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Herrfelder Kreisblatt
Gratisbeilagen: „Illustriertes Sonntagsblatt" und „Illustrierte Landwirtschaftliche Beilage"
Zernsprech-änschlutz Nr. 8
Nr. 103. Sonnabend, den 30. August 1913.
Zwei Beiden.
Preisgekrönter Roman aus der Zeit vor hundert Jahren von M. T r o m m e r S h a u f e n.
(Fortsetzung.)
Vierzehntes Kapitel.
In und um Sagan.
In Sagan war Wochenmarkt. An diesem Tage strömte daS Landvolk herein mit seinen Bodenerzeugniffen und seinem Vieh. Da gab'S ein Drängen und Schreien, ein Quieken und Brüllen, ein Blöken und Gackern. Hier wurde ein Viehhandel abgeschlossen, dort konnte man nicht einig werden. Dazwischen tummelten sich die Kinder und feilschten um Brezeln und Süßigkeiten.
Früher war eS am Jahrmarkt in Sagan lustig gewesen. Aber seit der Krieg daS Land verödet hatte, war eS armselig und jämmerlich geworden. Ein paar halbverhungerte Ochsen, einige magere Schweine, etliche Hühner, daS war alles, was der Viehmarkt bot. Wintergemüje gab eS nur wenige, weil die Felder von der Kavallerie zertreten waren, und daS wenig« hatte fast unerschwingliche Preise.
Aber eins war trotz der schlechten Preise dasselbe: die Weiber standen, saßen oder hockten zusammen und schwatzten, und die Bauern machten eS ebenso. Nur der Gesprächsstoff betraf weniger den Handel und die Preise als den Krieg, der keinen von ihnen verschont hatte. Jeder hatte daS Leben eines oder mehrerer Familienglieder zu beklagen, und immer noch ging der Würgengel unentwegt umher und mähte ab mit der Sichel des Todes alt und jung, Mann und Greis.
„Bis anfS Blut wird man auSgesogen. Wenn eine Einquartierung unser letztes verzehrt hat, kommt eine andere," wehklagten die Weiber. „Ja, wenn noch die Preußen unS heimsuchten! Aber sollen wir nur für die Franzosen uns schinden?"
„Ich bin begierig, wer alS nächster in unserer Stadt erscheint," meinte ein Bürger. „Viel findet er nicht. Unsere Vorratshäuser find geleert, und vom Lande kommt kein Nachschub."
„Selbst Buchwald liefert nichts mehr," sagte ein anderer, „ein so reiches Gut, und jetzt? DaS Vieh ist weggeführt, und die Kornböden sind geplündert."
„So schlimm ist eS nicht. Aber die Buchwalder brauchen Vieh und Korn selber, und sie verstehen eS zu verstecken," bemerkte ein Bauer mit schlauer Miene.
„Ich habe auch gehört, daß im Herrenhause von Buchwald preußische Offiziere und Soldaten verborgen werden, die von da zu unseren Truppen stoßen," flüsterte «in Bürger neugierig „Ist daS so?"
Der Bauer nickte wichtig.
„DaS ist so. DaS gnädige Fräulein Ermentrud besorgt alles, seit die Herrschaft fort ist, die versteht ihre Sache und ist ein Engel an Güte."
„Man sagt, Fräulein Ermentrud wäre heimlich verheiratet mit einem von den preußischen Offizieren, die da im Winter wohnten."
„Mag wohl fein."
„Und man sagt, ihre Schwester wäre mit der Herrschaft in den Krieg gezogen?" . m
„Ist alles möglich," versetzte der Bauer bedächtig. „Wenn eS so ist, haben wir um so mehr Grund, über aller zu schweigen, um die tapferen Vaterland-verteidiger keinem Verdacht auS- zusetzen."
„Der wäre eine Hundsfott, der die verriete," beteuerte der Bürger.
In diesem Augenblicke rannten ein paar Knaben die Hauptstraße daher aus den Marktplatz.
„Die Franzosen und die Bayern kommen!" schrien sie. „Sie find schon am Tor!" , .
„Da haben wir'-,« rief der Bürger erschrocken. «Sind wir noch nicht genug gestraft? Soll der Jammer von vorn anfangen? Wahrhaftig, da find sie schon."
In der Tat, soeben ritt ein französischer Kapitän an der Spitze von bcyerischen Kavalleristen im Galopp durch die Straße und setzte mit seinem Apfelschimmel geradeweg- aus den Marktplatz, mitten unter die Tische und Körbe der Händler.
Die Weiber kreischten laut auf. Die meisten ließen ihre Waren im Stich und liefen geängstigt davon. Sie waren längst durch die Erfahrung belehrt, daß die Herren Franzosen rücksichtslos mit ihrem Eigentum verfuhren, und daß eS verlorene Mühe war. eS schützen zu wollen.
Lachend verfolgten die Reiter die schreienden Frauen noch eine Strecke und hatten ihren Spaß an ihrer Angst. Dann kehrten sie auf den Marktplatz zurück und taten sich an den Eßwaren gütlich, die sie da fanden. Jeder nahm, war ihm gefiel. ,
Darauf forderten sie den Bürgermeister von. Sagan vor und begehrten Einzelquartier. ES konnte ihnen nicht verweigert werden. In kurzer Zeit waren alle in Bürgerfarmlien untergebracht.
Aber die üppigen Mahlzeiten, die sie erhofft, fanden die Soldaten nicht. Die Bürger jammerten, sie besäßen nichts mehr, rein nicht?. Sie seien vollständig auSgeplündert und ernährten sich nur noch von Kartoffeln und hartem MaiSbrot.
AlS die Kavalleristen ihnen nicht glauben wollten, führten sie sie in die Küche und in die Speisekammer und wiesen ihnen die leeren Schränke. Auch im Keller war nichts zu finden, und fluchend stiegen die Leute nach oben, um sich unter Murren und Schelten mit dem zu begnügen, waS die HauSsrau ihnen mit unterwürfiger Miene bot. Menn sie den demütigen Gebärden nur trauen könnten! Aber eS kam dem Kapitän Niöpre so vor, alS ob hinter all der Demut geheime Schadenfreude und Betrug lauerten.
Um 11 Uhr war er mit seiner Truppe eingezogen, nach 2 Stunden behauptete seine Wirtin noch, eS sei ihr nicht möglich, ihm ein Essen herzustellen. Er möge sich um GotteS Willen gedulden.
Uebellaunig stand er am Fenster des niedrigen Zimmers, daS er bei einem Krämer bezogen hatte. ES ging auf den Markt. Der Platz war jetzt völlig leer und verlassen.
Um diese Zeit näherte sich eine kleine berittene Schar von 18 Mann der Stadt Sagan. An der Spitze ritt Eugen v. Hirschfeld, neben ihm Georg v. Wilhelmi.
„Höre, Eugen, der Ort steht mir verdächtig auS," bemerkte Wilhelmi plötzlich und sah mit dem Fernrohr scharf gerade auS. „Ich müßte sehr irren, wenn ich dort vor dem Rathause nicht eine bayerische Kavallerieunisorm sähe. Ich bi'te dich, halte an und laß unS Erkundigungen einholen. Bitte, nimm daS Fernrohr."
„Ich glaube, du hast recht," meinte Eugen nach kurzem Sehen. „Hei! eS soll uns ein Fest sein, die Butten in etwas rauher Weise au- ihrem NachmittagSschläschen aufzuwecken. Niemand am Tor? Alle Wetter, nicht einmal eine Wache haben die leichtsinnigen Herren ausgestellt. Wir werden sie überrumpeln, Georg. Ich will heute nacht mit Gemütsruhe in Sagan schlafen."
Er teilte dem Trupp mit leiser Stimme seine Befehle mit. Dann ritt er während die anderen haltmachten, mit Georg ruhig in die Stadt ein.
Der erste, den sie sahen, war der Georg wohlbekannte Bürgermeister. Die immer wache Straßenjugend hatte ihn schon unterrichtet, daß jetzt die Preußen kämen. Er hatte eS nicht geglaubt und wollte sich selbst überzeugen.
„Herr v. Hirschfeld und Herr v. Wilhelmi!" rief er mit unterdrückter Stimme, und helle Freude stand auf seinem Gesicht geschrieben. „Jawohl, eS sind Bayern in der Stadt, 60 Mann und ein französischer Kapitän an der Spitze."
„Wo find fie denn? Ich sehe ja nicht einmal einen Posten."
„ES ist keiner ausgestellt. Die Herren fühlten sich sicher. Der Kapitän sagte mir, daß sie aus daS Hirschfeldsche Freikorps fahndeten, daS sich hier herumtreibe."
Der Bürgermeister zwinkerte lustig mit den Augen. ES gefiel ihm ausgezeichnet, daß hier der, den man suchte und verfolgte, zum Angreifer wurde.
Eugen winkte seinen Reitern, heranzukommen. Ein paar Befehle in seiner kurzen, klaren Art. Dann ging'S im Galopp und mit donnerndem Hurra in die Stadt hinein. ES klang so gewaltig wie auS hundert Kehlen.
Die Bayern hörten «S. Sie flogen auf die Straße, die sie mit Preußen überfüllt sahen. Ebenso schnell, wie sie herauSgekommen waren, rannten fie in die Häuser zurück, schoben die Riegel vor und fingen an, durch die Fenster aus die Reiter zu schießen.
ES war aber keine Täuschung, daß die Bayern eine große Schar zu sehen glaubten; denn die achtzehn hatten sich vermehrt, vermehrten sich immer noch. ES war, alS wüchsen sie auS dem Boden heraus. Bürger von Sagan, junge und alte, darunter nicht wenige, die auS der Kriegsgefangenschaft entronnen und hierher geflüchtet waren, dazu halb invalide, andere, die aus dem Wege gut Armee waren, sie alle vereinigten sich mit dem Hirschfeldschen KorpS, schlugen die Türen ein und überwältigten nach kurzer Gegenwehr die Eingeschlossenen.
ES dauerte nicht lange, so waren sämtliche Kavalleristen zu Gesangenen gemacht. Die meisten ergaben sich ohne Kamps, alS sie sahen, daß sie gefangen waren.
ES war ein frifch-sroheS Streiten gewesen. Lange war dem Freikorps nicht etwaS so wohl und leicht gelungen. Sie bezogen an Stelle der Bayern, dir verlassenen Quartiere, und, o Wunder, während vorher nichts vorhanden gewesen war, um ein Mahl zu bereiten, jetzt fanden sich allerlei Vorräte, hier ein Hahn, dort ein Stück Rindfleisch, wo ander- Eier und Butter. Triumphierend schleppten die Einwohner SaganS herbei, waS sie schlau versteckt gehalten hatten. Dem tapferen Freikorps aber gönnten sie aller. Die Freude, daß die Ueber- rumpelung gelungen war, bekundete sich rn der ganzen Stadt. Hirschfeld und sein KorpS wurden alS Sieger gefeiert.
ES wird Ihnen schlecht bekommen, daß Sie unS geholfen haben, und Ihre Freude wird in Trauer verwandelt werden," scherzte Saher.
Macht nicht-," erwiderte der Bürgermeister. „Wenn man" geknechtet ist, tut eS wohl, aufzubegehren. Natürlich wird die Rache nicht au-bleiben; aber sie erträgt sich leichter,
wenn man weiß, warum. Wir erwarten das Kommende mit Gleichmut."
„Wir können leider Sagan nicht verteidigen," sagte Eugen. „Wir sind nur 18 Mann."
„Selbstverständlich. Sie sind daS fliegende KorpS, baden Feind in Atem hält und eine zertrümmerte Armee, wie die unsrige eS ist, so viel als möglich schützt. Da- ist Ihre Ausgabe. Erfüllen Sie sie wie bisher."
„Ich fürchte, wir haben in dieser Gegend auSgespielt. Der Feind zieht fein Netz immer enger um unS zusammen. Wir müssen fort," bemerkte Eugen. „Der größere Teil meines KorpS erwartet unS bei Christianstadt; von da begeben wir unS mit einer Schwenkung nach Süden. Am 18. Februar werden wir erwartet."
„Die Hauptstärke unsere- KorpS besteht auS etwa vierzig Mann," bemerkte Max Werder ernsthaft in feiner trockenen Weise.
„Vierzig Mann von dem Wert Ihres KorpS ist ein Bollwerk, daS dem Feinde genug zu schaffen machen wird," sagte der Bürgermeister nachdrücklich. „Ihre Vergangenheit hat eS bewiesen. Auf Ihr Wohl, meine Herren, und guten Ersolg in Christianstadt!"
Georg von Wilhelmi zuckte zusammen. Warum gellt« ihm der Trinkspruch in den Ohren wie eine höhnende Prophezeiung ? Er wußte sich keine Rechenschaft davon zu geben.
Den 16. Februar benutzten Hirschfeld und die Seinigen, um sich zum Weitermarschieren auSzustatten. Sie waren jetzt aus BiwakS angewiesen und mußten sich mit Vorräten versorgen, auch die Kameraden, zu denen sie stoßen wollten.
Am Vormittage fuhr, der Verabredung gemäß, Ermentrud von Buchwald aus einem größeren Planwagen in die Stadt. Im Wagen lag verborgen, waS daS Gut an brauchbaren LebenSmitteln bot. Einige Pferde auS Werder- Stall wurden zu Packpferden auSe,sehen und mit den Schätzen beladen. Noch nie war Eugens Truppe so gut ausgerüstet gewesen.
„Fast unheimlich," meinte Friedrich von Saher zu Hilda. „Ein fliegende- KorpS darf nicht so reich ausgerüstet sein. DaS bedeutet Unheil."
„Verrüfe eS nicht," warnte Hilda. „Wirst du zur Unke?"
„Niemals, Schatz. Ich halte nichts von Unken, aber ich meine, daß unsere Beweglichkeit beeinträchtigt wird, wenn wir schwer laden."
„ES gilt auch den Kameraden, Friedrich."
„Schon recht, Saher II/ versetzte ihr Gatte lachend. „Betrachten wir die Angelegenheit alS erledigt."
Eugen hatte Vorposten ausstellen lassen. Aber nicht-, gar nicht- Beunruhigendes zeigte sich. Die Gegend schien völlig rein von Franzosen und Süddeutschen.
Gegen Abend fuhr Ermentrud nach Buchwald zurück. Georg begleitete sie zu Pferde. Vor Buchwald machte bet Wagen halt, und Ermentrud stieg ab, Georg vom Pferde. Ermentrud fühlte sich bedrückt. Diefe Tage deS Wiedersehen» hatten eine zu große Fülle der Freude für sie enthalten. Jetzt trat der Schmerz verdoppelt in feine Rechte.
„Ich wollte — ich möchte, diese Tage wären nicht gewesen," sagte sie beklommen.
Er verstand sie.
„Sie sollen unS stark machen für daS, was die Zukunft bringt, Ermentrud."
„Und ich wollte, ich liebte dich weniger," fuhr sie in demselben Tone fort.
„DaS kommt dir nicht von Herzen, Liebling. Sollte un- SchwereS bevorstehen —"
Ermentrud fchauerte zusammen.
„ES kommt, ich fühl'S", murmelte sie.
Er umfaßte sie fester.
„Gut nehmen wir an, e- kommt. Dann wird dir die Erinnerung an diese Tage und Stunden und an unser starke» Lieben Trost geben."
„Muß daS Schwere kommen?"
„Der Tod steht jede Stunde neben unS, er steht bei jedem Menschen, aber nie näher alS im Krieg-getümmel", sagte er ernst. „Wohl dem, der sich darauf vorbereitet hat, daß er jede Minute abgerufen werden kann."
„Ich weiß eS, ich weiß eS."
________________________(Fortsetzung folgt.)________________________
$11 AM durch Neu Quinta.
Mit neuen Mitteln will jetzt die Deutsch-Englische Lustschiffexpedition unter der Leitung deS in Afrika erprobten Oberleutnant? Paul Graetz an die Erforschung von Neu Guinea gehen.
DaS mehrjährige Forschungsprogramm der Expedition erstreckt sich auf Land und Leute, Flora und Fauna, Mineralien und Rohstoffe, auf die wissenschaftlichen Gebiete der Medizin, Meteorologie, Aerologie, Ethnographie und auf die Lösung der Frage einer großzügigen wirtschaftlichen Erschließung deS Landes. Für letztere eröffnet die berechtigte Annahme, daß sich auf den Hochplateau- im Innern der Insel in einer dichteren Bevölkerung Abhilfe für den jetzt die Entwicklung der Plantagen hemmenden Arbeitermangel findet, und das reiche Goldvorkommen in den Flüffen mit dem Rückschluß auf ^reiche Mineralienfchätz« in den Bergen eine verlockende