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herzsel-er Kreisblatt

Gratisbeilagen: „Illustriertes Sonntagsblatt" und „Illustrierte Landwirtschaftliche Beilage"

Zernsprech-Knschlutz Nr. 8

Nr. 93.

Sonnabend, den 9. August

1913.

Zweites Blatt.

Zwei Beiden.

Preisgekrönter Roman aus der Zeit vor hundert Jahren von M. T r o m m e r s h a u f e n.

(Fortsetzung.)

Allmählich wurde der Kapitän unruhig. Hatten sie ihn immer noch nicht?

Endlich näherte sich ein Unteroffizier und meldete, daß sie nichts gefunden hätten.

Nichts gefunden? Mille tonnerres I“ schrie der Kapitän wütend. Bleiben Sie hier, Unteroffizier. Ich werde selber gehen. Sie sorgen bafür, daß niemand dies Zimmer verläßt.

Er ging schnell aus dem Wohnzimmer. Draußen begann die Jagd noch einmal. Treppauf, treppab lies er, durchstöberte jeden Winkel, durchsuchte die Vorrat-räume und die Ställe. Auch der Küche stattete er einen Besuch ab.

Ein mächtiges Herdfeuer brannte darin. Dar Abendessen wurde gerade bereitet, als die jähe Unterbrechung kam. Eine behäbige Köchin mit rundem Vollmondgesicht hantierte an den Kochtöpfen und ein langes, hageres Küchenmädchen, mit einem groben wollenen Tuch um den Hals, wusch einen Haufen Kartoffeln in den Kessel. Der alte Johann stand am Tisch und putzte Messer.

Prüsend ließ der Kapitän den Blick über Personen und Gegenstände gleiten. Er hielt eS für angezeigt, ein Gespiäch mit den Leuten anzuknüpfen. Vielleicht verplapperten sich die einfältigen Leute bei seinen Kreuz- und Quersragen.

„Sind Sie lange im Dienst?" sragte er die Köchin.

„Jkke? Herrjott, solang ich denken kann," war die Antwort. „Trine, mach fort, sonst kriejen wir die Kartoffeln nich jar."

„Und Sie?"

Die Frage galt dem Diener. HugueS konnte die dumme GanS von Köchin nicht verstehen, obgleich er stolz auf sein guter Deutsch war.

„Ich bin mit dem Herrn General zur Schule gegangen, Herr Kapitän," sagte Johann stolz. „Wir waren schon anno 1787 zusammen in Holland."

„Kennen Sie den Sohn der Generals?"

„Welchen? Der Herr General hat mehrere Söhne."

„Natürlich den Leutnant Eugen meine ich," sagte btr Kapitän ungeduldig.

„Wie sollt ich den nicht kennen? Ich kenne alle Kinder der Herrn General-."

„Ist er augenblicklich hier?"

Johann sah ihn verwundert an.

„Sie haben ihn doch lange genug suchen lasten, Herr Kapitän, und ihn nicht gesunden."

Die Bewei-sührung war schlagend. Der Offizier drehte sich ärgerlich auf dem Hacken um. Dabei traf sein Auge das Küchenmädchen Trine. Da- große Mädchen mit der eckigen Figur und den groben, stark au-grarbeiteten Zügen mißfiel ihm äußerst.

„Du bist wohl schon zwanzig oder dreißig Jahre im Dienst, wie die beiden anderen?" sragte er beißend.

Trine hustete. Ihre langen, knochigen Finger stocherten in den Kartoffeln herum.

„WaS nich iS, kann noch werden," war die trockene Ant­wort. „Wenn ich erst daS nötige Alter habe, kann ich auch lange im Dienst gewesen sein."

Sonderbar rauh und gebrochen klang die Stimme.

„Bist Du erkältet? Du krächzt wie ein Rabe," spöttelte HugueS.

„Die Trine iS schon ’ne janze Woche heiser," warf die Köchin dazwischen. „DaS wird nun woll so bleiben."

„Sie kennen doch natürlich auch den Leutnant Eugen, den wir suchen?" sragte der Kapitän daS Mädchen.

Den Leutnant Eugen? Ne, den hab' ich nie mit Augen gesehen."

„DaS wird wohl wieder eint von den unverschämten preußischen Lügen sein," fuhr der Kapitän heraus. „Wenn du zum Hause gehörst, mußt du ihn doch kennen."

Ein merkwürdiges Bl tzen traf den Kapitän auS den Augen der Mädchens. Dann schlug sie sie nieder und sah vorgebeugt in den Kartoffeltopf.'

„Ich habe noch nie eine preußische Lüge gehört," sagte die heisere Summe. „ES ist sonderbar, ja, aber eS liegt wohl an meiner Dummheit. Dazu wüsten immer erst die Franzosen kommen, um unS da- zu lehren."

„Freche Bauerndirne l" brummt« der Kapitän aus französisch. Er schnaubte Wut, sand aber keine deutschen Worte dafür.

„Nu aber ruhig, Trine," legte sich die Köchin in- Mittel. „Zotte auch, bist du vorlaut! WaS soll so n vornehmer Herr von dir denken? Nicht- sür unjut, Herr Feldmarschall, Die Trine iS mal ne dumme Liese."

Der junge Mann wandte sich ab. Er war unbeschreiblich

„Eine gemeine Bande, die- Bauernpack! Wenn nur der Fang geglückt wäre!"

„Der Flüchtling ist vom Erdboden verschwunden," sagte er bei sich. „Unbegreiflich. Ich möchte jede Wette eingehen, daß er nicht auS dem Hause gekommen ist.“

Er hatte keine Lust, sich wieder im Saale zu zeigen, sondern begab sich sosort aus den Hos hinaus. Seine Leute waren schon versammelt. Sie sahen an seiner Miene den inneren Unmut.

„Aujsteigen!" befahl er. „Wir müssen di« Umgegend abstreisen."

Sein Blick fiel auf einen Knaben, der, an die Mauer gedrückt, beim Tore stand und jede seiner Bewegungen mit lebhaftem Internste verfolgte.

„Wer ist der Junge?"

„ES ist der Knabe, der vor unS in- Schloß rannte, al- wir ankamen, Kapitän. Wir haben ihn hier festgehalten, da niemand fort sollte."

„Komm heran, Lümmel!"

Langsam, mit trotziger Miene näherte sich der Junge.

„WaS tust du hier aus dem Schloß? Warum hattest du eS vorhin so eilig, als ob es irgendwo brennte?"

„Meine Mutter hat mich hergeschickt. Ich soll ihr Medizin von Fräulein von Hirschfeld holen sür ihre Kräwpfe," jagte er mit unschuldiger Miene und sah unter seinem Strohdach harmlos zu dem zornigen Kapitän hinaus. „Hier >S die Flasche."

Er zog sie auS seiner fettigen Jacke und hielt sie dem Kapitän hin.

„Pfui Deibel!"

HugueS stieß heftig mit dem Fuße danach, daß sie gegen die Mauer flog und in tausend Stücke zersplitterte.

„Verdammter Bengel, kein Wort davon ist wahr! RauS mit dir, so schnell dich deine Beine tragen, sonst reiß ich dir die Ohren ab!"

Der Junge stob davon. Er hatte kein Wort verstanden, aber daS zornsprühende Gesicht deS Offiziers und der au-ge- streckte Arm sagten genug.

HugueS ballte die Fäuste gegen daS HauS.

„Er ist doch drinnen! Aber ich werde mich rächen, verlaßt euch darauf."

Er sprang in den Sattel.

„Vorwärts!" —

Tiesatmend betrat Lydia die Küche. Die Leute srohlockten über die gelungene Täuschung und die Rettung ihres Leutnants.

Eugen scherzte und freute sich mit ihnen. Aber als er seine Küchenmagdkleidung abgelegt hatte und in den Eßsaal kam, war er ernst und gedankenvoll.

Die Mutter saßte seine Hand.

„Jetzt mußt du sort, Eugen."

„Ja, Mutter, daS muß ich, sobald die Luft rein ist. Ich will über die Oder und mit meinen Kameraden kämpsen für daS Vaterland. Greisen sollen mich die Feinde nicht, o nein. Ich will — o, ich habe große Pläne —"

Er brach ab und blickte aus seinen Bat«.

„Nein sprich nicht davon," sagte der General. „Je weniger ich von dir weiß, desto besser, denn wir werden stark beobachtet, und die Franzosen glauben unS im Einverständnis. Geh mit Gott, mein Sohn, und waS du auch tust, denke daran, daß du dem Namen Hirschfeld unter allen Umständen einen blanken Schild und unbefleckte Ehre erhalten mußt."

„Wenn ich aber durch daS, waS ich vorhabe, deine Person in Gesahr bringe, Vater?"

Der General richtete sich stramm auf.

„Wenn du etwas tun kannst, was deinem Könige und deinem Vaterlande dient, mein Sohn, so mußt du vergessen, daß du einen Vater hast," antwortete er ruhig.

Eugen küßte ergriffen die Hand seine- VaterS. Er war ihm immer ein Vorbild von Vaterlandsliebe und vornehmer Gesinnung gewesen, noch nie aber war er ihm so groß er» schienen wie in diesem Augenblick.

Am folgenden Nachmittag fuhr ein einsacheS Bauern­wägelchen mit einem grauen Leinwandverdeck aus den Toren von Brandenburg und schlug in schnellem Trabe den Weg nach Berlin ein.

Ein alter Mann in der Tracht der märkischen Bauern führte die Zügel. Neben ihm hockte ein Junge mit kecken Augen, die scharf und lebhaft von recht- nach link- fuhren.

Unter der hochgespannten Leinwand krähte und gackerte eS in den schönsten Tönen. Ein ganzer Hühnerhof schien darin eingerichtet, und manch neugierige- Auge der Begegnenden lugte herein und warf forschende Blicke aus daS hübsche Bauernmädchen, da- inmitten der gackernden Volke- saß und e- ausmerksam bewachte.

„Feine Dirne daS," schmunzelten die Soldaten, die einzeln und truppweise die Landstraße bedeckten. DaS Land war allerorten überschwemmt von Reitern und Fußvolk, Franzosen und Deutschen, alle unter sranzöfischer Oberhoheit. Die preußischen Truppen waren bis auf daS rechte Oderujer zurückgegangen. Auf dem linken hielten sich nur die Offiziere und Mannschaften aus, die auSgewechselt waren und lerne Waffen tragen durften.

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tvf ein kecker Bursche und streckte die Hand nach dem Mädchen auS.

„Geht nicht," war die Antwort, „tut mir leid, aber wir können unS nicht aufhalten."

„Zeig doch wenigsten- deine Hahnen. Ich will dir einen abkausen." Der Bursche klimperte mit Geld in der Tasche.

„Geht erst recht nicht. DaS Geflügel ist sür den Kaiser bestimmt und geht nach Berlin. Wie weit haben wir noch, Vater?"

Der große, hagere Fuhrmann drehte halb den Kopf zurück.

„Werden immer noch ein Stündchen fahren, meine Tochter, rechne ich."

„Sapperlot, ein vornehme- Geflügel! Hut ab vor den kaiserlichen Hahnen!" witzelten die Buischen.

„Laßt meine Tochter in Ruh," brummte der Alte auj dem Kutschersitz und drohte mit der Pritsche. „Wenn wir zurückkommen und haben 'war übrig, läßt sich darübir reden."

Er schnalzte mit der Zunge und ließ da- Rößlein auS- greisen. Bald war der Wagen au- dem Bereiche der Störenfriede.

„An den Rückweg denke ich noch nicht, Eugen," ließ sich da- Mädchen vernehmen.

„Aber ich. Um den Rückweg gerade sorge ich,"

„Ich habe ja Fritz bei mir."

„Ach, Fritz!" Eugen mußte lächeln.

Fritz verzog schmollend den Mund. Er wollte geachtet sein trotz seiner Jugend.

„Ich bringe unser Fräulein Lydia schon durch."

„Ja, du bist ein tapfere- Kerlchen. Da- hast du be­wiesen, als du die Arznei auS dem Herrenhause für deine Mutter holtest," lachte Eugen und kniff ihn in- Ohr.

„Bei den Verwandten bin ich sicher ausgehoben, bis mich Vater abholt," sagte Lydia. „Wenn nur meine Hühner am Leben bleiben, solange ich sie brauche."

Sie berührten Berlin gar nicht und suchten nur kleine Ort« auf. Wo man sie aushielt oder auSfragte, nannten sie jedes­mal die zunächst liegende Stadt. Dort wollten Vater und Tochter ihr Geflügel zu Markt bringen. Fritz, der Fünfzehn­jährige, mußte feiner „Base" behilflich sein.

Eugen suchte aus Umwegen die Oder zu erreichen. Er wußte, daß die Franzosen ihn verfolgten, darum sonnte er nicht den direkten Weg wählen, obgleich ihm der Boden unter den Füßen brannte. DaS jenseitige User der Oder kam ihm vor wie daS Land der Freiheit, da da- linke User schon gänzlich in der Hand der Feinde war.

Am vierten Tage dieser gefährlichen Reise näherten sie sich dem Ziele. Schon zu Mittag war eS Eugen ausgefallen, daß einige französische Reiter immer wieder seinen Wagen umschwärmten und versuchten, eine Unterhaltung mit den Insassen anzuknüpfen. Er gab karge Antworten, versuchte ober, so höflich alS möglich zu sein. CS gelang ihm dadurch, daß er einen Umweg machte, sie auS den Augen zu verlieren. Doch konnte er ein unbehagliches Gefühl nicht lo- werden. Er merkte auch, daß Lydia seine Unruhe teilte.

(Fortsetzung folgt.)

Dmch die Lupe.

Ein Stückchen Zeitgeschichte in Versin.

Brütend scheint die Sommersonne — und gedankenlos auf- Feld, — traurig ist'- in solchen Zeitcn — um den Redakteur bestellt, — denn die Zeit der Sommergluten — ist schon längst dafür bekannt, — daß sich garnicht- will er­eignen — weder im noch außer'm Land. — ®ou ich heute wie sonst immer — Neuigkeiten Euch berichten, — müßt ich selber sie erfinden — und der Gang der Weltgeschichten — würde später dann am Ende — meine Weisheit Lügen strafen, — darum künd' ich hier nur Dinge, — die bi-her noch nicht eintrafen. — Nicht g. schloffen ist der Friede — vorderhand aus dem Balkan, — nicht zufrieden ist Bulgarien, — weil'- ihm nicht gelingen kann — mit Rumänien sich zu einen, — Ferdinand sucht immer noch — jenen Teil deS Land'S zu retten, — den er längst verloren doch. — Nicht gewillt find jetzt die Türken — abermals jetzt gutzuheißen — den Verlust Adrianopels, — nicht mehr läßt eS sich entreißen — Enver Bei, durch besten Kühnheit — die Türkei eS neu gewann, — nicht zusrieden schaut Europa — sich die ganze Sache an, — doch um selbst sich dreinzumischen — muß man schlau vorgehen können, — nicht gewillt ist gan, Europa — sich die Finger zu verbrennen, — Rußland, England, Frankreich, Oesterreich, — alle halten große Reden, — aber brenzlich scheint die Lage — zum Eingreisen doch für jeden. — Und so wird in kurzer Zeit — unS vielleicht die Neuigkeit, — daß mit Willen aller Mächte — die Türkei die Stadt behält, — wenn sie schließlich auch alt Festung — gegen die Bulgaren sällt, — einige alte Festung». toMIe — wird der Türke gern vernichten, — braucht er sonst nicht aus den Lorbeer — seine- jüngsten Glück - verzichten.

Walter« Walter.