manöver sich vollzieht — und man braucht eS kaum zu sagen, — daß sich jeder dreifach müht — seine beste Kraft zu zeigen. — DeS Soldaten schönster Lohn — ist der Stolz, ein Lob zu ernten — vor deS LandeSherrscherS Thron.
Walter-Walter.
vermischter.
— (Ein grausiger Scherz.) DaS Opfer eines gefährlichen SpaßeS ist ein junger Arbeiter Sam Stumm auS AoungStown in Ohio geworden. Einige feiner Kameraden erklärten lachend, er fei zu gut für diese Welt und müsse rasch sehen, wie er auS ihr fortkomme. Zum Spaß packten sie ihn und trugen ihn auf den in der Nähe gelegenen Schienenweg der Eisenbahn. „Wir wollen ihn an die Schienen sestbinden und einen Zug über ihn weglaufen lassen," sagte einer auS der Horde, und mit Lachen griffen die andern den ingeniösen Einfall auf. Ein Seil war rasch bei der Hand, und trotz seiner Angstrufe wurde Stumm auf den Schienen festgebunden. | Während man sich noch darüber amüsierte, fiel plötzlich einem ein, daß ein Expreßzug in den nächsten Augenblicken heran- sausen müsse. Es war gerade noch Zeit genug, um den Unglücklichen loSzubinden. Man rief ihm zu, er solle rasch weglausen, eS fei höchste Gefahr. Aber Stumm blieb unbeweglich liegen; er hörte wohl die Warnungen, aber der Schreck war ihm in die Glieder gefahren und hatte ihn gelähmt, so daß er sich nicht bewegen konnte. Ehe die andern helfen konnten, hatte ihn der heranbrausende Zug zermalmt. Die Polizei wird sich mit bitfem „Scherz" beschäftigen.
— Amerikanische Schwindler, die die spanischen Schatzgräber noch bei weitem übertreffen, überschwemmen augenblicklich Bayern mit ihren Briesen. „Werter Freund", heißt eS da, „wir können Ihnen recht erfreuliche Nachrichten mitteilen. Unser Präsident will Ihnen eine im beigeschlossenen Zirkular beschriebene Ehren-Uhr schenken. Sie wird als Beweis der Anerkennung für die Hilfe gegeben, die Sie denen bringen, bei welchen Sie eine spezielle Order „Nalther"-Tabletten absetzen." Später wird gesagt, daß man sechs Dutzend Schachteln „Nalther"-Tablctten innerhalb vier Monaten zum EngroS-PreiS von 144 Mark beziehen muß, die man um 312.40 Mark ob» setzkn soll. Man hat also dann 168.40 Mark Gewinn und die Ehrenuhr, die noch extra beschrieben wird! Für die ganz Dummen ist der Brief noch mit einem Stempel versehen, der besagt, daß der Herr Präsident selbst dieses Zirkular zusammengestellt habe.
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