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herrselder Kreisblatt
Gratisbeilagen: „Illustriertes Sonntagsblatt" und „Illustrierte Landwirtschaftliche Beilage"
Fernfprech-Nnschlutz Nr. 8
Nr. 75. Sonnabend, den 28. Juni 1913.
Amtlicher teil.
Her-feld, den 25. Juni 1913.
Die Veröffentlichung vom 3. dr. MtS. I. I. Nr. 6542 II. im KreiSblatt Nr. 68, wird dahin ergänzt, daß auch noch der DarlehnSkassen-Verein in Philipp-thal heute 20 Mk. für die „Nationalspende" aus Anlaß deS Kaiser-RegierungS-JubiläumS eingesandt hat.
I. 6542. Der Landrat
von GruneliuS.
HerSfeld, den 24. Juni 1913.
Diejenigen Herren Bürgermeister der Kreise-, welche meine Verfügung vom 6. Mai d. JS. I. A. Nr. 3347, Kreisblatt Nr. 57, betreffend: Einreichung eines Gemeindebeschlusses über Feststellung der Gemeinde-Rechnung von 1912 noch nicht erledigt haben, werden mit Frist bis zum 3. Juni d. Jr. daran erinnert.
Der Vorsitzende des Kreisausschuffes:
I. A. Nr. 3347. von GruneliuS.
nichtamtlicher Lei!.
Polttischer^ochenbericht.
Die Verwirklichung der HeereSvorlage ist in der Bericht-Woche dadurch einen sichtbaren Schritt vorwärts gekommen, daß trotz aller Verschleppung-versuche der rede- wütigen und antragtriefenden Sozialdemokratin endlich die zweite Lesung der Wehrvorlage erledigt worden ist; die leider bisher gestrichenen drei Kavallerieregimenter noch nachträglich zu bewilligen wird der Reichstag in dritter Lesung hoffentlich für seine vaterländische Ehrenpflicht halten. Inzwischen hat die Beratung der Deckung-vorlagen zu erfolgen, für deren glückliche Verabschiedung die Aussichten insofern nicht ungünstig find, alS nach einem Kompromiß der Parteien die Hauptschwierigkeiten überwunden zu sein scheinen. WaS die Wehrsteuer anbetrifft, so ist eS zweifellos als Fortschritt zu begrüßen, daß man von der Absicht, daS Einkommen zwecks Besteuerung erst in recht gekünstelter Weise zu kapitalisieren, wieder abgekommen ist, zu dem so natürlichen, einfachen Verjähren die Steuer unmittelbar von dem Einkommen in gerechter Staffellung zu erheben. In der heiklen Frage der Besitzsteuer scheint man sich aus die VermögenSzuwachSsteuer zu einigen, die auch die Erbanfallsteuer jür Witwen und Waisen in sich schließen wird. Um dieser die ihr sonst unbedingt anhaftenden Härten zu nehmen, soll sie nur dann erhoben werden, wenn durch den Erbanfall die Vermögenslage der Erben sich tatsächlich gebessert hat.
Die braunschweigische Thronfolgeangelegenheit ist jüngst wieder ganz besonders in den Mittel-
Vorfrühling.
Erzählung von M. von Mitten.
(Schluß.)
Viktoria aber lächelte ihren Mann aus ihren sonnigen blauen Augen schelmisch-glückselig an. Und aus dem Bedürfniss« heraus, ihm etwas Liebe- zu sagen, gestand sie, wenn auch immer noch etwa- mädchenhaft zagend:
„Einmal habe ich mich nicht länger überwinden können. Da hab« ich an Fräulein von Rüchel geschrieben, ob sie mir nicht sagen könne, waS aus dir geworden. Tagelang erhielt ich keine Antwort auf meinen Brief. Ich hatte schon die Hoffnung aufgegeben. Da stand sie eine- TageS mit ihrem Vater vor unserer Tür. — Ach, Ernst! Da- arme Mädchen!" Mit Tränen in den Augen schmiegte sie sich in deS Gatten Arm.
„Ja, bei Gott. Am schwersten ist sie betroffen worden 1" nickte Kessel vor sich hin.
„Ein prächtige- Geschöpf!" sagte der Oberförster sehr ernst, während er sich am Tische niederließ. „Obgleich sonst die Heldennaturen unter den Frauen K la Jeanne d'Aic nicht nach meinem Gusto sind. Ich liebe mehr, wie soll ich sagen —", ein Blick voll innigster Zärtlichkeit traf Viktoria, „die blumenhaften Frauenseelen. — Aber wie sie ihren Schmerz trägt! Alle Achtung!"
„Und waS den Ohm besonder- für sie einnahm," lächelte Viktoria durch Tränen den Alten an, „daS ist, daß sie, von einer schweren Krankheit kaum genesen, aus meinen Brief hin nach Berlin kam und dann mit wahrhaft hingebender Aus- opferung Nachforschungen nach dir anstellte!"
„War auch einfach großartig," nickte der Alte. „Wennauch umsonst..."
„Nicht doch umsonst, Ohm," unterbrach Vr'toria mit lieblichem Lächeln. „Fräulein von Rüchel verdanke ich im letzten Grunde doch, daß Ernst unS wiedergefunden. Sie machte mich mit dem Invaliden bekannt, der damals allerdings auch keine Auskunft geben konnte, aber heute —“
Punkt deS politischen Interesses gerückt durch die halbamtliche Bekanntgabe einer Erklärung deS Prinzen Ernst August, die für die Welfenpartei eine ganz deutliche Absage enthält. Aber trotz der gar nicht mißzuverstehenden Klarheit deS darin au?= gesprochenen Gelöbnisse-, daß der Prinz „nicht- tun und nichts unterstützen werde, war darauf gerichtet ist, den derzeitigen Besitzstand Preußen- zu verändern", will die Welfenpartei immer noch nicht einsehen, daß nun auch sie ihren Frieden mit Preußen und dem Reiche schließen dürfe und müsse. Für jeden unbefangenen Beurteiler ist eS mindestens seit der Vermählung unserer Prinzessin klar, daß die Versöhnung der Hohenzollern und Weisen so vollkommen geworden ist, wie sie nur sein kann, und hoffentlich werden in Kürze auch die Anhänger der Welfenpartei erkennen, daß ihre Agitation nunmehr ganz und gar gegenstandslos geworden ist, und daß sie ihrem Herzog und seinem zur Thronfolge in Braunschweig bestimmten Sohne am besten ihre Treue und Ergebenheit beweisen, wenn sie j tzt ihrem Herzog-Hause auch in der Versöhnung Gefolgschaft leisten.
Die L a g e auf d e m B a l k a n hat fast über Nacht eine erfreuliche Wendung zum Besseren genommen. Nachdem biS in die letzte Zeit wegen der zähen Beharrlichkeit der Bulgaren wie der Serben in der verschiedenartigen Beurteilung ihrer gegenseitigen Ansprüche jeden Augenblick offene Feindseligkeiten auSzubrechen drohten, hat in zwölfter Stunde Serbien doch nachgegeben und sich der bulgarischen Auffassung anb quemt. Die Erledigung der Streitfragen im einzelnen wird zweifellos noch Mühe genug kosten, aber nach zuversichtlicher Ueberzeugung der maßgebenden Kreise darf der Krieg zwischen beiden Staaten als vermieden gelten, ein Krieg, in den bei der Jntercssenverquickung der Großmächte leicht halb Europa hätte hineingezogen werden können.
DaS Frauenstimmrecht in Norwegen ist durch Beschluß deS StorthingS nunmehr so weit ausgedehnt worden, daß die norwegischen Frauen jetzt daS gleiche politische Wahlrecht erhalten wie die Männer. Damit überwiegt die Zahl der stimmberechtigten Frauen in Norwegen die der Männer um rund 25 000. ES ist nun interessant sefizustellen, daß trotz diese- UebergewichtS bei der letzten Wahl keine einzige Frau in da- Etorthing gewählt worden ist, während eS den Frauen doch ein Leichte- gewesen wäre, ein sogar überwiegend weibliche- Storthing zu wählm. Politische Gleichgültigkeit kann der Grund hierfür nicht sein, dagegen wird man nicht fehlgehen in der Annahme, daß die norwegischen Frauen einsichtsvoll genug sind, um den Mann für den auch weiterhin zu politischen Geschäften geeigneteren Teil an- zuerkennen.
Die Wühlarbeit der Sozialdemokraten in Frankre ich- Heer und Marine bildet eine schwere Gefahr für die Republik. Ununterbrochen wird von revolutionären Gesellschaften aller Art darauf hingearbeitet, jede Manneszucht unter den Soldaten zu zerstören und eine etwaige Mobilisierung von vornherein unmöglich zu machen. Da diese
„Dir deinen Herzallerliebsten gebracht!" fiel der Oberförster lachend ein. „Und waS denkt denn der Herr Gemahl deS weiteren zu unternehmen?" wandte er sich, ernster werdend, an Keffel. „Wollt Ihr nach England zurückkehren . . . ?"
Kessel schlug mit schönem Freimut die blauen Augen aus.
„Herr Oberförster, ich vermag eS nicht mehr! Wohl habe ich versucht, von England auS für mein Vaterland im Geiste SchillS zu wirken, und mein Entschluß stand fest, mit der schwarzen Schar deS Herzog- in Spanien gegen den Tyrannen zu fechten. Aber nun mich die Krenzpsähle meine- Vater- lande- wieder umschließen, nun ich meinen König wieder gesehen, mein Weib, mein Kind an die Brust gedrückt und die Lust der Heimat wieder atme, nun weiß ich, daß eS für mich nicht- andere- gibt, als mich dem Kriegsgericht zu stellen. Ich werde mich beim General von Blücher melden. Und ist meine Strafe verbüßt, — dann wird mein König mir die Gnade nicht versagen, mich wieder in sein Heer aufzunehmen. In irgendeinem Reiterregiment — da ja unser stolze- Schill« scher für immer auS der Rangliste gestrichen ist," fügte er schweratmend hinzu. Da fühlte er, wie Viktoria- Hand liebkosend über die (einige strich. Noch einmal atmete er tief aus, dann sagte er ruhig: „Ich hoffe, Vicki, du wirst damit einverstanden sein!"
„Ernst — mit tausend Freuden! Ach, wenn du wüßtest! Dieser Entschluß löscht den letzten Schatten, da- letzte Fremdgefühl auS meiner Seele!" flüsterte sie unter Tränen. „Vergib! Nach meinem Empfinden hattest du — hattet ihr alle gefehlt! Wenn du deine Strafe verbüßt, wenn dein König dir vergeben, dann ist auch in meinem Herzen deine Schuld restlos getilgt!"
„Vicki — liebe, einzige Vicki!" Er schloß sie tief ergriffen in die Arme.
„Hm! hm!" räusperte sich der Oberförster. „Ich muß doch mal nach dem Baranke sehen. Sonst haben wir um zehn Uhr noch kein Abendbrot!"
Zartfühlend, so unauffällig wie möglich, schlich er sich davon.
Ernst und Viktoria blicken ihm gerührt und lächelnd nach.
„Der gute Oheim l"
Ja, er ist wirklich gut, nickte VMoria mit leuchtenden Augen.
Vuhetzung und Aufreizung, die sich unmittelbar gegen den Bestand der Republik richtet, in letzter Zeit besondern Umfang angenommen hat, beschäftigt sich die Regierung bereit- mit Plänen über Sondermaßregeln gegen die revolutionären Gesellschaften. Vorläufig gedenkt sie da- Verein-gesetz von 1901 in möglichst scharfer Form zur Anwendung zu bringen.
Reichstag.
Der Reichstag setzte die zweite Beratung deS Wehrbei- trage- bei § 17 fort, der für Grundstücke an Stelle des gemeinen Wertes den ErtragSwert zuläßt, und als solchen hol 25sache deS Reinertrages bestimmt. Der Abgeordnete Graf Westarp empfiehlt kurz einen Antrag seiner Partei, den Reinertrag mit 20 statt mit 25 zu multiplizieren. Der Sozialdemokrat Emmel begründet unter großer Unruhe bei HauseS, die der Präsident nur notdürftig durch wiederholte Mahnungen zu beschwichtigen vermag, einen Antrag, den ganzen Paragraphen zu streichen. Gras Carmer-Ziesewitz tritt für den konservativen Antrag ein. Der UnterstaatSsekretär im ReichSschatzamt meint, e- sei schwer, einen für alle Fälle passenden Multiplikator zu finden, im allgemeinen aber träfe wohl der KomwissionSbeschluß daS richtige.
Nachdem noch die Sozialdemokraten Ulrich, Dr. Südekum und Dr. David gegen, die Abgg. Freiherr Hehl zu HerrnS- heim (wild, natl.), Voigt (Hall, wirtsch. Vgg.) und von Mading (Welse) für den Antrag der konservativen Partei gesprochen haben, wird dieser ebenso wie der sozialdemokratische abgelrhnt und 8 17 in der Fassung der Kommission angenommen. Auch der Rest ^rg GesetzeS findet mit einigen kleineren Aenderungen Annah». , ohne daß sich noch länger« Debatten entspinnen. Nur bei dem von der Kommission ein- gefügten § 66 a, der den eventuellen Ueberfchuß deS Wehr- beitrageS über die zur Bestreitung der einmaligen Ausgaben notwendigen Summe, zur Kürzung deS letzten Drittels der Abgabe verwendet wisfen will, während die Sozialdemokraten den Mehrertrag sozialen Zwecken nutzbar machen wollen, kommt eS noch einmal zu schärferen Auseinandersetzungen hauptsächlich zwischen der äußersten Linken und dem Grasen Westarp. Noch vor 2 Uhr kann der Präsident mitteUrn, daß daS Gesetz über den Wehrbeitrag erledigt ist.
ES folgt die zweite Beratung der Novelle zum ReichS- stempelgefetz. Auch diese- wird ohne große Reden angenommen, dabei aber entgegen dem Anträge der Kommission die Stempel- sreiheit der Feuerversicherungsverträge für Immobilien im Wege des Hammelsprunges mit 173 gegen 134 Stimmen beschlossen.
Damit ist die Tagesordnung erschöpft und daS Hau- vertagt sich auf morgen 10 Uhr. Aus der Tagesordnung stehen kleine Anfragen, die aus dem Hause beantragte Novelle zum AngestelltenversicherungSgesetz (Privatlehrer) und neben einigen kleineren Sachen die zweite Beratung deS BesitzsteuergesetzeS.
Unwillkürlich waren sie ausgestanden.
Zur Wiege deS LöhnchenS traten sie und betrachteten Hand in Hand daS friedlich schlummernde Kind.
„Ist er nicht ganz dein Ebenbild?" flüsterte Viktoria mit lieblichem Stolze.
„Du hattest mir noch gar nicht gesagt, wie du ihn genannt hast, Vicki."
„Er ist noch nicht getauft. Ich meine — Ferdinand soll er heißen."
„Ferdinand? — Viktoria — in Erinnerung an meinen toten Freund?"
„Ja," sagte sie schlicht.
„So wird er nicht mehr zwischen unS stehen? Du hast anders von ihm denken gelernt?"
„Ernst — solange Schill lebte, empsand ich Furcht vor ihm. DaS weißt du. Seit er tot ist, empfinde ich Ehrfurcht vor ihm. Wenn er auch irrte, — so wurzelt fein Irrtum doch in der Liebe zum Vaterlande. Und für seine Ideale ist er in den Tod gegangen."
„Viktoria! Ja, — daS ist er! Uud eben da- macht ihn zum Helden! Wie wenige sind ihrer in unserer schwächlichen, kleinen Zeit, die ihm daS gleichtun! Aber einst wird fein Geist in Taufenden und aber Tausenden von deutschen Seelen auserstehen — einst, wenn die herrliche Zeit bei deutschen Lenze- gekommen, deS echten deutschen LenzeS, der nicht aus Oesterreichs Erde, der auf Preußens Gefilden emporblühen wird. Dann werden ihm alle, alle, die ihn heute verdammen, die ihn heute nicht verstehen, leuchtende Kränze deS Ruhme- zu Füßen legen, — und er wird herabblicken, selig lächelnd auS dem Lande der ewigen Freiheit, auf fein befreite- Vaterland!"
Viktoria blickte auf ihren Mann, wie er mit strahlendem Antlitz in die Höhe schaute, so, als grüße von droben wirklich SchillS verklärter Geist herab. Ein leiser Schauer durchrieselte sie.
Und plötzlich überkam sie eine Ahnung von der Größe und Herrlichkeit beffen, waS Schill und die Seinen erstrebt. Ohne sich Rechenschaft darüber zu geben, waS sie tat, nahm sie ihren Knaben und legte ihn ihrem Gatten in den Arm.