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herrselder Kreisblatt

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Fernsprech-Knschlutz Nr. 8

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Nr. 90

Sonnabend, den 2. August

1913

Zweites Blatt

Zwei Beiden.

Preisgekrönter Roman auS der Zeit vor hundert Jahren von M. TrommerShaufen.

(Fortsetzung.)

„Ihr Name?" fragte er im Gehen.

„Werder II."

Eugen warf einen Blick auf den jungen Menschen. Er war nicht groß, aber kräftig und von frischem Aussehen.

„Werder II?" fragte er zurück.

Der Husar lachte.

„Der Name kommt Ihnen bekannt vor? Die Stimme vielleicht auch?"

Eugen blieb stehen.

„Im Kriege soll man sich über nichts mehr wundern. Darum kann ich auch ruhig die Frage tun: Bist du Marie Werder?"

«Ich bewundere deinen Scharfsinn, Eugen, leugne nicht, daß du recht hast."

„Wie kommst du hierher? Seit wann bist du Wo ist Max?" fragte Eugen überrascht.

„Viele Fragen auf einmal, Better. Ich bin

Aber ich

im Heer?

mit Max

am zwanzigsten Oktober in das Korps deS Fürsten Anhalt Pleß eingetreten, durch allerlei Schicksale von Max getrennt, hierher verschlagen und seit etlichen Tagen gefangen."

„Sehr peinlich für dich."

„Sehr. Desto froher bin ich, auf so gute Art wieder befreit zu sein."

„Und ich bin glücklich, dir einen Dienst zu leisten. Kannst du die Strapazen ertragen?"

„Ausgezeichnet. Ich sorge nur um Max."

„Die Sorge kann ich dir nicht abnehmen. Dieser un­glückselige Krieg ist eine Kette von Elend," rief Eugen auS. „Wieviel hatte ich davon gehofft! Toten, Taten wollten wir tun zur Befreiung deS Landes vom Joch. Statt beffen haben wir Schimps und Schande über unS ergehen lassen müssen."

„Ertrag'-. Es kommt auch wieder ander-," sagte Marie mutig. „Wir haben gute Tage genossen und sollten die bösen nicht auch hinnehmen?"

„Du hast recht. Wir müssen den Kopf oben behalten. Da sind wir. Komm, ich will dir dein Nachtlager anweisen."

„Wohin geht ihr von hier?"

„Nach Lübeck. Blücher hofft, seinen zerlumpten Truppen Schuhwerk zu verschaffen. Sie laufen alle ohne Sohlen und haben wunde Füße. Bor allem sollen sie sich einmal ordentlich satt essen. Wir schnüren jeden Tag den Gürtel enger."

„Werdet ihr euch da verteidigen können?"

„Ich glaube nicht, wenigsten- nur kurze Zeit. Aber wir find in Lübeck wenigsten- einigermaßen geschützt."

„Sollte Dänemark nicht gestatten, daß wir sein Gebiet betreten?"

„Kein Gedanke daran. Blücher hat angefragt und die Antwort bekommen, daß Dänemark seine Grenzen gegen preußische wie gegen französische Truppen verteidigen werde."

Am 5. November rückten Blücher, Dorck, Scharnhorst und der Herzog von Braunschweig, der Sohn deS Oberbefehls» haberS bei Jena, in Lübeck ein. Sie wurden vom Senat mit Wohlwollen empfangen und mit der Verteidigung LübeckS betraut.

Blücher legte daS Hauptquartier in den Gasthof zum „Goldenen Engel", in der Nähe deS MühlentoreS, und es gelang Eugen, auch für Werder II dort Raum zu schaffen, indem er Blücher einen Wink über da- Geschlecht deS Husaren gab.

Ruhe aber durfte sich niemand gönnen. Sofort begannen die HerstellungSarbeiten an den Besestigung?werken, und jeder, der sich nur rühren konnte, nahm daran teil. Auch Werder II machte sich mit Lust anS Werk.

Am Burgtor waren die Wälle zum TeU abgetragen und mußten wieder instand gesetzt werden. Trotzdem war die Ostfront der Hansastadt vortrefflich geschützt durch die breite Wakenitz, so daß sie nur an drei Stellen Gelegenheit bot, in die Stadt zu dringen: am Mühlentor, am Hüxte tor und am Burgtor.

Die Geschütze wurden nun am Burgtor, dem schwächsten Punkte, so geschickt ausgestellt, daß Scharnhorst selbst meinte, der Feind werde sich deS Tores kaum bemächtigen können.

Die Truppen hatten, unterstützt von den Einwohnern, fieberhaft gearbeitet, und eS war Zeit. Am 6. früh bereits rückte Soult von Süden, Bernadotte von Norden heran und griffen die Stadt an. Doch jeder Angriff wurde zurückge- schlagen.

Die Truppen waren vom besten Geiste beseelt, die Führer ihrer Aufgaben gewachfen. Als die Mittagsstunde ankam, waren die Franzosen um keinen Schritt weitergekommen.

Blücher und Scharnhorst begaben sich nun inS Haupt­quartier deS Gasthauses zum „Goldenen Engel", um Befehle

auSzugeben. Scharnhorst diktierte sie, während Blücher sich in den Kreis der Offiziere stellte und die Parole auSgab.

Am Burgtor war indes der Kampf lebhaft entbrannt. Dort kämpfte Eugen von Hirschfeld neben Werder II. Eugen hatte sich diesen schwächsten Platz der Verteidigung erbeten. Sie hatten sich den Musketieren des Herzogs von Braunschweig angeschlossen und vertrieben die Franzosen siegreich aus den Häusern und Gärten, die südlich einen Friedhof begrenzten.

Plötzlich sah Eugen, wie zwei vorgeschobene Füsilier- regimenter heftig von den Franzosen angegriffen wurden und so stark bedrängt waren, daß sie zurückwichen. Eugen Über- sah sosort, daß dies zu einer Katastrophe führen müßte, denn die Musketiere standen dicht hinter den Füsilieren. Er schrie den Musketieren zu, zurückzutreten. Aber eS gab kein Halten. Die Füsiliere drängten mit Wucht zurück, die Franzosen ihnen nach, und die ganze Masse von Freund und Feind prallte mit aller Gewalt aus die Musketiere. In wüstem Durch­einander preßte alles gegen den Toreingang.

Die Stadt war verloren, Eugen sah es klar. Jetzt galt es nur noch, der Gefangenschaft zu entgehen. Er riß Marie mit sich fort und suchte nach dem Gasthof zum „Goldenen Engel" zu gelangen, um die Feldherren zu warnen. Er stürzte hinein. Scharnhorst saß diktierend am Tisch. Blücher redete mit den Offizieren.

„Fort, fort, die Franzosen folgen mir aus dem Fuße!" rief Eugen atemlos.

Die Führer sprangen auf. Wohin so schnell?

Scharnhorst hielt das HauS für einen sicheren Versteck. Er sprang mit den meisten Offizieren aus den Boden. Aber nach wenigen Minuten wurden sie entdeckt und im Triumph zu Gefangenen gemacht.

Blücher, Hirschfeld und Marie stürzten auf die Straße und warfen sich inS Gedränge. ES gelang ihnen in dem Gewirr, sich durchzuschlagen und einige Truppen um sich zu sammeln. Mit diesen warf Blücher sich wieder gegen den Feind und drängte ihn, unterstützt von Aorck, wiederholt zurück. Da sank Iorck plötzlich schwer verwundet nieder. Im Nu war er von Feinden umringt, die sich eine so aus­erlesene Beute nicht entgehen lassen wollten. Eugen hatte Iorck fallen sehen. Mit aller Krast trieb er die Franzosen zurück, und eS gelang für ein paar Augenblicke, freie Bahn für den edlen Feldherrn zu schaffen. Er faßte Iorck an den Schultern, Marie an den Füßen, und sie hoben ihn aus.

„Laßt mich," wehrte der Verwundete ab. „erhaltet dem König euer Leben."

Eugen antwortete nicht. Er freute sich, daß der Kampf von dieser Stelle abgelenkt worden war. Schon hatten sie eins der Häuser erreicht. Da sahen sie den Marschall Berna- dotte heranreiten. Mit scharfem Blick erkannte dieser den Verwundeten.

„Halt, faßt zu, ihr Leute, eS ist General Yorck," rief er mit lauter Stimme und preßte sein Pferd an die Mauer deS HauseS, an dem Eugen und Marie mit dem Verwundeten hielten.

ES war vorbei. Aorck wurde zum Gefangenen gemacht und mit ihm seine beiden mutigen Träger.

Blücher suchte indes daS Holstentor zu erreichen.

„Geht nicht, rief ihm sein Sohn zu, „das Holstentor ist vom Feinde besetzt."

„Himmelkreuzelement! So bleibt nichts übrig, als sich durchzuschlagen. Folgt mir, meine braven Truppen I" donnerte Blücher.

Sie stürzten sich in die Franzosen, die in hellen Hausen durch daS Holstentor drangen, und erreichten glücklich daS Traveuser.

Da stand der wackere Feldherr und sah mit blutendem Herzen zu der Stadt hinüber, von der er so viel erhofft, und die ihm alles geraubt hatte.

„Aber wir müssen sie wiederhaben, wir müssen einen Ueberfall machen, sobald eS dunkel ist, oder —"

Er horchte.

Um daS Mühlentor und daS Hüxtertor herum wurde lebhaft gefeuert.

„Ich greife sofort an," sagte er entschlossen.

Allein alle Tapferkeit war vergebens, die Uebermacht zu groß. Er mußte sich über Schwartau nach Ratkau zurückziehen.

9000 Mann hatte er gerettet. Aber waS nun? Lübeck war gefallen. Der Feind war viermal so stark als er. Ihn angreifen, hieß sich selbst den Tod geben, und hinter ihm war die dänische Grenze, die Blücher nicht betreten durste. Wenn ec nur Brot und Munition gehabt hätte. Seine Soldaten hungerten und konnten nicht schießen.

Er hoffte noch biS Travemünde zu kommen — da brächte der Herzog von Braunschweig die Nachricht, Travemünde habe sich ergeben.

Die Nachricht war salsch. Aber Blücher wußte das nicht. Die heftigsten Seelenkämpfe folterten ihn. Ein Blücher und sich ergeben? Wiederum: war eS recht, sich nutzlos abjchlachten zu lassen?

Er knüpfte Unterhandlungen an.

Der französische Unterhändler war hocherfreut und erwieS fich dem Gegner als sehr zuvorkommend.

„Ich habe eine Unterschrift unter die Kapitulation zu

setzen," sagte Blücher drohend, „den Grund meiner Uebergabe."

„DaS ist ungebräuchlich," wandte der Parlamentär ein.

„Ob ungebräuchlich oder nicht, ich bekomme meinen Willen oder ich kapituliere nicht," donnerte Blücher mit funkelnden Augen.

Der Unterhändler verbeugte sich höflich.

„Ich willige ein."

Und Blücher schrieb unter die Urkunde sein berühmt ge­wordenes Wort: Ich kapituliere, weil ich kein Brot und keine Munition mehr habe.

Hirschfeld geführt, wo unterbrachte. Offizier.

und Werder II. wurden in- Rathaus ab- man allmählich einen Teil der Gefangenen Dort übergab man sie einem französischen

Ueberrascht sah dieser Eugen in fein blutüberströmte» Gesicht.

„Irre ich mich nicht? Leutnant von Hirschfeld?"

ES war Kapitän Laurent.

„Kaum hätte ich Sie wiedererkannt," fuhr der Fran­zose fort.

„Wir haben die Rollen getauscht," sagte Eugen finster.

„Zu meinem Glücke. Sie tun mir herzlich leid. Kommen Sie, ich will versuchen, Sie möglichst gut unter» zubringen."

„Nicht ohne meinen Begleiter, Herr Kapitän."

„Auch gut."

Er führte beide mit sich fort.

„Sind Sie verwundet?"

„Heute hat eS nur scharfe Schrammen gesetzt. Aber ich habe seit Waren eine Wunde in der Seite, die wieder auf- gebrochen ist," sagte Eugen ablehnend.

„Ich bedauere Sie."

„Um die Wunde?" Eugen lächelte bitter.

Kapitän Laurent stand einen Augenblick nachdenklich. Dann verließ er den kleinen Raum, dahin er die beiden Preußen gebracht hatte, und schloß ab.

Stumm stand Eugen am Fenster. Auch Marie wollte der Mut verlassen, den sie bisher bewahrt hatte.

Nach einer halben Stunde kehrte Laurent zurück. Er brächte eine Schüssel Wasser und Verbandszeug, Brot und Käse und zwei französische Uniformröcke. Dann zog er ein Papier auS der Tasche.

„Hier ist ein Paß für Sie und ihren Begleiter. ES ist nicht Recht, waS ich tue. Aber Sie haben mir Freundlichkeit bewiesen, und ich möchte mich erkenntlich zeigen. Sie müssen sehen, daß sie damit durchkommen."

„Ich danke Ihnen, Kapitän."

(Fortsetzung folgt.)

Vermischtes.

— (Ein jugendlicher Mörder.) AuS St. GilleS kommt die Nachricht von einer überaus ruchlosen Tat eine» 16jährigen Burschen. Dieser drang, nachdem er seinen Wochen- lohn im Spiel verloren hatte, in die Wohnung einer 80jährigen, wohlhabenden Rentnerin und tötete die Greisin, indem er ihr die Pulsadern durchschnitt. AlS er gerade mit dem Raube entfliehen wollte, wurde der Bursche von seinem eigenen Vater überrascht. Der ungeratene Sohn brächte seinem Vater mehrere Stiche in die Brust bei und sprang dann durch ein Glasdach in den Hof hinunter, wo er schwer verletzt liegen blieb und inS Krankenhaus geschafft wurde.

— (WaS die Liebe der Gattln wert ist.) Echt amerikanisch mutet die nachfolgende kleine Geschichte an. Die gute Gesellschaft von San Francisco verfolgt mit gespanntester Aufmerksamkeit den AuSgang eines Prozesse-, der am vorigen Sonnabend beim obersten Gerichtshof begonnen hat. Kläger ist ein Ingenieur Arthur A. Beck, der von dem E.senbahn- magnaten Philipp K. Gordon einen Schadenersatz von 50 000 Dollar verlangt, „wegen Entziehung der Liebe ferner Gattin . Beck behauptet, daß der Beklagte im vergangenen Sommer mit schlauer Kühnheit und dem vollendeten Raffinement eines Meisters in der Kunst, Liebe zu stehlen", die Zuneigung feiner Frau erobert habe, und daS Wertobjekt, daS ihm durch die Entfremdung feiner Frau entwendet wurde, beziffert er auf 50 000 Dollar.

MAHOLI

CiGARETTE N

VOLLENDETE QUALITÄT VORNEHME AUSSTATTUNG