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herrsel-er Kreisblatt
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Nr. 86. Donnerstag, den 24. Juli 1913.
Amtlicher teil.
HerSfeld, den 10. Juli 1913.
Die Militärpflichtigen der Kreise-, welche beabfichtigen, die Berechtigung zum einjährig- freiwilligen Dienst nachzu- suchen, mache ich zur Vermeidung etwaiger Versäumnisse auf die nachstehenden Bestimmungen der Wehrordnung aufmerksam.
Die Herren Ort-vorstände deS Kreise- haben diese Bestimmungen alsbald in ortsüblicher Weise bekannt zu machen.
M. 1685. Der Landrat.
I. A.
Trost, RegierungS-Supernumerar. * *
1. Die Berechtigung zum einjährig-freiwilligen Dienst darf im Allgemeinen nicht vor vollendetem 17. Lebensjahre nachgesucht werden. Die frühere Nachsuchung darf, sofern eS sich nur um einen kurzen Zeitraum handelt, ausnahmsweise durch die Ersatzbehörde dritter Instanz zugelassen werden, doch hat in solchem Falle die Aushändigung deS Berechtigungsscheins nicht vor vollendetem 17. Lebensjahr zu erfolgen.
Der Nachweis der Berechtigung bezw. Beibringung der für die Erteilung deS Berechtigungsscheins erjorder- lichen Unterlagen hat bei Verlust deS Anrecht- spätestens bis zum 1. April deS ersten MilitärpflichtjahrrS (§ 22.2 der W.-O.) bei der Prüfungskommission zu erfolgen. Bei Nichtinnehaltung diese- Zeitpunktes darf der Berechtigungsschein ausnahmsweise mit Genehmigung der Ersotzbehörde dritter Instanz erteilt werden.
2. Die Berechtigung wird bei derjenigen PrüsungSkommission für Einjährig-Freiwillige nachgesucht. in deren Bezirk der Betreffende gestellungspflichtig sein würde (§ 25 und 26 der W.-O.)
3. Wer die Berechtigung nachsuchen will, hat sich spätestens bis zum 1. Februar deS ersten MilitärpflichtjahrrS bei der unter Ziffer 2 bezeichneten PrüsungSkommission schriftlich zu melden.
Zwischen dem 1. Februar und dem 1. Apiil des ersten MilitärpflichtjahrrS eingehende Meldungen dürfen ausnahmsweise von der Prüfungskommission brrück- flchtigt werden (Ziffer 1.)
4. Der Meldung (Ziffer 3) ist beizufügen:
a. ein GeburtSzeugniS,
b. die Einwilligung deS VaterS oder Vormundes und ferner die Erkärung dieser Personen, daß auS dem Vermögen des Bewerbers die Kosten für die Bekleidung und Ausrüstung, Wohnung und Unterhalt während deS einjährigen Dienstes bestritten werden sollen, oder die Erklärung eines brüten (deS VaterS, deS Vormundes oder einer anderen Person), daß die bezeichneten Kosten von ihm als Selbstschuldner übernommen werden.*)
Zwei Beiden.
Preisgekrönter Roman aus der Zeit vor hundert Jahren
von M. T r o m m e r S h a u f e n.
(Fortsetzung.)
Auch die Kleidung hatte einen etwas männlichen Zuschnitt. Ein kurzer Rock ließ die kräftigen Beine hervortreten. Die Füße steckten in hochherausgehenden Stiefeln. Eine knapp anliegende Joppe mit langen Schößen umschloß den Oberkörper.
Maria hängte fich in den Arm deS jungen Mädchens und beteiligte sich an ihrem Spaziergange.
„Also was gibt'-? Hat sie etwas erlebt?"
Ermentrud, die seit dem September bei ihrem Better Max Werder und seiner Frau Gast war, ließ daS Blatt sinken und sah mit tief erschrockenen Augen aus ihre Begleiterin nieder.
„Hilda hat die Schlacht bei Jena mitgemacht," sagte sie kaum hörbar.
Marie Werder ließ ihren Arm loS.
„Die Schlacht bei Jena mitgemacht? Kämpsend? Als Soldat? Und du machst deine verängstigten Taubenaugen? Du törichtes Kind! Ich preise sie glücklich, Ermentrud. War auch der Tag verloren, sie hat doch ihr Leben sür- Vaterland einsctzen dürfen. Die Glückliche! Ach, wer ihr folgen könnte! Aber eS muß Wege geben, ich muß —M
Sie klopfte heftig an ihre Stirne, als ob sie da die Mittel herausholen müsse, die sie brauchte.
„Da kommt mein Mann. Max, Max. ein Brief von Hilda, sie hat bei Jena die Bluttaufe erhalten!"
„Donnerwetter!"
Gutsbesitzer Werder beschleunigte seine Schritte. Er war wie seine Frau stämmig gebaut, mit dunkelblondem Bart und Haupthaar, die Wangen von gesundem Braun, wie eS die tägliche Beschäftigung auf dem Lande mit sich bringt. Sein Anzug auS hau-gesponnener, grober Wolle war einfach, aber praktisch. Die Kniehosen steckten in langen Stiefeln.
Die Unterschrift der Einwilligung und der Erklärung sowie die Fähigkeit deS Bewerbers oder deS Dritten zur Bestreitung der Kosten ist obrigkeitlich zu bescheinigen. Ist der Dritte zur Gewährung deS Unterhaltes an den Bewerber gesetzlich nicht verpflichtet, so bedars die Erklärung der gerichtlichen oder notariellen Form.
c. ein UnbescholtenheitSzeugniS, welches für Zöglinge von höheren Schulen (Gymnasien, Realgymnasien, Oberrealjchulen, Progymnasien, Realschulen, Real- Progymnasien, höheren Bürgerschulen und den übrigen militärberechtigten Lehranstalten) durch den Direktor der Lehranstalt, für alle übrigen jungen Leute durch die Polizeiobrigkeit oder ihre Vorgesetzte Dienstbehörde auSzustellen ist.
Sämtliche Papiere sind im Oirginale einzureichen. Alljährlich finden zwei Prüfungen statt, die eine im Frühjahr, die andere im Herbst. Das Gesuch um Zulasiung zur Prüfung muß für die FrühjahrSprüsung spätesten- biS zum 1. Februar, für die Herbstprüsung spätesten- bis zum 1. August angebracht werden.
Noch diesen Zeitpunkten eingehende Zulassung-gesuche dürfen durch die Prüfungskommission nur ausnahmsweise und nur dann berücksichtigt werden, wenn die Prüfung noch nicht stattgehabt und der im § 89, 1 der W.-O. für den Nachweis der Berechtigung festgesetzte späteste Zeitpunkt nicht überschritten ist.
*) Bei Freiwilligen der seemännischen Bevölkerung genügt die Einwilligung deS VaterS oder Vormundes (§ 15,4 der W.-O.)
Dkbtamtlkber teil.
Die Folgen der neuen Wehr- oorlage in Frankreich.
In einer Sitzung, die beinahe 15 Stunden gedauert hat, nahm die französische Deputiertenkammer nunmehr die große Wehrvorlage endgültig an, und damit ist etwas erreicht worden, waS für das Machtbewußtsein und den Größenwahn der Franzosen sehr verhängnisvoll werden kann. Die sür daS französische Herr nun erreichte dreijährige Dienstzeit wird die stehende Truppenmacht Frankreichs aus 860 000 Mann erhöhen, Frankreichs stehendes Heer wird also künftig noch um 100 000 Mann stärker sein alS daS deutsche nach der Durch- sührung der bekannten HeereSverstärkungen! In waS für Träume und Hoffnungen kann diese Tatsache die Nationalisten und Chauvinisten in Frankreich nicht wiegen! — Frankreichs stehende- Heer ist um 100 000 Mann stärker als dasjenige Deutschlands! Wird diese Tatsache nicht daS französische Selbstbewußtsein in der äußeren Politik bis zur gefährlichen
„Also loS, Ermentrud, lie- vor! DaS ist ja über die Maßen interessant! Kuckuck auch, hat das Mädel Dusel!"
„Ermentrud tut, alS sei Hilda totgeschossen worden."
„Na ja, daS ist begreiflich, Marie. Man muß sich da hineinversetzen. Erzählt sie von der Schlacht?"
Nun gingen die drei auf und nieder, und Ermentrud laS den Brief ihrer Schwester vor.
Ja, sie berichtete von der entsetzlichen Niederlage der preußischen Armee, von ihrer Flucht und ihrer Vernichtung, von dem GrauS deS Schlachtfeldes und ihrem wunderbaren Entrinnen mit Saher.
„Nanu? Woher kennt Hilda den?"
„Er kam nach Brandenburg, als wir beim Onkel Hirschfeld waren, er und ein Leutnant v. Wilhelmi," antwortete Ermentrud.
„Ei, ei!" rief Marie Werder.
Sie sah mit Vergnügen, daß sich ErmentrudS zarte Wangen röteten, als sie den letzten Namen nannte.
„Denke Dir, Ermentrud, Saher hat mich nicht erkannt," laS sie in dem Briefe weiter. „Nicht gerade schmeichelhaft für den Eindruck, den ich auf ihn gemacht habe, nicht wahr? UebrigenS die Uniform und daS kurze Haar verändern mich sehr. Ein paar Mal kam eS mir vor, als forschte er in meinem Gesicht nach. Meine Stimme sei ihm nicht fremd, behauptete er, fragte, woher ich ihn kenne und dergleichen. DaS waren böse Augenblicke; denn eS wäre mir äußerst peinlich gewesen, wenn er mich entdeckt hätte. ES scheint mir jedoch gelungen zu sein, ihn über weine Person zu täuschen.
Du kannst Dir nicht denken, Ermentrud. welche Schwierigkeiten ich gehabt habe, die Erlaubnis zu bekommen einzutreten. Ich erzähle Dir davon mündlich, bin ober der Meinung, in Zeiten wie die unsrigen sollte jeder willkommen sein, der dem Baterlande dienen will, einerlei, ob er Binden macht, ob er kocht, oder ob er kämpst.
Meine Wahl ist nicht die schwerste. Du hast mir tapfer beigestanden, Ermentrud. Ich erkenne daS um so mehr an, alS ich weiß, daß Deiner zarten Natur das blutige Kriegshandwerk widersteht. Ich will Dir beichten, Kind, daß auch ich üble Augenblicke gehabt habe. Aber ich stemme mich
Begehrlichkeit steigern? Richtig ist ja, daß die riesige Verstärkung deS stehenden Heere- in Frankreich einsach durch die Maßregel der Zurückbehaltung der Soldaten im Heere um ein dritte- Dienstjahr erreicht worden ist, und wenn Deutschland zu derselben Maßregel greisen sollte, so würde natürlich daS stehende Heer Deutschland- um etwa 250 000 Mann stärker werden alS daS sranzösische. Für die Kriegsbereitschaft Frankreichs bleibt indessen die Wiedereinführung der dreijährigen Dienstzeit ein ungeheurer Vorteil, denn da- französische Heer ist künftig auch im Frieden so stark, daß e- ohne weitere- zum Angriff übergehen kann. ES ist ungemein gefährlich und bedenklich, wenn Deutschland und Frankreich jetzt nun noch einen Schritt weitergehen wollten in der Verstärkung der Heere und ihrer Kriegsbereitschaft. Man käme da sehr leicht in ein ganz unerträgliche- ReibungSverhältniS, welche- nur durch einen Krieg aus Leben und Tod wieder aus einen normalen Zustand zurückgeführt werden könnte. JedenfallS ist nach unserer Westgrenze hin der Erfolg unserer neuen HeereSvorlage, unbedingt den Frieden zu erzwingen, etwa- sraglich geworden. Man muß sich eben in den Gemütszustand der so leicht erregbaren Franzosen denken, die immer noch nach Elsaß-Lothringen blicken und am liebsten den Deutschen alle- Land biS zum linken Rheinuser abnehmen möchten. ES ist daS der LieblingSwunsch aller Franzosen seit 50 Jahren. Nun hat aber die große Vermehrung de- französischen Heere- nicht nur eine wichtige Einwirkung auf Frankreichs äußere Politik, sondern sie wird auch recht bedenkliche Einflüsse auf die inneren Zustände in Frankreich haben. Zunächst ist bei der Abstimmung über die große Wehrvorlage in der französischen Deputiertenkammer zu beobachten gewesen, daß die große Linke der französischen Republikaner sich gespalten hat. Die demokratische Vereinigung der Republikaner Frankreich-, die über 1UU Deputierte g^it, hat den CiMdikalen und Sozialisten den Krieg erklärt und hat einen deutlichen Ruck nach recht- gemacht. Die Parteien der Rechten und deS Zentrum- haben in Verbindung mit der demokratischen Vereinigung die große Wehrvorlage in Frankreich zustande gebracht, und sie werden auch die künftige Politik nach innen und nach außen für Frankreich stark beeinflussen. Diese Sachlage wird aber nicht ohne Antwort seitens der sehr zahlreichen Radikalen Parteien in Frankreich bleiben. Hat doch bereit- der srühere Ministerpräsident Caillaux dem jetzigen Ministerpräsidenten Barthou den Vorwurf in einer der letzten Kammerfitzungen gemacht, daß er die Republikaner gespalten und der Reaktion in die Hände gearbeitet habe. Dazu kommt aber noch die sehr heikele Frage der Kostendeckung für die so gewaltige Vermehrung deS stehenden Heere- in Frankreich. Man hat ausgerechnet, daß die Kosten für diese Heeresvermehrung der französischen Staatskasse jährlich 1 Milliarde Frank- betragen werden, Frankreich hätte also jährlich rund 1 Milliarde Frank- mehr Steuern auszubringen. Man dars gespannt sein, wie diese riesige Mehrausgabe aus die innere Politik Frankreich- wirken wird.
gegen die weichlichen Regungen, und ich überwinde sie. Weichherzigkeit kann man hier nicht gebrauchen.
WaS hat Tante Hirschseld dazu gesagt, daß ich Soldat geworden bin? Tante Luise war ja gleich einverstanden. Ich wußte er vorher, darum habe ich ihr zuerst meinen Plan anvertraut. Sie ist echte- Soldatenblut. ES tat mir wohl, daß sie so selbstverständlich sagte: „Fühlst Du dich stark genug für den Dienst, so geh. Wir sollen Opfer bringen."
Ich hielt eS damals überhaupt für kein Opfer. Aber ich habe längst eingesehen, daß vieles für mich schwerer ist als für die anderen. Doch der König braucht Soldaten mehr denn je; denn unsere Verluste bei Jena und Auerstedt sind ungeheuer.
UebrigenS wird eS dich interessieren, zu hören, daß Leutnant von Wilhelmi lebt und gesund ist. Ich sah ihn nach der Schlacht. Grüße WerderS."
In atemloser Spannung hörte da- Ehepaar zu. Ein seltsames L cht glomm in Mariens Hellen Augen auf. Ihr Blick streifte fragend, vorwurfsvoll den Gatten.
Und Max Werder nickte aufmunternd, als wollte er sagen: Keine Bange, wir gehen auch. Der König braucht Soldaten.
Sie gingen zum Mittagessen. Marie war gegen ihre Gewohnheit schweigsam und nachdenklich. Auch ihr Gatte sprach wenig.
Nach Tisch begab sich Ermentrud aus ihr Zimmer.
Wie hatte sich ihr Leben verändert, seit sie in Brandenburg mit Hilda aus der Mauer saß und Kränze band I Eine Ewigkeit war seit dem Tage vergangen. Al- sie und Hilda vor ein paar Wochen sich auf den Weg zu Werder- begaben, führte Hilda unterwegs ihren Plan aus, zur Armee zu gehen, einen Plan, der vorher mit Fräulein Luise von Hirschseld reiflich erwogen worden war.
Der heutige Brief von Hilda war die erste au-sührliche Nachricht. Sie mußte die äußerste Vorsicht dabei üben, wenn sie nicht entdeckt werden wollte. Ermentrud lak den Brief zum dritten Mal, und sie errötete lebhaft, denn sie ertappte sich daraus, daß ihre Augen immer zu dem Satze zurückkehrten: Wilhelmi lebt und ist gesund.