Erscheint wöchentlich dreimal und gelangt Montag, Mittwoch und Freitag nachmittag zur Ausgabe. Der Bezugspreis beträgt für Hersfeld vierteljährlich 1.40 Mark, durch die Post bezogen 1.60 Mark, rc
Der Anzeigenpreis beträgt für den Raum einer ein« gespaltenen Zeile Wpfg., im amtlichen Teile 20 Pfo* Reklamen die Zeile 25 pfg. Bei Wiederholungen wird ein entsprechender Rabatt gewährt.nsvs^«
herrMer Kreisblatt
Gratisbeilagen: „Illustriertes Sonntagsblatt" und „Illustrierte Landwirtschaftliche Beilage"
Fernsprech-^lnschlutz Nr. 8
Nr. 79.
Dienstag, den 8. Juli
1913.
nichtamtlicher teil.
Her Stieg M hie Verkehrsmittel.
Der Balkankrieg hat Lehren auch über die Bedeutung der Verkehrsmittel im Kriege gegeben. Die Schlagfertigkeit einer HeereS wird durch die Schnelligkeit bedingt, womit es auf den Kriegsschauplatz, an die Grenze oder in Feindesland gebracht werden kann. Die kriegführende Partei, die ihre Armeen nicht rechtzeitig und vollständig an den Feind führen kann, gerät in schwere Nachteile, die sich kaum wieder gutmachen lassen. Vermöge ihrer leistungsfähigeren Verkehrsmittel hatten die Bulgaren vor der Türkei den Aufmarsch vollzogen und konnten sich so die Vorteile deS Angriffs und des ersten Sieges sichern. Noch durchschlagender hätten sie ihre Ueber- legenheit im Ausmarsch auSnutzen können, wenn auch ihr serbischer Bundesgenosse über ausreichende BesörderungSmittel Verfügt hätte. Aber die serbische Bahn Nisch—Vranja erwies sich als unzulänglich. Auch die Bulgaren haben dann un« genügende Verkehrsmittel bei der Belagerung von Adrianopel als schwere Hemmung empsunden: ihr Nachschub gestaltete sich langsam und mühselig. Sie waren dabei nur aus Ochsen- wagen angewiesen, die das heutige Verkehrswesen durch Kraftwagen ersetzen würde.
In einem Kriege, der europäische Großmächte gegeneinander führt, würden die Verkehrsmittel eine bedeutsame Rolle spielen. In den großen europäischen Kriegen deS letzten Jahrhunderts handelte eS sich um Hunderttausend« von Streitern, in einem Zukunft-kriege würden Millionenheere auf. geboten werden. Wie find damit die Aufgaben gewachsen, solche ungeheuern Massen zu besördern und zu verpflegen I Je mehr leistungsfähige Eisenbahnen an die Grenzen jähren, um dort die rasche Ansammlung der Feldarmeen zu ermöglichen, um so besser. DaS hat sich 1870 gezeigt. Deutschland hatte für den Ausmarsch neun durchgehende Eisenbahnlinien, Frankreich nur drei, von denen die wichtigste PariS—Metz nur zum Teil fertig war. Die obenein meist eingleisigen Bahnen wurden so überlastet, daß die Besörderung stockte und br- denkliche Verwirrungen eintraten. Der deutsche Ausmarsch vollzog sich dagegen musterhaft. Am vierten Mobilmachung-- tage hatte der preußische HandelSminister in einem Rundschreiben die Eisenbahnverwaltungen aus die verantwortung-- schwere Pflicht, die sie zu erfüllen hätten, hingewiesen.
Er sagte darin: „Die größte Beschleunigung der Transporte ist von der weittragendsten Bedeutung, jeder Tag, jede Stunde, in welcher die Truppen srüher aus dem Kriegsschauplätze eintreffen, von unberechenbarer Wichtigkeit. Mit jedem Schritt unseres Heeres an die Grenze mindert sich mehr und mehr die Gesahr, daß deutsche Erde vom Feinde betreten wird." Zum Schluß seines Schreibens sprach der Verkehrs- minister die Hoffnung auS, daß eS ihm vergönnt sein möge, „zum drittenmal in einem Jahrzehnt mit Wahrheit sagen zu
Zwei Beiden.
Preisgekrönter Roman aus der Zeit vor hundert Jahren von M. TrommerShausen.
Alle schwiegen, ergriffen von dem Tone seiner Worte. Sollte er recht haben?
Eugen suchte Lydia- Auge. Sie lächelte ihm ermutigend zu.
Nach dem Falle wird ein Auserstehen kommen," sagte er mit ruhiger klangvoller Stimme. Die Worte klangen wie die festen, tröstlichen Verheißungen eines Propheten, und freudig aufatmend nickten ihr die Zwilling-schwestern zu.
Eugen griff energisch in sein dichtes, dunkles Haar.
„Hurra daS Wort kam zu rechter Zeit, Lydia. Daran wollen wir uns halten durch allen Verdruß hindurch, wenn wir die Fehler sehen und die Demütigung sühlen. Hast du gehört, Vater, waS General baldern neulich gesagt hat?" wandte er sich an Hirschfeld.
„Saldern ist ein vorzüglicher Taktiker und hat eine Menge trefflicher Vorschläge für den militärischen Dienst gemacht," wehrte der General ab. Er fühlte deutlich, daß seinem Sohne wiederum ein scharfer Tadel auf den Lippen schwebte.
„Seine trefflichen Vorschläge in Ehren, Vater; aber diese Bemerkung ist «ert, in der Geschichtsschreibung unserer Zeit ausgehoben zu werden. Sie ist bezeichnend."
„Erzähl'- doch," bat Moritz voll jugendlicher Neugier. Eugen nahm die Stellung eines aus- schärfste nachsinnenden Denker- an, hielt den Zeigefinger der rechten Hand an die Nase, machte mit der linken rasche, tippende Bewegungen in der Lust, senkte den Kopf zwischen die Schultern und begann mit näselndem Ton und in eindrucksvollen Absätzen: „Zwar ist eS vorgeschrieben, 76 Schritt in einer Minute zu marschieren; — aber durch reifliche- Nachdenken und vielfache B«ob- achtungen bin ich dahin gekommen, anzunehmen, daß 75 Schritt in der Minute noch besser sind."
Die jungen Mädchen lachten herzhaft. Der Prediger stimmte schallend ein. Moritz brüllte vor Lachen und schlug in maßlosem Vergnügen einen Purzelbaum auf dem Rasen.
können: Auch den Eisenbahnen gebührt ihr Teil am Siege und Ruhme deS Vaterlandes". Was der Minister erwartet hatte, ist eingetroffen. Am 18. Tage der Mobilmachung, am 3. August, standen etwa 384 000 Mann Infanterie, 50 000 Mann Kavallerie und 1600 Geschütze an der Grenze.
Ungleich größere Ansprüche an die Eisenbahnen würde der ZukunftSkiieg stellen. Dann würde eS sich darum handeln, 25 Armeekorps an die Grenzen zu befördern. Für jedes Armeekorps würden aber etwa 120 Eisenbahnzüge erforderlich sein. Die Gesamtlänge der preußischen Eisenbahnen betrug 1870 rund 15 700 km. Ende März 1911 Verfügte die Preußisch-Hessische BetriebSgemeinschaft über 37 809 km Eisenbahnen. Der Verlauf eines Krieges, der die riesigen Maffenheere der Neuzeit inS Feld stellt, wird wesentlich von der Regelung deS Verkehrswesens und der Ausnutzung der Mittel abhängen, die von der heutigen Technik geboten werden. Hierzu gehört auch die Verwettung der Kraftwagen. WaS dieser in der Gegenwart im Verkehr bedeutet, erhellt daraus, daß eS am 1. Januar 1913 im Deutschen Reiche insgesamt 77 789 Kraftfahrzeuge gab, wovon 70 085 zur Personen- besörderung, 7704 zur Lastenbeförderung dienten. Die Krieg- führung der Zukunft wird nicht zuletzt auch wegen der gewaltig gesteigerten Ansprüche an die Verkehrsmittel ein Gepräge erhalten, das sich kaum vorher ermessen läßt. DaS aber steht heute schon fest, daß die Ueberlegenheit in der Schnelligkeit und Sicherheit deS AusmarscheS und der gesamten Verpflegung bei der Entscheidung beträchtlich inS Gewicht fallen muß.
Der neue Ballantrieg.
Berlin, 6. Juli. Die Norddeutsche Allgemeine Zeitung schreibt: Der Besuch deS italienischen KönigSpaareS in Kiel ist unter den besten Eindrücken verlaufen. Der politische Gedankenaustausch zwischen den Monarchen und ihren Staatsmännern trug daS herzliche und vertrauensvolle Gepräge, daS den Beziehungen Deutschlands und Italiens untereinander wie zu ihrem österreichiich-ungauschen Bundesgenossen aufgedrückt ist. Der Inhalt der Erörterungen galt vor allem der Lage auf dem Balkan.
Leider ist dort eine höchst unbefriedigende Wendung ein- getreten. Zwischen den bisherigen Verbündeten find erbitterte und für beide Teile verlustreiche Zusammenstöße erfolgt. Die Schuld an diesen hartnäckigen, anscheinend noch unentschiedenen Stümpfen und die Verantwortung für deren Folgen wird auf beiden Seiten dem Gegner zugeschoben. Eine Besonderheit der im übrigen als kriegSmäßig zu bezeichnenden Lage ist bisher die Vermeidung der Abbruch? der diplomatischen Beziehungen, da die Gesandten der kämpsenden Staaten noch aus ihren Posten belassen worden sind. ES steht dahin, ob dies den Wunsch der Balkanregierungen bedeutet, ein AeußersteS zu verhüten und den letzten Faden zur Wiederaufnahme von Verhandlungen nicht abreißen zu lasten. Sämtliche Großmächte bekennen sich zum Grundsatz der Nichteinmischung in
General v. Hirschfeld, lächelte unwillkürlich auch. Aber im Grunde verdroß ihn diese unverfrorene Nachahmung eine- preußischen General-, verdroß ihn um so mehr, alS er diesem Satze SaldernS eine gewisse Komik nicht absprechen konnte.
Vor allem ärgerte eS ihn, daß Eugen mit seinem Unmut über die Heerführer im Rechte war. Auch an ihm nagte ja der Ingrimm, weil Zeit und Kraft verschwendet wurden an Kleinigkeiten, der Kern der Sache dagegen vernachlässigt. Wie sollte daS im Ernstfälle gehen? Sobald eS sich um selbständige Entschlüsse handelte, würden die meisten Offiziere versagen. Wenn die Linien sich auflösten, mußte Verwirrung auftreten, nnd die Gefahr der Desertion entstand.
So weit allerdings dachte sein Sohn nicht, und der General hütete sich, seine Bedenken laut werden zu lassen.
„Könnten wir nur alle alten Herren abschaffen und den Prinzen Ludwig Ferdinand an die Spitze stellen," fuhr Eugen fort, der sich in seinen Wünschen immer weiter fortreißen ließ. „Ach, ich weiß, waS ihr sagen wollt," unterbrach er sich, alS er sah, daß Prediger Pfeiffer den Mund zum Reden öffnete. „Er habe seine Kräfte im Genuß verschwendet, seine Jugend- jahre vergeudet — eS mag alles sein. Aber an Ritterlichkeit und Tapferkeit, an heldenhaftem Tatendrang kommt ihm niemand gleich. Nicht umsonst wird er vom Heere vergöttert. Seiner Führung würden sich die Soldaten blindlings anvertrauen."
„Und irgend einem verwegenen, aber unbedachten Wagestück zum Opfer fallen," ergänzte der General. „Genug, mein Sohn, Deine Hand kann das Rad deS StaatSgetriebeS nicht anhalten und ihm eine andere Richtung geben. Tu du nur für deine Person, waS in deinen Kräften steht, zur Ehre und Rettung deS Vaterlandes."
Der General erhob sich mit einem kleinen Seufzer, reichte feiner Gemahlin ritterlich den Arm und führte sie inS HauS.
DaS war daS Zeichen zum allgemeinen Ausbruch. Die Schwestern sprangen aus und folgten Moritz, der ihnen ein neuentdeckteS Vogelnest in der Hecke zeigen wollte. Fräulein Luise v. Hirschfeld begab sich in die Küche, um daS Abend- effen anzuordnen. Der Prediger ging, seine Pfeife rauchend, an der Hecke aus und nieder, bi- der General zu ihm stieß.
die militärischen Vorgänge zwischen den früheren Verbündeten. Die Ausgabe Europas kann vorläufig nur darin bestehen, die Feindseligkeiten örtlich und zeitlich einzuschränken.
Keine Ueberraschung, aber eine beachtenswerte neue Tatsache für die Entwicklung aus dem Balkan bedeutet die Mobilmachung Rumäniens, Dak damit verbundene politische Programm dürste bis auf weiteres in dem Wunsche umschrieben sein, der Silistriasrage eine für Rumänien befriedigendere Lösung zu geben, alS sie bisher durch die Beratungen der Botschafter in St. Petersburg gesunden war.
Bulgarische Siegesmeldungen.
S o s i a, 5. Juli. Gestern nachmittag 4 Uhr wurde die bei Krivolak umklammerte serbische Timokdivision nach verzweifeltem Widerstand völlig geschlagen. Eine jehr beträchtliche Anzahl von Gefangenen und Feldzeichen fiel in die Hände der Bulgaren. Die siegreiche bulgarische Division zeigte großen Mut. Während deS KampfeS blieb die auf den Höhen deS Sveti Nikola konzentrierte serbische Hauptarmee angesichts der Vernichtung der Timokdivision untätig.
Berlin, 5. Juli. Die hiesige Königlich bulgarisch« Gesandtschaft hat folgende offizielle Mitteilung erhalten: Die vorgestern unweit von Krivolatsch zernierte serbische Timokdivision ist gestern von der bulgarischen Armee gänzlich vernichtet worden. Die bulgarische Armee hat beispiellose Tapferkeit bewiesen. Die serbischen Verluste sind ungeheuer groß. Die Lage der serbischen Hauptarme« war derartig schwierig, daß sie der Timokdw sion keine Hilfe leisten konnte, sondern tatenlos zuschauen mußte. Soweit bisher sestgestellt werden konnte, haben die Bulgaren 35 Offiziere und 4000 Mann gefangen genommen und 27 Schnellfeuergeschütze, 6 Maschinengewehre sowie Munition Md Ausrüstung-gegenstände für zwei Regimenter erbeutet.
Sofia, 6. Juli. Die Agence Bulgare meldet: An der Front der gegen die zweiten Stellungen der Timok-Dtviston operierenden bulgarischen Brigade sind bis gestern abend 7 Uhr 19 weitere Schnellfeuergeschütze und zwei Maschinen- gcwchre erbeutet worden. In der Nähe der Ortschaft Dragoevo wurden die TrainS zweier serbischer Regimenter mit dem gesamten Gepäck erbeutet und 400 Gefangene gemacht.
Wien, 5. Juli. AuS Sofia wird telegraphiert: Bei Au-bruch der neuerlichen Feindseligkeiten an der Osigow-ka Planina sümpfte eine serbische Armee von acht Divisionen. Von diesen wurden etwa vier Divisionen gegen die 7. und 12. bulgarische Division, die sich bei Kotschana und UeSküb befanden, eingesetzt. Bei Kotschana gelang eS den Serben, dank ihrer relativen Ueberlegenheit, die Bulgaren zurückzu- drängen; dagegen konnten sie gegen UeSküb keinen Raum gewinnen. Gleich zu Beginn deS jetzigen Kriege- verschoben die Serben aus der Gegend von Köprülü die Drinadiviston deS 2. AusgebotS in die Gegend von Krivolak und ließen sie die hier stehenden bulgarischen Truppen in der Flanke und im Rücken angreisen, um den serbischen Frontalangriff, der von
„Komm, Lydia, laß uns auf den Wasser fahren," bat Eugen und berührte die Hand deS Mädchen-. „Wer weiß, wann wir wieder dazu Gelegenheit haben."
„Gern."
Sie stiegen zur Havel hinunter und lösten eine- der Boote von dem Platze, wo etwa ein halbe- Dutzend Kähne verankert lagen. Lydia setzte sich an da- Steuer, und Lugen griff zu den Rudern. In langen, kräftigen Stößen zog er sie durchs Wasser. ES war ihm eine Wohltat, seine überschüssige Kraft in dieser Weise zu betätigen.
Pfeilschnell flog der Nachen über den Fluß. Wie eine feurige Kugel ging die Sonne unter. Die krause Fläche war von ihrer roten Glut ganz durchleuchtet. Nur einen Augenblick. Dann tauchte da- königliche TageSgestirn in den Fluten unter. Rasch senkte sich nun die Dämmerung herab und hüllte Wasser und Land in bleiches Grau.
Tie Augen der beiden jungen Leute folgten dem Schauspiel.
„Wie ein Leichenfeld," sagte Lydia beklommen.
„WaS hast du, Lydia?" fragte Eugen er hielt mit Rudern inne und beugte sich zu ihr. „Wie kommst du zu dem Vergleiche bei dem herrlichen Sonnenuntergang?"
„Ich weiß eS nicht."
„Vielleicht denkst du daran, daß die- möglicherweise für lange der letzte Sonnenuntergang ist, den wir zusammen betrachten ?" .
„Warum glaubst du daS, Lugen?
„Siehe, eS kommt der Winter, und unser Havelwasser wird zu EiS," scherzte er ausweichend.
Sie sah ihm ernst in die Augen. „Daran dachtest du nicht, Lugen, sondern daran, daß der Krieg kommt, und daß du weggehst," sagte sie ruhig. Aber «S klang wie verhaltene-, banges Fragen durch den Ton.
„Und wenn ich daS dachte, ist eS nicht begreiflich?" fragte Eugen zurück.
' „Sage mir, ob eS so ist,"
Lugen warf die Ruder hin, sprang auf und streckte die Arme auS.
„LS ist so, e- ist so," rief er, und feine Brust weitete