Verlage 311m
Hettselder KreisMatt
Nr. 54.
Donnerstag, den 8. Mai
1913.
Vorfrühling.
Erzählung von M. von Mitten.
(Fortsetzung.)
XIV.
DaS Marchfeld, die ungeheure Ebene nördlich von Wien, die schon einmal Zeuge eine- wütenden BölkerringenS gewesen, war mit österreichischen Truppen bedeckt. So weit dar Auge reichte, ein unabsehbares Meer von Zelten, Uniformen, Fahnen, Pferden.
Im Hauptquartier Groß-Enzer-dorf war ein Zu- und Abfluten bewegten Lebens. Generalstabtoffiziere, Adjutanten, Ordonnanzen, Wiener Bürger drängten herein und heraus, um dem Generalissimus Rapport zu erstatten, Befehle von ihm zu empfangen oder über wichtige Wahrnehmungen zu berichten. Denn jenseit-, am südlichen User der Donau, stand der Feind, und nur die Wogen der vaterländischen Strome- trennten die beiden Heere.
Eben war eine Pause in dem Kommen und Gehen ein- getreten. Der Erzherzog Karl richtete seine kleine schmächtige Gestalt von der Karte auf, die auf dem derben Tisch im einfachen Zelte vor ihm lag.
„Nun zu Ihnen und Ihrer Privatangelegenheit, mein lieber Herr von Reffes," sagte er, dem Genannten sich zu- wendend, der bescheiden harrend am Zelteingange stand. Dabei leuchtete er ihn mit seinen gütigen und doch durchdringenden blauen Augen aufmunternd an.
Reffel schlug, stramm stehend, die Hacken zusammen. Die Beklommenheit, die seine Brust zusammengeschnürt in dem Gedanken, daß er dm hohen Herrn in diesen schicksalsschweren Stunden mit seiner winzigen Angelegenheit zu behelligm wagte, schwand in dem Augenblick, al» er von neuem voll und fest in de- Erzherzog- scharf geschnittene», energische» Antlitz sah, besten Züge wohl dm Stempel der Macht und der Gewohnheit bei Befehlen- trugen, aber dennoch in ihrer ernsten Hoheit unbedingte», warme- Zutrauen erweckten.
„Ich denke, da- beste ist, Sie treten nicht al- Offizier in ein bestimmte- Regiment ein, sondern suchen mir und der guten Sache zu dienen, wie es der Augenblick erheischt. Sie sehen, wir find noch völlig im unklaren über Stellung, wie über Absichten und Bewegungen bei Feinde-, Aufklärung tut uni vor allem not. Bleiben Sie zunächst al- Adjutant bei meinem Stäbe zu meiner persönlichen Verfügung."
„Kaiserliche Hoheit," brächte Kessel stammelnd hervor, „zu Viel der Güte —"
„Güte?" unterbrach ihn der Erzherzog. „Sie werben nicht aus Rosen gebettet fein, werden in alle Windrichtungen gehetzt werden."
„Ei soll mir die höchste Ehre sein, bis zum letzten Atemzüge meine- Leben- Eurer Kaiserlichen Hoheit und unserer großen heiligen Sache zu dienen," entgegnete Reffel mit er* greisendem Ernst.
„Ich weiß schon, wen ich vor mir habe," nickte der Erzherzog gütig. „E- hätte Herrn von BiSmarckS begleitender Zeilen nicht erst bedurft. Unsereiner hat da- so im Blick. Und zudem" — er trat einen Schritt näher aus den jungen Leutnant zu, der ihn säst um Haupteslänge überragte, und streckt« ihm in herzgewinnender Art die Hand entgegen, — — „wir beide kennen uni ja schon. Vom Grasen Neumark mir empsohlen, haben Sie ja vor wenigen Monden meinen postillon d’amour an den General Blücher gespielt.
„Ich bin glücklich, daß Kaiserliche Hoheit sich meiner erinnern." „
„Unterschätzen Sie mein Gedächtnis so sehr?" scherzte der Erzherzog mit gewinnender Anmut. Reffe! würbe tief dunkelrot in hülfloser Verwirrung. „Nun nun," fügte der Erzherzog, r- bemerkend, lächelnd hinzu, „lassen Sie sich nicht verblüffen! Da- steht dem Soldaten schlecht an. — Aber Scher, beiseite, Sie sehen, ich kenne schon meine Pappenheimer, wie Ihr Schiller sagt. Außerdem achte ich auch Neumark sehr hoch. Na, darin find wir ja einer Meinung. Er ist ja Ihr Schwiegervater."
„Zu «esehl, Kaiserliche Hoheit," erwiderte Reffe! prompt. Über während er die Augen voll und klar in die bei
Generalissium- senkte, biß er die Zähne zusammen. Tausend widerstreitende Gedanken bestürmten feine Brust.
DaS Antlitz deS Erzherzogs verdüsterte sich. „Er kämpste bei der Belagerung von Wien aus den Mauern der Stadt. Weiteres ist über sein Schicksal nicht bekannt."
Kessels Brust durchzuckte ein jäher Schmerz. Viktoria- heißgeliebter, verehrter Vater vielleicht schwer verwundet — vielleicht tot?! Wie würde sie da- ertragen? O, nur da» nicht, nur da- nicht!
In diesem Augenblicke trat ein Adjutant herein, der die Ankunst eine- Wiener Bürger» meldete, dem ei gelungen fei, vom Feind unbehelligt über die Donau zu kommen, und der einen Brief bedeutungsvollen Inhalt» zu überbringen habe.
Wenige Augenblicke später stand der Gemeldete vor dem GenerallissimuS und überreichte mit wichtiger Miene ein Schreiben, da- Erzherzog Karl rasch ergriff, öffnete und auf. merksam durchlaS. Abgerissen kam ei dann von feinem Munde: ~
„Seltsam, Kessel! — Eben sprachen wir von Ihrem Schwiegervater, — der Brief ist von ihm. — Er ist verwundet — für kriegSgesangen eiklärt — doch darf er nach Verpfändung feinet Ehrenworte» frei in Wien umhergehen. Der Brave schleppt sich trotz seiner Wunde umher, um auS- zukundschaften. — Wir sollten unS nicht düpieren lassen, Napoleon plane nur zum Schein einen Brückenbau bei Kaiser- EberSdors über die Donau. Seine wahre Absicht sei, nordwestlich von Wien, bei Nußdors, den Strom zu überschreiten."
„Der Brückenschlag bei Kaiser-EberSdorf ist ein Schein- manöver, sage ich," rief der Armee-GeneralstabSchef, Generalmajor von Wimpffen, der, mit Schweiß und Staub bedeckt vom eiligen Ritt, in» Zelt getreten war. „Düpieren will uni bet Korse, weglocken von der eigentlichen UebergangSstelle bei Nußdors, um von dort au- unS unbehelligt in den Rücken sollen zu können!"
„Meine Herren, ich begebe mich nach dem Bisamberge, um dort vom ObservationSposten au- den Feind zu beobachten," rief der Erzherzog. „Da- Wetter ist leuchtend klar. Naht Napoleon mit seinem ganzen Heer über die Lobau, so müssen